Teletäglich

Putins Krieg bei Maybrit Illner: SPD-Chef Klingbeil weiß nichts von Schröders Kreml-Mission

„Maybrit Illner: Krieg in der Ukraine“. ZDF, Donnerstag, 10.März 2022, 22.35 Uhr.

Bombenterror, Massengräber, Lügen, und jetzt droht auch noch der russische Winter! Maybrit Illner sucht fleißig nach der Stopptaste. Ihre Gäste:

Friedrich Merz (66, CDU). Der Partei- und Fraktionschef hat eine klare Position: „Putin ist ein Kriegsverbrecher, aber Russland ist nicht unser Feind!“

Lars Klingbeil (44, SPD). Der Parteichef kämpft wie ein Löwe für die Stärkung von Bundeswehr und NATO. Wandelt er sich etwa vom Kling- zum Kriegsbeil?

Klaus von Dohnanyi (93, SPD). Der Ex-Bildungsminister sucht die Schuld vor allem im Westen, allerdings nicht so propagandaplump wie Putin. Er wird aus Hamburg zugeschaltet.

Daniel Andrä (43). Der Kommandeur der Einsatztruppe der NATO in Litauen kommt aus seinem Einsatzort Rukla auf den Schirm.

Katja Kipping (44, Linke). Berlins Sozialsenatorin twittert: „Wir stehen am Anfang der größten Fluchtbewegung in Europa seit Ende des 2.Weltkrieges!“ Sie wird ebenfalls zugeschaltet.

Prof. Carlo Masala (53). Der Militärexperte beklagt auf Twitter, die Kampfjet-Hilfe für die Ukraine sei gescheitert, weil der EU-Außenbeauftragte Joseph Borrel geplaudert habe. Unfassbar!

Katja Gloger (62). Die Journalistin („Stern“) schrieb das Buch „Putins Welt“.

Die meisten Putin-Versteher sind inzwischen bekehrt oder abgetaucht. Auch heute? Das Zoff-o-Meter bleibt skeptisch!

Schlimmste Erinnerung

Für von Dohnanyi ist es „schrecklich, wenn ich in der Ukraine die Sirenen heulen höre und mich erinnere, wie das damals war, wenn die Bomber über uns flogen.“ Sein eindeutiges Urteil: „Es ist ein großes Verbrechen von Putin gewesen, diesen Krieg so zu beginnen.“

Aber: „Was mir in den vergangenen Jahren ein bisschen gefehlt hat, ist, dass wir im Westen zu manchen Kompromissen nicht bereit genug waren. Andererseits haben wir natürlich auch Putin falsch eingeschätzt.“

Überraschendste Personalie

Bei Markus Lanz hatte Kiews Botschafter Andrij Melnyk zuvor Berichte dementiert, dass der prominenteste aller Putin-Lobbyisten jetzt aufgrund eines Hilfeersuchens der ukrainischen Regierung im Kreml tätig sei: „Wir wissen nicht, in wessen Auftrag Herr Schröder in Moskau unterwegs sein kann. Wir wurden von Herrn Schröder nicht kontaktiert.“ Rumms!

„Ich war selbst überrascht, als ich mitbekommen habe, dass Gerhard Schröder dort unterwegs ist“, gesteht Klingbeil nun. „Er ist weder im Auftrag der SPD noch der Bundesregierung unterwegs.“ Aber: „Ich finde, dass Gesprächssituationen, die jetzt geschaffen werden, erst einmal was Vernünftiges sind…“

Härtestes Urteil

Merz hat Zweifel, „ob wir uns überhaupt vorstellen können, mit Putin noch einmal an einem normalen Verhandlungstisch zu sitzen.“ Denn: „Dieser Mann ist mittlerweile ein schwerer Kriegsverbrecher! Das ganze System um ihn herum ebenfalls. Herr Lawrow auch!“

Die Erwartung des Oppositionschefs: „Putin wird einen Strafbefehl bekommen vom Internationalen Strafgerichtshof. Trotzdem muss man alle Versuche unternehmen, diesen Konflikt zu beenden. Allein, mir fehlt heute die Fantasie!“

Dann springt das Zoff-O-Meter an

Von Dohnanyi tischt der Runde eine beliebte Schuldzuweisung auf: Schon vor sieben Jahren hätten führende Politiker des Westens vor einer Aufnahme der Ukraine in die NATO gewarnt. „In diesen sieben Jahren hätte man in Ruhe mit Putin verhandeln müssen“, klagt der SPD-Politiker. „Das war ein Fehler!“

Widerspruch! „Das ist ein Mythos, der von den Russen gespint wird, um zu sagen, sie seien bedroht“, kontert ihn Prof. Masala aus. Der Westen habe sich immer genau an die gemeinsame NATO-Russland-Grundakte gehalten: „Das Narrativ, sie breitet sich aus und bedroht Russland, stimmt faktisch einfach nicht!“

Wichtigste Berichtigung

Merz stellt die Diskussion wieder auf die Füße:

„Wir haben einen heißen Krieg in Europa trotz der Zurückhaltung der NATO“, erklärt er, „und trotz der Bereitschaft, mit Putin zu reden. Das ist doch ein Popanz, der da aufgebaut wird!“

„Als Olaf Schulz bei Putin war, war das klare Signal: Die NATO-Mitgliedschaft der Ukraine steht nicht auf der Tagesordnung“, assistiert Klingbeil. „Die NATO trifft keinerlei Schuld.“ Punkt, aus.

Beängstigendste Feststellung

„Was wir wirklich massiv unterschätzt haben, ist die Ideologisierung des russischen Präsidenten seit mindestens zehn Jahren“, warnt Putin-Biografin Gloger und schildert die erschreckende Weltsicht des Diktators: „Der Westen ist der Gegner und darauf aus, Russland zu zerstören.“

Dazu komme, so die Journalistin, „die wachsende Überzeugung, dass Russland eine ganz eigene Zivilisation und dem dekadente Westen in den wahren Werte überlegen ist. Die Ukraine zahlt jetzt den Preis dafür. Putin hat die Eskalationsdominanz!“

Emotionalste Warnung

„Es zerreißt die Menschen“, sorgt sich Klingbeil. „Wir sehen die Bilder und fürchten, dass das noch furchtbarer werden kann und werden wird.“

Aber, so der SPD-Chef: „Wir müssen als Politiker  kühlen Kopf bewahren. Bei aller Emotionalität, bei all dem, was einen furchtbar zerreißt: Es gibt eine Verantwortung, über eine gewisse Schwelle nicht hinüberzugehen und uns nicht in einer Situation wiederzufinden, wo wir im Dritten Weltkrieg sind.“

Düsterste Prognose

„Wir unterstützen die Ukraine durch Druck, den wir gerade auch in Richtung China deutlich formulieren“, erklärt Klingbeil danach. „China ist ein ganz wichtiger Akteur auch in dieser Frage. Wir müssen den Druck auf China so erhöhen, durch Diplomatie und Gespräche, dass man hilft, Putin zur Vernunft zu bringen.“

„Wir reden hier von einer Situation, die uns nicht über Monate beschäftigen wird, sondern ich rede hier von Jahren“, macht der SPD-Chef der Runde klar. „Über Jahre werden wir Konsequenzen in unseren gesellschaftlichen Zusammenleben spüren, durch die Situation, die Putin gerade schafft.“ Puh!

Zackigste Meldung

Als der litauischen Garnison Rukla kommt Oberstleutnant Andrä auf den Schirm. „Die Lage ist hier stabil“, berichtet er. „Derzeit keine Indikatoren einer erhöhten Bedrohung. Gleichwohl ist die Stimmung hier in den letzten zwei Wochen etwas angespannter. Die aktuelle Lage schärft den Blick für den Auftrag!

„Wir verfolgen die Lage mit Masse auch über die Medien“, führt der Kommandeur weiter aus. „Als der Krieg begann, haben wir ein Antreten der gesamten Battle Group durchgeführt. Der Militärpfarrer und der Gruppenpsychologe vor Ort werden hier deutlich häufiger in Anspruch genommen. Wir haben alles, was wir brauchen.“

Energischste Außenseitermeinung

Von Dohnanyi ist das alles viel zu martialisch, und er kämpft sich noch einmal in die Diskussion: „Wir brauchen eine Haltung, die auf Frieden ausgerichtet ist“, doziert er. „Die auf Verhandlungen und Ausgleich ausgerichtet ist. Die Zukunft liegt nicht beim Militär, die Zukunft legt in der Diplomatie.“

„Was Militär bedeuten kann, sieht man jetzt in der Ukraine!“, behauptet der SPD-Politiker dann und zitiert Willy Brandt: „Außenpolitik soll eine Art Generalstabsarbeit für den Frieden sein.“ Was hilft das jetzt den Frauen und Kindern im ausgehungerten Mariupol? Allgemeines Kopfschütteln in der Runde.

Korrekteste Erkenntnis

„Zu Brandts Zeiten gab es ein Verteidigungsbudget von vier Prozent“, stoppt die Talkmasterin und stellt dem SPD-Urgestein per Knopfdruck den Ton ab. Heidewitzka!

Klingbeil will die vom Kanzler versprochenen 100 Milliarden für die Bundeswehr „ohne parteipolitische Scharmützel“ komplett für Verteidigung ausgeben, denn: „Wir müssen uns bewusst machen, dass die eigene Stärke die Grundlage dafür ist, dass wir überhaupt in Verhandlungen mit Leuten wie Putin eintreten können!“

Berechtigtste Sorge

Auch Linke-Kipping hat mit dem Kreml-Kriegsherrn nichts am Hut: „Ich dachte, wenn Olympia vorbei ist, wird womöglich die Hemmung abnehmen bei Putin, die Ukraine anzugreifen“, erzählt sie. Sie habe sofort mit ihrem Krisenstab gesprochen, denn: „Mir war klar, dass das viele in die Flucht treiben wird.“

Sie selbst trieb der Gedanke um, dass „all der Abscheu, all die Wut auf Putin in Berlin auch russischsprachige Menschen trifft“, schildert sie. „Mich berührt das wirklich, wenn ich höre, wie auch Kinder mit russischem Hintergrund auf dem Schulhof dafür angegriffen werden.“

Kürzester Schulterschluss

Für die Gretchenfrage des Abends hat sich die Talkmasterin nicht etwa Angela Merkels Parteifeind Merz, sondern den SPD-Chef ausgeguckt: „Wer sagt jetzt eigentlich: Wir schaffen das?“, fragt sie spitz.

„Wir haben jetzt eine gemeinsame Verantwortung, Herr Merz“, antwortet Klingbeil schlau, „dass wir uns in einem politischen Konsens fest verabreden, dass wir die Situation meistern.“

so leicht lässt sich der Oppositionsführer nicht an die Kette legen: „Mit dem Konsens, das ist alles gut und schön“, erwidert er, „aber die Verantwortung liegt bei der Bundesregierung!“

Sein Credo: „Frieden und Freiheit kann man nicht kaufen. Das gibt’s nicht im Supermarkt.“

Und wieder Zoff

Dann geht Merz zum Angriff über. Ziel: Nancy Faeser (SPD). Sein Vorwurf: „Wir haben eine Bundesinnenministerin, die zur Zeit alle Landesinnenminister auf die Zinne bringt, weil sie nichts tut!“

„Die Abstimmung mit 16 Bundesländern läuft“, will der SPD-Chef besänftigen, doch Merz attackiert ungerührt weiter: „Die sind alle, alle! auf der Zinne, weil sie von der Bundesinnenministerin keine Hilfe bekommen“, wiederholt er. „Ändern Sie das! Das ist keine Frage des Konsenses.“ Uff!

Letzter Seitenhieb

„Wir werden an den Gaslieferungen festhalten“, kündigt Klingbeil an, „weil es eine Sanktion ist, die wir nicht über zwei, drei Jahre durchhalten können. Der soziale Frieden ist gefährdet. Die Wirtschaft, Arbeitsplätze sind gefährdet!

Zur Sorge des saarländischen Regierungschefs Tobias Hans um die Benzinpreise spottet der SPD-Chef: „Populismus! Von Ministerpräsidenten erwartet man Lösungen, aber nicht Panik-Videos vor Tankstellen!“

Strengstes Urteil

„Ja, wenn wir Gas weiterhin beziehen, füllen wir Putins Kriegskasse“, gibt Prof.Masala zu. „Aber vielleicht sind die Verwerfungen viel größer, wenn wir bei den Sanktionen einknicken, weil die Bevölkerung sie einfach nicht mehr mitträgt.“

„Putin hat den Krieg verloren“, fasst Gloger zusammen. „Sein Land, er selbst werden zu Ausgestoßenen der Geschichte werden für lange Zeit. Und das ist es, was mit seinem Namen verbunden bleibt. Nicht das große Russland, sondern leider genau das.“ Amen!

Fazit

Weitsichtige Perspektiven, überzeugende Bewertungen und kantige Kontroversen, aber leider auch immer wieder absichtsvolle Relativierungen und die bis zum Überdruss wiederholten Beschwichtigungsparolen vergangener Zeiten: Das war eine Talkshow der Kategorie „Kriegs-Wirren“.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.