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Thüringen-Talk bei Maischberger: Warum Katja Kipping laut über Bodo Ramelow fluchte

„maischberger. vor ort.“ ARD, Mittwoch, 11.Februar 2020, 22.45 Uhr.

Die Linke-Parteichefin Katja Kipping hat in der ARD-Talkshow „maischberger. vor ort“ bekannt, dass sie über die Entscheidung des thüringischen Ministerpräsidenten Bodo Ramelow, für einen Kandidaten der AfD als Landtagsvizepräsident zu stimmen, mehr als nur irritiert war.

Wörtlich sagte die Politikerin, die mit einem strammen Antifa-Kurs vor allem die Hufeisentheorie der Unionsparteien aushebeln will, über die Entscheidung aus Erfurt: „Als ich das gehört habe, habe ich erst mal ganz schön geflucht!“

„Dann aber“, so die Linke weiter, „habe ich mit Bodo Ramelow telefoniert, und er hat mir sein Dilemma geschildert.“

„Er sah“, so Kipping jetzt , „die Gefahr, dass die Richterausschüsse nicht mehr besetzt werden können“ – dazu braucht es im Landtag eine Zweidrittelmehrheit.

Härteste Attacke

Doch, so die Linke: „Ich würde mich immer noch anders entscheiden!“

„Doppelmoral!“ giftete daraufhin der neue AfD-Chef Tino Chrupalla. „Sie wählen Abgeordnete von uns nicht in die Gremien, aber Sie wählen und unterstützen eine Deutschland-Hasserin wie Claudia Roth!“

Vor vier Wochen hatte Sandra Maischberger Thüringens damals gerade abgewählten Ministerpräsidenten Bodo Ramelow zu Gast. Jetzt fuhr Deutschlands innovativste Talkmasterin selber nach Erfurt – für ihre neue Rede-Runde „maischberger.vor ort“.

Die Gäste

Kipping twitterte zuletzt: „Als Linke muss uns bewusst sein, dass jede Äußerung von uns immer auch im Lichte der Verbrechen gesehen werden kann, die im Namen des Sozialismus begangen wurden!“

Chrupalla wurde letzte Woche Opfer eines Brandanschlags. Dabei wurde das Auto des Bundesvorsitzenden zerstört.

Mario Voigt, neuer CDU-Fraktionschef, ist Professor für Digitale Transformation und Politik.

Der Erfurter Politikwissenschaftler André Brodocz ist Vertrauensdozent der grünen Heinrich-Böll-Stiftung.

Alter Hass oder neue Töne? Erst einmal Corona!

Was passiert mit den Unternehmen, die jetzt Probleme haben? wollte eine Zuschauerin als erstes wissen. „Linke“-Kipping forderte ein „Pandemie-Überbrückungsgeld.“ CDU-Voigt möchte Bürgschaften, Steuerstundung und „Auftragseinbrüche abfedern“, etwa in der Gastronomie durch „schnelle unbürokratische Hilfe“. AfD-Chrupalla will vor allem „Entlastung für den Mittelstand“ und prophezeite: „Für den Tourismus wird es ein schweres Jahr.

Dann schon der erste Zoff

„Die Ereignisse haben uns als AfD sehr nachdenklich gemacht“, erklärte der Voigt zur Erfurter Wirr-Wahl. Denn, so sein Vorwurf: „Wie die Bundeskanzlerin aus dem fernen Pretoria ein Wahlergebnis rückgängig machen wollte, das erinnert am finsterste Zeiten, die ich als Kind miterlebt habe in der DDR!“

Gründlichste Analyse

„Frau Merkel ist wie alle nicht fehlerfrei“, gab der CDU-Fraktionschef zu, kritisierte aber als ersten Fehler: „Rot-Rot-Grün ist in eine Wahl gegangen, ohne eine Mehrheit zu haben.“

Dann kam er auf den entscheidenden Punkt: „Wir anderen konnten uns nicht vorstellen, dass es eine Partei gibt, die ihrem Kandidaten null Stimmen gibt, um alle anderen im Parlament auszutricksen. Die AfD hat der Demokratie einen wahnsinnigen Schaden zugefügt!“

Aggressivste Attacke

Die „Linke“-Chefin nahm die Mitte aufs Korn: „Das Problem der CDU ist nicht Angela Merkel, sondern die Hufeisentheorie“ sagte sie.

Denn, so ihre These: Mit dem gleichen Abstand zur „demokratische Linken“ wie zur AfD manövriere sich die CDU im Osten in die Handlungsunfähigkeit. Ihre alte Forderung: „Die Hufeisentheorie muss fallen!“

Durchschaubarstes Eingeständnis

Einspruch Maischberger: Die Talkmasterin beanstandete, dass die Politiker allesamt den Fehler nicht bei sich, sondern bei den anderen suchten.

Kipping machte trotzdem im gleichen Stil weiter: Schuld seien vor allem CDU und FDP. Aber wenn es unbedingt um eigene Fehler gehen solle – nun gut, auch die Linke habe einen solchen gemacht, und zwar: „Wir haben uns nicht vorstellen können, dass es so eine Trickserei gibt!“

Strengster Verweis

Damit ließ Talkrichterin Maischberger die listige Linke aber nicht davonkommen: „Sie sind in eine Wahl gegangen, ohne eine eigen Mehrheit zu haben!“ warf sie ihr vor.

Da geriet Kipping ins Schwurbeln: Man habe ja „irgendwie eine Regierung schaffen“ müssen, rechtfertigte sie ihre Genossen.

Ehrlichstes Geständnis

Voigt machte es anders: „Der Fehler der CDU war, nach dem Wahltag nicht zu sagen: Wir sind Opposition!“ gab er ohne Umschweife zu.

Chrupalla setzte lieber auf Attacke: „Wir haben klar gesagt: Wir wollen Rot-Rot-Grün verhindern!“ verteidigte er seine Leute. „Jetzt aber hat die CDU die SED wieder ins Amt gefördert.“ Laute Protestrufe im Publikum!

Überraschendstes Gutachten

Hier benötigte Maischberger eine Expertise: Wie verwerflich war die Wahl eines FDP-Kandidaten mit AfD-Stimmen wirklich?

Gar nicht, meinte Prof. Brodocz zur allgemeinen Verblüffung.

Denn, so der Politologe: „Ich glaube, hier wurde mit offenen Karten gespielt. Die AfD hatte schon vorher immer gesagt, sie sei bereit, einen Kandidaten mit CDU und FDP zu wählen.“

Sein Urteil: „Das kam nicht völlig überraschend. Politik ist auch ein strategisches und taktisches Spiel!“

Wink mit dem Zaunpfahl

Doch: „Wenn dieses ganze Kooperieren nicht funktionieren sollte“, warnte der Professor, „kann der Ministerpräsident jederzeit die Vertrauensfrage stellen. Und dann kommen wir schneller zu Neuwahlen, als wir uns das im Moment ausmalen können!“

Dem CDU-Fraktionschef behagte diese Aussicht wenig:

„Wir wollen die Hochschule in Erfurt vernünftig ausstatten!“ sagte er rasch. Dort lehrt auch Prof. Brodocz.

Doch finanziell sind der Politologe und die Seinen sowieso auf der sicheren Seite. „Wir haben ja einen Haushalt für dieses Jahr“, konterte er ganz locker.

Emotionalste Erzählung

Ein Zuschauer schimpfte auf die AfD: „Wer jemals im KZ Buchenwald war, kann keine Partei mit einem Flügel wählen!“ Da klatschte auch Kipping.

Danach aber berichtete derselbe Zuschauer: „Meine Frau versuchte mit einem Einser-Abitur ein Medizinstudium. Das wurde ihr verweigert mit der Begründung: Christen studieren keine Medizin in der DDR!“

Dafür gab es keinen Applaus, und Kipping drückt es vor Anspannung die Knöchel aus den gefalteten Händen.

Flaueste Antwort

„Meine Frau sollte Agrarwissenschaften studieren“, schilderte der Zeitzeuge weiter. „Fünf Jahre später kam die Stasi und erpresste mich: Wenn ich nicht für sie arbeite, verliere meine Frau ihren Studienplatz, und meine krebskranke Mutter wird auch nicht mehr behandelt!“

Seine Frage: „Warum tun Sie sich immer noch so schwer, diesen Staat als Unrechtsstaat zu bezeichnen?

„Ein Unrecht, für das es kein Rechtmäßigkeit gibt“, räumte die Linke-Chefin zwar ein. Aber: „Ich weiß, dass Bodo Ramelow sich sehr dafür eingesetzt hat, solches Unrecht aufzuarbeiten…“

Bewegendste Erinnerung

„Ich war Pionier, ich war FDJ, ich war in der SED“, berichtete eine Zuschauerin. „Es gibt nichts an der DDR, wofür ich mich schämen würde.“ Erhebliche Unruhe im Publikum!

„Mein Urgroßvater und mein Großvater wurden in der ‚Aktion Ungeziefer‘ 1953 zwangsausgesiedelt!“ entgegnete Voigt sichtlich betroffen. „Glauben Sie, dass Familien in Thüringen das nicht von Generation zu Generation weitergeben? Es war SED-Unrecht, und das muss man auch so nennen können!“

Interessanteste Info

Eine andere Zuschauerin beschwerte sich darüber, dass die Polizei ständig beschimpft werde. Überall in Erfurt stehe „ACAB“ („All Cops Are Bastards“).

„Unsere Innenpolitiker gehen höchstpersönlich hin und putzen es weg“, berichtete Voigt. „Wir machen das als Abgeordnete selbst!“

Schönstes Schlusswort

„Unser Grundgesetz schützt die Demokratie und die Grundrechte“, machte Kipping später klar. „Unser Grundgesetz schützt nicht die kapitalistische Profitlogik!“

„Ich finde es super, wenn man im Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern ist“, lobte sie am Ende, „weil, wir sind alle gezwungen, uns kürzer zu fassen, und das ist ein echter Erfolg dieser Sendung!“

Fazit

Spannendes Konzept, exzellenter Experte, souveräne Talkmasterin und Politiker im Scharfsprechmodus mit viel Vorzeigetoleranz, aber immer wieder auch Selbsterkenntnis: Das war ein Talk der Kategorie „Klar-Anlage“!

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