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Scharfe Papst-Schelte bei Anne Will: Bischof Bätzing fordert Benedikt XVI. zum Schuldbekenntnis auf

„Anne Will: Missbrauch, Lügen, Vertuschung – ist diese Kirche noch zu retten?“ ARD, Sonntag, 30.januar 2022, 21.45 Uhr.

Der Super-GAU der Katholiken! Hunderte Kinder und Jugendliche über Jahrzehnte in den Fängen verbrecherischer Priester, trotzdem soll die Pestbeule mit Schweigen und Juristerei zugepflastert werden. Anne Wills Gäste:

Georg Bätzing (60). Der Bischof von Limburg und Vorsitzende der Deutschen Bischöfe verlangt von Benedikt XVI. eine klare Entschuldigung.

Matthias Katsch (59). Der Betroffenensprecher sieht „die Missbrauchskrise endgültig im Zentrum der katholischen Kirche angekommen: dem Vatikan.“

Katrin Göring-Eckardt (55, Grüne). Die Bundestagsvizepräsidentin kämpft gegen eine alte Kindersex-Krise in der eigenen Partei.

Ingrid Matthäus-Maier (76, SPD). Die Ex-Politikerin  streitet schon seit 1974 gegen Kirchenprivilegien. Sie wird aus Bonn zugeschaltet.

Christiane Florin (54). Die Journalistin („Deutschlandfunk“) urteilt: „Der Schutz der Hierarchen galt den Tätern, nicht den Schutzbefohlenen!“

Fünf Köpfe, eine Meinung: So geht’s nicht weiter!

Fürchterlichste Eröffnungsbilanz

Zum Start zitiert ein ARD-Einspieler aus dem erschütternden Gutachten über Missbrauchsfälle aus der Zeit, als Benedikt XVI. noch Erzbischof in Bayern war: 497 Betroffene, 235 Täter, darunter 173 Priester, 18 verurteilte Sexualstraftäter!

Nach dieser Bilanz des Schreckens kann man nicht einfach weitermachen“, urteilt Sprecher Katsch. Seine Frage zum Titel des Talks: „Und wer rettet die Betroffenen?“

Massivste Forderungen

Will spitzt Zweifel an kirchlicher Aufrichtigkeit zu: „Manch einer hat gesagt, das ist sowas wie Erschütterungslyrik!“

„Der Papst hätte sagen können: Ich ziehe mich zurück, ich arbeite als Professor weiter“, schlägt Katsch vor. „Die Bischöfe, die dieses Desaster angerichtet haben, müssen zurücktreten!“

Aber, so der Sprecher weiter: „Das Austauschen von Personen allein ändert nichts. Das System ist gescheitert. Es geht um einen Systemwechsel.“

Verblüffendste Antwort

Will erinnert daran, dass der Papst das Rücktrittsangebot des Münchner Kardinals Reinhard Marx ablehnte: „Hätte es den Betroffenen geholfen, wenn er sein Angebot jetzt erneuert hätte?“

„Im Mai war das eine einsame Entscheidung, die in Kardinal Marx gereift ist, einfach für das System der Kirche Verantwortung zu übernehmen,  unabhängig davon, ob es persönliche Schuld gegeben hat“, erklärt der Bischof. „Das war ein starkes Zeichen.“

Aber: „Ich halte die jetzige Entscheidung von Kardinal Marx für richtig, zu sagen, ich will hilfreich in der Umgestaltung dieses Systems sein.“ Uff!

Verwunderlichste Erläuterung

Wie bitte? Will erinnert daran, dass das neue Gutachten „durchaus auch ein persönliches Führungsversagen auch dieses Kardinals in mindestens zwei Fällen dokumentiert“. Ihre Schlussfolgerung: „Dafür hätte er jetzt doch eine persönliche und nicht nur eine systemische Verantwortung übernehmen können!“

„Die übernimmt er!“, behauptet der Bischof.

„Womit denn?“, staunt sich die Talkmasterin.

„Er hat gesagt, die übernimmt er, indem er gestaltet, was jetzt zu verändern ist“, schwurbelt der Bischof in die ungläubigen Gesichter der anderen Talkgäste. „Er hat gesagt: Ich klebe nicht am Amt, ich mache meinen Verbleib im Amt davon abhängig, ob ich hilfreich sein kann. Und dazu frage ich meine Leute im Bistum.“ Hm – da hilft wohl nur Beten…

Vernichtendstes Urteil

Über den Umgang der Kirchenleitungen mit „rechtskräftig verurteilten Straftätern“ urteilt Will fassungslos: „Das ist ein Wahnsinn!“

„Ich habe das Wort ‚Erschütterung‘ schon 2010 gehört, und dann 2018, und jetzt wieder“, fasst Journalistin Florin zusammen. „Also wir haben Erschütterung, Erschütterungserschütterung und Erschütterungserschütterungserschütterung.“

Klarstes Schuldbekenntnis

„Und dann“, so Florin weiter, „schaue ich mir das Personaltableau an und sehe: Die sind alle noch da! Man könnte doch mal sagen: Ich habe gelogen! Diese Berufung auf Gehorsam und dann dieses Demutsgetue mit dem Dienst – ich nenne das immer ‚Demutsgigantismus‘.“ Rumms!

Entschuldigende Hinweise auf soziale Wohltaten der Kirchen kontert sie mit der Frage: „Wie viele Suppenküchen wiegen Missbrauch und dessen Vertuschung auf?

„Es waren immer Verbrechen“, gibt der Bischof zu. Zum Vorwurf der Lüge gegen Benedikt XVI. gesteht er: „Die Schaden ist immens. Nicht mehr gutzumachen. Die Gläubigen sind nicht nur verwirrt, sie sind empört.“

Gretchenfrage des Abends

Bätzings klare Forderung: „Der Papst muss den schlichten, einfachen Satz sagen: Ich habe Schuld auf mich geladen. Ich habe Fehler gemacht. Ich bitte die Betroffenen um Verzeihung.“

„Wird er das machen?“ will die Talkmasterin wissen.

„Ich traue es ihm zu“, antwortet der Bischof, „wenn er es schafft, sich von seinen Beratern zu distanzieren.“ Denn: „Das ist nun wirklich eine Schwäche von Benedikt XVI., sich nicht immer mit den besten Beratern zu umgeben.“

Politischster Kommentar

Wichtiger als diese Betroffenheitslyrik ist das konkrete Handeln in den nächsten Wochen und Monaten“, stellt die SPD-Politikerin fest. Ihre Forderungen: Alle Fälle der Staatsanwaltschaft übergeben, die Archive öffnen und den Opfern helfen, wirkliche Entschädigungen einzuklagen.

„Alle Fälle, die bekannt sind, sind den Staatsanwaltschaften übergeben“, kontert der Bischof. „Die allermeisten Täter sind leider Gottes verstorben. Die noch leben, sind einem kirchlichen Verfahren zugeordnet, weil die Staatsanwaltschaften gar nichts mehr unternehmen können, wegen Verjährung.“

Klarste Ansagen

Wenn ein kirchliches Gericht Schuldige verurteile, so der Bischof weiter, „dann kommt ein Berufsverbot! Dann kommt sogar die Entlassung aus dem Klerikerstand. Dann werden ganz andere Forderungen real zum Ausgleich mit den Opfern.

Denn, so Bätzing: „Ich würde mir sehr, sehr wünschen, es gäbe mehr Gerichtsverfahren, wo auch über Schmerzensgelder und Entschädigungen verhandelt wird!“

Stärkster Tobak

Göring-Eckardt nutzt die Gelegenheit, für ein ganz anderes Anliegen zu werben: „Es geht darum: Ändern sich Strukturen wirklich?“, fragt sie und erinnert daran, dass sich „vor wenigen Tagen 125 queere katholische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geoutet haben.“

Ihre Befürchtung: „Die müssen damit rechnen, dass sie jetzt aus dem Job fliegen. Das sind diejenigen, die zeigen, diese Kirche hat noch Hoffnung für die Menschen!

Durchsichtigstes Ablenkungsmanöver

Für die Missbrauchsfälle müsse es, so die Vizepräsidentin, „beim Bundestag oder beim (Missbrauchs-)Beauftragten eine unabhängige Aufarbeitung geben.“

Der Bischof will Schuld tragen, aber nicht allein: „Es braucht die Politik, aber nicht nur, um zu klären, was in unseren Kirchen gelaufen ist, sondern insgesamt die Verantwortung für sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen in unserem Land endlich einmal anzugehen!“

Ehrlichstes Eingeständnis

Zur Sorge um mögliche Folgen für Teilnehmer der queeren Outingaktion räumt der Bischof ein: „Ich kann nicht garantieren, dass nicht gekündigt wird.“

Aber, so Bätzing weiter: „Wir müssen das verändern. Ich bin sehr dankbar für dieses Outing. Wir haben Menschen zutiefst verletzt und tun das bis heute. Der synodale Weg geht sogar weiter und sagt: Die Lehre der Kirche muss sich verändern, damit sich das neue Wissen und die neue Anerkenntnis im Arbeitsrecht spiegeln kann.“

Eitelste Behauptung

Der Betroffenensprecher erinnert an Benedikts Besuch im Bundestag im September 2011: „Ich war dabei. Ich war entsetzt: Das Parlament hat ihn gefeiert, ein Jahr nach dem Missbrauchsskandal!“

Die Bundestagsvizepräsidentin will dazu was mitteilen und faltet schon mal die Hände.

„Niemand hat ihm gesagt: Hier sind Fragen zu beantworten“, schimpft Katsch weiter.

„Doch!“, lächelt Göring-Eckardt nun stolz. „Ich!“

Peinlichster Rückzieher

Katsch hat es überhört: „Deswegen fehlt mir ein bisschen der Glaube, dass es uns wirklich gelingt, eine Veränderung im Verhältnis zwischen Kirche und Staat hinzubekommen“, fügt er noch hinzu.

Göring-Eckardt hat inzwischen nachgedacht und ist nun etwas vorsichtiger: „Also ich habe es 2011 gesagt“, rühmt sie sich, allerdings. „Äh, nicht im Parlament. Da hatte ich nämlich kein Rederecht. Sondern ich habe es in Erfurt thematisiert. Zwei Tage später, glaube ich. Aber viele haben es gehört.“ Darauf ein dreifaches donnerndes Halleluja!

Fazit

Jede Menge faule Fische im Gnadenteich, der Bischof als schockgefrusteter Watschenmann und die notorischen Kirchenkritiker sammelten gesellschaftspolitische  Beifänge ein, aber es gab auch klare Bekenntnisse und wichtige Ansagen. Das war eine Talkshow der Kategorie „Zwangsbeichte“.

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