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Söder bei Maischberger: Ich würde der Ukraine den Leopard 2 liefern

„Maischberger“. ARD, Mittwoch, 7.Septe,ber 2022, 22.50 Uhr.

Die Koalition dreht am Rad: Der Kanzler beschimpft die Vorgängerregierung, der er doch selber angehört hat. Der Wirtschaftsminister stammelt wirres Zeug über Unterschiede zwischen Pleite und Insolvenz. Jede Menge Steilvorlagen für Markus Söder, der heute bei „Maischberger“ einläuft. Die Gäste:

Markus Söder (55, CSU). Der Parteichef ätzt über Robert Habecks Irrflug durch die Krisen-Ökonomie: „Jeder Wirtschaftspolitiker sollte das kleine Einmaleins seines Aufgabenbereichs kennen: Wer nicht produziert, geht pleite!

Matthias Maurer (52). Der Astronaut mahnt: „Wenn man auf die Erde schaut, dann versteht es das Herz, dass auch die Erde ein Raumschiff ist und sehr fragil.“

Mariam Lau (60). Die Journalistin („Zeit“) warnt: „Es ist nicht an uns, der Ukraine Empfehlungen zu geben.“

Hubertus Meyer-Burckhardt (66). Der NDR-Talkmaster gesteht: „Ich bin ein Liberalkonservativer, der gegen die friedliche Nutzung der Kernenergie ist.“

Vassili Golod (29). Der ARD-Korrespondent urteilt über Habecks Kernkraft-Klops: „Es ist auf jeden Fall grüne Ideologie!“

Gestern hat Habeck Rundschläge ausgeteilt, heute gibt’s Kontra.

Berechtigtstes Lob

Nach einem ARD-Einspieler mit den wutschnaubenden Attacken des Kanzlers auf die Union während ihrer Regierung stellt „Zeit“-Journalistin Lau kühl fest: „Die SPD war ja den weitesten Teil der Strecke dabei!“

Ihr Kompliment an den Oppositionsführer, untermalt mit schwungvollen Handbewegungen: „Es war, als hätte Friedrich Merz einen Defibrillator an den ansonsten immer in dem sehr ruhigen ‚Ich-habe-einen-Plan-ich-brauche-Ihre-Hinweise-nicht‘-Modus dahinplätschernden Olaf Scholz… Das war gut, beide sind wach!“

Musikalischste Manöverkritik

„Ich finde, eine Regierung, die sagt, es kommt auf jede Kilowattstunde an, muss diese drei Kernkraftwerke weiterlaufen lassen“, murrt die Journalistin dann. „Was wir jetzt haben, ist wie ‚ein bisschen schwanger‘. Es ist der Versuch, der grünen Basis entgegenzukommen, der in meinen Augen völlig verfehlt ist.“ Rumms!

Kollege Golod erinnert an den letzten Schlagabtausch zwischen Kanzler und Oppositionsführer: „Scholz forderte damals ‚more beef‘. Das hat mich an Battle–Rap erinnert. Wenn es nur um ein Klein-Klein aus der Vergangenheit ging, finde ich das nur bedingt gut. Die Fehler in der Energiepolitik – da kann sich keine Partei rausreden.

Traurigste Erinnerung

Die Gefahren der Atomkraft seien ihm „total bewusst“, erklärt der Sohn russisch-ukrainischer Eltern, „auch weil ein Freund als Liquidator in Tschernobyl war.“

„Liquidatoren waren die, die als erste reinmussten“, erklärt die Talkmasterin. „Sehr viele haben das nicht lange überlebt.“

„Er lebt glücklicherweise und ist gesund“, beruhigt Golod. „Aber viele seiner Freunde und Kollegen von damals leben nicht mehr.“ Trotzdem fände er es richtig, die deutschen Meiler noch zwei Jahre länger laufen zu lassen.

Erhellendste Analyse

„Ich glaube, was Robert Habeck passiert“, meint die Journalistin dann, „ist, dass er entweder den innerparteilichen Konkurrenzkampf mit Annalena Baerbock gewinnen kann, indem er die Atomkraft ablehnt, oder den Schritt auf die Gesellschaft zu macht.“

Die Mehrheit ist klar für die Laufzeitverlängerung, doch das könne sich Habeck „nicht erlauben, wenn er nicht noch mal gegen Annalena Baerbock verlieren will.“

Spannendste Personalie

„Sie glauben, es geht um Karriere?“ wundert sich die Talkmasterin.

„Es geht auch um die Frage, wer das beim nächsten Mal macht“, sagt die „Zeit“-Frau für die nächste grüne Kanzlerkandidatur voraus. „Frau Baerbock wird nicht zurückstehen, und Robert Habeck wird auch nicht zurückstehen.“ Ächz!

Deftigste Watschen

Söder hat einen dicken Hals unter dem offenen Hemdkragen: „Putin veräppelt uns ja geradezu, indem er sogar mehr Geld kassiert, aber das Gas, das eigentlich für Deutschland bestimmt ist, verfeuert er!“, poltert er. „Ein echter Hohn uns gegenüber!“

Seine rhetorische Frage: „Kann man es wirklich riskieren, Strom für zehn Millionen Haushalte abzustellen? Die Europäer sagen alle: Bitte; Deutschland, lass diese Kernkraftwerke am Netz, um die europäische Netzstabilität zu halten. Darum ist die Entscheidung von Habeck falsch!“

Ungeduldigster Dialog

Dann gibt es den ersten Zoff. Maischberger warnt vor den Gefahren der Kernkraft und feuert einen vergifteten Frage-Pfeil ab: „Sie gehen das Risiko jetzt einfach ein?“

„Das Risiko, das wir jetzt haben, ist, dass das Netz zusammenbricht“, antwortet Söder. „Dass es Blackouts gibt und wir ein veritables Stromproblem jetzt noch vergrößern….“

Darüber will die Talkmasterin jetzt aber gar nichts hören: „Ich wollte wissen, ob Sie das Risiko…“

„Darf ich meine Antwort auch formulieren?“, erwidert der Bayer darauf dünnhäutig. „Sie stellen die Fragen, ich versuche die Antworten!“

Zähester Wortwechsel

Maischberger tritt noch mal nach: „Solange Sie beim Risiko bleiben“, kontert sie.

Der Ministerpräsident wedelt ungnädig mit der Rechten: „Ich darf doch sagen, was ich will, in der Sendung?“, fragt er ungnädig.

Die Talkmasterin versteht die Signale und schaltet auf Schaumgummi. „Jo“, flötet sie mit spitzem Mündchen.

Prompt schiebt Söder ein Friedensangebot nach: „Sie fragen, was Sie wissen wollen, und ich antworte, was ich für angemessen und richtig halte“, schlägt er noch einmal vor.

Doch die Talkmasterin trotzt mit frischem Mut: „Und ich schaue, dass es beim Risiko landet.“ Puh!

Geschickteste Entlastungsoffensive

Danach heizt Maischberger den Nord-Süd-Konflikt an: In einem ARD-Einspieler triumphiert der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Daniel Günther, sein Land sei „deutlich unabhängiger vom russischen Gas, weil wir früh angefangen haben, die erneuerbare Energien auszubauen.“

„Bayern macht nach Niedersachsen am zweitmeisten“, wehrt sich Söder gegen den schlecht versteckten Vorwurf. „Unsere Stärke ist mehr Photovoltaik, Bioenergie und Wasserkraft. Wir sind beim Wind weiter hinten. Das könnte daran liegen, dass der Wind an der Küste besser weht!“

Dann zeigt der Ministerpräsident noch kurz den Zaunpfahl hinter dem Rücken: „Wir zahlen übrigens, nur mal so nebenbei, neun Milliarden in den Länderfinanzausgleich. Auch gern, und wirklich viel, nach Schleswig Holstein.“ Heiterkeit im Saal!

Schiefster Vergleich

Zum stockenden Netzausbau merkt Söder cool an: „Vor Ort sind meistens die Grünen dagegen gewesen.“

Die Talkmasterin versucht eine persönliche Einordnung: „Wenn mein Sohn nach Hause kommt und sagt, ich hab ’ne fünf, die anderen aber auch…“ Mehr muss sie nicht sagen, das Publikum applaudiert.

Willkommenste Panne

Danach liest Maischberger den nächsten Punkt vom Zettel: „Es gibt einen Vorwurf aus der eigenen Partei“, lächelt sie Söder an. „Ihre Kollegin Ilse Aigner war zu der Zeit Umweltministerin…“

„Stimmt das, was Sie jetzt gerade sagen?“, fragt Söder lauernd.

Die Talkmasterin studiert noch mal die Papiere und muss sich verbessern. „Energieministerin. Entschuldigung!“

„Ich will ja nur helfen, dass nicht hinterher der Faktencheck durcheinanderkommt“, grient der Bayer zufrieden. Das gibt wieder Stimmung im Saal: A Hund is er scho…

Schlüssigstes Sofortprogramm

„Unserem Land drohen massive Verwerfungen von fundamentalen Ausmaßen“, warnt Söder dann. Als Kanzler würde er „als erstes die Atomkraft verlängern, und zweitens hätte ich die Flüssiggas-Terminals schneller gebaut. Und dazu Pipelines auch von Südeuropa heranbringen, von Triest und Genua.“

Außerdem: „Stromsteuer massiv senken. Mehrwertsteuer auf Nahrungsmittel runter“, zählt der Ministerpräsident weiter auf. „Und es braucht einen Rettungsschirm für Bäcker, Metzger, den ganzen kleineren Mittelstand“, sonst drohe eine Pleitewelle.“ Schluck!

Militärischste Gretchenfrage

Brenzligstes Thema ist die, so Maischberger, „Bitte um Lieferung von Leopard 2‘-Panzern an die Ukraine. „Der Kanzler ist zurückhaltend, weil er sagt: Nur im europäischen Verbund“, meint sie und fragt: „Würden Sie diese Panzer jetzt liefern?“

Söders vorsichtige Antwort: „Wenn ich die Ukrainer richtig verstehe, ist es, um vielleicht wirklich irgendwann in ein Gespräch über einen Frieden zu kommen, wichtig, militärisch zu bestehen. Jetzt sind Waffen das absolut wichtigste.“ Also: „Würde ich machen!“ Kein Beifall, aber auch kein Widerspruch.

Bewegendste Erinnerung

Im Astronauten-Talk geht es ebenfalls um die Ukraine: „Über Europa sieht man ganz hell die Städte. Als der Krieg losging, bin ich über die Ukraine geflogen, die war total schwarz“, berichtet Maurer. „Wenn man genau hinguckt, sieht man so kleine Lichtblitze. Man denkt, das ist vielleicht Feuerwerk.“

Aber, so der Astronaut weiter: „Es war kein Feuerwerk. Ich wusste: Dort unten hat der Krieg angefangen. Da unten schlagen Raketen ein. Ich war weit weg, aber ich konnte es mit eigenen Augen sehen. Das war ein sehr berührender Moment.“

Erschütterndste Erfahrung

Über die Kosmonauten in der Raumstation berichtet Maurer: „Einer hat seinen Vater auf der Krim. Wir sind alle gegen den Krieg. Das war nie eine Frage.“

Aber, so der deutsche Astronaut zum Schluss: „Ich habe verstanden, dass meine russischen Kollegen andere Informationsquellen erhalten. Da gab es schon Differenzen in der Wahrnehmung.“ Doch: „Unter uns haben wir das Thema nicht bis ins Letzte ausgereizt. Wir müssen als Team funktionieren.“

Zitat des Abends

Ich finde einen schreienden Bundeskanzler auch nicht so super!“ Markus Söder über Olaf Scholz

Fazit

Viel Stoff, viel Zoff, denn es ging ums Bemängeln, nicht ums Bemänteln. Kantige Fragen, krachende Antworten, schussfestes Publikum: Das war eine Talkshow der Kategorie „Immer feste auf die Weste“.

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