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Verblüffender Vorschlag im Hayali-Talk: Cem Özdemir möchte bei Polizei und Bundeswehr mehr Frauen und mehr Linke

„Dunja Hayali“. ZDF, Donnerstag, 23.Juli 2020, 22.15 Uhr.

Der frühere Grüne-Parteichef Cem Özdemir hat in der ZDF-Talkshow „Dunja Hayali“ am Donnerstag einen überraschenden Vorstoß unternommen, eine neue Generation der uniformierten Exekutive besser als bisher an die politische Vielfalt der Gesellschaft auszurichten.

Wörtlich sagte der Politiker: „Wir brauchen mehr Frauen bei der Polizei!“ Auch „Menschen mit Migrationshintergrund“ will der Grüne stärker eingebunden sehen.

Und, so Özdemir: „Ich sage das auch ganz selbstkritisch: Bestimmte Milieus der Gesellschaft, die glauben, ihre Kinder sind da vielleicht nicht unbedingt die ersten – Linke, Progressive: Auch die dürfen ihren Kindern ruhig sagen: Du darfst auch Polizeibeamter werden, oder zur Bundeswehr gehen!“

Dramatischste Danksagung

„Ich bin jemand, der selber Polizeischutz hat“, berichtete der Politiker. „Polizeibeamte sind im Ernstfall bereit, ihr Leben aufs Spiel zu setzen, um mich zu schützen. Insofern habe ich große Dankbarkeit für die Arbeit der Polizei!

Was ist denn da los! Ein Rechtsextremist mit der Selbstbezeichnung „NSU 2.0“ terrorisiert Politiker und andere Prominente mit Drohmails, und die Adressen dazu stammen aus Computern der hessischen Polizei? Auch Talkmasterin Dunja Hayali fordert endlich Antworten. Die Gäste:

  • Joachim Herrmann (CSU). Bayerns Innenminister zieht nach rechts wie links eine knallharte Kante.
  • Özdemir warnte schon früh: „Der ‚NSU‘ war nicht allein!“ Sein Credo: „Kein Mensch kommt als Rassist auf die Welt!“
  • Christian Heinz (CDU). Der Vorsitzende des Innenausschusses im Hessischen Landtag ist rechtsextremistischen Netzwerken mit Hochdruck auf der Spur.
  • Ajla Kurtovic. Die Schwester eines Hanau-Opfers beklagte in einer bewegenden Trauerrede, „dass nach so einer schrecklichen Tat Hass und Rassismus in der Gesellschaft und im Netz nicht aufgehört haben.“
  • Hadija Haruna-Oelker (40). Die Journalistin („Zeit“) übernahm für Dunja Hayali ein „filmisches Experiment“, bei dem Menschen ihre Erfahrungen mit Rassismus und Diskriminierung dokumentieren.

Anklage, Aufklärung, Aufarbeitung. Betroffene und Experten. Zum Start eine Ankündigungsoffensive, denn

Innenpolitiker Heinz hatte Hausaufgaben gemacht. „Es wird einen Sonderermittler geben“, kündigt er an. „Wir haben schon vor einem Jahr vereinbart, dass wir einen Polizeibeauftragten einrichten.“ Hm – vor einem Jahr? Da geht wohl noch mehr!

Wir wollen auch prüfen, ob das Strafrecht verschärft werden kann“, zählte der CDU-Politiker weiter auf. „Hier wird es eine hessische Initiative geben, dass Bedrohungsdelikte künftig härter sanktioniert werden können!“

Dann ging der Zoff los

Beim Thema „NSU 2.0“ heizte Talkmasterin Dunja Hayali den Grill an: Noch immer wüssten die Behörden nicht, wer die Adressen für die Drohmails aus dem Polizeicomputer klaute. Und jetzt versuche die Staatsanwaltschaft die Schuld an der lahmen Aufklärungsarbeit auch noch auf das Corona-Virus zu schieben!

Man hat in Hessen den Eindruck, der Wille zur Aufklärung fehlt!“ wetterte die Talkmasterin. „Es ist ein Kuddelmuddel! Da stimmt doch bei Ihnen was nicht!“

Ehrlichstes Eingeständnis

Sehr unbefriedigend, dass die Täter nicht gefunden sind!“ gab Heinz unumwunden zu. „Diese Erläuterung der Staatsanwaltschaft hat mich auch nicht überzeugt. Ich würde mir wünschen, dass jetzt die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe die Ermittlungen übernimmt!“

Seine Sofortmaßnahmen gegen solchen Datendiebstahl: Neue Passwörter für alle am Polizeicomputer. Vier-Augen-Prinzip. Künftig für jede Recherche besondere Begründung nötig.

Bitterste Erinnerung

Kontrolliert die Polizei Schwarze gern auch ohne Grund? Özdemir hat die Demütigung von Racial profiling am eigenen Leibe verspürt. „Im Zug“, erinnerte er sich jetzt.

Obwohl ich brav meine FAZ gelesen habe, die anderen vor mir mit Bierdosen umeinander geworfen haben, irgendwie gerülpst haben, sonst was gemacht haben: Der einzige, der kontrolliert wurde, war ich“, erzählte der Grüne. „Das war aber in eine Zeit, da war meine Nase noch nicht ganz so bekannt…“

Interessanteste Erinnerung

Polizisten dürfen nicht diskriminieren“, sagte Herrmann dazu klipp und klar, „aber es dürfen auch Polizisten nicht diskriminiert werden!“

Besonders wichtig ist dem Bayern die Regelanfrage beim Verfassungsschutz, sobald jemand einen Waffenschein beantragt. Herrmanns Vorwurf: „Die ist vor etlichen Jahren abgeschafft worden, weil damals vor allem Linke sich beschwert haben!“

Dafür gab’s nun einen Nasenstüber: „Jetzt auf einmal merkt man, siehe Kollege Pistorius in Niedersachsen, dass wir ja auch rechte Extremisten haben“, spottete Herrmann, „und jetzt wird wieder über die Regelanfrage geredet.“

Gravierendster Vorwurf

Das Schlimmste für mich und meine Familie war, dass wir in der Tatnacht hingehalten wurden“, berichtete Ajla Kurtovics noch immer sichtlich erschüttert von ihrem Leid nach den Morden von Hanau.

Denn: „Die ersten Schüsse sind um 22 Uhr gefallen. Uns wurde am Tatort gesagt, mein Bruder wäre nur leicht verwundet ins Krankenhaus gebracht worden. Uns wurde nicht mitgeteilt, in welches.“

Umso schrecklicher der nächste Tag: „Wir wurden um sechs Uhr morgens informiert, dass es keine Überlebenden gibt, dass mein Bruder verstorben ist“, klagte die junge Frau. „Wir hatten keine Möglichkeit, ihn zu sehen.“

Empörendster Bericht

Wir wussten eine Woche lang nicht, wo mein Bruder ist, was mit ihm passiert ist. Einfach gar nichts“, schilderte Ajla Kurtovics weiter.

„Im Nachhinein haben wir dann erfahren, dass die Staatsanwältin aus Hanau die Obduktion angeordnet hat, obwohl sie gar nicht mehr zuständig war. Da war der richterliche Beschluss noch gar nicht da. Wir hatten keine Chance, uns von meinem Bruder würdevoll zu verabschieden!“

Özdemir sieht auch die AfD in der Verantwortung für die Morde: „Es gibt einen politischen Arm des Rechtsradikalismus, der sitzt in den Parlamenten!“ sagte er wütend.

Ungewöhnlichster Versuch

Zum Schluss kündigte Hayali ein besonderes Experiment an: „Für manche ein einschneidendes Erlebnis mit Erkenntnisgewinn!“ versprach sie.

18 Frauen und Männer standen in einer Reihe. Journalistin Haruna-Olker stellte ihnen Fragen zu Benachteiligungen in Schule, Ausbildung, Beruf oder bei Behörden. Wer sich nicht betroffen fühlte, trat einen Schritt vor.

Zum Schluss standen drei Versuchspersonen ohne erkennbaren Migrationshintergrund vorn. Alle anderen waren irgendwann auf der Strecke geblieben. Der ältesten Teilnehmerin fand das Ergebnis so beschämend, dass sie in Tränen ausbrach.

Wichtigster Appell

„Das ist genauso gelaufen, wie ich es erwartet habe“, bestätigte die Journalistin. „Aber es darf nicht bei Tränen bleiben. Rassismus ist ein gesellschaftliches System. Wenn du es jetzt verstehst, dann nutze das Privileg und ändere etwas!“

Das Konzept heiße „White Tears“, sagte Haruna-Olker noch, und: „Auch die Polizei braucht eine Dekolonialisierung!“

Fazit: Brennendes Thema, meinungsstarke Gäste, bewegende Statements, verblüffende Perspektiven und eine Talkmasterin vom Stamme Erzähl-mir-mix: Das war eine Talkshow der Kategorie „Mahnwache“.

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