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Zitrus-Talk bei Maybrit Illner. Heil: Koch und Kellner, das ist vorbei

„Maybrit Illner: Scholz oder Laschet – wen machen Grüne und FDP zum Kanzler?“ ZDF, Donnerstag, 30.September 2021, 22.15 Uhr.

Im Berliner Koalitionspoker ist die Taktik klar: Die Sieger drücken aufs Gaspedal, die Verlierer treten auf die Bremse und die Zitrusbauern möchten erst mal die Ernte einfahren.

Die Gäste

Peter Altmaier (63, CDU). Die ZDF-Bezeichnung „amtierender Bundeswirtschaftsminister“ soll nahelegen, dass für ihn bald Feierabend sei. Sein Statement: „Ich empfehle uns allen eine Portion Demut.“

Katrin Göring-Eckardt (55, Grüne). Der Fraktionschefin winkt als Koalitionslohn ein Traumjob: erste deutsche Bundespräsidentin! Ihr harsches Urteil: „Im Moment ist die Union nicht einmal sondierungsfähig.“ Aua!

Hubertus Heil (48, SPD). Beim Bundesarbeitsminister verzichtet das ZDF auf den Zusatz „amtierend“. Neutral ist anders!

Johannes Vogel (39, FDP). Der Parteivize, Generalsekretär in NRW und beim Sondierungsteam dabei, stellt fest: „Die größten Schnittmengen gibt es für uns mit der Union.

Robin Alexander (46). Der Vize-Chefredakteur (WELT) orakelt: Wenn Jamaika nicht kommt, stehen Röttgen, Spahn und Merz als Laschet-Erben bereit.“

Markus Feldenkirchen (46). Der Autor („Spiegel“) zählt bei Jamaika die CSU gleich mal extra: „Viererbündnis“!

Gästeliste nach klassischer Farbenlehre, alle Positionen dabei. Das Zoff-o-Meter fürchtet Nebelkerzen und Heckenschüsse.

Salomonischste Strategie

Altmaier hat Aufschlag und serviert den Ball mit viel Schnitt: „Wir reklamieren keinen Regierungsanspruch, stehen aber für Gespräche mit anderen zur Verfügung.“

Zur Frage nach der Legitimation zitiert der CDU-Minister einen Uralt-Rekord: „Helmut Kohl hat mal 48,6 Prozent bekommen, aber er kam nicht zum Zuge, weil sich SPD und FDP damals die Koalition bereits versprochen hatten.“

Elegantestes Ausweichmanöver

Die Talkmasterin piekst auf den wunden Punkt: „Wann hört Markus Söder auf, zu södern?“

„Dass wir keinen moralischen Anspruch haben, einen Regierungsanspruch zu formulieren, ist in CDU und CSU unbestritten“, erwidert Altmaier ungerührt. Ob Laschet Kanzler werde, sei eine „Frage, die völlig theoretisch ist.“

Und, so der Minister weiter: „Ich glaube, dass es viele Leute auch nicht in erster Linie interessiert.“ Es gehe um Klimaschutz, Wohlstand und Arbeitsplätze, „und ich kann uns allen nur empfehlen, dass wir stärker über Sachfragen reden.“ Soll wohl, ganz anders als früher, heißen: Auf den Kanzler kommt es nicht an.

Wir brauchen in grundlegenden Fragen einen parteiübergreifenden Konsens“, fügt Altmaier noch hinzu. „Egal, wer am Ende regiert und wer Opposition ist.“

Sachlichste Analyse

Ein ZDF-Einspieler zitiert Wolfgang Kubicki mit einer frühen Todesmeldung: „Ich vermute mal, dass Armin Laschet diese Woche nicht überstehen wird“, unkte der FDP-Grande.

„Der Wolfgang ist ja immer für eine forsche Formulierung gut“, wiegelt Parteifreund Vogel ab. „Die Ära Merkel endet mit einem ganz neuen Parteiensystem. Jetzt haben wir die Aufgabe, daraus etwas Gutes, Neues zu machen.“

Denn, so Vogel: „Jamaika ist vor allem am Mangel an großem Denken gescheitert. Welche Konstellation kann sich jetzt auf einen großen Wurf für eine Erneuerungskoalition oder Modernisierungskoalition, verständigen?“

Verräterischster Verzicht

Nach so viel Neuem um das Wort Neu setzt Illner bei der Vorstellung ihres nächsten Gastes einen entschlossenen Kontrapunkt: „Ganz viel ist neu. Nicht neu ist Katrin Göring-Eckardt!“

„Sehr charmant!“ mosert die Grüne, im Vorgriff auf höhere Weihen schon mal in Kirchentags-Lila gedresst. Zur Lage der Union sagt sie: „Ich will jetzt keine Kraftausdrücke benutzen…“

Kreidigster Vorschlag

„Wir haben unterschiedliche Größen, aber es geht um eine Partnerschaft auf Augenhöhe“, konstatiert der bissige Wahlkämpfer Heil in ungewohnter Selbstbescheidung, „und wir können auch einen neuen Stil in dieser Regierung bilden, miteinander.“

Für die Union hat Heil eine Krokodils-Empfehlung: „Man kann auch in der Opposition Verantwortung für das Land übernehmen. Nach 16 Jahren Angela Merkel braucht die CDU Zeit, sich als Volkspartei zu erneuern.“ Ja klar…

Interessanteste Perspektive

„Die Union könnte nach einer Neuaufstellung (ohne Laschet) vielleicht noch glaubwürdiger für Jamaika werben“, vermutet WELT-Alexander.

Aber, so der Journalist: „Armin Laschet kann immer noch Kanzler werden. Wenn er das nicht schafft, ist er politisch eigentlich tot. Ganz seltsame Konstellation: Alles oder Nichts.“ Und wenn tatsächlich über Jamaika verhandelt werde, „könnten sowohl die Grünen als auch die FDP eine Menge herausholen.“

Dann springt das Zoff-o-Meter an

„Sie haben wesentlich mehr Versprechungen gemacht als die Union“, mahnt Illner den SPD-Minister. „Sie müssen auch an Ihre SPD-Wähler denken!“

Doch Heil schimpft lieber auf seinen Koalitionspartner: Als es in der Corona-Krise um die Kurzarbeit ging, „haben FDP und Grüne mitgestimmt“, erinnert er. „Das nenne ich Verantwortung. Und mit Herrn Brinkhaus musste ich noch diskutieren, der dagegen war.“ Rumms!

 

„Ah!“ sagt Illner. „Jetzt wird schon die schmutzige Wäsche der Großen Koalition gewaschen!“

Deutlichster Ordnungsruf

„Wir schauen jetzt, wo gibt’s die meisten Übereinstimmungen auf unserem Weg in die Zukunft“,   doziert Vogel. „Das ist doch unser Job!“

„Wo kann denn beispielsweise beim Mindestlohn ein Kompromiss liegen?“ fragt Illner ins Schwarze.

Doch der FDP-General lässt sich nicht aufs Glatteis führen: „Ich verstehe, dass Sie als Journalistin sagen, das wäre jetzt spannend“, erwidert er. „Aber als Bürgerin finden Sie doch auch, dass öffentliche Streitereien über Unterschiede in den letzten Jahren nicht der Stil waren, der uns vorangebracht hat.“ Uff!

Geübteste Doppelzunge

„Der Wahlkampf ist vorbei!“ sagt Heil. „Jetzt geht es darum, einen Wählerinnen- und Wählerauftrag umzusetzen.“

Doch ein paar Sätze später ist er schon wieder ganz der Alte: „Die Grünen und die FDP haben sehr viel Zuspruch von jungen Wählerinnen und Wählern gewonnen“ sagt er mit perfekt antrainierter Gender-Routine. „Übrigens, die jüngeren Wählerinnen und Wählern wollen auch keine konservative Koalition…“

Gelungenster Konter

„Die Grünen lieben Olaf Scholz nicht so sehr wie die FDP Armin Laschet“, spekuliert die Talkmasterin. „Könnte das eine letzte Chance für Jamaika sein?“

Doch Altmaier möchte nicht über „persönliche Vorlieben und Misslieben“ reden: „Ich glaube, dass es sehr viel inhaltlichen Sprengstoff gibt.“

Sein Beispiel: „Die Genehmigungszeiten für die Windräder haben wir verkürzt, aber nicht so, wie wir es hätten tun müssen, weil das Bundesumweltministerium und die Sozialdemokraten sich weigern, das Naturschutzrecht zu vereinheitlichen.“ Heureka!

Gastronomischster Vergleich

„Die Zeiten, wo so etwas in Hinterzimmern verhandelt wird, sind vorbei“, fügt Altmaier noch hinzu.

Heil hat auch so einen Spruch drauf: „Olaf Scholz wird ein anderer Bundeskanzler sein als Gerhard Schröder“, kündigt er an. „So Dinge, die damals gesagt wurden: Koch und Kellner – das ist absolut vorbei.“ Amen!

Für die Grüne bleibt das kürzeste Dementi nicht nur des Tages übrig. „Man sagt, man könnte versuchen, Sie mit dem Bundespräsidentenjob in dieses Jamaika-Bündnis zu locken“, fragt Illner launig. Antwort Göring-Eckardt: „Nö.“

Fazit

Kaffeesatzlesestunde mit Wahlkrampfnachwehen, verfrühten Beileidsbekundungen und energischen Wiederbelebungsversuchen. Das war ein Talk der Kategorie „Die einen sind happy, die anderen längst nicht schlappi“.

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