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Norbert Röttgen im Wut-Talk bei Anne Will: „Der Rassismus ist bei uns weiter verbreitet, als wir denken!“

„Anne Will: Proteste gegen Polizeigewalt und Rassismus – wie viel Verantwortung trägt Präsident Trump für die Eskalation?“ ARD, Sonntag, 7.Juni 2020, 21.45 Uhr.

Der CDU-Politiker Norbert Röttgen, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Bundestages, hat in der ARD-Talkshow „Anne Will“ am Sonntag vor den Gefahren durch rassistische Strukturen auch in der Bundesrepublik gewarnt.

Wörtlich sagte der Abgeordnete, der im Dezember CDU-Vorsitzender werden möchte: „Ja, wir haben Rassismus in Deutschland, auch in europäischen Ländern. Wir haben auch Antisemitismus und Islamfeindlichkeit!“

Aber, so Röttgen weiter: „Wir sind in dieser Frage nicht die USA!“ Denn: „Was wir definitiv nicht haben, das ist dieser institutionalisierte Teil. Rassismus als Teil der Polizei, als Teil des Justizsystems.“

Ehrlichste Selbstbetrachtung

Dennoch: „Es ist falsch, von Einzelfällen zu reden“, stellt der CDU-Politiker klar. „Es ist verbreiteter, als wir denken, und darum muss es auch strukturelle Antworten geben!“

Positivste Feststellung

„Seit der Agitation gegen Obama hat sich in den USA eine hasserfüllte Polarisierung ergeben“, fasste Röttgen seinen Standpunkt zusammen, „und die ist durch Trump jetzt noch einmal auf die Spitze getrieben worden.“

Aber: „Wir haben in dieser Frage einen breiten Konsens. Das heißt nicht, dass das alles löst. Aber ich glaube, dass wir den Willen haben, Fortschritte zu erzielen.“

Nach Corona macht das nächste Virus die Menschen krank. Neu ist es aber nicht! Anne Wills Gäste:

Röttgen meldete sich nach längerer Talk-Pause zurück.

Cem Özdemir, Ex-Parteichef der Grünen, prangert den Alltagsrassismus in Deutschland schon seit Jahren immer wieder an.

Die Journalistin und Podcasterin Alice Hasters schrieb das Buch „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen — aber wissen sollten“.

Die Autorin Samira El Ouassil („Spiegel“) sagte nach Trumps Wahl auf Twitter einen Gedichtband an: „Vom Weißkopfseeadler zum Truckercap – Elegien einer Orange“. Jetzt ist für sie Schluss mit Lustig!

Der Korrespondent Christoph von Marschall („Tagesspiegel“) analysiert: „Die USA kämpfen noch immer mit der Ursünde Sklaverei.“

Stefan Simons, Reporter der Deutschen Welle, geriet in Minneapolis mit Polizisten aneinander, wurde offenbar sogar beschossen und kam jetzt aus Washington auf den Monitor.

Politik und Medien: Diesmal ging’s vor allem um Erklärung, Deutung, Meinung.

Schlagwort des Abends

Der US-Präsident findet im deutschen TV-Talk inzwischen überhaupt kein Verständnis mehr. „Spiegel“-Autorin El Ouassil gab gleich die Richtung vor: „Trump ist der Anti-Präsident der Unvereinigten Staaten von Amerika!“

Klügste Analyse

Röttgen sortierte die Gegenwart mit einem Rückblick ein: „Das ist in einem Moment die Spanische Grippe, die Große Depression und 1968. Also drei große Erschütterungsphasen in einem!“

Der schlimme Verdacht des Außenpolitikers: „Trump schlägt um sich. Er ist nervös. Sein Verhaltensmuster ist, weiter zu eskalieren, um am Ende von einer kappen Mehrheit wiedergewählt zu werden!“

Bitterste Beobachtungen

„Struktureller Rassismus wird jetzt durch die Pandemie überall auf der Welt deutlich!“ klagte Journalistin Hasters.

Von Marschall erinnerte an die Gründung der Bewegung „Black Lives Matter“ im Jahr 2016: „Damals hat es Schüsse auf weiße Polizisten gegeben, und das hat Trump geholfen.“ Seine Sorge: „Wird es jetzt zu viele Bilder von Plünderungen geben? Auch das hilft Trump!“

Schlimmster Verdacht

„Trump versucht die Stimmung anzuheizen“, warnte Özdemir. „Rechtsradikale sagen jetzt schon, lasst uns auf Polizisten schießen, damit wir noch mehr Unruhe bekommen!

Das ist reine Machterhaltung um den Preis der Zerstörung des Landes!“ warf der Grüne-Politiker dem US-Präsidenten vor und warnte: „Ich würde mich darauf einstellen, dass noch viel passieren kann!“

Dramatischste Szene

Ein ARD-Einspieler aus Minneapolis zeigte, wie der Deutsche-Welle-Reporter Simons zusammenzuckt, weil eine Kugel dicht an ihm vorüberpfeift. „Es waren die State Trooper, die auf uns gefeuert haben!“ meldete er erschrocken.

Seine Erklärung: „Die Polizei will nicht, dass hier die Presse präsent ist und dokumentiert, was da schiefgeht!

Härtester Vorwurf

„Nicht alle sind so!“ urteilt Simons, selbst Sohn eines Polizeibeamten. „Aber es gibt jede Menge Polizisten, die absolut bereit sind, draufzuknüppeln!“

Über die vielen schwarzen Verhaftungen argwöhnte der Reporter, es gebe zahlreiche privat betriebene Haftanstalten, die stets zu 95 Prozent belegt sein müssten. Seine schlimme Schlussfolgerung: „Weiße verdienen an schwarzen Gefangenen!“

Mutigste Frage

Die Talkmasterin hatte den Nerv zu einer Frage, mit der sie sich leicht einen Shitstorm zuziehen könnte: „Gibt es mehr Rassismus oder wird er nur mehr gefilmt?“

 

El Ouassil kennt das Zitat aber von Hollywoodstar Will Smith, der in einer Talkshow sagte: „Racism is not getting worse, it‘s just getting filmed“.

„Das war auch ein Auslöser, der diese Wut überhaupt erst freisetzen konnte“, erklärte die Autorin dazu und hatte dafür auch eine überzeugende Formel: „4 Monate Corona-Pandemie, 4 Jahre Trump-Krise, 400 Jahre Rassismus!“

Düsterste Prognose

„Wenn Trump jetzt noch mal gewählt wird, der sich aktiv gegen ‚Black Lives Matter‘ stellt, dann ist das ein Signal, dass deren Leben wirklich nicht zählt“, fürchtete Journalistin Hasters.

„Ich glaube nicht, dass diese Bewegung sich dann zurückzieht“, sagte sie voraus. „Im Gegenteil!“

Zahl des Abends

Die Hoffnung, dass sich unter Barack Obama das Verhältnis zwischen Schwarzen und Weißen verbessern würde, erfüllte sich nicht“, hieß es in einem weiteren Einspieler.

Denn: „In einer US-Umfrage bezeichneten 2009 noch 66 Prozent der Befragten das Verhältnis als gut. Im Sommer 2016, gegen Ende der Amtszeit Obamas, sagten 69 Prozent, das Verhältnis sei schlecht!“

Erschütterndste Info

Ein 8jähriges afroamerikanisches Kind hat eine 14 Mal so hohe Wahrscheinlichkeit, bevor es erwachsen ist, mit Gang-Kriminalität, mit Drogen, mit Waffen in Berührung zu kommen, wie ein weißes Kind“, stellte von Marschall fest.

Wir haben leider die Erfahrung, dass es im schwarzen Milieu wesentlich mehr Kriminalität gibt als im weißen Milieu“, fügte der Journalist hinzu. „Das ist keine Schuldzuweisung, ich habe über strukturelle Unterschiede gesprochen!“

Das böse N-Wort

Auch Deutschland habe ein strukturelles Rassismusproblem, meinte El Ouassil und führte als Beweise die Morde von Hanau, Halle oder des NSU an.

„Wir haben jetzt einen Konsens, aber der wurde mit Blut geschrieben!“ sagte Özdmidazu.

„Es ist aber auch die popkulturelle Nutzung des N-Worts“, erklärte El Ouassil und meinte das verpönte „Neger“, das sie selbst nicht aussprechen mochte.

Ungewöhnlichster Vergleich

Ihr Zorn galt vor allem dem bayerischen Innenminister Joachim Herrmann, der 2015 in „Hart aber Fair“ sagte:  „Roberto Blanco war immer ein wunderbarer Neger„.

„Das ist so, als würde man eine Frau das F-Wort, das sich auf Kotze reimt, nennen“, klagte sie. „So schlimm ist das!“

Fazit: Viel Übereinstimmung und wenig Zoff, aber jede Menge berechtigte Empörung, schlimme Vorwürfe und harte Kritik: Das war eine Show der Kategorie „Wut-Talk“.

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