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Rassismus? Wie Markus Lanz in die eigene Falle tappte

„Markus Lanz“. ZDF, Donnerstag, 23. Januar 2020, 23.15 Uhr.

Der ZDF-Talkmaster Markus Lanz ist in seiner ZDF-Talkshow am Donnerstag auf peinliche Weise in eine Falle getappt, die er eigentlich für Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) aufgestellt hatte.

Vorausgegangen war ein langes Wortgefecht, in dem Lanz immer wieder versuchte, dem Politiker im Zusammenhang mit der missglückten Maut-Gesetz Fremdenfeindlichkeit nachzuweisen.

Perfideste Unterstellung

Der Talkmaster nahm Scheuer dabei fast eine Dreiviertelstunde lang in den Schwatzkasten, indem er pausenlos Stakkato-Fragen abfeuerte, die Antworten aber immer schon nach dem dritten Wort unterbrach und dann Sätze sagte wie „Weichen Sie nicht aus!“ oder „Die Antwort schulden Sie uns noch!“

Der Minister verteidigte sich mit Hinweis auf den Zuspruch, den er bis zu dem für die Maut negativen EuGH-Urteil bekam: „Alle sagen seit Jahren: Das Beste wäre, mit der ökologischen Lenkungswirkung, eine Pkw-Maut!

Schärfster Wortwechsel

„Für alle?“ fragte Lanz. „Oder für Ausländer? Das ist genau der Punkt!“

„Natürlich für alle!“ antwortete Scheuer.

Daraufhin mahnte Lanz: „Wir sollten uns hier jetzt keine Märchen erzählen!

Doch Scheuer ließ ihn trocken vor die Pumpe laufen: „Ich habe eine andere Rechtsauffassung als der EuGH“, erklärte er. „Ich schließe mich dem EuGH-Generalstaatsanwalt an!“

Nun wurde Lanz ausfällig. Sprungbereit vorgebeugt, steigerte er sich in ein Jagdfieber, das ihn schließlich in die eigene Correctness-Falle tappen ließ: „Das ist jetzt das Niveau albanischer Hütchenspieler!“ giftete er und bekam dafür auch noch Applaus,

Hm – albanische Hütchenspieler? Ist das nicht ein bisschen ausländerfeindlich? Wenn nicht gar rassistisch?

Überraschendste Reaktion

Der ARD-Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar, in solchen Dingen besonders sensibel, greift prompt ein. Allerdings nicht gegen Lanz, sondern gegen Scheuer: „Das war eine Initiative aus Bayern“, sagte er über die Maut, „und das Wort ‚Ausländer‘ spielte dabei einen sehr gewichtigen Punkt!“

Auch dafür gab es Beifall: Ausländerfeindliche CSU, das zieht bei jedem Talkpublikum.

Interessanteste Einleitung

Für die Vorstellung des Verkehrsministers zu Beginn des Talks hatte sich Lanz einen besonderen Gag ausgedacht: Dem damaligen CSU-Chef Horst Seehofer sei „im Wahlkampf 2013 eingefallen, wie man das böse Wort Autobahnmaut in den Ohren der Wähler so aufregend klingen lassen könnte wie einen neuen Hit von Helene Fischer: Nämlich dann, wenn nur Ausländer sie bezahlen!“

„Jetzt, sieben Jahre später“, witzelte Lanz im gleichen Stil weiter, „denkt bei der Maut leider keiner mehr an Helene Fischer, sondern eher an den Wendler.“ Damit war der Ton der Talkshow gesetzt.

Billigstes Klischee

Danach zeigte Lanz einen Einspieler mit der Forderung des CSU-Chefs Markus Söder nach einer Verjüngung des Kabinetts. Zitat: „Natürlich ist das Thema Maut ein Mühlstein, den wir gerade haben.“

Dem Talkmaster fiel dazu ein: „Mühlstein, hat er gesagt – kennt man aus Mafiafilmen!“

Einseitigste Aufgabenverteilung

In dem Einspieler sprach Söder auch über den Untersuchungsausschuss, der klären soll, ob Scheuer beim Mautvertrag teure Fehler machte: Das sei, so der CSU-Chef, „eine Herausforderung, aber auch eine Chance, zu zeigen, dass man die Vorwürfe, die im Raum stehen, gut und lückenlos aufklären kann!“

Genau das versuchte Scheuer jetzt auch in dieser Sendung mit zäher Geduld immer wieder. Doch der Talkmaster und die anderen Gäste wollten nur einen Kopf-Ab-Talk: Der Schurke soll gestehen, das Urteil steht schon fest.

Klarste Position

Der Bundesverkehrsminister weiß: Wo immer er jetzt auftaucht, alle wollen seinen Skalp. Trotzdem brachte er ruhig und schlüssig seine Argumente vor: Nicht etwa er, sondern das Kabinett habe das Gesetz beschlossen. Der Bundestag hat es verabschiedet, der Bundesrat zugestimmt, der EuGH-Generalanwalt keine Einwände erhoben. Unterschriften von zwei Bundespräsidenten!

Half nix, Lanz spielt zu gern den Ankläger: „Ich mag das Gemetzel mit Ihnen!“ gestand er dem Minister.

Härtester Vorwurf

Die FAZ-Journalistin Helene Bubrowski freute sich schon vorher: „Wenn es im Sommer eine Kabinettsumbildung gibt, dann muss Scheuer um sein Amt bangen!“ Jetzt rieb sie dem CSU-Mann tüchtig Salz in die Wunde: „Wenn der EuGH anders entschieden hätte, dann würden Sie hier sitzen als der strahlende Sieger“, spottete sie. „Dann würden wir vielleicht Diskussionen darüber führen, ob Sie der Kanzlerkandidat sind!“

Ihre Version der Geschichte: „Sie haben gespielt, Sie haben hoch hoch gepokert, und Sie haben verloren!“

Lanz assistierte ihr mit einem noch härteren Vorwurf: „Das war der populistische Ausfallschritt!

Naivste Prozesstaktik

Scheuer versuchte es ein weiteres Mal: Hinterher sei man immer schlauer, meinte er. Doch wenn er mit dem Mautvertrag zu lange gezögert und der EuGH ihm Recht gegeben hätte, würde er jetzt genauso im Feuer stehen. Immerhin sei es um Mauteinnahmen in Milliardenhöhe gegangen!

Doch die Journalistin focht das nicht an, sie wollte den Angeklagten auf den Knien sehen: „Ich hätte erwartet, dass Sie die Gelegenheit nutzen, hier vor der Öffentlichkeit zu sagen: Das war ein Fehler!“ moniert sie. Motto: Und bist zu nicht willig, so brauch ich Pression!

Auch Lanz wollte immer dringender ein Geständnis: „Haben Sie einen Fehler gemacht?“ wiederholte er mehrfach.

Die Journalistin vertat sich zwar immer wieder bei Daten und Fakten, feuerte aber die Stimmung gegen Scheuer umso eifriger an: „Geschichtsklitterung! Vollkommener Quatsch!“

Deutlichste Klarstellung

„Europarecht, Vergaberecht, Haushaltsrecht“, zählte der Minister. „Alles, was unsere Rechtsposition ist, haben wir keinen Fehler gemacht!“

„Juristisch!“ schränkte Lanz gleich ein und fragt: „Haben Sie jemals über Rücktritt nachgedacht?“

Härteste Attacke

ARD-Vielzweckmoderator Yogewshar wollte noch mal auf die angebliche Ausländerfeindlichkeit hinaus: „Die Pointe bei dieser Maut, und das muss man einfach noch mal wiederholen, war das Stichwort ‚Ausländer‘.“

Denn, so der ARD-Mann mit belehrendem Zeigefinger: „Es ging um Diskriminierung, es ging um das Bedienen, in populistischen Zeiten, eines Gefühls, das man gerne schürte, zu sagen: Die Ausländer nehmen uns nicht nur die Jobs weg, sondern sie benutzen auch noch unsere Straßen und zahlen nicht dafür!“

Schönstes Eigenlob

Sich eine Meinung zu bilden ist anstrengend“, sagte die Journalistin zum Schluss mit Überzeugung. „Es erfordert Zeit und Kraft. Ich glaube aber, dass eine Demokratie nur leben kann, wenn ein Großteil der Menschen zumindest bereit ist, einen Meinungsbildungsprozess anzustoßen!“

Scheuer nahm die Vorlage geschickt auf: „Dann freue ich mich, wenn Sie einen Bericht schreiben über den heutigen Abend“, erwiderte er, „in dem Sie meine Argumente und Ihre Argumente darlegen, in Breite und Sachlichkeit!“

Doch da zog die Journalistin lieber zurück: „Nee“, sagte sie. „Das mache ich ganz bestimmt nicht!“

Wir haben keinen Journalismus mehr, wir haben eine Erregungsbewirtschaftung!“ hatte Ranga Yogeshwar gleich zu Beginn gesagt. Stimmt! Dieser Talk war eine Emotionsorgie der Vorurteile im Stil eines Tribunals „Einer gegen alle“ mit ungeordneten Erklär-Kuddelmuddel und flauen Witzen. Gesamteindruck: Zuschauervergrämung.

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