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Virologe Streeck bei Maischberger: „Ich würde keinen Lockdown empfehlen!“

„Maischberger“. ARD, Mittwoch, 8.Juni 022, 22.50 Uhr.

Immer wieder neue Corona-Varianten, immer wieder neue Putin-Attacken, ist bei uns bald Land unter? Sandra Maischberger antwortet mit Info aus erster Hand auf die bedrohlich wachsenden Sorgen. Die Gäste:

Prof. Hendrik Streeck (44). Der Virologe hält es für „unwahrscheinlich, mögliche Mutationen des Corona-Virus dauerhaft aus Deutschland fernhalten zu können“: Es gibt schon 4000 davon. Schluck!

Anita Schedel (57). Ihr Ehemann Prof. Hannes Schedel starb mit 59 Jahren nach einer Corona-Infektion, sie selbst leidet an Long Covid.

Udo Lielischkies (68). Der Ex-ARD-Korrespondent in Moskau ahnt: „Putin muss aufpassen, nicht selbst vom System verschlungen zu werden!“

Urban Priol (61), Der Kabarettist wettert: „Auf Putin kann man verbal gar nicht genug draufprügeln!“

Julie Kurz (39). Die ARD-Korrespondentin wettert über den Kanzler genauso wie über die Altkanzlerin.

Gregor Peter Schmitz (47). Der Chefredakteur („Stern“) warnt: „Der Ukraine-Krieg kann zu einer weltweiten Hunger- und Finanzkrise führen!“

Putin und Corona sind die Geißeln unserer Zeit wie einst die Hunnen und die Pest. Gibt’s auch mal wieder tröstliche Botschaften?

Zum Start ein großes Staunen

Der Theaterauftritt der Kanzlerin a.D. am Abend zuvor lässt die Talkrunde noch immer mit den Ohren schlackern: „Ich habe mir das angeguckt“, berichtet Kabarettist Priol, denn „man muss ja auch dahin gehen, wo‘s wehtut!“

Sein ernüchtertes Urteil: „Viele sagen: O je, wir werden die Frau noch so vermissen. Ich hätte sie gerne schon nach sehr kurzer Zeit vermisst! Der Phantomschmerz hält sich doch sehr in Grenzen. Auf den einen Fuß fällt uns das, was sie gemacht hat, auf den anderen das, was sie nicht gemacht hat.“ Rumms!

Kantigste Kommentare

Sie hat sich durchgemerkelt“, kritisiert ARD-Journalistin Kurz. „Sie hat an keiner Stelle irgendein Schuldeingeständnis gemacht.“

Chefredakteur Schmitz setzt noch einen drauf: „Sie war sehr erbost, dass man sie zwischendurch mit Gerhard Schröder verglichen hat“, weiß er zu berichten. „Ihre gesamte Bilanz steht jetzt auf dem Prüfstand.“

Über den willigen Beifall der Merkel-Fangemeinde vor der Berliner Interview-Bühne urteilt der „Stern“-Mann: „So leicht wie gestern Abend wird sie es vor der Geschichte nicht haben.“

Verblüffteste Frage

Die ARD-Kollegin wundert sich vor allem über Merkels  Behauptung, sie habe erkannt, dass Putin die EU zerstören wolle: „Wie konnte sie Deutschland dann in diese Energieabhängigkeit treiben?“, fragt sie in die Runde.

Schmitz steuert eine Strophe aus Putins Klagelied über die Nato bei: Bei der Aufnahme neuer Mitglieder in Mittelosteuropa seien die Amerikaner „zu aggressiv“ gewesen, behauptet der „Stern“-Mann. Als hätten Polen oder Balten sich damals nicht fluchtartig unter den US-Atomschirm gerettet!

Kräftigste Kanzlerschelte

„Ich weiß nicht, ob sie sich damit wirklich einen Gefallen getan hat, überhaupt nichts einzugestehen“, knurrt Kurz über Merkels Selbstlobserenade, „weil es doch offensichtlich ist, dass da was schiefgelaufen ist.“  

Auch über Scholz wird sich die Runde rasch einig. „Er ist kein Akteur in dieser Krise“, lästert Schmitz, „sondern er reagiert nur.“

Schmitz weiter: „Olaf Scholz hat gesagt, dass er heute nicht mehr den Wehrdienst verweigern würde. Insofern hat er auch eine persönliche Zeitenwende hinter sich.“ „Olaf Scholz fährt keine klare Kommunikation“, sekundiert Kurz. Ihr Verdacht: „Er möchte eigentlich gar nicht führen in dieser Krise.“

Beklemmendste Erinnerung

Lielischkies legte in Moskau los, als gerade Putins Aufstieg begann. „Ein blasser Apparatschik“, schildert der ARD-Korrespondent den jungen Ministerpräsidenten. „Ein KGB-Mann mit der tiefen Überzeugung, dass er alle täuschen und belügen muss.“ Uff!

Der Vorwurf des Korrespondenten: „Nach der Besetzung der Krim und des Donbass hätte man mit Putin verhandeln können. Stattdessen kam Nord Stream, und er hatte plötzlich sogar noch eine Belohnung für seine Aggression.“ Puh!

Heute betreibe Putin eine „Politik der Angst“, warnt Lielischkies. „Der Westen ist ängstlich. Wir haben sehr viel Angst.

Beängstigendste Psychoanalyse

Maischberger spielt die Szene ein, in der Putin im Kreml Merkel mit einem bedrohlich großen schwarzen Hund testete. Nach Lielischkies war das typisch für das Milieu der Geheimdienstler und Gangster, aus dem Putin stammt: „Das war eine Machtdemonstration!“

Das gleiche gelte, so der  Ex-Korrespondent, für die ständigen Tricks und Täuschungen des Kreml: „Lügen und damit durchkommen ist auch ein Machtbeweis!

Persönlichste Betroffenheit

Maischberger erkundigt sich nach der Familie des Korrespondenten: Lielischkies hat eine russische Ehefrau, drei Kinder und Verwandte in Moskau. „Reden Sie mit denen über Putin?“, möchte sie wissen.

„Nein“, antwortet der Fernsehmann. „Das wollen die nicht mehr, und ich kann das gut verstehen. Das Thema ist so aufgeheizt, dass die Menschen einfach gnadenlose Angst haben.“

Erschreckendste Erklärung

Putin hat sein Volk über viele Jahre mit diesem imperialistischen Virus erfolgreich infiziert“, stellt Lielischkies dazu fest. „Dieser Größenwahn ist wirklich da, das Gefühl, wir müssen dem Westen mal zeigen, wer wir wirklich sind und was wir können!“

Ein Schriftsteller, so der Korrespondent weiter, habe ihm erklärt, das sei immer noch der Geist der „Goldenen Horde“, jenes Mongolenreichs, für das die tributpflichtigen Moskowiter seit dem Mittelalter auch bei ihren Nachbarn die Steuern eintrieben.

Alarmierendstes Geflüster

Zu den Gerüchten über Putins Gesundheit sagt Lielischkies: „Sie verdichten sich auf so massive Art, dass man ins Grübeln kommt. Er sieht auch ein bisschen anders aus. Es gibt Berichte, dass er Sitzungen nicht mehr durchhalten kann.“

„Wenn er Krebs hat, und nur noch wenige Jahre, wäre es eine weitere Zuspitzung seiner sehr isolierten und bizarren Situation, umgeben von wenigen Falken“, sorgt sich der ARD-Oldie. Das seien „ältere Männer, alle großgeworden im Polizeistaat Sowjetunion, in dieser Geheimdienstkultur…“

Eindringlichste Mahnung

„Putin wird nicht verhandeln, wenn er nicht militärisch gedemütigt wird“, sagt der ARD-Mann voraus. „Jetzt sind wir in einer ganz heißen Phase, wo jeden Tag 60 bis 100 ukrainische Soldaten sterben und unsere deutschen schweren Waffen noch gemütlich auf den Juli warten!“

Sein Zorn: „Das ist unfassbar dramatisch und falsch und schlecht. Das kann man eigentlich gar nicht erklären. Der Westen muss noch nachhaltiger liefern. Das ist der einzige Weg!“

Ergreifendster Bericht

Im Corona-Teil des Talks schildert die Krankenschwester Anita Schedel ihr erschütterndes Schicksal. Mit ihrem Ehemann, einem Radiologe, betrieb sie eine kleine Rehaklinik. Am 25.März 2020 wollten sie zu einer zehnwöchigen Weltreise starten, doch sein Test war positiv, und er musste in Quarantäne.

„Es gab damals keine Möglichkeiten, sich zu schützen“, klagt die Witwe nun. „Keine Masken, keine Schutzbekleidung.“ Mit Atemnot kam ihr Mann in die Klinik, und sie durfte „trotz Bitten und Bettelns“ nicht mehr zu ihm. Am Karfreitag lag er in künstlichem Koma, das Virus zerstörte sein Gehirn, und er starb an multiplem Organversagen.

Bedenklichste Prognose

Prof. Streeck kennt solche Fälle: Einmal hat er selber eine Frau, die in hilfloser Verzweiflung vor der Klinik hockte, heimlich zu ihrem sterbenden Ehemann gelotst, damit sie Abschied nehmen konnte.

Drohen im Herbst wieder solche Tragödien? Die Warnung des Gesundheitsministers vor einer neuen „Killervariante“ will der Virologe zwar nicht dramatisieren, aber: „Es geht in die Richtung, dass sie krankmachender ist.“

Dringendste Empfehlung

„Der Vorschlag ist, dass man sich für jedes Szenario jetzt schon überlegt, wie man damit umgeht“, erklärt Prof. Streeck dazu. „Das wichtigste ist, dass wir erst einmal ein besseres Erfassungssystem, ein Echtzeit-Lagebild, haben: Wie viele freie Betten, wie viel Personal, und das jeden Tag!“

Nach seiner Schätzung müssten jetzt „weit über 95 Prozent“ der Deutschen eine schützende Immunität besitzen, fügt der Virologe hinzu. Auch deshalb seien die einschneidenden Maßnahmen der Vergangenheit jetzt wohl nicht mehr nötig: „Ich würde keinen Lockdown empfehlen!“

Denn, so Prof. Streeck zum Schluss: Wenn man der gewünschten Wirkung von Lockdowns die unerwünschten gegenüberstellt, die großen existentiellen, psychologischen oder ökonomischen Schäden, werde schnell klar, dass so eine Ausgangssperre mehr Nachteile als Vorteile bringe. Amen!

Fazit

Die zwei Schock-Themen unserer Zeit als Alarm-Kombi mit Info satt und Emotion pur. Die Warn-Glocken klangen lange nach, und statt deplazierter Flachsraketen erhellten wissenschaftlicher Sach- und bürgerlicher Hausverstand das bedrohliche Dunkel: Das war eine Talkshow der Kategorie „Mutmacher“.

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