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Putins Krieg im ZDF-Talk. Habeck: „Auch ich würde nach Kiew fahren!“

„Maybrit Illner: Krieg in der Ukraine“. ZDF, Donnerstag, 17.März 2022, 22.30 Uhr.

Luftangriffe auf Kinder im Keller. Flure voller toter Babys. Flüchtlingstrecks durch Minenfelder. Maybrit Illner nennt das grausige Gemetzel trotzdem kühl „Krieg in der Ukraine“. Liebes ZDF: Das ist ein Völkermord! Die Gäste:

Andrij Melnyk (46). Der ukrainische Botschafter kann seinen Zorn auf Deutschlands Putin-Versteher kaum noch zügeln, wird dafür inzwischen sogar öffentlich angepestet. Seine Forderung: „Deutschland muss helfen, den Himmel über der Ukraine sicherer zu machen!“

Robert Habeck (52, Grüne). Der Wirtschaftsminister und Vizekanzler kauft in Norwegen hektisch Erdgas, um nicht länger Putins Kriegskasse füllen zu müssen. Er gab dem ZDF vor der Sendung ein Interview.

Marie-Agnes Strack-Zimmermann (64, FDP). Die Verteidigungsexpertin wirft Oppositionsführer Friedrich Merz „Parteipolemik“ vor, weil er das würdelose Verhalten im Bundestag nach der Rede des ukrainischen Präsidenten anprangerte. Tiefpunkt!

Michael Roth (51, SPD). Der Außenpolitiker schimpft, das Parlament habe nach der Selenskij-Rede weder „Orientierung+Ermutigung“ noch „Empathie+Feingefühl“ gezeigt.

Erich Vad (65). Der Brigadegeneral a.D. hält eine Flugverbotszone für „nicht sinnvoll“, denn „das wäre ein Schritt in den Weltkrieg.

Die Talkmasterin muss wegen Corona passen, Kollege Theo Koll springt ein. Gibt er Gummi oder tritt er Bremse?

Energischstes „Ja aber“

Habeck ringt erst mal um Worte: „Die Rede von Herrn Selenskij war … berührend, verstörend anklagend“, formuliert der Vizekanzler vorsichtig, „und aus seiner Sicht komplett berechtigt.“

Doch, so Habeck weiter, „aus Sicht der Bundesregierung und auch Deutschlands nicht komplett berechtigt.“ Denn: „Deutschland tut viel, um die Ukraine zu unterstützen, und vieles, was wir vor Wochen noch für unmöglich erachtet haben.“

Ehrlichstes Eingeständnis

Zu Selenskijs Anklage sagt der Vizekanzler: „Wer wollte es ihm verdenken? Der Mann führt seit drei Wochen Krieg, verteidigt sein Land, seine Leute sterben. Wäre ich in der ukrainischen Regierung, ich würde nicht anders reden!“

Entscheidender Unterschied: „Die Grenze, die Deutschland immer wieder zieht, ist, dass wir den einen Schritt, dass wir Kriegspartei werden, nicht gehen“, macht Habeck klar. „Das mag aus seiner Sicht sich wie verraten und verkauft anfühlen, muss es auch, aber das ist eine notwendige Grenze, die wir nicht überschreiten können.“ Punkt.

Mutigste Ankündigung

Zur gefährlichen Reise der Regierungschefs aus Polen, Tschechien und Slowenien in das belagerte Kiew fragt der Moderator: „Sollte auch der Bundeskanzler fahren? Würden Sie auch fahren?

„Ich kann nicht für Olaf Scholz sprechen“, antwortet der Vizekanzler, „aber wenn es einen Beitrag leistet: Ich würde immer fahren.“ Respekt!

Vorsichtigster Lösungsvorschlag

Über die polnische Idee einer Nato-Friedenstruppe zur Überwachung eines Waffenstillstands in der Ukraine urteilt Habeck: „Es muss erst einmal das Schießen und das Töten gestoppt werden. Die Ukrainer müssen standhalten. Sie kämpfen mit einem heroischen Mut!“

Zweite Voraussetzung, so der Vizekanzler: „Russland muss durch harte Wirtschaftssanktionen abgeschnitten werden, so dass Putin gezwungen wird, zu verhandeln. Dann muss man die Verhandlungen absichern, in einer Form, über die ich hier nicht spekulieren möchte.“

Berechtigtstes Lob

Die Behauptung der letzten Bundesregierungen, Nord Stream 2 sei ein rein wirtschaftliches Projekt, „war falsch!“, stellt Habeck umstandslos fest. Seine Klage: „Wir haben eine gebremste Solidarität, weil wir uns die Hände selbst gebunden haben, durch die große energiepolitische Abhängigkeit von Russland!“

Sein Lob gilt der deutschen Wirtschaft, die alle Sanktionen ohne Klagen mittrage: „Die Unternehmen haben teilweise dramatische Verluste, aber da gibt es kein Rumnölen.“

Griffigstes Schlagwort

Der Moderator zitiert einem Zeitungsbericht über Habecks nächstes Reiseziel Katar: „Statt fossilem Entzug sucht Deutschland sich neue Dealer“.

Der Vizekanzler nimmt den flapsigen Ausdruck prompt in sein Repertoire auf: „Wir müssen den fossilen Entzug mit großer Geschwindigkeit fortsetzen“, fordert er. „Wir werden sehr zeitnah in der parlamentarischen Debatte darüber abstimmen, dass Deutschland sich vom Gas fürs Heizen verabschiedet.“

Gefährlichste Bruchstelle

Über die Tankstellenrabatt-Pläne des Finanzministers lästert der Vizekanzler: „Mich hat das nicht überzeugt, und immer weniger Leute sind davon überzeugt.“ Ui! Knackt es da in der Koalition?

„Wenn man einen Deckel einführt in ein marktwirtschaftliches System, dann muss ja jemand etwas über die Deckel hinaus bezahlen“, doziert Habeck. „Und das ist die Einladung zum Beutezug gegen den Staat, gegen den öffentlichen Haushalt.“

Will er Lindner stoppen? möchte der ZDF-Mann wissen.   „Wir sind da im Gespräch!“, erwidert Habeck ungewohnt knapp. Mehr lässt er sich nicht entlocken.

Bitterster Kommentar

„Wir versuchen, zu erklären, worum es geht“, seufzt der Botschafter. „Aber wir spüren, dass das nicht immer ankommt. Der Krieg, der in der Ukraine tobt, betrifft alle, auch die Deutschen, und nicht nur die Spritpreise!“

„Was Putin vorhat, geht weit über die ukrainische Grenze hinaus“, warnt Melnyk. „Dieses Risiko ist leider da, auch wenn man sich raushalten möchte.“ Seit seinem ersten Tag als Botschafter vor sieben Jahren habe er immer wieder gewarnt: „Putin möchte die Ukraine vernichten!“

Drastischster Vergleich

Die FDP-Politikerin liegt halb auf dem Tisch und ringt beschwörend die Hände: „Das ist hier nicht Netflix!“, mahnt sie. „Das ist nicht irgendein Gruselfilm, und anschließend trinken wir was! Das ist knallharte Realität! Das ist ein Völkermord! Das ist Barbarei! Vor unserer Haustür!“

Vernichtendstes Urteil

Der Moderator gießt Benzin ins Feuer: Der CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen habe die schlappe Reaktion auf Selenskijs große Rede „einen der würdelosesten Momente“ genannt, die er „je im Bundestag erlebte.“ Rumms!

„Im Nachhinein war das, was wir heute Morgen erlebt haben, sicher ein Fehler“, räumt der SPD-Roth ein. „Ich mache da niemandem einen Vorwurf, ich war nicht involviert, aber ich trage natürlich auch Mitverantwortung.“ Und?

Schwärzester Peter

Dann liefert Roth eine feuerpolizeilich höchst bedenkliche Erklärung: „Wir hatten gestern eine intensive Debatte über die Lage in der Ukraine, und die Außenministerin Annalena Baerbock führte aus, es sei gut, wenn man dieser Rede zuhört und sie stehen ließe.“

Kreuziget sie! Will da jemand zündeln, brennt das Ampeldach?

Plumpste Ausrede

„Ich habe dann auch gehört“, fügt Roth hinzu, „dass wir in den seltensten Fällen besondere Gäste haben, die eine Rede vor dem Bundestag halten, und dass es bislang keine Aussprachen gegeben hat…“

Jetzt ist man klüger, denn, so der SPD-Politiker: „Wir merken ja, dass es in der Gesellschaft ein großes  Bedürfnis gab, diese Rede zu verknüpfen mit Reaktionen aus dem Bundestag, aus der Regierung heraus. Das hätte man sicherlich besser machen können.“ Uff!

„Putin sitzt jetzt schon wie Dagobert Duck in einem Tresor mit 630 Milliarden Euro, die er aber derzeit vor dem Hintergrund unserer scharfen Sanktionen überhaupt nicht nutzen kann“, fügt Roth noch hinzu.

Kompetentester Lagebericht

„Die Russen stehen vor einem großen Dilemma: Offensichtlich gibt es keinen kurzen Krieg“, analysiert der General. Sondern: „Häuserkampf, danach einen langen Guerillakrieg!“

Denn, so Vad mit entschlossen wedelnden Händen: „Die Ukrainer haben eine hohe Kampfmoral. Sie sitzen in den Städten drin und warten auf den Feind. Und sie werden kämpfen. Das ist eine Wehrmotivation ohnegleichen! Nur zehn Prozent davon wären für uns auch ganz gut, angesichts des Zustandes der Bundeswehr.“ Ups! Erwischt!

Dann springt das Zoff-o-Meter an

ZDF-Koll hat sich eine ziemlich instinktlose Frage ausgedacht: „Gibt es für Ihr Land so etwas wie eine Grenze an zivilen Opfern, die Sie bereit sind, in Kauf zu nehmen?“, will er von dem Botschafter wissen.

Ja spinnt der denn? „Diese Frage ist so zynisch, dass ich keine Antwort darauf geben werde!“, protestiert Melnyk zornig. „Wir sollen uns aufgeben, weil die zivilen Opfer so hoch sind?“

Seine empörte Ankündigung: „Diesen Gefallen werden wir weder unseren deutschen noch amerikanischen Freunden tun, uns zu ergeben, damit Sie diese schrecklichen Bilder nicht mehr ertragen müssen.“ Wumm!

Schmerzbefreiteste Forderung

„Das war nicht meine Frage“, behauptet Koll ungerührt. „Die Frage ist, wie belastbar ist ein Volk!“ Wie bitte? Will der ZDF-Mann das jetzt als Zahl hören? Als vorläufige Verlustberechnung, in Prozenten, bezogen auf die Armee, oder die Bevölkerung?

Auf sowas lässt sich der leidgeprüfte Botschafter natürlich nicht ein. „Wir werden so lange kämpfen, bis die Bodenoffensive von Herrn Putin zum Ersticken kommt“, kündigt er stattdessen an. Die Russen hätten 40 Prozent ihres Kriegsgeräts und 14.000 Soldaten verloren. Die Frage sei also, ob die Russen das lange ertragen werden. Amen!

Fazit

Knallige Statements um Kriegstalker Koll und den coolen Kampfdiplomaten: Das war eine Talkshow der Kategorie „Gefechtslärm“.

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