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Putin-Kenner warnt bei Maischberger: Litauen heißt schon „Ladoga-nahe Gebiete“!

„Maischberger“. ARD, Dienstag, 21.Juni 2022, 22.45 Uhr.

Der Kanzler kommt endlich aus der Deckung: Die ersten Panzerhaubitzen rollen in ihre Stellungen, und mit der speziellen deutschen Geheimniskrämerei ist es auch vorbei, seit jetzt in Litauen sogar der Nato-Bündnisfall droht. In gefährliche Zeiten tankt Sandra Maischberger Infos aus erster Quelle. Die Gäste:

Prof. Karl Lauterbach (59, SPD). Der Gesundheitsminister war nach einer Reise ins Kriegsgebiet entsetzt: „Die humanitären Folgen sind unermesslich!

Michail Kasjanow (64). Der ehemalige russische Ministerpräsident warnt: „Wenn die Ukraine fällt, sind die baltischen Staaten als nächstes dran!“ Er wird aus einem geheimen Ort außerhalb Russland zugeschaltet.

Alexander Rodnyansky (60). Der ukrainische Präsidentenberater twittert: „Am 117. Tag des Krieges gilt nach wie vor: der Sanktionsdruck auf Russland muss erhöht werden!

Jürgen Becker (62). Der Ex-WDR-Kabarettist („Mitternachtsspitzen“) will auch mit Karneval weitermachen: „Wenn Putin meint, er müsste da Kultur zerstören, dann dürfen wir ja unsere eigene Kultur nicht aufgeben.“

Helene Bubrowski (40). Die Journalistin (FAZ) spottet: „Die friedensbewegten Grünen haben heute wieder Angst vor einem Atomkrieg. Aber in ihrer eigenen Partei haben sie nicht mehr viel zu melden.“

Stephan Stuchlik (56). Der ARD-Korrespondent hatte vor 15 Jahren „persönlich den Eindruck, dass Putin amtsmüde

ist“. Das hat sich erledigt.

Das Zoff-o-Meter staunt: Durch Putin sind nicht nur Nato und EU, sondern auch die Gäste deutscher Talkshows einig wie nie zuvor.

Vorgestrigste Pointe

Zum Start soll Kabarettist Becker das Publikum mit Satire antörnen. Sein erster Versuch: „Ich kenne Menschen, die seit Kriegsausbruch jeden Abend zur Entspannung vor dem Fernseher Horrorfilme gucken, um mal ein bisschen heile Welt zu sehen.

Als die Lacher ausbleiben, kramt der Künstler tief in der Ollekamellenkiste: „Wo sind die Menschen am glücklichsten? Alles kleine Länder. Es kann also nicht mehr darum gehen, Kriege zu führen und Territorien zu gewinnen. Wir müssen Land loswerden. Bayern zum Beispiel.“ Kichern im Publikum: Lederhosenbashing zieht in Köln immer.

Unwillkommenster Widerspruch

Vor dem Talk hat die FAZ-Journalistin getwittert: „Ich freue mich auf ein Wiedersehen mit Stephan Stuchlik! Mein erstes Praktikum, 20 Jahre ist es her, wir haben einen Film über Staatsverschuldung gemacht.“

Jetzt urteilt sie über den ersehnten EU-Kandidatenstatus der Ukraine: „Wenn überhaupt, ein Trostpflaster. Ein leeres Versprechen. Auch aus ukrainischer Sicht nur ein nettes Symbol.“

Und was sagt ihr alter Lehrer Stuchlik dazu? „Ich glaube nicht, dass das nur ein nettes Symbol ist!“,  kontert der ARD-Mann sie gleich mal aus und erinnert an die orangene Revolution 2014 auf dem Majdan: „Die wollten in die EU. Der Kandidatenstatus ist ein Riesengeschenk!“ Uff! Wiedersehen macht Freude…

Realistischste Prophezeiung

„Die Ukraine braucht vor allem Artillerie“, stellt Stuchlik dann fest. „Das ist vor allem ein Riesen-Abnutzungskampf im Donbass. In sechs Wochen könnte aber der Punkt sein, wo das Ganze wieder in eine Landschlacht übergegangen ist und die Ukraine eigentlich Panzer und Schützenpanzer bräuchte.“

Für den Fall, dass aus dem Westen allzu früh ein Waffenstillstand gefordert wird, sagt der ARD-Mann voraus: „Dann wird es eine große Debatte geben. Die Ukraine wird weiterkämpfen wollen. Ich sehe, dass man sich bereits auf einen Guerillakrieg vorbereitet. Ob das dann hier noch vermittelbar ist, weiß ich nicht.“

Klarste Ansagen

Präsidentenberater Rodnyansky sagt klipp und klar: „Wir haben keine Wahl, wir müssen unser Land verteidigen, und das tun wir auch. Deswegen haben wir nach wie vor den Kampfeswillen, und der wird auch bleiben.“

Ex-Ministerpräsident Kasjanow macht ebenfalls keine Gefangenen: „Putin ist jetzt ein KGB-Offizier mit einem vollkommen schrägen, verzerrtem Weltbild!“, wettert er los, „gefährlich für die Bürger Russlands und aller anderen Staaten. Putin ist ein Feind des russischen Volkes!“

Bedrückendste Schilderung

„Mussten Sie um Ihr Leben fürchten?“, fragt die Talkmasterin.

„Ich bin seit 18 Jahren Oppositioneller“, antwortet der Ex-Ministerpräsident. „In all den Jahren habe ich den Druck gespürt. Ich wurde angegriffen, ständig bedroht. Es war richtig, dass ich ins Ausland gegangen bin, denn drei Aktivisten unserer Partei sind schon im Gefängnis und erwarten Strafen von bis zu zehn Jahren.“

Eindringlichste Ermahnung

Die Ukraine sei erschöpft, aber nicht kriegsmüde, erklärt Rodnyansky danach. Die USA helfe ungemein, Deutschland und Europa lieferten ebenfalls Waffen, wenn auch „holprig“. Dennoch kündigt der Berater an: „Wir hoffen, dass wir im August die Gegenoffensive beginnen können.“ Ui!

Seine Sorge: „Man darf sich hier nicht vor einem ukrainischen Sieg mehr fürchten als vor der russischen Niederlage. Wir verteidigen die europäische Friedensordnung. Russland unter Putin ist nicht an einem Frieden in Europa interessiert. Es geht um Revanchismus, um Imperialismus, und dabei wird es auch bleiben!“

Erstaunlichste Erwartung

Die Ukraine hat eine Chance, diesen Krieg zu gewinnen, und wir wollen alle, dass sie diesen Krieg gewinnt“, bestätigt der Ex-Ministerpräsident. Jetzt Gebiete abzutreten, das gehe überhaupt nicht, denn „ein Aggressor muss bestraft werden“. Punkt.

„Putin arbeitet jetzt gegen die Weltordnung“, fügt Kasjanow hinzu. „Die Waffenlieferungen aus dem Westen können die Ukraine dahin bringen, dass sie tatsächlich eine Übermacht wird. Denn die Ukrainer haben einen großen Kampfeswillen. Ihre Armee ist unglaublich mutig. Sobald Putin anfängt, besiegt zu wirken, wird Russland anfangen zu bröckeln.“

Klügste Analyse

„Der Westen ist endlich aufgewacht“, stellt Kasjanow weiter fest. „Putin ist geschockt von den Sanktionen. Die Wirtschaft fängt schon an zu schrumpfen. Russland hat schon einen 10-Jahressprung rückwärts gemacht. In einigen Monaten wird Russland 20 Jahre zurückspringen!“

Und, so der Ex-Ministerpräsident weiter: „Putin vernichtet unser Land. Jetzt entscheidet sich nicht nur das Schicksal der Ukraine, sondern auch Russlands, ob es wieder ein totalitärer Staat wird wie in sowjetischen Zeiten. Die Sanktionen haben Wirkung, aber sie können den Krieg nicht beenden. Das können nur die Ukrainer auf dem Schlachtfeld!“

Optimistischste Prognose

„Ich sehe mit großer Befriedigung, dass die Verpflichtungen, die Kanzler Scholz übernommen hat, jetzt eingelöst werden“, lobt Kasjanow dann. „Wenn der Westen alle seine Zusagen erfüllt, kann ich davon ausgehen, dass die Ukraine Ende dieses Jahres eine Übermacht auf dem Schlachtfeld haben wird.

Seine ermutigende Beobachtung: „Wir sehen, dass die Putin-Armee Angst hat, direkt in den Krieg zu ziehen. Sie nutzt Artilleriewaffen, die die Ukraine zurzeit nicht hat.“

Alarmierendste Info

Aber, so Kasjanow Befürchtung: „Putin wird nicht stoppen. Er vergleicht sich schon mit Peter dem Großen, und er schaut ins Baltikum. Litauen nennt er ja schon ‚Ladoga-nahe Gebiete‘, also Gebiete um den Ladogasee.“ Puh…

„Schon diese Wortwahl zeigt, dass er anfängt, diese Gebiete als russische wahrzunehmen“, fügt der Ex-Ministerpräsident hinzu. „Eine sehr gefährliche Rhetorik“ – auch für die dort stationierten Bundeswehrsoldaten.

Emotionalste Schilderung

„Ich war jetzt in der Ukraine, habe Krankenhäuser besucht, wo Schwerstverletzte versorgt werden“, berichtet der Gesundheitsminister zum Schluss sichtlich mitgenommen. „Ich war begleitet von Unfallchirurgen. Die Verletzungen sind furchtbar. Sehr viele Menschen verlieren Arme oder Beine.“

„Wenn man so etwas sieht“, schließt Lauterbach, „dann weiß man, dass das, was an Einschränkungen für uns hier in Rede steht, nichts ist im Vergleich zu dem, was diese Menschen durchleben müssen. Dieser furchtbare, rücksichtlose, barbarische Angriffskrieg von Putin kann nicht gewonnen werden ohne Sanktionen.“

Überzeugtestes Kollegenlob

Lauterbachs Urteil über den Wirtschaftsminister: „Was Robert Habeck macht, hat meine volle Unterstützung. Er macht einen fantastischen Job, und er kommuniziert das, was hier vorbereitet werden muss: Wir müssen uns auf Einschränkungen vorbereiten.“

Und der Kanzler? „Olaf Scholz kommuniziert auf eine andere Art und Weise auch extrem wirkungsvoll“, meint der Minister. „Ihm gelingt es, die Ukraine zu unterstützen, ohne dass wir auf eine Art und Weise in diesen Krieg hineingezogen werden, die sich niemand wünschen kann.“ Amen!

Zitat des Abends

Die Ukrainer wollen Reformen. Sie wollen ihr Land in der EU sehen, als ebenbürtig, und nicht als Katastrophenfall!“ Alexander Rodnyansky

Fazit

Klar-Talk ohne Krypto-Putinismus, Vorschiebe-Sorgen, Scheinargumente und Angst-Propaganda: Das war eine Talkshow der Kategorie „Lügenabwehrrakete“.

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