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Wahl-Talk bei Maischberger: Hallervorden nennt Scholz ein „Trojanisches Pferd“

„maischberger. die woche“. ARD, Mittwoch, 15.September 2021, 22.45 Uhr.

Dem Frühstarter Olaf Scholz geht allmählich das Teflon aus, der Späti Armin Laschet hofft auf Prozente für ein Last-Minute-Schnäppchen. „maischberger. die woche“ lud Politik und Presse zum Glaskugelgucken!

Die Gäste

Tino Chrupalla (46, AfD). Der Bundessprecher will Bürger entlasten und Steuern streichen.

Marco Buschmann (44, FDP). Der Parlamentarische Geschäftsführer möchte schnellstmöglich aus Corona zurück in den „rechtlichen Normalzustand“.

Dieter Hallervorden (86). Der meinungsstarke Mime schaffte es vom Krawall- zum Kultkomiker.

Ulrike Herrmann (57). Die Journalistin („taz“) nennt Kritik an der Steuer-Stasi „demokratiefeindlich“. Uff!

Wolfram Weimer (56). Der Publizist („The European“) spekulierte schon über ein Kabinett Scholz mit Außenministerin Baerbock und Finanzminister Bartsch.

Ulrich Wickert (78). Der Ex-Moderator („Talkmaster“) war mal bei der SPD, zahlte aber nie Beiträge.

Diesmal war Sandra Maischbergers Talk-Truppe besonders bunt. Das Zoff-o-Meter achtet aber auch auf die Tarnfarben!

Zum Start ein schwungvoller Salto

Auf die übliche Maischberger-Frage nach den Verlierern der Woche amüsierte sich ARD-Wickert, in Bayern werde Laschet jetzt schon von der eigenen Partei auf Wahlplakaten überklebt. „taz“-Herrmann zeigte sich sogar sicher: „Die CDU weiß, dass Laschet es nicht kann!“

„Der Wahlkampf ist offen“, urteilte „European“-Weimer deutlich differenzierter. „40 Prozent sind noch nicht entschieden. Das Comeback der Union ist da. Es ist ein Comebackchen. Aber Armin Laschet hat Angela Merkel an seine Seite bekommen, und er hat überraschend die Kommunalwahl in Niedersachsen gewonnen.“    

Uff! Das nahm den Kollegen etwas den Wind aus den Segeln, und sie steuerten eilig um. „Es kann sein, dass die CDU vor der SPD liegt“, gab Herrmann unwillig zu. Und auch für Wickert war es plötzlich „möglich, dass Laschet kurz vor Scholz liegt“. Heidewitzka, Herr Kapitän, so schnell kann man sich drehn!

Farbschärfste Analyse

Danach zeigte die Talkmasterin Laschets Attacke auf Scholz wegen der Razzia im Finanzministerium. „Auf der Zielgeraden, wenn du so eine Razzia am Bein hast, und alle fragen nach Cum-Ex und Wirecard, das schadet natürlich“, diagnostizierte Weimer.

Aber, so der Publizist: „Bisher wurde Scholz von uns Medien mit Samthandschuhen angefasst, weil wir ja monatelang nicht ernsthaft glaubten, er könne Kanzler werden. Jetzt wird er kritischer angegangen, auch von Laschet. In der Situation hat Scholz ja wirklich rote Öhrchen bekommen…“

Gegensätzlichste Standpunkte

AfD-Chef Chrupalla legte Wert darauf, dass er erst in der Junge Union war und auch einmal FDP wählte. Dann stritt er sich mit Buschmann über Fachkräftemangel und Zuwanderung. Unterschiede:

Der FDP-Politiker stützte seine Argumente auf den demographischen Wandel und fordert eine „geordnete Erwerbszuwanderung“ vor allem in Handwerksberufe: „Sonst wird Deutschland den Bach runtergehen!“

„Das ist der typische Lobbyismus, um die Zuwanderung weiter anzukurbeln!“ wetterte Chrupalla. „Das Hauptproblem ist die Bildung. Dass 50.000 junge Menschen jedes Jahr die Schule ohne Abschluss verlassen! Dass in der Alterskohorte der 20- bis 34jährigen 2,2 Millionen junge deutsche Menschen keinen Berufsabschluss haben!“

Wirrstes Zitat

Beim Thema Pandemie wollte Maischberger den AfD-Chef mit einem Statement seines Parteigenossen Björn Höcke aus der Reserve locken: „Die Corona-Impfung ist eine Gen-Therapie!“, hatte der Rechtsaußenstürmer georgelt,  „Ungeimpfte sind Freiheitshelden!“

„Dem stimme ich so nicht zu“, erwiderte Chrupalla, „weil das die Freiheitsentscheidung jedes einzelnen Menschen ist. Wir möchten nicht diesen Impfdruck und diese Impfpflicht durch die Hintertür. Und Finger weg von unseren Kindern!“

Klarste Kante

„Ich werbe dafür, sich impfen zu lassen“, stellte Buschmann klar. „Aber das ist ein medizinischer Eingriff, und wir wollen ja nicht ein Land sein, in dem dann zwei Wachtmeister einen Menschen festhalten, und dann wird mit staatlicher Hilfe die Spritze in den Oberarm gepackt!“

„Die Menschen müssen sich frei entscheiden können“, forderte der FDP-Politiker noch. „Der Schaden durch solche wirren Äußerungen wie von Herrn Höcke – das vergiftet das Klima!“

Dann ging das Zoff-o-Meter an die Decke

Maischberger hielt Chrupalla zwei Zitate zum Maskentragen vor. Ende März 2020 hatte er gesagt: „Tragt Maske!“ Ende Mai 2020 aber: „Ich mache es nicht.“

„In diese Zeit haben wir alle dazugelernt“, erklärte der AfD-Chef nun den Sinneswandel. „Die FDP hat auch rumgeeiert!“

Buschmann war von Chrupallas Redeschwall genervt: „Jetzt lassen Sie mich auch mal…“

„Sie haben schon am meisten gesprochen von uns allen“, ätzte der AfD-Mann.

„Die Moderation macht Frau Maischberger!“ mahnte der FDP-Mann. „Vielleicht lassen Sie mich jetzt mal die Debatte führen!“

„Das sollte die Moderatorin tun!“ griente der AfD-Mann prompt. Uiuiui!

Aufschlussreichstes Zwischenspiel

Zum Schluss der Politrunde fragte die Talkmasterin nach dem Lieblingsgedicht. Buschmann zitiert Friedrich Halm: „Freiheit ist Liebe, Freiheit ist Recht, / zum Menschen weiht und adelt sie den Knecht…“

Chrupalla wollte mit Heinrich Heine punkten: „Denk ich an Deutschland in der Nacht, / Dann bin ich um den Schlaf gebracht.“

Die Talkmasterin stellte ihn auf die Probe: „Wissen Sie, wie es weitergeht?“

Misslungenster Bildungsbeweis

„Natürlich weiß ich das!“ behauptete der AfD-Chef, musste die Antwort dann aber schuldig bleiben und murrte verlegen: „Das ist jetzt nicht das Thema!“

Maischberger versuchte es selbst, schaffte es aber auch nicht so recht. „Ich glaube, Ulrich Wickert würde mir jetzt helfen, weil er das Gedicht auswendig zitieren kann“, hoffte sie.

„Nein“, gab der Ex-Moderator zu. Dann breitet er die Arme aus und deklamiert: „Ich kann zum Beispiel Ribbeck von Ribbeck von Havelland, im Garten ein Baum stand!“ Puh…

Lustigster Versprecher

Für ihren interessantesten Gast, den alten Theatermann Dieter Hallervorden, hatte die Talkmasterin eine längere Einführung ausgetüftelt. Letzter Satz: „Ich freue mich sehr über den Kabarettisten Dieter Hildebrand!“ Allgemeine Heiterkeit im Studio!

„Äh – Hallervorden!“ ruft Maischberger erschrocken hinterher. „Herrschaftszeiten!“

„Ich bin trotzdem gekommen, obwohl ich nicht gemeint war“, ulkte der uneitle Kabarettist.

Und Maischberger bot Satisfaktion an: „Sie können mich jetzt ‚Frau Illner‘ nennen…“

Politischste Erinnerung

„Gegen 17.20 Uhr klingelte es an der Tür, und vor mir standen zwei Vopos“, schilderte Hallervorden dann seine allererste Wahl damals noch in der DDR. „Ob ich denn meine staatsbürgerlichen Pflichten schon erfüllt hätte? Und führten mich – ich war in Schockstarre – tatsächlich zum Wahllokal!“

„In der DDR war man ja auch bei den Wahlen uns weit voraus“, spottete er. „Man wusste ja schon ein Jahr vorher, wer gewinnt…“

Gefährlichstes Erlebnis

„Ich wurde sehr schnell als Dolmetscher eingesetzt, musste französische Kommunisten durch die Stadt führen“, erzählte Hallervorden weiter. „Dabei war immer ein Apparatschik von der SED, und ich war verpflichtet, alles in Wort und Schrift immer genau zu übertragen.“

„Das habe ich sehr schnell verquickt mit meinen speziellen Kommentaren“, berichtet er weiter. „Bei einem großen Symposium auf Usedom hatte ich übersehen, dass in den Blumen Mikrophone versteckt waren. Ich bin gewarnt worden und schnell noch rechtzeitig der Stasi von der Schippe gesprungen.“

Deutlichste Ansage

Einmal habe er sogar geplant, den Partei- und Staats-chef Walter Ulbricht zu erschießen, erzählte der Kabarettist noch, „aber das ist ja leider schiefgelaufen.“

Hallervordens wichtigster Grundsatz: „Mein Kompass bei allen politischen Entscheidungen ist: Wer garantieret mir meine persönliche Freiheit am besten?“

Wertvollste Erkenntnis

„Freiheit muss immer wieder neu erworben werden“, fügte der Kabarettist hinzu. „Ich vergleiche Freiheit immer mit Zeit. Wenn man Zeit hat, denkt man nicht dran, und plötzlich merkt man: Oh, jetzt habe ich sie verplempert. Und so ist es mit Freiheit auch. Freiheit ist es ein Gut, das stärker wird, wenn man es braucht, und bei Nichtgebrauch verkümmert.“

Und: „Ich schwimme gerne gegen den Strom, weil, dann kommt man am ehesten an die Quelle.“

Ehrlichste Ansage

Ich werde bei der Wahl mit beiden Stimmen FDP wählen“, verrät der Hallervorden danach.

Seine größte Sorge: „Scholz ist für mich ein Trojanisches Pferd. Die SPD hat einen Kanzlerkandidaten ins Schaufenster gestellt, der quasi das Programm, das dahinter steht, verdecken soll. Mit Esken und Borjans würden die noch in ihrem Jammertal von 14, 15 Prozent rumjammern!“

Über Rot-Grün-Rot spottet Hallervorden: „Die Linken wollen die Bundeswehr abschaffen. Wenn man die Frau Esken zur Bundesverteidigungsministerin macht, dann geht das auch, weil, die ist ja abschreckend genug!“ Im Studio Heiterkeit und Applaus.

Härtestes Schlusswort

„Ich muss auch sagen“, verrät der Kabarettist am Ende, „dass es für mich schwer zu ertragen wäre, wenn die Partei, die letztlich ihre Urgroßwurzeln in der SED hat, unter der ich so viel zu leiden hatte, mit ihren sechs Prozent die Regierung mitbestimmt.“ Amen!

Fazit

Polit-Debatten mit überraschenden Blamagen, dazu viel niveausenkende Selbstüberschätzung, alles aber zum Glück geflutet mit dem frischen Wassern eines gebrauchsphilosophischen Pointenquells unter grauen Haaren: Das war ein Talk der Kategorie „Eiche massiv“.

 

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