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Talk-Thema „Sterbehilfe“: Plasbergs traurige Erinnerung an den Tod seiner Mutter

„Hart aber Fair: Gottes Wille oder des Menschen Freiheit: Was zählt beim Wunsch zu sterben?“ ARD, Montag, 23.November 2020, 21.45 Uhr.

ARD-Talkmaster Frank Plasberg hat nach dem TV-Film „Gott“ über einen fiktiven Prozess um das Recht auf ärztliche Hilfe beim Freitod in seiner Talkshow tief bewegt über den Tod seiner Mutter gesprochen.

Plasberg hatte hat im Juni den Vater und gut ein Jahr zuvor die Mutter verloren, „die am Schluss ihres Lebens zwar ihre Würde behalten hat, aber nicht mehr in der Lage war, in irgendeiner Weise sich selbst zu helfen.

Zum Thema Sterbehilfe sagte der Talkmaster über seine Mutter dankbar: „Ich bin froh, dass sie mich nicht gefragt hat!“ Mit ihm diskutierten Experten für den selbstgewählten Weg ins Jenseits teils ebenfalls sehr emotional.

Georg Bätzing, Bischof von Limburg und Chef der katholischen Seelenhirten, will sich in Sachen Sterbehilfe von den evangelischen Brüdern in Christo „nicht leicht auseinander dividieren lassen“.

Susanne Johna, Internistin aus dem Vorstand der Bundesärztekammer, stellt klar: „Mitwirkung bei Selbsttötung ist keine ärztliche Aufgabe!“

Die Medizinethikerin Prof. Bettina Schöne-Seifert sagte voraus, dass bei dem Thema „ein Dammbruch stattfinden wird“.

Der Altenpfleger Olaf Sander stand seiner Mutter beim Suizid bei und nennt das Sterbehilfe-Verbot für Ärzte „zutiefst inhuman und ethisch nicht akzeptabel“.

Zum Start eine Abstimmung

In dem Film „Gott“ ging es um einen lebensmüden 78-jährigen, der, obwohl kerngesund, nach dem Tod seiner Frau von seiner Hausärztin ein todbringendes Medikament haben will. Autor Ferdinand von Schirach ließ den Deutschen Ethikrat darüber diskutieren.

 

Nach dem Film sollten sich die ARD-Zuschauer entscheiden: Muss die Ärztin dem Lebensmüden zum Sterben verhelfen? Die Studiogäste wurden schon gleich zu Beginn gefragt. Die Ethikerin und der betroffene Sohn waren dafür, die Ärztin und der Bischof dagegen.

Klarste Positionsbestimmung

Der Talkmaster kam gleich voll in den Flow: Der 78jährige aus dem Film wolle doch nur „auf humane Art sterben“, sagte Plasberg zu dem Bischof. „Warum wollen Sie ihm diesen Wunsch verwehren?“

Humanes Sterben geschieht – und das ist eigentlich Sterbehilfe, wie ich sie verstehe – derzeit in Hospizien“, antwortete Bätzing cool.

Emotionalste Erinnerungen

Auch die Ärztin lobte die moderne Palliativmedizin, doch Plasberg funkte dazwischen: „Sie reden über Schmerzen, ich rede über Würde!“

Ärztin Johna erlebte Ähnliches wie der Talkmaster: „Mein Mutter hat eine Demenz“, berichtete sie, aber: „Ich glaube schon, dass sie sich noch an Blumen erfreuen kann. Das ist nicht automatisch ‚nicht mehr würdevoll‘!“

Bewegendste Schilderung

„Ich habe meine Mutter nicht getötet“, machte Sander klar, „das hat sie selbst gemacht.“ Aber: „Ich habe es zurechtgestellt.“

Sein Vorwurf: „Ich war mutterseelenalleine, im wahrsten Sinne des Wortes! Da war niemand da, der mich aufgefangen hat!“

Sein erschütternder Bericht: „Ich bin gegangen, bevor sie gestorben ist, und habe mich in einer Spielothek versteckt, weil ich wusste: Da sind Kameras. Da kann ich nachweisen: Ich war nicht da.“ Die Gefahr, sonst wegen unterlassener Hilfeleistung angeklagt zu werden, sei zu groß gewesen.

Interessanteste Zahl

Ethikerin Schöne-Seifert ging mit einer bequemen Wahrheit ins Rennen: „Ich finde es richtig, dass Selbstbestimmung das letzte Wort hat, und auch Selbstbestimmung über die eigenen Würdevorstellungen“, meinte sie.

Die große Mehrheit der ARD-Zuschauer ist ebenfalls dieser Ansicht: „Ja, er soll das Medikament bekommen, sagen 70,8 Prozent“, verkündete Plasberg nach zehn Minuten. „29,2 Prozent sagen: Nein. Sowas nennt man wohl eine überwältigende Mehrheit!“

Klügste Kritik

Erfreut reitete der Talkmaster sein antiklerikales Lieblingspferdchen: „Sind wir auf dem Weg in ein gottloses Volk?“ fragte er den Bischof. Doch Bätzing war von der Entscheidung des Publikums „nicht überrascht“, denn: „Ich glaube, dass durch das Schauspiel ein Stück Suggestion auch dabei ist.“

Wichtigster Einwand des Bischofs: Das heiße doch auch, dass es immer einen Menschen geben müsse, der das Medikament verabreiche, im sicheren Wissen, dass der Empfänger daran sterben werde. Bätzings Frage: „Wer von den Zuschauern würde die Verantwortung dafür übernehmen?“

Ehrlichstes Bekenntnis

„Meine Mutter hat 78 Jahre lang gekämpft, zwei Söhne großgezogen, zwei Männer überlebt“, schilderte Sander seine Beweggründe. „Man geht nicht zu so einem Menschen hin und sagt: Ich leide jetzt, weil du sterben musst. Das fände ich egoistisch!“

Für ihn sei das „ein Akt der Gnade“ gewesen, erzählte der Altenpfleger weiter. „Es ist mir nicht leicht gefallen. Es hat große Überwindung gekostet. Stellenweise war ich wie ferngesteuert. Ich habe einfach funktioniert!

Dann ging der Zoff los

Plasberg zitierte aus dem umstrittenen Sterbehilfe-Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom Februar: „Die Entscheidung des Einzeln ist von Staat und Gesellschaft zu respektieren“, heißt es darin, und: „Die Freiheit, sich das Leben zu nehmen, umfasst auch die Freiheit, hierfür bei Dritten Hilfe zu suchen.“

„Ich bin schockiert“, gestand der Bischof. „Ich muss den Richterspruch natürlich hinnehmen, aber ich nehme ihn nicht ohne Kritik hin!

Klarste Kante

Bätzings Begründung: „Das ist ein starkes Stück! Hier hat das Gericht etwas getan, was vorher undenkbar gewesen wäre. Es hat Argumente gefunden, dass es sagt: Das selbstbestimmte Sterben ist einer der höchsten Ausdrücke der Würde.“ Damit sei das Urteil „die Übernahme von Argumenten aus einer bestimmten weltanschaulichen Richtung.“

Wichtigster Vorwurf

Plasberg hakte sofort nach: „Ist die katholische Kirche nicht auch eine weltanschauliche Ansicht?“ fragte er etwas plump.

„Ja genau!“ erwiderte der Bischof. „Auch wir durften unsere Argumente vortragen. Aber dass sich das Bundesverfassungsgericht auf die Seite einer weltanschaulichen Gruppe stellt, das ist für mich unerhört!

Schwierigstes Argument

Plasberg kapierte noch immer nicht: „Warum ist Ihre moralische Ansicht über einer anderen moralischen Ansicht stehend?“ wunderte er sich. „Man könnt jetzt sagen: Sie haben verloren!“

Doch das war gar nicht Bätzings Punkt: „Es geht hier um den Status des Bundesverfassungsgerichts in einem weltanschaulich neutralen Staat“, erläuterte er geduldig. Bei der Abwägung zwischen Lebensschutz und Selbstbestimmung dürfe sich das Gericht nicht „der Argumente einer bestimmten Gruppierung bedienen!“

Makaberste Vision

„Das Recht auf selbstbestimmten Tod ist für mich in Ordnung“, erklärte Ärztin Johna dazu. Ein „Paukenschlag“ aber sei für sie, dass das Gericht jetzt auch alle in Nachbarländern gültigen Einschränkungen wie Krankheit oder fortgeschrittenes Alter ausgeschlossen habe.

Ihre Befürchtung: „Im Moment wäre es wirklich möglich, gegenüber von einem Alten- und Pflegeheim ein großes Plakat aufzuhängen und zu sagen: Wir werben für den assistierten Suizid!“

Dramatischste Szene

Danach ließ Plasberg Szenen aus einer Doku von 2017 einspielen, die zeigten, wie Sander seiner Mutter das Todesmedikament anrührt und sie nach den ersten Löffeln noch einmal umarmt, bevor er die Wohnung verlässt.

„Nach dieser Umarmung ist das Fernsehteam gegangen, weil sie aus rechtlichen Gründen gehen mussten“, berichtete der Altenpfleger. „Ich habe mein Handy genommen und gefilmt, weil ich Angst hatte, dass ein Staatsanwalt kommt und sagt, ich habe ihr das reingezwungen.

Erschütterndster Rückblick

„In dem Buch von meiner Mutter und mir ist die letzte Seite rausgerissen“, klagte Sander und berichtet stockend weiter: „Dann bei der Polizei müssen Fingerabdrücke genommen werden, wird eine DNA-Probe genommen, wird fotografiert…“

„Und dann sitzen Sie einfach nur das und sind völlig ausgeliefert“, erinnerte er sich, „wie ein Stock auf dem Wasser, der in den Wellen hin und hergeworfen wird und einfach nur versucht, nicht unterzugehen.“

Frage des Abends

Johna hat nicht so viel gegen das selbstbestimmte Sterben, aber: „Sind es zwangsläufig Ärzte, die dabei helfen müssen?“ Für sie sei es ein „Widerspruch in sich“, dass „diejenigen, die dafür da sind, Leben zu erhalten, Gesundheit zu schützen, Leiden zu lindern“, nun auch „diejenigen sein sollen, die dazu Beihilfe leisten!“

Der Film wurde zeitgleich auch in der Schweiz gezeigt. Obwohl dort Sterbehilfe schon lange erlaubt ist, fiel die Zustimmung etwas geringer aus.

Schockierendste Bilanz

Der Bischof zitierte einen niederländischen Medizinethiker, der nach Begutachtung von 4000 Sterbehilfe-Fällen gesagt habe: „Wir hätten es besser im Bereich des Schattens gelassen, im vertrauten Verhältnis zwischen Arzt und Patient, und nicht zu einer rechtlichen Regelung gemacht.“

Denn: Heute gebe es bestimmte Stadtteile, in denen 14 Prozent aller Todesfälle auf den Bereich des assistierten Suizids oder des Sterbens auf Verlangen gingen. Bätzings Rat: „Lassen wir bitte die Finger davon! Eine Grauzone ist nicht schlecht. Sterben an der Hand von Menschen ist etwas anderes als durch die Hand von Menschen sterben!“

Ungewöhnlichster Vergleich

„In Deutschland wären das 90 Tote pro Tag“, rechnete die Ärztin vor. Auch würden solche begleiteten Selbsttötungen die Zahl der brutalen Affektsuizide etwa auf Bahngleisen keineswegs verringern, denn „das sind einfach andere Akutentscheidungen!“

Sander passte der Begriff „Dammbruch“ nicht: „Wir haben das immer wieder gehört, beim Frauenwahlrecht, bei der Kriminalisierung der Homosexualität“, meinte der Altenpfleger. „Und was ist am Ende passiert? Unsere Gesellschaft ist freier, gerechter und vielfältiger geworden!“

Bedenklichste Gesichtspunkte

Plasberg dachte an Betroffene, die den Suizid wählen könnten, um ihren Angehörigen nicht länger – auch finanziell – zur Last zu fallen.

„Ich würde mir wünschen, dass Ärzte bei ihren Patienten dabei sein können, wenn Ärzte das wünschen“, schlug Schöne-Seifert vor. „Weil es für die Patienten und die Angehörigen doch entscheidend wichtig ist, dass da nichts mehr schiefgeht!“

Gegensätzlichste Ansichten

„Einen direkten Nutzungsdruck wird es bei uns hoffentlich nie geben“, fügte die Ethikerin hinzu und hatte das schlimme Beispiel parat, „dass Krankenkassen erwarten, dass Patienten etwas tun.“ Puh!

„Je normaler es wird, desto eher wird der ältere Mensch entscheiden müssen, ob er diesen Weg gehen will oder nicht“, widersprach die Ärztin.

Erschreckendstes Argument

„Wenn das so einfach wäre“, warnte der Bischof, „dann gäbe es nicht Menschen an der Grenze in den Niederlanden, die lieber in einem deutschen Altenheim leben, weil sie dort sicher sind!“ Uff!

Seine Sorge: „Wenn das geläufig wird in der deutschen Gesellschaft, dann wird der Druck steigen. Das sehe ich als eine große Gefahr.“

Und auf Plasbergs Schlussfrage, was er denn in dem Film zu dem 78-jährigen Suizidwilligen gesagt hätte, antwortete der Bischof hintersinnig: „Wie heißen denn deine Enkel?“

Fazit: Verantwortungsbewusste Debatte mit interessanten Perspektiven, hoffnungsvollen Anregungen, ernüchternden Erkenntnissen, aber notwendigerweise nur unzureichenden Antworten. Das war ein Talk der Kategorie Reich-Ranicki: „Der Vorhang zu und alle Fragen offen“.

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