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Ukraine-Talk bei Plasberg: Röttgen fordert Sanktionen gegen Putin – jetzt!

„Hart aber fair: Putin macht ernst. Beginnt jetzt ein Krieg um die Ukraine?“ ARD, Montag, 21.Februar 2022, 21 Uhr.

Der Westen warnt und mahnt, Putin pfeift drauf und schafft Fakten, die Russen in der Ostukraine feiern ihn mit Feuerwerksraketen und die Europäer stehen da wie begossene Pudel. Um 19.30 Uhr ändert Frank Plasberg sein Thema in „Hart aber fair“ und mixte auch seine Rede-Runde neu.   Die Gäste:

Norbert Röttgen (56, CDU). Der Außenpolitiker warnte erst gestern bei Anne Will: „Putin will die westlichen Nachbarstaaten, vor allem die Ukraine, zu Vasallenstaaten machen!

Christian Dürr (44, FDP). Der Fraktionschef twittert erschrocken: „Es wird ein Plot zu Ende geführt. In Wahrheit stellt Putin die gesamte Ukraine in Frage.“

Udo Lilischkies (68). Der Ex-Chef des ARD-Studios Moskau kennt die Moral des Kreml seit Jahrzehnten: „Das Problem des Westens ist: Russland lügt!

Sarah Pagung (33). Die Politikwissenschaftlerin mahnte vergangenen Montag bei Plasberg: „Die deutsche Außenpolitik setzt schon zu lange nur auf Dialog und Wirtschaft!

Vassili Golod (31). Der deutsch-ukrainische Journalist saß damals neben ihr und sagte, Russland sei für die Ukrainer wie ein „toxischer Ex-Partner, der nicht einsieht, dass die Beziehung vorbei ist“.

Hermann-Josef Tenhagen (57). Der Wirtschaftsjournalist („Finanztip“) sorgt sich um Deutschlands Erdgas: Preise rauf, Speicher leer.

Lauter alte Bekannte. Haben sie neue Ansichten? Das Zoff-o-Meter ist auf alles gefasst!

Eindeutigstes Urteil

Röttgen ist kein Scharfmacher, aber jetzt können nur noch klare Ansagen helfen: „Das ist ein eklatanter Bruch des Völkerrechts“, erklärt er ohne Wenn und Aber und fürchtet: „Die Separatisten werden jetzt um militärische Hilfe nachsuchen.“

„Dieser Völkerrechtsbruch ist auch verbunden mit der Rede, die Putin heute gehalten hat“, fügt der Außenpolitiker besorgt hinzu. „Diese Rede übertrifft noch einmal alles. Diese Rede ist eine Kriegsrede!“

Entlarvendste Beobachtung

Lielischkies hat bei der Sitzung des russischen Sicherheitsrats genau hingeschaut: „Der entscheidende Lapsus stammte von Sergei Naryshkin, dem Chef des Auslandgeheimdienstes“, berichtet der Kreml-Kenner. Der Mann sei „hochnervös“ gewesen und „habe ein bisschen herumlaviert.“

Putin forderte ihn auf: Reden Sie mal deutlich! Was wollen Sie? Der Geheimdienstchef: Ja, ich stimme der Annektion der beiden Gebiete zu. Lielischkies weiter: „Putin sprang sofort rein und sagte: Moment! Darüber reden wir noch gar nicht. Wir reden erst mal nur über die Anerkennung…“

Makaberste Vergleiche

Journalist Golod berichtet aus einem Telefonat mit einem russischen Studenten in Jekaterinburg: „In Russland gehen memes (witzige Internetschnipsel) herum, und alle sagen, wie oberlehrerhaft sich Putin verhalten hat. Die Rede wirkte gespielt, fast wie eine Netflix-Serie.“

Und, so Golod: „Das russische Staatsfernsehen ist eine Art Reality-Show“.

Ist Putin eine unguided missile, wie eine Rakete, die unkontrolliert durch die Gegend fliegt?“ will Plasberg von der Politologin wissen.

Pagungs illusionslose Antwort: „Ich fürchte, dass die westlichen Möglichkeiten zur Einflussnahme auf die Entscheidungsfindung wirklich sehr begrenzt sind. Die erneute Kriegsgefahr ist enorm hoch!“

Peinlichster Infoversuch

Aus Moskau ist ARD-Korrespondentin Ina Ruck zugeschaltet. „Putin schaut offenbar sehr wirklichkeitsfremd auf die Ukraine“, vermutet sie. „Er kennt dieses modernisierte Land nicht, weiß nicht, was die Leute dort von ihm denken. Er wirkte blass, nicht gut gelaunt.“ Uff!

Der Talkmaster will wissen, ob Putins historische Kriegsrede nur im russischen Staatsfernsehen oder auf allen Kanälen gelaufen sei. Antwort der Korrespondentin: „Ich habe jetzt, ehrlich gesagt, nicht umgeschaltet. Ich weiß nicht, ob alle das übertragen haben.“ Nun, Brüder eine gute Nacht…

Alarmierendste Diagnose

Lielischkies hat deutlich mehr zu bieten: Er zitiert aus einem Artikel der „New York Times“, dass „Putin womöglich krank“ sei. Die Russland-Kennerin Fiona Hill mutmaßte dort, „dass er mit Steroiden behandelt wird“.

Sein eigener Eindruck: „Im Fernsehen wirkte er heute nicht ganz so wie noch vor einigen Monaten.“ Die US-Expertin beschreibe zudem eine „zunehmende Isolation“ Putins, der sich auch wegen der Corona-Pandemie total abgeschottet habe. Er sei „verbittert“ und „deutlich emotionaler, deutlich entschlossener“.

Krummste Parallele

Plasberg möchte mit einem Nachtreten gegen Ex-Präsident Donald Trump punkten: „Bei ihm haben wir uns auch gefragt: Was passiert eigentlich, wenn ein Mensch jede Kontrolle verliert, einen Angriffsbefehl gibt, den (Atom-)Koffer auspackt? Gibt es Militärs, die ihm in den Arm fallen?“

Einspruch! Da gebe es „große Unterschiede“, beschwert sich der FDP-Fraktionschef. Die USA seien „eine starke Demokratie, die einen abgewählten Präsidenten auch losgeworden ist“. Putin dagegen wolle sich als „heilige Figur, als ein Art Cäsar implementieren“.

Brutalster Kommentar

Zu den Sanktionen steuert Plasberg ein besonders grobschlächtiges Zitat bei: „Ein russischer Diplomat hat uns gesagt: Das geht uns am Arsch vorbei!“

Über die korrupte Kreml-Clique urteilt der Talkmaster ungewöhnlich milde: „Es gibt viele auch sehr wohlhabende Menschen, die in diesem wirtschaftlich nicht ganz sauberen System, um es vorsichtig zu sagen, große Profiteure sind…“ Ach was!

Gerechtestes Moralurteil

Bei Sanktionen gegen Oligarchen „müssen wir uns darauf einstellen, dass sie sie erst mal näher an das System binden“, sagt die Politologin voraus, „weil die Quelle ihres Reichtums, beispielsweise Staatsaufträge, aber auch Rohstoffe in Russland liegen.“

Dennoch hätten solche Maßnahmen oft große Wirkung: „Wir sehen massive Versuche über russische Netzwerke, den Sanktionskonsens in Europa zu brechen“, stellt Pagung fest und hat auch ein Beispiel parat: „Denken Sie an die Opposition von Gerhard Schröder zu den Sanktionen!“

Entmutigendster Kommentar

In Brüssel beobachtet ARD-Korrespondent Markus Preiss „hektische Ratlosigkeit“. Die geplanten Strafmaßnahmen gegen „diejenigen, die an dieser rechtswidrigen Tat beteiligt sind“, würden „in Moskau wirklich niemanden jucken“.

Sanktionen auf dem Finanzmarkt wiederum würden auch für Europa sehr teuer, und da „geht das Gerechne schon wieder los“, meint Preiss. Vor allem „Deutschland, Österreich und Italien stehen auf der Bremse.“

Klarsichtigste Analyse

„Das Kernproblem Russlands ist seine Schwäche, ist die Unfähigkeit, dieses Land zu modernisieren“, weiß Röttgen. „Denn wenn man dieses Land modernisiert, würde man die Machtfrage stellen. Das politische System und dass Ausbeutungssystem der Oligarchen ist nicht voneinander zu trennen.“

„Ich glaube, das ist Putin schon vor Jahren klargeworden“, vermutet der Außenpolitiker. „Er ist in der Sackgasse, und er versucht sich dadurch zu retten, dass er immer tiefer hineinläuft.

Düsterste Perspektive

„Putin ist ein Gefangener seines eigenen Systems“, assistiert Lielischkies. „Er wird immer mehr von den Geheimdiensten gestützt, vor allem vom Inlandsgeheimdienst FSB, und der hat in den vergangenen Jahren völlig dieses Raubrittertum übernommen.“

„Inzwischen ist der FSB der große Player“, konstatiert der Journalist. „Es gibt keinen Deal mehr, wo nicht irgendein FSB-Mann mit abgreift. Wer in Putins Umfeld ist nicht FSB-Mann? Selbst die Gouverneure sind in Mehrheit aus den Reihen der Geheimdienste.“

Das üble Prinzip, so Lielischkies: Putin habe einen „Sicherheitskordon“, und als Belohnung dafür hätten seine Leute „das Recht, zu stehlen“.

Deutlichste Absage

„Putin hat heute nun wirklich endgültig klargemacht, wie er vorgehen wird und was er will“, kommentiert Röttgen kühl. „Putin will nicht verhandeln. Er hat klare Ziele. Es ist angemessen, zuzuhören, was er sagt!

Zu den Aufforderungen deutscher und europäischer Politiker, im Dialog zu verhandeln, meint der Außenpolitiker: „Wenn Putin das hört und es so bliebe, würde er sich geradezu ermuntert fühlen und sagen: Die sind ja noch schwächer, als ich schon dachte! Und er hält sowieso schon sehr wenig von uns…“

Wuchtigste Ansage

Für Röttgen ist „völlig klar, dass es dieses Sanktionspaket jetzt geben muss“, denn: „Jetzt irgendwie rechtlich-technokratisch, jetzt machen wir vielleicht mal dies, ein paar Oligarchen – das ist Putin schnurzegal!“

Seine Forderung: „Wenn diese Sanktionen in puncto Abschreckung noch etwas bewirken sollen, dann müssen sie jetzt kommen!“

Vernichtendste Kritik

„Dieses Bauerntheater!“ schimpft Lielischkies. „Putin befragt (Außenminister) Lawrow: Gibt’s noch eine Chance? Ja, die gibt’s noch. Hm, sagt Putin, toll! Dann kommt Scholz, und Macron, und beide haben die Illusion mit nach Hause gebracht, unter großem Jubel der Presse ihrer Hauptstädte, da ist was bewegt worden…“

Pustekuchen! „Das war alles ein kleiner billiger Bluff!“, wettert der Journalist und hebt enttäuscht die leeren Hände. „Das ist eigentlich eine Ohrfeige, wenn gleichzeitig die Truppen gar nicht abziehen, sondern verstärkt werden.“

Bitterste Bilanz

„Das sind klare Signale“, stellt Lielischkies dazu fest. „Da will niemand verhandeln. Umso beschämender finde ich es dann, wenn Teile der SPD, zum Beispiel (Fraktionschef) Mützenich oder (Generalsekretär) Kühnert immer noch die Illusion erwecken, wir machen hier falsches Kriegsgeschrei!“

Golod zitiert den Bundespräsidenten, der gesagt hatte: „Herr Putin, nehmen Sie die Schlinge vom Hals der Ukraine!“ Statt dessen habe Putin sogar „diese Schlinge fester gezogen.“

Dramatischste Gefahr

Als nächstes werde Putin versuchen, nicht nur die bereits russisch besetzten, sondern auch die noch von der Ukraine gehaltenen Teile der Verwaltungsbezirke Donezk und Lugansk zu erobern, fürchtet Ruck in Moskau. Mehr noch: Wenn die Regierung in Kiew nichts dagegen unternehme, drohten Massenproteste und womöglich der innere Zerfall.

Zu erhofften Gipfeln der Außenminister oder sogar der Präsidenten Russland und der USA sagt Röttgen klipp und klar: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass es ein Treffen zwischen Joe Biden und Wladimir Putin gibt. Das halte ich für ausgeschlossen.“

Plastischstes Beispiel

„Putin verhält sich wie ein Python“, sagt Lielischkies zum Schluss. „Er umschlingt das Opfer, drückt ein bisschen, wartet, bis das Opfer ausatmet, macht es wieder enger, und das dauert so drei, vier, fünf Mal, dann ist es irgendwann so weit, und man kann zum Festmahl schreiten.“ Dann hilft nicht mal Beten.

Fazit

Infos, Meinungen und Expertisen ganz ohne das ARD-typische Einerseits-Anderseits, die Putin-Versteher mussten draußen bleiben, endlich mal dienten alle Gäste der Wahrheit und Klarheit, das Zoff-o–Meter konnte nur applaudieren: Das war eine Talkshow der Kategorie „Real-Schule“.

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