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Maybrit Illne: Jens Spahns heftiges Rededuell mit dem Doktor von der ARD

„Maybrit Illner: Wettlauf gegen die Krankheit – wie gefährlich ist das Coronavirus?“ ZDF, Donnerstag, 30.Januar 2020, 22.15 Uhr.

Bundesgesundheitsminister  Jens Spahn (CDU) hat sich in der ZDF-Talkshow „Maybrit Illner“ am Donnerstag einen heftigen Schlagabtausch mit dem Fernseharzt Johannes Wimmer („Visite“) geliefert. Grund war ein gravierender Meinungsunterschied über das neue Corona-Virus.

Keine Panik! sagen die Experten. Doch das heißt keineswegs auch: Kein Zoff!

Der Gesundheitsminister hielt bemüht den Ball flach: Die Warnung der Weltgesundheitsorganisation gelte in erster Linie Ländern in Asien und Afrika mit weniger gut entwickelten Gesundheitssystemen, sagte er.

Wichtigste Frage

56 Millionen Chinesen abgeschnitten, über 9600 Infizierte, mehr als 200 Tote, die WHO rief weltweit den Gesundheitsnotstand aus: „Wie ansteckend ist denn das Virus?“ wollte Talkmasterin Maybrit Illner als erstes wissen.

Weniger als das Influenza-Virus!“ antwortete die Virologin Prof. Melanie Brinkmann. Wirklich beruhigend klang das allerdings nicht: In diesem Winter sind in Deutschland bereits 50 Menschen an Grippe gestorben.

Der Journalist Felix Lee („taz“) nahm nichts auf die leichte Schulter: „In China gibt es inzwischen Infizierte in allen Provinzen, und der Peak ist noch nicht erreicht!“ warnte er.

Alarmierendste Zahl

Die Talkmasterin zeigte sich beeindruckt und kam kurz aus dem Tritt: „Welche Schäden richtet das Körper im Virus an, und sind die heilbergbar?“ fragt sie den TV-Doktor.

Auch Wimmer war mehr als besorgt: „Momentan weiß man, dass 25 Prozent, also ein Viertel aller, die deswegen im Krankenhaus sind, auf die Intensivstation müssen. Und daher kommt auch diese hohe Sterblichkeit!“ erklärt er.

Schreckensszenario des Abends

„Wenn das Virus in meinem Körper wütet, habe ich ein Problem“, beschrieb der TV-Mediziner die Gefahr. „Das geht so weit, dass man künstlich beatmet werden muss, dass das Blut teilweise außerhalb des Körpers mit Sauerstoff angereichert werden muss, weil die Lunge das teilweise gar nicht mehr schafft. Dass eine Dialyse stattfinden muss, dass der Körper komplett auf Maschine extern angewiesen ist. Das ist der krasseste Fall.“

Optimistischste Prognose

Wir müssen sehr schnell alle Kontaktpersonen ausfindig machen und isolieren, schnell die Infektionskette unterbrechen“, sagte Spahn dazu. „Ein Gesundheitssystem wie das unsere kann das!“

Die 90 bis 100 Deutschen, die jetzt schnellstmöglich aus Wuhan zurückgeholt werden sollen, würden zentral untergebracht, kündigte der Minister an. Die Inkubationszeit betrage zehn bis 14 Tage.

Nach einer Anordnung Spahns müssen schon im Flugzeug die Kontaktdaten der Passagiere für die nächsten 30 Tage auf spezielle Formulare eingetragen werden.

„Wir haben so viel Dusel, wir kommen derzeit mit einem blauen Auge davon“, sagte der TV-Arzt. Aber in Bayern „sind jetzt auch 90 Menschen unter Quarantäne“.

Seine Sorge: In den Krankenhäusern habe man auch ohne das Virus „gut zu tun“, denn „die Herzinfarkte und die Schlaganfälle haben ja nicht Pause, nur weil jetzt 90 Menschen mit einer ansteckenden Krankheit kommen! Es ist ja alles voll!“

Schärfstes Wortgefecht

Das wurde dem Minister nun doch zu viel, und er funkte energisch dazwischen: „Entschuldigen Sie mal, das sind ja erst mal keine Patienten, die da kommen, sondern Bürgerinnen und Bürger! Nur dass wir vielleicht den Unterschied doch noch…“

Doch der ARD-Mediziner ließ sich nicht bremsen: „Wenn von den 90 die Hälfte eine Infektion hätte, dann würde statistisch von denen einer sterben!“ erwiderte er. „Das muss man sich mal klarmachen! Das kann ganz schnell kippen!“

Härtester Tadel

Und Wimmer setzte noch einen drauf: „Wir haben die Infektionsrate von SARS bereits überschritten, in China!“ sagte er. „Also das ist nicht etwas, was man mal so eben abtun kann!“

Jetzt platzte dem Minister der Kragen: „Hier tut keiner irgendwas ab, sondern wir gehen sehr wachsam und gut vorbereitet mit der Situation um!“ entgegnete er  sichtlich verärgert. „Ich finde es wichtig, dass wir die Dinge entsprechend einordnen und am Ende auch angemessen mit den Dingen umgehen!“

Knalligstes Kontra

Der TV-Arzt wehrte sich und warf mit Zahlen über die Grippe um sich: „Alles Schätzungen! Das kann man nicht in einen Pott werfen!“

„Ich verstehe die ganze Hektik nicht!“ konterte Spahn heftig. „Hier wird nichts abgetan und auch nicht in einen Pott geworfen!“

Und dann ließ der Minister seinem Ärger freien Lauf: „Ich wäre sehr dankbar, wenn Sie in der Frage, wie Sie in der Wortwahl rangehen, das vielleicht etwas anders machen würden“, blaffte er den ARD-Mediziner an. „Dafür finde ich die Situation zu ernst!“ Rumms!

Vorsichtigste Prognose

„Da kommen ja keine 90 Schwerkranken“, beschwichtigte die Virologin. „Ja, wir haben jetzt die Grippe-Saison. Trotzdem werden wir klarkommen. Man muss jetzt nicht in Panik machen!

„Nicht gegen jede Angst hilft eine Statistik!“ bemerkte die Talkmasterin

Ein Impfstoff gegen das Corona-Virus werde zwar kommen, prophezeite die Expertin, aber für die jetzt Erkrankten auf jeden Fall zu spät. Denn anders als von Spahn erhofft werde die Entwicklung vielleicht sogar ein ganzes Jahr dauern.

Bedenklichste Beispiele

Der Minister wird dabei aufs Tempo drücken, denn schon jetzt breitet sich die Corona-Angst immer weiter aus. „Ich habe mich heute mit Mitarbeitern von Webasto unterhalten“, schilderte er einem Besuch bei dem betroffenen Unternehmen. „Und was die berichten, was die Familie erlebt…“

Dann berichtete er von „Kindern in den Kinderhorten, die an die Seite gesetzt werden“, und einem Kfz-Mechaniker, der sich weigerte, das Auto eines Webasto-Mitarbeiters zu reparieren.

Interessantester Begriff

Zum Schluss zeigte Illner ein Video aus dem Internet: Verängstigte Chinesinnen schreiend und weinend in einer Notaufnahme. In einer Zuschaltung berichtet ZDF-Korrespondent Ulf Röller über lange Schlangen vor den Krankenhäusern.

Aber: „Es gibt ein totales Vertrauen in die Kommunistische Partei“, erklärte der Journalist in Peking. „China ist eine Leistungsdiktatur, die den Service bringen muss für ihre Leute.“

Das aber, meint Spahn, sollte erst recht klappen in einer Demokratie mit Offenheit und Transparenz.

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