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Wahl-Talk bei Maybrit Illner: Saskia Esken und Christian Lindner zoffen sich wegen Steuererhöhungen

„Maybrit Illner: Liberal oder sozial – Wohlstand für alle?“ ZDF, Donnerstag, 3.September 2021, 22.25 Uhr.

Als Solist kam Olaf Scholz gut voran, aber wie läuft es für ihn als Teamplayer? Bei Maybrit Illner wagte sich jetzt seine Chefin aus der Deckung in die Talk-Arena. Das Duell des Abends hieß Liberal gegen Links

Die Gäste:

Saskia Esken (60, SPD). Die Co-Parteichefin hielt nicht hinter dem Berg: „Eine Koalition mit Grünen und Linken steht für eine progressive Politik!“

Christian Lindner (FDP). Der Parteichef warnte eindringlich vor einer Linksdrift.

Henrike Roßbach (41). Die Journalistin („SZ“) lobte: „Die SPD macht einen Scholz-Wahlkampf und fährt gut damit.“

Gabor Steingart (59). Der Journalist („Morning Briefing“) hat „das Gefühl, Deutschland möchte nicht nur aus der Kohle, sondern auch aus der Marktwirtschaft aussteigen.

Energischste Absichtserklärung

Die SPD-Chefin reckte das Kinn vor und stellte die Ellenbogen auf den Tisch: „Wir haben jetzt erst mal dafür zu sorgen, dass Olaf Scholz Bundeskanzler werden kann und die SPD ein sehr starkes Mandat bekommt, eine progressive Regierung zu bilden!“ schmetterte sie in die Runde. Wumms!

Listigste Attacke

Der FDP-Chef spielte über Bande: „Ich verstehe nicht, warum Herr Scholz sich in die Tradition von Frau Merkel stellt“, wundert er sich. „Wenn ich nach 16 Jahren Merkel unser Land ansehe, würde ich eher sagen, unser Land braucht einen Neustart. Also ich hätte mich mit der Raute nicht fotografieren lassen!“

„Warum sachlich, wenn es auch persönlich geht!“ witzelte die Talkmasterin.Illner

Unterhaltsamste Kommentare

„Natürlich ist es ein gewagter Move, sich mit der Raute fotografieren zu lassen“, sagte die SZ-Journalistin über das Scholz-Foto mit der Merkel-Geste. „Das ist dann vielleicht das kleine Bisschen zu viel!“

Dass die Bundeskanzlerin ihrem Vize diesen Steal nicht durchgehen ließ, sah Steingart „vielleicht sogar als lebensrettende Maßnahme“ für Laschet, denn der Unionskandidat „kommt nicht aus dem Quark, und der Wahlkampf läuft schlecht für ihn.“

Schlaueste Selbstdarstellung

Über die traditionell zerstrittene SPD-Führung sagte Esken: „Wir haben seit eineinhalb Jahren ein sehr, sehr enges Verhältnis mit Olaf Scholz, aber auch mit Rolf Mützenich und Lars Klingbeil.“

Ihre klare Ansage: „Wir haben eine Führung gemeinsam gebildet, und diese gemeinsame Führung wird auch über den Wahltag hinaus gemeinsame Entscheidungen treffen.“ Ziel: Vorher kein schädlicher Streit, nachher keine Alleingänge, dann entscheidet nur noch die Partei, also Saskia Esken.

Kniffligster Einspieler

Die Talkmasterin möchte die Harmonie mit einer Erinnerung testen: Im November 2019 hatte ZDF-Talker Markus Lanz Esken gefragt, ob Olaf Scholz ein „standhafter Sozialdemokrat“ sei. Boshafte Antwort der Vorsitzenden damals: „Das kann ich nicht beurteilen“, aber Scholz sei „nicht standhaft“.

Heute können die anderen Parteien daraus aber keinen Honig mehr saugen, denn Esken nahm das Thema eilends vom Tisch: „Ich habe diese Aussage eine Stunde nach der Sendung mit Olaf Scholz besprochen und ihm gesagt: Ich habe einen Fehler gemacht. Er hat gesagt: Mach dir keine Gedanken, ich bin nicht nachtragend.“

Deutlichste Warnungen

„Das SPD-Wahlprogramm ist in gewissen Aspekten linker, als Olaf Scholz links gewesen wäre“, urteilte SZ-Roßbach. „Natürlich kann es Probleme geben, wenn eine deutlich linkere SPD-Fraktion im Bundestag sitzt!“

„Man hat es mit zwei Parteien zu tun“, analysierte Steingart. „Der eine ist der Spielführer jetzt, vorne, aber nachher werden Koalitionen von Parteien hergestellt. Danach haben andere das Sagen!“

Realistischste Lagebeurteilung

Dem FDP-Chef war das viel zu milde: „Frau Esken und die Grünen müssen sich abstützen auf die Linkspartei, und ich bin unsicher, ob die Wähler aus der Mitte der Gesellschaft eine Partei am Kabinettstisch sehen wollen, die über Enteignungen fantasiert!“ Womöglich auch noch mit einem Typ wie Gregor Gysi als Justizminister…

Über die Ampelkoalition sagte Lindner: „Mir fehlt noch die Phantasie, welches Angebot Herr Scholz der FDP machen könnte, das für uns attraktiv wäre, ohne dass Frau Kollegin Esken oder Kevin Kühnert sagen würden: Nicht mit uns!

Gretchenfrage des Abends

Die SPD-Chefin talkte nach dem Motto „Immer nur lächeln“ und zeigt dabei auch null Berührungsängste nach Linksaußen: „Wir werden sehen, mit wem wir die meisten Übereinstimmungen haben, um Gutes für das Land zu tun!“ kündigt sie fröhlich an.

„Was müsste die Linkspartei denn liefern, damit Sie mit ihr zusammengehen?“ will Illner wissen.

„Wir haben klar gesagt, dass es um solide Haushaltspolitik geht“, antwortete Esken noch recht flüssig, dann aber kam sie plötzlich gewaltig ins Stottern: „Und dass es vor allem um, äh, äh, um stabile, äh, um ein stabiles Verhältnis zum, zum, äh, zum, zur trans, äh, atlantischen Zusammenarbeit geht.“ Halleluja!

Taktischste Antwort

Über die schäbige Enthaltung der Linken im Bundestag zu Afghanistan schimpft die SPD-Chefin: „Das hat man ja letzte Woche bei der Abstimmung sehen können, dass da keine Regierungsfähigkeit und auch kein Wille zu einer Regierungsbeteiligung da ist!“

„Warum schließen Sie das dann nicht aus?“ erkundigte sich die Talkmasterin.

Eskens Antwort: „Da haben wir einen klaren Beschluss dazu, dass wir nicht vor der Wahl uns festlegen in der Frage, mit wem sprechen wir nach der Wahl.“

Interessanteste Idee

Lindner zog einen Vorschlag raus, mit dem er die Wirtschaft nach Corona wieder anzukurbeln möchte: „Der Beginn sollte ein Superabschreibungsprogramm sein. Wir könnten dadurch unser Wachstum anregen, Jobs schaffen und private Investitionen zum Beispiel in den Klimaschutz prämieren.

Seine Hoffnung: „Damit könnten wir eine Belebung erreichen, durch die dem Staat auch neue Einnahmen zuwachsen könnten.“

Krasseste Absage

Esken mochte davon aber nichts wissen. Die Regierung habe die Konjunktur bereits belebt, meinte sie, und auch schon Zukunftsinvestitionen angestoßen, auch durch „Veränderung steuerlicher Abschreibungsmöglichkeiten“.

Einigkeit gebe es bei der Entlastung kleiner und mittlerer Einkommen, fand die SPD-Chefin. Aber: „Einkommen in der Höhe wie Sie, Herr Lindner, oder ich sie haben, die könnten durchaus mehr beitragen zum Gemeinwesen dieses Staates.“

Da war auch der Sprit für ihre Charmeoffensive alle. Über Steuerentlastungen, wie sie etwa auch die Union vorschlage, schimpft Esken: „Das geht schon ein bisschen in Richtung Voodoo.“ Ui!

Dann kommt das Zoff-o-Meter auf Touren

Lindner führte mal wieder den „selbständigen Handwerksmeister“ in die Steuerschlacht, „der aus seinem Einkommen auch Ausbildungsplätze bezahlen muss.“ Ebenso den 3-D-Drucker und andere Investitionen.

Esken wollte das nicht gelten lassen: „Darauf bezahlt er keine Einkommenssteuer“, widersprach sie. „Die bezahlt er nur auf das, was er nicht in die Ausbildung steckt.“

Unwillkommenster Vorschlag

„Bitte?“ erwidert der FDP-Chef. „Aber Frau Kollegin Esken! Selbstverständlich wird die Investition aus dem Einkommen finanziert! Erst über mehrere Jahre wird sie abgeschrieben! Wer hohe Steuern zahlt, hat weniger Liquidität. Ich bitte, das noch mal genau mit Herrn Scholz zu besprechen!“

Autsch! Die SPD-Chefin ließ sich das nicht gefallen: „Die Ausbildung wird nicht abgeschrieben!“ beharrte sie.

Doch Lindner wetterte weiter: Die SPD wolle den Mittelstand weiter belasten, grollt er. Er hingegen wolle „den Mittelstand entlasten, damit er auch die nächste Krise überleben kann.“

Spöttischste Gegenrede

Steinhart hat Zweifel am SPD-Programm. „Wenn das alles helfen würde: Wir deckeln die Mieten, wir verstaatlichen, und wir rasieren die Leute oberhalb von 150.000 mal so richtig: Das würde dem Land nichts nützen“, meinte er.

Seine Alternative: „Wir müssen Aufwärtsmobilität entwickeln. Wir müssen Kräfte entfalten, wo Leute Bock  haben, reich werden zu wollen! Wo Leute Lust haben, auch mal ein Risiko einzugehen!“

Esken lächelte höhnisch. „Das machen Sie mal dem Mindestlöhner klar, Bock aufs Reichwerden!“ ätzt sie.

Fundiertestes Schlusswort

Nach 16 Jahren Merkel muss ein Stück Modernisierung stattfinden“, fordert Steingart zum Finale. „Ich glaube, dass Scholz das auch weiß. Die Raute ist für mich fast ein Augenzwinkern, ein nostalgischer Gruß an die Altkanzlerin.“ Hosianna!

Fazit: Schwere Säbel, schlaue Finten, brachiale Argumente, alle Gäste in Motz-Laune und die Moderatorin löschte immer wieder mit Superbenzin: Das war ein Talk der Kategorie „Gib ihm Saures“.

 

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