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Trotz steigender Corona-Zahlen: Jens Spahn rechtfertigt bei Maischberger den Verzicht auf Notzulassungen

„maischberger. die woche“. ARD, Mittwoch, 13.Januar 2021, 24 Uhr.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat in der ARD-Talkshow „maischberger. die woche“ die Entscheidung der EU verteidigt, neue Impfstoffe trotz aller Ungeduld nicht durch Notzulassungen rascher verfügbar zu machen.

Wörtlich sagte der Minister: „Warum haben die USA, Großbritannien oder Bahrein früher geimpft? Weil sie eine Notzulassung gemacht haben! Wir in der EU haben gesagt: Wir machen keine Notzulassung! Wir brauchen Vertrauen in diesen Impfstoff! Ich bin sicher, die Impfbereitschaft hängt auch sehr davon ab, wie die Zulassung war!“

Zweite Corona-Welle, zweiter Lockdown, zweites Amtsenthebungsverfahren gegen Trump! Viel Stoff für die zweite Maischberger-Show im jungen Jahr. Aber der Star des Abends ist erste Wahl! Die Gäste:

Spahn rudert in schwerer See: Impfstoff-, Masken-, Inzidenzprobleme und immer noch kein Land in Sicht!

Die demokratische US-Kongressabgeordnete Robin Kelly fürchtete beim Sturm auf das Capitol um ihr Leben.

Der Politologe Christian Hacke warnt: „Trump wird jeden Tag seine Leute aufputschen!“

Der Kabarettist Urban Priol war die optische Überraschung des Abends: Seit die Friseure schließen mussten, hat der notorische Struwwelpeter plötzlich eine halbwegs vernünftige Frisur!

Die Journalistin Melanie Amann („Spiegel“) richtet ihre Skepsis immer besonders auf die Politik der Union.

Der Journalist Robin Alexander (WELT-Vize) nimmt sich gern die Linke zur Brust.

Der Grill ist an, das Zoff-o-Meter ebenfalls! Schönste Anekdote:

Kabarettust Priol stammt aus Aschaffenburg und lieferte zum Anpfiff milden Corona-Humor aus dem bayerisch-hessisch-württembergischen Dreiländereck: „Wenn ich mit meiner Freundin spazieren gehen wollte, musste ich sie im Kofferraum nach Hessen schmuggeln!“

WELT-Alexander fand das nicht besonders witzig: „Ich würde nicht unterschätzen, dass die Politiker wirklich Angst haben“, machte er der Runde klar. Denn auf die britische Mutante des Virus sei niemand vorbereitet gewesen.

Spannendste Kommentare

„Die Mutation hat die Politiker bis ins Mark erschüttert“, urteilte der Journalist. „Jetzt wird kommunikativ eine Verschärfung vorbereitet: einen ganz, ganz harten Lockdown.“ Uff!

„Auf mich wirkt Jens Spahn immer wie eine wandelnde Arzneimittelwerbung, mit Risiken und Nebenwirkungen im Kleingedruckten“, lästerte „Spiegel“-Amann. Über die Kommunikationsstrategie des Ministers spottet die Journalistin: „Das sind immer so doppelbödige, wolkige Aussagen!“

Härteste Vorwürfe

„Zwei große Fehler sind gemacht worden“, rügte Alexander die Regierungspolitik. „Am Anfang hatten wir keine Masken, und dann hatten wir den Impfstoff später als Israel, die Amerikaner, die Briten und sogar Bahrein!“

Damit nicht genug: „Und heute hat Jens Spahn im Parlament einen Riesen-Pappkameraden aufgebaut“,  wetterte der WELT-Mann. „Der Impfnationalismus! Und es wäre so schlimm, dass man nur Deutsche impfen wolle! Das hat aber nie jemand gesagt!“

Interessanteste Interpretation

Über die guten Umfragewerte des Bundesgesundheitsministers sagte Alexander: „Diese Bewegung für Jens Spahn speist sich aus der Enttäuschung über Armin Laschet.“

Deshalb habe Spahn durchaus Chancen auf das Kanzleramt: „Wenn Laschet CDU-Vorsitzender wird und die nächsten Landtagswahlen krachend verliert“, orakelte der Journalist, „dann sind alle anderen Regeln völlig egal!“

Energischste Durchhalteparole

Spahn startete mit seinem Paradeprogramm: Vertrauen aufbauen. „Es funktioniert nicht nur durch staatliches Handeln, es funktioniert nur, wenn alle mitmachen und mitmachen wollen“, stellte er fest. „Aufeinander aufpassen, Abstand halten, Kontakte reduzieren!“

Nicht die Politik sei der „Spielverderber“, sondern das Virus, beteuerte der Minister. Sein wichtigstes Argument: „Die Zahlen sind so hoch, weil wir noch zu viele Begegnungen miteinander haben!“

Diese Zahlen aber, so Spahns Appell, „werden wir nur runterkriegen, wenn wir zumindest eine Phase lang noch weiter die Kontakte reduzieren. Das ist der einzige Weg – ohne ausreichend Impfstoff.“

Ehrlichstes Eingeständnis

Zum überraschenden Auftreten, der schnellen Verbreitung und der mangelhaften Bekämpfung der neuen Corona-Mutante sagte der Minister sichtlich bedrückt: „Es ist leider so, dass in vielen Ländern Europas nicht ausreichend sequenziert wird. Die Deutschen gehören dazu…“

Aber, so Spahn: „Wir ziehen jetzt sehr, sehr stark nach! „Ich tippe mal, es gibt in diesem Land nicht so viele Journalisten, Politiker, Wissenschaftler, Bürger, Kabarettisten, die nicht auch mal falsch gelegen haben!“

Ernüchterndste Prognose

Für die nächsten Wochen gelte, so der Minister, „was wir gesagt haben, was auch ich gesagt habe: Dass dieser Winter hart wird. Und der Winter geht bis Ende März. Wir werden am 1.Februar nicht alle Beschränkungen aufheben können. Sie werden verlängert werden müssen!“ Puh!

Über Ostern könne man jetzt noch nichts sagen, außer der Warnung: „Es liegt ja an uns, wie schwer wir es dem Virus machen!“

Erwartbarste Aussage

Was tun? „Wir diskutieren gerade mit den Arbeitgebern und den Gewerkschaften noch mal über die Frage, wo mehr Home Office möglich ist“, berichtete Spahn und erlaubte sich eine ziemliche platte Ironie: „In der Pflege und bei der Polizei ist es offenkundig nicht möglich.“ Ach nee!

Auch der Kern der ministerlichen Verteidigungsstrategie lag bald offen: „Wir haben kein Problem in der Menge“, behauptete Spahn, sondern: „Wir haben jetzt eine Knappheit.“

Simpelste Rechnung

Die wichtigsten Fragen beträfen jetzt die Impfdosen der weiteren Hersteller, meinte Spahn. „Wird AstraZeneca eine Zulassung bekommen? Wird Johnson & Johnson eine Zulassung bekommen?“

Seine Einschätzung: „Wenn ja, werden wir sehr viel mehr Dosen haben, als wenn das nicht der Fall ist. Deswegen ist im Moment das Vorhersagen so schwer.“ Heidewitzka!

Ungewöhnlichste Erklärung

Zum Ärger über fehlende Impfdosen erklärte der Minister: „Wir hätten auch mehr bestellen können. Die Frage ist: Hätte das jetzt am Anfang einen Unterschied gemacht?“

Als Antwort macht Spahn eine ungewöhnliche Rechnung auf: „Da bei Pfizer-Biontech eine Produktion ausgefallen ist, haben sie nur halb so viel vorproduzieren können, nämlich 50 Millionen Dosen für die ganze Welt. Das heißt, mehr bestellt hätte vielleicht nach hinten mehr Menge bedeutet, aber nicht vorne mehr.“ Uiuiui!

Dann gab es Zoff-o-Meter

„Andere Länder haben mehr in dieser Phase, und dieser Winter fordert mehr Tote!“ murrte die Talkmasterin.

Die verblüffende Antwort des Ministers: „Wir haben ausreichend Menge. Die Anfangsknappheit ist trotzdem da!“

Wortreichste Verteidigungsrede

Die Talkmasterin wollte ihn damit nicht davonkommen lassen: „Früher impfen rettet Leben!“ sagte sie so klar wie wahr.

„Das ist ohne Zweifel so“, gab der Minister zu. „Aber ich finde, wir müssen in den deutschen Debatten ein bisschen aufpassen, diese Überschriften, die da zum Teil gemacht werden!“

Aufschlussreichste Argumentation

„Die Todeszahlen, die wir heute zu beklagen haben“, führte der Minister aus, „haben etwas zu tun mit der Situation von vor zehn, vierzehn Tagen. Die haben was damit zu tun, wie wir Weihnachten verbracht haben!“ Mit „wir“ meinte Spahn natürlich „ihr“, das undisziplinierte Volk.

Und: „Wir impfen erst die Bewohner in den Pflegeheimen, was deutlich zeitaufwendiger ist. Wir hätten die einschränkenden Maßnahmen so oder so jetzt gebraucht, um Leid zu vermeiden, auch wenn es möglicherweise etwas mehr Impfdosen gegeben hätte!“

Deutlichste Absage

Zum Vorschlag des bayerischen Ministerpräsidenten, über eine Impfpflicht nachzudenken, sagte Spahn: „Erst mal ist eine geführte Debatte immer was Gutes. Es gibt ja auch für beide Seiten Argumente.“

Großes Aber: „Ich bin mir nicht sicher, ob die Bereitschaft, sich impfen zu lassen, wächst, wenn wir zu einem solchen Instrument greifen!“ warnt der Minister. Und die Pflegekräfte würden es „nicht als Wertschätzung empfinden, wenn wir jetzt über ihren Kopf hinweg entscheiden!“

Spahns allerwichtigster Punkt: „Zudem habe ich im Deutschen Bundestag mein Wort gegeben, dass es in dieser Pandemie keine Impfpflicht geben wird.“ Rumms!

Gretchenfrage des Abends

„Wenn das nicht klappt im Sommer“, warf Maischberger mitten in Spahns Ankündigungen ein, „was heißt das dann für Ihre Ambition aufs Kanzleramt?“

„Ich tue erst mal alles, dass es klappt“, antwortete der Minister. „Ich habe ja auch schon mal für den CDU-Vorsitz kandidiert, 2018.“

Temperamentvollste Bewerbungsrede

„Für mich ist das wichtigste Ziel, dass wir zusammenbleiben“, erklärte Spahn danach mit Überzeugung. „Dass wir nicht nur einen Kanzlerkandidaten stellen, sondern auch eine Kanzlerschaft daraus erwächst.Und: „Dass es nach 16 Jahren Angela Merkel nicht vorbei ist für die CDU, sondern dass es die richtige Mischung gibt aus Kontinuität und Neustart in ein neues Jahrzehnt!“

Kompetenteste Kurzkritik

„Spiegel“-Amann übernahm die fällige Abreibung. „Nebelkerzen!“ schimpfte die Journalistin. „Wir impfen viel später als andere Länder. Wir impfen viel weniger. Wir haben anfangs viel weniger Impfstoff bestellt!“

Beklemmendste Warnung

Für das USA-Thema blieben nur wenige Minuten. Zu Arnolds Schwarzeneggers Vergleich des Sturms aufs Capitol mit der Reichspogromnacht von 1938 sagt Prof. Hacker: „Die Methoden erinnern an Faschismus. Aber der Faschismus selbst ist in der damaligen Zeit viel härter, viel brutaler.“

Allerdings hatte der Wissenschaftler auch eine deutliche Warnung dabei: „Der Faschismus ist etwas, das in gewandelter Form anderen Methoden durchaus wieder austauchen kann!“

Emotionalster Erinnerung

Die Kongressabgeordnete berichtete über die schlimmen Stunden im Heiligtum der amerikanischen Demokratie: „Wir hörten Schüsse, fielen auf den Boden, gingen auf allen Vieren. Leute riefen: Laufen Sie! Es ging die Treppe runter und durch viele kleine Tunnel. Das war schon sehr furchteinflößend.“

Ein Foto zeigte, wie die Abgeordnete vor den Stühlen rücklings auf dem Boden liegt. „Ich habe gedacht, das könnte das Ende sein“, berichtete sie nun. Deshalb müsse Trump jetzt sofort aus dem Weißen Haus geworfen werden: „Wir haben das Gefühl, dass er eine wirkliche Gefahr darstellt für dieses Land. Und wir wollen nicht, dass er jemals wieder kandidiert.“

Fazit: Die Talkmasterin stellte die richtigen Fragen, der Minister haute seine Argumente im Flatrate-Stakkato raus und die Journalisten verzichteten darauf, sich als Haltungsgiganten zu profilieren. Das war ein Talk der Kategorie „TÜV bestanden“.

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