Teletäglich

Virus-Talk bei Maybrit Illner: Dreyer und Kretschmann fordern klare Kante gegen Corona-Leugner

„Maybrit Illner: Große Hoffnung, knappe Mittel – Kraftakt bis zur Impfung?“ ZDF, Donnerstag, 20.November 2020, 22.15 Uhr.

Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) und ihr sächsischer Kollege Michael Kretschmer (CDU) haben in der ZDF-Talkshow „Maybrit Illner“ am Donnerstag deutliche Entschiedenheit des Staates gegenüber Corona-Leugnern und Maßnahmenverweigerern gefordert.

Wörtlich sagte Dreyer: „Da muss der Staat wirklich stark auftreten. Man muss von den Menschen verlangen, dass sie Auflagen einhalten. Selbst wenn ich nicht einverstanden bin mit einer Maske, so habe ich die Pflicht in dieser Pandemie, sie trotzdem zu tragen. Der Staat muss klare Kante zeigen!“

Mitten im neuen Lockdown kommt frohe Kunde: Die erste Rettungsbombe gegen den Virustod ist schon in Sicht! Maybrit Illner bleibt trotzdem im Alarmmodus. Die Gäste:

Dreyer klagt: „Diese zweite Corona-Welle trifft uns mit voller Wucht!“

Kretschmer kritisiert: „Leider nehmen viele das Virus immer noch nicht ernst!“

Der Virologe Prof. Jonas Schmidt-Chanasit macht sich keine Illusionen: „Auch mit einem Impfstoff wird das Virus Teil unseres Lebens bleiben.“

Der Infektiologe Prof. Peter Gottfried Kremsner leitet die erste klinische Corona-Studie der Tübinger Firma CureVac und verspricht: „Bis Februar wird es einen Impfstoff geben!“

Prof. Alena Buyx, Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, fordert: „Wer ein hohes Krankheitsrisiko hat, muss zuerst geimpft werden!“

Der Hamburger Intensivmediziner Prof. Stefan Kluge meldete schon vor Tagen: „Wir können nicht mehr alle Patienten aufnehmen, die wir sonst aufnehmen würden. Die ersten Operationen wurden leider abgesagt.“

Zwei Ministerpräsidenten, vier Professoren: Heute ist ein absolutes A-Team am Start. Nur zwei Gäste im Studio, die anderen allesamt zugeschaltet. Das Zoff-o-Meter behält trotzdem den Überblick!

Nach dem Anpfiff das übliche Abtasten

Alle Gäste freuen sich über den Impfstoff, warnten aber vor Euphorie. Virologe Schmidt-Chanasit setzte den Ton: „Der Impfstoff wird nur ein erster Baustein sein, der nicht in den nächsten Monaten das Ende dieser Pandemie einläutet!“

Ethikerin Buyx warnte: „Wir werden am Anfang nicht genug für alle haben, die sich impfen lassen wollen.“ Ministerpräsidentin Dreyer ist stolz auf ihre Mainzer Forscher, Ministerpräsident Kretschmer auf die ganze deutsche Wissenschaft: „Das zeigt die Stärke dieses Landes!“ sagte der Sachse über die Forschungen. Und über die Pandemie allgemein: „Wenn es ein Land gibt, das das hinbekommt, dann ist es Deutschland.“

Vorsichtigstes Statement

Intensivmediziner Prof. Kluge trat gleich mal auf die Bremse: „Die Studien ist ja noch gar nicht beendet“, gab er hanseatisch nüchtern zu bedenken. „Sie ist auch noch gar nicht publiziert.“

Zum angeblich sehr hohen Wirkungsgrad sagte der Experte skeptisch: „Bei 90 Grad ist der Mediziner immer ein bisschen vorsichtig. Das sind sehr euphorische Daten!“

Berufenstes Lob

Aus Tübingen erschien CureVac-Professor Kremsner auf den Monitor: „Das ist eine großartige Nachricht“, sagte er über das Konkurrenzprodukt. „Dass es so früh kommt, war auch für mich eine Überraschung!“

Denn, so der Infektiologe: „Wir sind überzeugt, dass es funktionieren wird.“ Das gelte auch „für den Impfstoff, den wir jetzt testen, wo wir demnächst die Phase 3 beginnen werden. Das sieht sehr gut aus!!

Coolster Kommentar

„In Dänemark sind Mutationen des Virus bei Nerzen und auch bei Menschen entdeckt worden“, sorgte sich die Talkmasterin.

Doch Prof.Kremsner blieb gelassen: „Ich sehe das im Moment nicht als beunruhigend an“, erwiderte er. „Vor zwei Wochen haben wir die hundertste Mutation des SARS-Corona-Virus-2 gefeiert, und es wird neue Mutationen geben. Ob die relevant sind? Im Moment schaut es nicht danach aus.

Positivstes Signal

Prof. Buyx freute sich über das verantwortungsvolle Geschäftsgebaren der beteiligten Pharmafirmen: „Ich weiß, dass viele Unternehmen vorhaben, das nicht zu normalen Marktpreisen anzubieten, sondern darunter“, erklärt sie, „und das halte ich für sehr klug.“

Denn, so die Medizinethikerin: „Was nicht passieren darf, ist, dass die Länder in so einen Bieterwettkampf geraten und der Preis durch die Decke geht!“

Schlüssigste Forderung

Wir müssen in Deutschland dafür sorgen, dass das kein Windhunderennen gibt“, warnte auch Dreyer. „Dass jeder Mensch diesen Impfstoff erhalten kann, ganz gleich, wie er versichert ist.“

Wichtigste Forderung

„Wir müssen dafür sorgen, dass die Zahl der Infektionen gedrückt wird, weil wir sie sonst nicht mehr händeln können!“ erklärte Kretschmer, aus dem Homeoffice zugeschaltet.

„Die Krankenhäuser werden voller und voller“, meldete Dreyer, aber: „Wenn wir es schaffen, die Fallzahlen wieder zu bremsen, werden wir auch diese zweite Welle ganz gut bewältigen.“

Unbefriedigendster Zwischenbericht

Von den Zahlen zum zweiten Lockdown ist Kretschmer enttäuscht: „Wir sehen eine leichte Verbesserung“, sagte er, „allerdings weniger, als wir erhofft haben.“

„Wenn wir die Zahlen fortschreiben, wären wir Weihnachten dort, wo wir hinwollen: bei 50 Infektionen je 100.000 Einwohner“, rechnete er vor. „Das ist nicht das, was uns reicht!“

Spitzeste Frage

Die Talkmasterin wollte ein bisschen pieksen und erkundigte sich bei dem Sachsen nach der nächsten Konferenz der Länderchefs am Montag: „Ist der Termin zu früh?“ wollte sie wissen. „Markus Söder sagt: Er kommt zu früh!“

Uff! Der Söder! „Dann ist der Termin das Einhalten eines Versprechens“, antwortete Kretschmer etwas schmallippig. „Es geht auch um das Vertrauen der Bevölkerung!“

Bitterste Erkenntnis

Illner hatte sich auf Kretschmer eingeschossen und triezte ihn auch noch mit der Leipziger Anti-Corona-Demo. „Das war furchtbar!“ klagte Kretschmer. „Wir haben sehr darunter gelitten!“

Die große Sorge des Ministerpräsidenten: „Was uns als Gesellschaft umtreiben muss, ist, dass wir es hier mit einer großen Anzahl von Menschen zu tun haben, die wissenschaftliche Erkenntnisse leugnet. Und die auch nicht erreichbar ist in Gesprächen.

Schlimmste Befürchtung

„Trotzdem müssen wir damit umgehen“, sagte Kretschmer dazu. „Es ist eine große Herausforderung, dass wir das Gegenüber trotzdem mit Respekt sehen, damit diese Eskalation nicht weiter zunimmt. Denn es droht uns zu zerreißen!“

Kretschmers dringende Forderung: „Wir brauchen für die Ordnungsbehörden, für die Versammlungsbehörden, für die Polizei, für die Gerichte weitere Instrumente, dass sie so etwas verhindern!“

Denn: „Ob 20.000 oder 30.000 Menschen, das ist ein Infektionsrisiko nicht nur für diese Gruppe, sondern für viele Unbeteiligte. Sowas kann es in dieser Pandemiezeit nicht geben!“

Deutlichste Ansage

„Es ist gut, dass wir Meinungsfreiheit haben, aber sie findet halt ihre Grenzen“, assistierte Dreyer, „und zwar dort, wo man Gewalt anwendet, wo man anderen schadet.“

Interessanteste Beobachtung

Wir haben schon Patienten betreut, die ich als Corona-Leugner bezeichnen würde, die aber trotzdem die Intensivmedizin in Anspruch genommen haben“, berichtete Prof. Kluge. „Einige waren danach einsichtig, andere blieben bei ihrer Meinung. Solche bizarren Situation gibt es!“

Horrorzahlen des Abends

„Wir haben Pflegeheime in Sachsen, die eine so hohe Betroffenheit haben, dass man tatsächlich darüber nachdenkt, ob nicht infizierter Pflegekräfte in einer Station arbeiten können mit infizierten Heimbewohnern“, schilderte der Ministerpräsident sichtlich beunruhigt.

„Wir dürfen nicht vergessen, dass die Sterblichkeit bei Beatmungspatienten 30 bis 40 Prozent beträgt“, sagte Prof. Kluge. „Ab siebzig Jahren ist das Sterberisiko auf den Intensivstationen fast über fünfzig Prozent!

Das führe schon jetzt dazu, dass Patienten mit anderen Krankheiten nicht mehr operiert werden könnten, warnt der Intensivmediziner. Außerdem würden viele mit schweren Erkrankungen Arztpraxen und Krankenhäuser aus Angst vor Corona meiden: Schlaganfälle, Herzinfarkte, Krebserkrankungen…“

Größtes Problem

„Wir haben eine sehr alte Gesellschaft in Deutschland, und im Moment bekommt fast jeder Patient Maximaltherapie“, stellte der Mediziner fest.

In Norditalien dagegen müssten die Ärzte bereits jetzt entscheiden, wer noch ein Bett bekomme und wer nicht: „Und in Schweden gibt es keine Patienten über 80 auf der Intensivstation!“

Schönster Versprecher

Nach so viel Fachgespräch kam die Talkmasterin zuletzt ins Schleudern: Erst verwechselt sie  Impfstrategie und Teststrategie, dann leitete sie statt zu „Markus Lanz“ zu „Markus Söder“ weiter. Kein Problem: Beim Talk-Kollegen Lanz war tatsächlich Söder zu Gast.

Fazit: Info ohne Meinungsakrobatik und Befindlichkeitsposaune, wichtige Argumente abgeklopft, Prioritäten klargezogen: Das war ein Talk der Kategorie „Flasche voll“.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.