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Ukraine-Zoff bei Maischberger: Lügen-Vorwurf gegen Lambrecht

„maischberger: die woche“. ARD, Mittwoch, 6.April 2022, 23.10 Uhr.

Immer grausamere Schreckensszenen aus der Ukraine, doch der brutalste Horror steht noch bevor, wenn das belagerte Mariupol fällt. Auch Sandra Maischbergers „Woche“-Talk stellt sich auf das Schlimmste ein. Die Gäste:

Andrij Melnyk (46). Der ukrainische Botschafter twittert umstandslos: „Alle Russen sind gerade unsere Feinde!

Marie-Agnes Strack-Zimmermann (64, FDP). Die Verteidigungspolitikerin will bei den Waffenlieferungen endlich den Turbo einschalten.

Gregor Gysi (74, Linke). Der Ex-Parteichef hat inzwischen erkannt: „Für Putins Angriffskrieg gibt es keine Rechtfertigung.

Anna Sauerbrey (43). Die Journalistin („Zeit“) ahnt: „Dieser Krieg wird die Welt verändern!“

Gabor Steingart (59). Der Journalist („The Pioneer“) analysiert: „Die Furcht vor der Klimakatastrophe wurde durch die Kriegsangst ersetzt.“

Ulrich Wickert (79). Der Ex-Moderator („Tagesthemen“) feierte einst auf Gerhard Schröders Hochzeit. Hält er heute Distanz zu dem umstrittenen Putin-Versteher?

Nach dem Massaker von Butcha kann es über Putin nie wieder zwei Meinungen geben!

Zum Start eine beklemmende Wiederholung

Die Talkmasterin stellt den entsetzlichen Bildern aus der Ukraine die Schreckensszenen vom Attentat auf das World Trade Center im Jahr 2001 voran. Wickert hat damals die „Tagesthemen“ moderiert und ahnt eine „Veränderung, die noch grundsätzlicher sein kann als der 11.September“.

„Die deutsche Sicherheitspolitik hat sich um 180 Grad gedreht“, meint der Ex-Moderator und ulkt: „Schicken wir deutsche Panzer in die Ukraine? Ich glaube: Nein. Das liegt aber auch daran, dass in der Ukraine vermutlich keiner einen deutschen Panzer fahren kann.“

Optimistischste Analysen

„Worauf wartet der Bundeskanzler eigentlich noch, um unsere schärfste Waffe zu ziehen: den Verzicht auf russisches Gas und russisches Öl!“, grollt Kollege Steingart. „Die Patrone bleibt im Revolver!“

Wickert fragt, wie der Krieg am schnellsten zu beenden sei, und gibt selbst die Antwort: „Als militärischer Laie sage ich: Waffen können es am besten.“ Heidewitzka!

„Die Menschen in der Ukraine geben ihr Leben, wir geben einen Teil unseres Wohlstandes“, stellt Steingart klar.

Seine hoffnungsvolle Erwartung: „Joe Biden hat den Trump im Nacken und beschlossen: Nach Kabul darf Kiew nicht fallen. Die Amerikaner werden die Ukraine mit Waffen und mit Militärberatern fluten!“

Abenteuerlichster Plausch

Sichtlich amüsiert spinnt sich Wickert zurecht, wie es im Weißen Haus zugegangen sein könne, als sich der US-Präsident und seine Außenministerin im Jahr 2008 über ihr Verteidigungsbündnis unterhielten.

„George W. Bush hat zu Condoleezza Rice gesagt: Was können wir noch Großes machen?“, vermutet der alte ARD-Mann. „Antwort: Wir haben eine große georgische und eine große ukrainische Gemeinde in Amerika, also lasst uns diese Länder in die Nato aufnehmen. Doch Frankreich und Deutschland haben Nein gesagt…“ Puh!

Feurigstes Lob

Über den deutschen Holzweg direkt in Putins Krieg urteilt Steingart milde: „Wir können das nicht nur Herrn Steinmeier vorwerfen, sondern das ist ein komplexes geschichtliches Ereignis.“

„Herr Steinmeier hat Fehler eingeräumt“, sekundiert die Talkmasterin, und Wickert wirft in einem Temperamentsausbruch die Hände hoch: „Finde ich toll!“, jubelt der TV-Oldie. „Finde ich toll!“. Ehrlich jetzt?

Klarste Forderung

Melnyk reagiert bei weitem nicht so euphorisch: „Das ist eine gute Geste und ein erster Schritt“, kommentiert der Botschafter das Eingeständnis des Bundespräsidenten.

Aber, so Melnyk weiter: „Dieser Fehler muss gründlich aufgearbeitet werden. Und nicht nur mit Worten. Es ist wichtig, dass man jetzt auch die richtigen Schritte unternimmt.“ Heißt: Rechnung folgt!

Deutlichste Absage

Zu der besonders in Deutschland beliebten Unterscheidung zwischen dem Diktator und den Russen sagt der Botschafter klipp und klar: „Die Versöhnung wird kommen mit dem russischen Volk, aber Putin wird leider von einer großen Mehrheit getragen.“

Sein knallharter Vorwurf: „Es sind Russen, die auf unserem Boden Frauen vergewaltigen, Kinder töten, wahllos auf Zivilisten schießen und foltern!“

Entschlossenste Ansage

„Wir brauchen die Waffen, um Herrn Putin auf dem Schlachtfeld zu zeigen: Es ist nichts mehr für ihn zu holen“, kündigt der Botschafter danach an. „Putin hat diesen Krieg schon am ersten Tag verloren. Es ist nur noch eine Frage der Zeit. Aber jeden Tag müssen viele Zivilisten sterben. Es kommt darauf an, dass man diese Zeit verkürzt!“

„Die Russen sind durch die Propaganda zombiert. Für die Soldaten sind wir alle Nazis und müssen getötet werden“, fügt Melnyk hinzu und droht: „Beim Kriegstribunal, und das wird sehr bald kommen, werden auch all diese Propagandisten des Kreml einen besonderen Platz einnehmen!“

Gretchenfrage des Abends

Als nächstes will Maischberger die Informationspolitik der Bundesregierung untersuchen: „Die Verteidigungsministerin sagt, Deutschland tut sehr viel mehr, als wir in der Öffentlichkeit wissen, aber die Ukraine bittet uns darum, das alles nichtöffentlich zu machen. Stimmt das?“

„Nein, das stimmt nicht“, antwortet Melnyk prompt. „Deutschland tut viel mehr als noch vor einer Woche, aber die Verteidigungsministerin weiß sehr wohl, was wir benötigen: schwere Waffen! Man kann Mariupol nicht mit einer Panzerfaust befreien. Man braucht Panzer, Artillerie, Mehrfachraketenwerfer…“ O.k., aber eine Antwort auf die Frage ist das nicht.

Dialog des Abends

Die Talkmasterin setzt nach: „Die ukrainische Seite soll explizit darum gebeten haben, nicht alles zu sagen. Stimmt das?“Der Botschafter bleibt dabei: „Das stimmt nicht“, wiederholt er.

„Das heißt, die Ministerin sagt in der Öffentlichkeit nicht die Wahrheit!“, spitzt Maischberger zu.

Melnyk dreht achselzuckend die Handflächen nach oben. „Das ist, was die Ministerin für sich entschieden hat: Die Linie, dass man Geheimhaltung beibehält“, erwidert er. „Das kann man in gewisser Weise verstehen.“

Aber: „Darum geht es nicht“, fügt der Botschafter hinzu. „Wir haben leider keinen offenen Dialog darüber, was wir brauchen. Jeder Tag kostet Leben. Wir erhoffen uns, dass diese Kommunikation ein bisschen besser gestaltet werden kann.“

Ungewöhnlichste Arbeitsplatzbeschreibung

„In Ihren Tweets gibt es Kraftausdrücke. Sie sagen auch schon mal gerne ‚Bullshit‘. Im ‚Spiegel’ wurden Sie ‚Undiplomat‘ genannt“, hält ihm die Talkmasterin vor. „Ist das für Sie eigentlich ein Kompliment?“

Ich bin nur ein Instrument, ein Rufer in der deutschen Wüste“, antwortet Melnyk und erntet bei Wickert ein spöttisches Grinsen.

Es gehe ihm darum, auf das hinzuweisen, was man vielleicht in der „Berliner Bubble“ nicht erkenne, erläutert der Botschafter dann. „Dass man hier viele Märchen hört. Und die Russland-Politik war ein solcher Mythos.“

Enttäuschendste Fehlstelle

„Man hat immer geglaubt, wir haben Herrn Schröder, wir haben so viele andere Politiker, die werden schon dafür sorgen, dass Deutschland verschont wird“, wettert Melnyk. „Jetzt sehen sie: Deutschland ist selbst zur Geisel geworden.“

Schröder-Kumpel Wickert verzieht keine Miene, und Maischberger fragt auch nicht nach. Verpasste Chance!

„Sollte Putin morgen entscheiden, ich werde kein Gas mehr liefern, dann wird das eintreten, was Herr Habeck und Herr Scholz seit zwei Wochen erzählen“, schimpft stattdessen der Botschafter weiter. „Katastrophe, Rezession, Zusammenbruch, Implosion der Wirtschaft…“ Uff!

Plumpstes Ablenkungsmanöver

Ich bin mit Putin und der russischen Führung völlig fertig“, gibt Gysi zu Protokoll, fügt aber gleich hinzu: „Bei Kriegen glaubt man ja immer nicht, dass sie stattfinden, bei der Nato gegen Serbien, oder den USA gegen Irak…“

Zur Forderung der Ukraine, Putin als Kriegsverbrecher vor Gericht zu stellen, sagt der Alt-Linke: „Ich habe nichts gegen Den Haag, ich bin auch dafür, wobei ich sage, dass amerikanische Kriegsverbrecher auch mal in Den Haag stehen müssten.“ Ja klar…

Beschämendste Erinnerung

Strack-Zimmermann glaubt nicht, dass Putin so schnell die Unterstützung seiner Landsleute verliere werde, denn: „Im Zweiten Weltkrieg hat sich auch ein Großteil des Deutschen Reiches immer noch um Adolf Hitler geschart, als klar war, dass Millionen Juden umgebracht worden sind.“

Über Butscha sagt die FDP-Politikerin: „Ich glaube, dass die Bilder so einen Druck machen, dass wir deutlich schneller aus der Situation heraus müssen. Ich glaube, dass wir in Deutschland eine Führungsrolle übernehmen sollten!

Deutlichstes Schlusswort

Gysi zimmert noch an einer anderen Drohkulisse: „Wenn Russland dafür sorgt, dass die Getreideexporte aus Russland und der Ukraine nicht mehr stattfinden, dann werden Millionen sterben, weil sie dann einfach verhungern!“, warnt er. Und: „Wenn Putin eine Atombombe über der Ukraine abwirft, haben wir den Dritten Weltkrieg!“

Doch Strack-Zimmermann bleibt trotzdem dabei: „Wir können uns nicht mehr raushalten. Das ist vorbei. Es ist auch eine mentale Zeitenwende. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, das die für uns sehr angenehme friedliche Zeit einfach vorbei ist.“ Amen!

Zitat des Abends

Fazit

Wortreicher Krafteinsatz am deutschen Debattenmotor mit Kurbel und Schwurbel, der Botschafter drückte aufs Gaspedal, andere pumpten lieber Luft in löcherige Reifen: Das war eine Talkshow der Kategorie „Schleuderdrama“.

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