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Nachwahl-Zoff bei Anne Will: Olaf Scholz und Thomas de Maiziére kritisieren Gerhard Schröder

„Anne Will: Nach den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz“. ARD, Sonntag, 14.März 2021, 22 Uhr.

Der SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz und der frühere CDU-Innenminister Thomas de Maizière haben in der ARD-Talkshow „Anne Will“ am Sonntag den Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder wegen seiner Putin-Connection mal heftig und mal eher milde kritisiert.

Anlass dazu gab den beiden Politikern vor allem der Skandal um zwei Bundestagsabgeordnete der Union, die sich für die Vermittlung von Maskenkäufen hohe Provisionen auszahlen ließen.

Das Superwahljahr startet durch und die CDU lässt gleich mal tüchtig Federn. Anne Will trommelt eine halbe Elefantenrunde zusammen. Ihre Fragen: Wie lange bleibt Corona das Mega-Thema? Und was ist heute wichtiger, Persönlichkeit oder Parteiprogramm? Die Gäste

Scholz wünscht sich ab Herbst eine Koalition ohne Union.

De Maizière tritt zur nächsten Bundestagswahl nicht mehr an.

Co-Parteichef Robert Habeck (Grüne) hofft, dass er Kanzlerkandidat wird.

Die Politologin Prof. Ursula Münch hebt hervor, dass die Union im Herbst zwar als Regierungspartei, aber ohne Kanzlerbonus antritt.

Die Journalistin Christiane Hoffmann („Spiegel“) hält der Union „schlechtes Krisenmanagement und Korruptionsskandale“ vor.

Abrechnung, Abreibung oder gleich Abriss? Zum Auftakt verhaspelt sich die Talkmasterin gleich mal. Die Kamera zeigte Olaf Scholz, und Will stellte vor: „Der Parteivorsitzende…“

Alle grinsten, Scholz schüttelte den Kopf und Will besserte flink nach: „Nein, der Vizekanzler und SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz, der Parteivorsitzender werden wollte!“

Persönlichste Kritik

„Es scheint, dass es auch einen Wechsel mit Blick auf Berlin geben könnte“, urteilte die Politologin über die Wahlergebnisse in Südwest. „Der Abend ist aus Sicht derer, die nicht die Union sind, durchaus vielversprechend!“

Es komme auf die Person an, erläuterte sie noch und fügte mit einem Blick auf Scholz hinzu: „Da ist vielleicht noch ein bisschen Zuwachs nötig…“

Hoffnungsvollstes Mantra

„Es freut mich, dass sichtbar geworden ist, dass es eine Mehrheit ohne die Union in Deutschland  geben kann“, analysierte Scholz. „Das ist das, was als wichtiges Signal mal ausgesprochen werden muss!“

Seine Einschätzung: „Ein Ergebnis für die CDU/CSU unter 30 Prozent ist möglich. Und, klar, wird es ankommen auf den Kanzlerkandidaten…“

Kühnste Behauptung

Danach spulte Scholz routiniert seine Pläne ab: „Wirtschaftliche Stärke herstellen, Klimawandel aufhalten, für Respekt in der Gesellschaft sorgen, starkes Europa…“

Die SDP ist mit dem, was wir jetzt vorgestellt haben, eine fröhliche Partei“, fasste er die Strategie zusammen.

Sanftester Widerspruch

Heute Abend ist die Partei fröhlich, aber sonst nicht“, wandte die Politologin ein.

„Doch!“ beharrt Scholz. „Lesen Sie mal das Programm, dann werden Sie heiter bleiben!“ Hm – da könnte Heiterkeit allerdings auch ganz andere Gründe haben. Aber die Doppeldeutigkeit fällt niemandem auf.

Widrigste Frage

Will wollte den stürmenden Wahlkämpfer mit einer Zwischenfrage abgrätschen: Ob er auch Rot-Rot-Grün machen würde?

Doch der alte Routinier hatte sein Ausweichmanöver abrufbereit gespeichert: „Ich finde, es ist erst mal wichtig, dass es mehrere Optionen gibt“, antwortete er. „Auf alle Fälle ist es möglich, eine Regierung zu bilden, bei der die SPD führen und den Kanzler stellen kann.“

Energischster Stopper

Die Talkmasterin zeigte eine ARD-Wahlanalyse: In Baden-Württemberg wissen 76 Prozent, in Rheinland-Pfalz 62 Prozent der Wähler überhaupt nicht, wofür die SPD inhaltlich steht.

Ganz so rosig läuft es nicht, und ganz so fröhlich, wie Sie es suggerierten wollten“, neckte sie den Kanzlerkandidaten. Etwas strenger fordert sie dann „eine Art von Orientierung“, indem „Sie sich wenigstens in eine Richtung festlegen“.

„Die SPD hat sich festgelegt“, behauptet Scholz ungerührt, und zwar „auf einen Kanzlerkandidaten. Das ist eine sehr klare Positionierung.“ Naja…

Tiefschürfendste Erkenntnis

Die CDU hat verloren, die SPD stagniert und wir haben dazugewonnen“, freut sich Habeck. Aber: „Ich habe gelesen, dass die Offenheit des Jahres auch ein negatives Vorzeichen hat.“ Häh?

„Es kann in alle Richtungen gehen, aber es kann eben auch in alle Richtungen gehen“, erklärte der studierte Philosoph der staunenden Runde seine Gedanken. „Man muss sehen, dass da eine Tiefenströmung ist, die einen tief beunruhigen kann!“

Habecks alarmierende Feststellung: „Das Vertrauen in die Politik erodiert. Das konnte jetzt durch erfolgreiche Amtsträger gehalten werden, aber die haben wir auf Bundesebene nicht.

Entschlossenste Attacke

Auch für de Maiziere hielt Will eine scharfe Schote bereit: Sein Parteichef Armin Laschet komme in Südwest selbst bei CVDU-Wählern nicht gut weg, berichtet sie. In Rheinland-Pfalz hielten ihn 43 Prozent, in Baden-Württemberg sogar 32 Prozent für die falsche Wahl.

Doch der CDU-Politiker ging sofort zum Angriff über: „Olaf Scholz ist ja sehr selbstbewusst“, frotzelte er einfach drauflos, „aber manchmal ist die Grenze zwischen Selbstbewusstsein und Übermut schmal!“

„Au!“ machte Will. Doch de Mazière setzt noch einen drauf: „Eine Partei, die 15, 16, 17 Prozent im Bund hat, mit dem Anspruch auf Kanzlerkandidatur finde ich mutig“, spottet er.

Deutlichste Warnung

Immerhin, so der CDU-Mann: „Meiner Partei sage ich: Dass es ganz klar ist, dass die Union den nächsten Kanzler stellt, ist heute Abend auch vorbei.“ Rumms!

Doch dann holzte für juristische Coolness bekannte de Maiziere mit Wonne weiter: „So groß war jetzt der Aufschwung von dem Kanzlerkandidaten Olaf Scholz bei der SPD in Baden-Württemberg nicht, mit elf Prozent“, höhnt er. „Das finde ich jetzt nicht so toll!“

Selbstbewusstester Einwand

„Der einzige Ministerpräsident, der mal einen Regierungswechsel herbeigeführt hat in einem Land in letzter Zeit, das war Herr Laschet“, fügte der CDU-Mann hinzu.

„Ich kenne noch einen“, meldete sich Scholz. „Ich zum Beispiel, in Hamburg! Aus der Opposition heraus 48 Prozent.“ Tja – Ehre wem Ehre gebührt!

Knalligste Abrechnung

Die groben Schnitzer der Bundesregierung sind: zu wenig Impfstoff, zu wenig Tests, keine digitale Nachverfolgung der Kontakte“, zählte Habeck zum Thema Corona auf.

Und: „Die Impfterminvergabe holpert. Das mit den Schulen ist ein einziges Hin und Her!“

Kontraproduktivster Jubel

„Spiegel“-Hoffmann wollte noch etwas anderes loswerden: „Das ist nach mehreren Jahren das erste Mal, dass wir in einer Anne-Will-Sendung nach einer Landtagswahl sitzen, in der nicht das oberste Thema die AfD ist“, freute sie sich. Damit hatte sie allerdings die AfD nun doch noch zum Thema gemacht.

Die Politologin stieg prompt darauf ein: „Das Thema wird im Herbst wieder kommen, bei den ostdeutschen Landtagswahlen“, prophezeite sie. „Da liegt die AfD in den Umfragen bei 25 Prozent.“

Scholz stoppt die Diskussion mit einem strengen Ordnungsruf: „Ich hoffe, dass das Wahlergebnis dazu beiträgt, dass wir uns jetzt den Zukunftsfragen für Deutschland zuwenden!“

Sein sibyllinischer Kommentar zu den Verdachtsfällen bei der Union: „Ich finde, wer sich um ein öffentliches Amt bewirbt, bewirbt sich um ein öffentliches Amt!“

Dann gab es Zoff

Habeck knöpft sich noch einmal die Greif-ab-Politiker der Union vor: Für ihn sei die Parteizugehörigkeit kein Zufall, denn die CDU/CSU habe mit Korruption ein „strukturelles und systematisches Problem“.

De Maiziere war sofort auf Zinne: „Wenn Sie nur Beamte im Parlament haben, und vielleicht einen Philosophen wie Sie, dann ist das nicht gut für das Land“, keilte er zurück. „Wir brauchen Handwerker, Ärzte, Steuerberater, Bauern!

Sein passendes Beispiel: „Wenn ein Steuerberater in der Corona-Krise darauf hinweist, dass die Anträge besser über Steuerberater gestellt werden, damit der Betrug kleiner ist, dann hilft es der Branche, vielleicht auch ihm selbst, und dann ist dagegen nichts zu sagen!“

Hasenfüßigster Weichspüler

Die Talkmasterin wollte Benzin draufgießen und zitierte SPD-Chef Norbert Walter-Borjans: „Das Prinzip, dass eine Hand die andere wäscht, sei vor allem bei CDU/CSU immer wieder zum Vorschein gekommen. Das Waschmittel ist Geld.“

Jetzt war aber der Bock fett! „Von einer Partei, die sich nicht davon distanziert, dass ein ehemaliger Bundeskanzler aus Russland bezahlt wird, lasse ich mir so etwas nicht sagen!“ schnaubte der Ex-Innenminister.

Scholz musste sich nun notgedrungen erklären. „Ich bin der Meinung, dass man sich zurückhalten sollte als ehemaliges Regierungsmitglied in der Frage, was man  wirtschaftlich tut“, formuliert er wohlüberlegt. „Ich bin da für strengste Regelung.“ Halleluja!

Schönste Schlussfrage

„Die Union hat ihre programmatischen Hausarbeiten nicht getan!“ poltert Habeck in allerletzter Minute. „Sie ist in der Tat nicht programmatisch aufgestellt für die nächste Zeit!“

Doch de Maizière zeigte keine Sorge, das Gegenteil zu beweisen: „Wieviel Sendezeit haben wir noch?“ witzelte er, und die Talkmasterin verwandelte die Vorlage flugs in ein pünktliches Ende: „Vielen Dank, Herr de Maizière, Sie machen das wunderbar!“

Fazit: Überraschungsarme Meinungsübersollproduktion mit eifrigen Blindfahrten in die Coronautik und upgedateten Weihegaben für die Parteigeister. Das war eine Talkshow der Kategorie „Nach der Wahl ist vor der Wahl“.

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