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Zoff-Talk bei Maischberger: Was hat Karl Lauterbach mit Dolly Parton zu tun?

„Maischberger. Die Woche“. ARD, Mittwoch, 26.Jnuar 2022, 22.45 Uhr.

Impfpflicht-Redeschlacht im Parlament, Krawall-Demos am Reichstag, immer neue Infektions-Rekorde, Kriegsangst um die Ukraine: Viel Explosivstoff an Sandra Maischbergers Wochenlagerfeuer! Die Gäste:

Katrin Göring-Eckardt (55, Grüne). Die  Bundestagsvizepräsidentin will „die Impfpflicht jetzt einführen, damit sie im Herbst wirken kann.“

Dietmar Bartsch (63, Linke). Der Fraktionschef fordert: „Die Debatte über die Impfpflicht darf nicht von anderen Problemen ablenken!“

Marie-Agnes Strack-Zimmermann (63, FDP). Die Verteidigungspolitikerin möchte nicht, „dass Europa wie 2014 auf der Krim wieder nur zuschaut!

Melanie Amann (44). Die Journalistin („Spiegel“) twittert salomonisch: „Meine ungeimpften Freunde habe ich genauso lieb wie meine geimpften.“

Caren Miosga (52, ARD). Die Moderatorin („Tagesthemen“)  ist katholisch, ihr Vater Diakon.

Robin Alexander (46). Der Journalist (WELT) wettert: „Offenbar rechnen einige NATO-Partner nicht mehr mit Deutschland. Das ist kein gutes Zeugnis.“

Hubert Seipel (70). Der ARD-Autor drehte den Film „Ich, Putin – ein Porträt“.

Dreimal Politik, fünfmal Medien. Was heißt das für das Zoff-o-Meter?

Überzeugendste Kursbestimmung

Die „Tagesthemen“-Moderatorin bläst tapfer Wind in die löchrigen Segel ihrer Kirche: „Es geht nicht nur darum, dass man eine Art Wahlmonarchie in Rom mit einem Papst finanziell unterstützt“, erklärt sie. „Es gibt ganz viele Menschen in den Gemeinden, die sich dem System längst widersetzen. Es tut sich bisschen was.“

„In ländlichen Gebieten“, fügt sie hinzu, „finde ich es schon gut, dass die auch was für benachteiligte Jugendliche machen, für Obdachlose, für Kranke. Das ist auch ein Grund, warum ich noch dabei bin.“

Überraschendste Personalien

Für die „Spiegel“-Journalistin ist Angela Merkel die Verliererin der Woche: „Mich hat gewundert, dass sie den Ehrenvorsitz der CDU offenbar abgelehnt hat“, erklärt sie. Der „Abschied in Unfrieden“ sei „nicht sehr würdevoll“ gegenüber „dieser Partei, der sie ja doch alles verdankt.“ Rumms!

Gewinnerin der Woche ist für sie AfD-Chefin Alice Weidel, „weil es ihr gelungen ist, für ihre Partei, die einen Paria-Status hat, (zur Bundespräsidentenwahl) einen Kandidaten zu finden, der noch dazu CDU-Mitglied ist.“ Au weia!

Schärfste Kanzlerschelte

Über die Impfpflicht-Debatte schimpft Amann: „Man hat ein Prozedere gewählt, bei dem die Regierung schon von sich aus Sand ins Getriebe streut. Ein Verfahren, das extrem in die Orientierungslosigkeit führt!

Der wahre Grund dafür sei, so die Journalistin, „dass sich die Regierung nicht einigen kann. Dass Olaf Scholz es gar nicht erst versucht, mit Autorität zu handeln. Da ist er wie Merkel, dass er sagt: Lassen wir das Thema doch mal in verschieden Gremien zu Tode diskutieren.“

Tiefste Stoßseufzer
Zur Impfpflicht–Debatte entfährt Miosga ein gequältes Stöhnen: „Im Moment habe ich das Gefühl: Ich habe keinen Bock mehr!“, ächzt sie. „Ich will den nächsten Winter nicht wieder so.“ Heiterkeit in der Runde!

„Nach zwei Jahren Pandemie – wir haben morgen zweijähriges der ersten nachgewiesenen Infektion in Deutschland – geht es mir ein bisschen wie Frau Miosga“, gesteht Göring-Eckart. „Wir haben einfach keinen Bock mehr! Wir können nicht mehr!“

Ihr ehrlichster Satz: „Die Zukunft ist immer das, was sich am schwersten vorhersagen lässt.“

Verheerendste Bilanz

„Eine ganze Reihe von Operationen, die eigentlich dran wären, findet nicht statt: Hüfte, Herz, Krebs“, klagt die Grüne. „Wir erleben, dass die Kinder nicht mehr können. Die in der dritten Klasse haben noch nie einen normalen Unterricht gehabt.“

Ihre Forderung: „Wir wollen gar nicht unser altes Leben zurück. Aber wir wollen ein freies neues Leben, und dazu brauchen wir diese Impfpflicht!“

Unliebsamste Überraschung

Für die Kontraposition war Sahra Wagenknecht eingeladen, doch die ungeimpfte Linke-Politikerin rief am Morgen bei Maischberger an: Corona, Quarantäne…

Statt ihrer sitzt ihr früherer Fraktions-Co Dietmar Bartsch im Studio und ringt um eine irgendwie glaubwürdige Gegenposition zu Göring-Eckardt. Dabei ist er genauso wie die Grüne dreifach geimpft und auch kein Gegner der Impfpflicht, es wird also nicht leicht mit der talkgerechten Meinungsstreit.

Gemächlichstes Duell

Immerhin kann Bartsch warnen, eine Impfpflicht werde die Leute radikalisieren: „Gesellschaftliche Spaltung!“

Göring-Eckardt bringt einen prägnanten Begriff ein: „Wir haben in Deutschland Schattenfamilien, die seit zwei Jahren zu Hause sitzen, weil sie Kinder haben, mit Vorerkrankungen etc!“

„Die Impfpflicht wird das nicht lösen“, sagt Bartsch voraus. „Das ist Illusion!“

Die Grüne erwartet das Gegenteil: Bei einer Impfpflicht wären viele Diskussionen erledigt, glaubt sie, denn „dann muss es gemacht werden, Punkt, Aus, Ende!“

Dann geht der Zoff doch noch los

Ein ARD-Einspieler zitiert die höchst umstrittene Entscheidung des Gesundheitsministers, dass Genesene nach drei Monate nicht mehr als geschützt gelten, Bundestagsabgeordnete aber wie bisher nach sechs Monate. Uff!

„Keine gute Entscheidung“, urteilt die grüne Bundestagsvizepräsidentin ungewohnt sanft über den Koalitionskollegen Lauterbach. „Deswegen wird sie auch geändert.“

Sachsens CDU-Ministerpräsident Michael Kretschmer dagegen nimmt den Minister auf die Hörner: „Holterdipolter-Verfahren!“, wettert er. „Das geht so nicht!“

Brüller des Abends

Der WELT-Journalist nimmt sich Lauterbachs neue Impf-Kampagne zur Brust: „Als ich das gesehen habe, fiel mir spontan Dolly Parton ein, die mal gesagt hat: Es braucht sehr viel Geld, um so billig auszusehen!“ Treffer! Die Runde kringelt sich.

Alexanders versöhnlicher Kommentar: „Glück auf den Weg! Wenn die Leute sich impfen und wir kommen da raus, dann meinetwegen auch mit hässlichen Plakaten…“

Plastischste Politikbeschreibung

„Scholz hat Lauterbach die Impfpflicht weggenommen“, berichtet der Journalist dazu. „Karl Lauterbach wollte einen Gesetzentwurf, und wusste auch genau, wie. Und Scholz hat zu ihm gesagt: Das packste mal wieder weg!“

Der umstrittene Genesenen-Status, so Alexander weiter, „war kein kommunikativer Fehler von Lauterbach“, denn: „Wenn er den Ministerpräsidenten gesagt hätte, ich mache nur noch drei Monate, wäre er damit krachen gegangen. Da hat er versucht, die auszutricksen!“

Peinlichste Pleite

„Lauterbach ist bei der Impfpflicht von Scholz heftig eingebremst worden“, fasst der WELT-Mann zusammen. „Jetzt hat er den Genesenenstatus mit einem Trick durchgezogen, mit einem heftigen Kollateralschaden – also noch mal kann er den nicht machen. Da kommt jemand in kurzes Gras!“

Eindringlichste Mahnung

Zur Kriegsgefahr in der Ukraine warnt Miosga, die russische Wurzeln hat und zweisprachig aufwuchs: „Mehr als die Hälfte der Russen haben Angst vor einem Krieg, und sie geben ausschließlich dem Westen die Schuld: Die wollen Russland zerstören!“

Bei den Verbündeten registriert Alexander „bares Entsetzen, weil Deutschland nicht Kurs hält. Die Briten fliegen Waffen in die Ukraine um Deutschland herum. Es geht nicht nur darum, dass wir nichts aus Deutschland liefern, sondern wir behindern auch noch die Ausrüstung aus anderen Ländern.“

Schlüssigste Analyse

„Herr Scholz ist unsichtbar und stumm“, assistiert die „Spiegel“-Frau. „Man hat das Gefühl, er selbst hat keine Haltung und auch kein wirkliches Herzblut bei dem Thema.“

„Putin macht eine Zange und rutscht damit auch näher an Kiew heran“, meldet die FDP- Verteidigungspolitikerin. „Durch die Geschichte, die Bedrohung komme vom Westen, lenkt er von den Problemen ab, die er im Inland hat.“

Schlappste Ironie

Dann holt die Talkmasterin ihren Duzfreund Hubert Seipel in die Diskussion. Der aus Hamburg zugeschaltete Kollege setzt auf Ironie: „Nachdem die Russen den Ersten Weltkrieg und den Zweiten Weltkrieg vorbereitet haben, merken wir jetzt, dass sie auch den Dritten Weltkrieg vorbereiten.“ Puh!

Er gehe davon aus, dass dieser Truppenaufmarsch nur eine Inszenierung sei, fügt der ARD-Autor noch hinzu. Ja klar…

Irrstes Argument

Die Talkmastern kann es kaum glauben: „100.000 Soldaten eine Inszenierung?“, fragt sie verblüfft.

„Es kommt immer darauf an, wo man steht“, schlaumeiert Seipel. „Wenn Sie im Donbass sind und sehen die aufgefahrenen Truppen der ukrainischen Armee, dann ist das für die Menschen in Donezk auch eine Bedrohung.“ Da wundern sich die Flundern…

Fazit

Spannende Hintergründe, interessante Aspekte, klarsichtige Kommentare, zum Schluss aber leider auch plumper Putinismus: Das war eine Talkshow der Kategorie „Querschläger“.

 

 

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