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USA-Talk bei Maybrit Illner: Altmaier zählt Trumps Twitter-Likes, Gabriel kritisiert Bidens Wahlkampf

„Maybrit Illner: Abgang ohne Anstand – wie gefährlich wird Trump noch?“ ZDF, Donnerstag, 19.Novemner 2020, 22.15 Uhr.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) hat in der ZDF-Talkshow „Maybrit Illner“ am Donnerstag verraten, welche Signale er für seine Vorhersagen zu einer reibungslosen Machtübergabe von US-Präsident Donald Trump an seinen Nachfolger Joe Biden nutzt.

Wörtlich sagte der Minister: „Ich sehe einen Hoffnungsschimmer“.

Denn: In den ersten Tagen nach seiner Niederlage habe Trump bei Twitter noch bis zu 600.000 Likes gehabt. Jetzt aber, so Altmaier („Ich habe gerade noch mal nachgesehen“) seien es nur noch knapp 80.000. Das spreche dafür, dass immer mehr Menschen meinten, jetzt müsse man dem Sieger eine Chance geben.

Die anderen Teilnehmer der Diskussionsrunde aber schüttelten milde lächelnd die Köpfe. „Schön wär’s, sagt hier der Tisch!“ meldete die Moderatorin.

Das Weiße Haus im Belagerungszustand: Der eine will nicht raus, der andere soll nicht rein. Maybrit Illners Gäste:

Corona, Klima, Trump: Der Bundeswirtschaftsminister ist bei allen Talk-Themen erste Wahl.

Der Ex-Vizekanzler und frühere Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) liegt beim Thema Trump fast immer quer, aber auch fast immer richtig.

Showmaster Thomas Gottschalk meinte vor zwei Wochen bei Illner, Trump sei einem Entertainer sehr ähnlich, aber „er ist im Gegensatz zu mir ein Reality-Star“.

Die Journalistin Souad Mekhennet („Washington Post“) stammt aus Frankfurt und arbeitete früher für das ZDF.

Die Politologin Prof. Daniela Schwarzer ist Direktorin der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik e.V. (DGAP).

ZDF-Moderator Claus Kleber war 15 Jahre lang ARD-Korrespondent in den USA.

Sechs Köpfe, eine Meinung: Trump muss weg. Persönlichstes Statement: „Ich bin groß geworden mit Lassie“, erinnerte sich Gottschalk, „mit dieser amerikanischen Denkungsart, diesen offenen Türen, dieser offenen Meinungen!“

Seine Befürchtung: „Ich merke, wie dieses Amerika, das wir alle lieben, sich zusehends verabschiedet. Und das ist es, was Trump seinen Wählern zuruft: Wenn Biden an die Macht kommt, ist das Amerika, wie es einmal existiert hat, weg!“

Stoßseufzer des Abends

Gottschalks vernichtendes Urteil über Trump: „Er war nicht ungeschickt mit diesem ‚Make America Great Again‘, aber er hat das Land in die Grütze gefahren!“

Kleber hatte noch schlimmere Ängste: „Ich bin erleichtert, dass es zu dem, was man befürchten musste, nämlich Blut in den Straßen, nicht kam.“ Aber: „Es ist möglicherweise auch eine trügerische Ruhe!“

Deutlichste Warnung

Gabriel schüttete kräftig Wasser in den Biden-Wein: „Ich glaube, dass es jetzt nicht irgendwie ein Zurück in die guten alten Zeiten gibt, wo die Amerikaner sich um Europa kümmern und wir nur um uns selber“, sagte er voraus.

Seine Sorge: „Mir wird zu wenig darüber geredet, was die Europäer tun können, um in den Vereinigten Staaten noch ernstgenommen zu werden. Die Herausforderungen für uns werden größer, als wir glauben!

Bedenklichste Analyse

„Diese Wahl war sehr knapp“, stellte Journalistin Mekhennet fest. „Ohne Corona hätte es sein können, dass Trump gewonnen hätte. Wir müssen alle erst mal abwarten, bis die Stimmen ausgezählt werden, und was die Wahlmänner machen.“

Irrste Räuberpistole

Erst vor zwei Stunden, so die Journalistin weiter, habe Trumps Anwalt Rudy Giuliani Abenteuerliches erzählt: „Irgendwelche Stimmen wurden nach Deutschland geschickt, und dort ausgezählt, von Leuten, die aus Venezuela kommen und (dem Diktator) Maduro nahestehen.“ Uff!

Kleber lachte sich scheckig, aber die US-Kollegin war gar nicht amüsiert: „Sie müssen versuchen, die Leute aufzufangen, die dem Glauben schenken“, warnte sie. „Es ist ein bisschen zu einfach, zu sagen, das sind alles Verrückte!“

Wehmütigste Erinnerung

Es wird nie wieder so sein, wie es zu Zeiten von Georg Bush senior einmal war“, ahnte Altmaier. Seine wichtigste Klarstellung: „Es geht um die Frage, was wir alles versäumen, weil die neue Administration frühestens im März/April endgültig handlungsfähig ist.“

Interessantester Rückblick

„Es gab ja auch in Deutschland knapp gewonnene Wahlen“, stellt Gottschalk fest. „Ich erinnere mich, wie Gerhard Schröder abends in der Elefantenrunde einmarschiert ist und sich wie der sichere Sieger gefühlt hat. Dieses Theater kennt man auch von Bush gegen Gore.

Klügste Analyse

Gabriel wollte lieber über Trumps Anhänger reden: „Was motiviert diese über 70 Millionen Menschen?“ fragte er. „Das sind nicht alles einfach Irre oder Ungebildete oder Rassisten, sondern das geht tief hinein in die amerikanische Mittelschicht.“

„Die Demokraten sind angetreten mit der Idee: Wir kämpfen gegen Corona“, erläuterte der Ex-Außenminister und führte im typischen Gabriel-Sound einen Rohrkrepierer des Biden-Teams vor: „Und übrigens: Wir haben noch eine gute Idee – Steuererhöhungen!“ hätten die Demokraten gesagt, doch „das fand die amerikanische Mittelschicht begrenzt gut…“

Bedenklichste Perspektive

„Biden hat innerhalb der eigenen Partei Schwierigkeiten“, machte die Journalistin klar. „Es gibt einen sehr linken Flügel, der in vielen Dingen eine sehr andere Sichtweise hat!“

Wir haben mit einer Situation zu tun, auch in Deutschland, wo es Menschen gibt, die uns Medien nicht mehr vertrauen“, warnte sie. „Das hat nicht nur mit Trump zu tun, sondern das ist etwas, was mit unserer Zeit zu tun hat.“

Sachdienlichster Hinweis

„Was mich besonders beunruhigt, ist, dass die Republikanische Partei sich nicht positioniert“, gestand Politologin Schwarzer. „Deshalb ist ja auch die Diskussion sehr groß: Tritt Trump in vier Jahren wieder an?“

Überzeugendste Selbstkritik

„Die Republikaner müssen eine strategische Entscheidung treffen“, assistierte der Ex-Außenminister. Auch in Deutschland gehe es um die Frage, wie man an diejenigen Menschen herankommen könne, die sich von den klassischen Parteien abgewendet hätten.

Gabriels schlagendes Beispiel: „Ich habe mich immer gewundert, warum auch meine Partei glaubt, dass den Spruch ‚Lebenslanges Lernen!‘ alle super finden!“ spottete er. „Da gibt’s Menschen, die sagen: Wieso ich denn jetzt schon wieder? Die wissen, dass sie auch bei größter Anstrengung nicht mehr nach oben kommen.“

Schönstes Zitat

Kleber gab zum Besten, was der demokratische Präsidentschaftsbewerber Pete Buttgigieg über Biden sagt: „Wird es nicht toll sein, wenn du siehst, der Präsident erscheint auf dem Bildschirm und dein Blutdruck geht nicht hoch, sondern runter?“

„Trump geht den Weg des Reality-Stars, der wie im Dschungelcamp sagt: Ruft für mich an“, fachsimpelte der Showmaster. „Man ruft dann nicht die Vernünftigsten an, sondern die Gladiatoren, die am verrücktesten unterwegs sind.“

Dialog des Abends

„Das hat es so früher nicht gegeben“, polterte Gottschalk dann. „Für uns waren Leute wie Willy Brandt, ich möchte fast Sigmar Gabriel noch dazurechnen…“

Große Heiterkeit in der Runde! „Keine Ironie hier in der Sendung!“ feixte der Ex-Vizekanzler, und Kleber kriegte sich gar nicht mehr ein.

„Guck mal, die lachen alle“, grinste Gabriel.

Gottschalks unerschrockener Konter: „Dazu bin ich ja da!“

Interessanteste Perspektive

Die Politologin drehte den Talk wieder auf Ernst: „Trump ist deshalb so ein Problem für Biden, weil er ja geliefert hat“, stellte sie fest. „Er hat die Steuern gesenkt, er hat gute Wirtschaftszahlen. Die Bevölkerung sieht: Mit dem ging es mir besser!“

Über manche Reaktionen aus der EU sagte Schwarzer skeptisch: „Wir reden über europäische Autonomie, was in der mittleren Frist eine absolute Illusion ist!“

Wirksamste Anti-Panikwaffe

„Ich bin ein bisschen zurückhaltend mit den Weltuntergangszenarien“, sagte Gabriel mitten in die sorgenvollen Zukunftsbilder der Runde. Seine Prognose: „Die transatlantischen Beziehungen werden sich vermutlich um ganz vieles kümmern müssen, und am wenigsten um den Atlantik!“

Auch Altmaier bleibt Optimist: „Ich sehe eine große Chance: Dass wir im Bereich Klimaschutz vorankommen“, hoffte er.

Schlauester Lösungsansatz

Zur umstrittenen Ostseepipeline „Nordstream II“ sagte Gabriel klipp und klar: „Biden ist einer der härtesten Gegner!“

Die Idee des SPD-Politikers: „Warum machen wir nicht mit den Amerikanern gemeinsame Wasserstoffinitiativen, um Erdgas zu reduzieren? Wir werden unsere Klimaschutzziele nicht erreichen, wenn wir nicht den Erdgasverbrauch senken!“

Temperamentvollster Gefühlsausbruch

Gottschalk lief noch mal zu großer Form auf: „Die naiven Amerikaner!“ schimpfte er. „Seit Trump sich zum Sprecher einer dumpfen Masse gemacht hat – die wird der Biden nicht so schnell wieder los!“

Denn: „Da ist ein Gefühl von Trotz und Bockigkeit, und das hängt Obama (Gottschalk sagte Obama, meinte aber Biden) jetzt wie Hundekacke an den Füßen!“

Ehrlichstes Schlusswort

Deutsche Politik war ja auch deshalb in den letzten Jahrzehnten erfolgreich, weil wir bestimmte Entscheidungen erfolgreich vermieden haben“, freute sich Altmaier. Und auch da ist er ganz der Musterschüler seiner schlauen Chefin.

Fazit: Pantoffel-Plausch im Stil einer kumpeligen Kaffeetafel mit eifrigen Expertisen und losen Sprüchen: Das war ein Talk der Kategorie „Politainment“.

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