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Mallorca-Talk bei „Hart aber Fair“: Wolfgang Kubicki und Karl Lauterbach zoffen sich über die ersten Urlaubsflüge

„Hart aber Fair: Der Sommer der Entspannung – kann man das Virus erstmal vergessen?“ ARD, Montag, 15.Juni 2020, 21.15 Uhr.

Der Bundestagsvizepräsident Wolfgang Kubicki (FDP) und der Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach (SPD) haben sich in der ARD-Talkshow „Hart aber Fair“ am Montag einen heftigen Schlagabtausch geliefert. Thema war der erste Flug nach Corona ins populärste Urlaubsziel der Deutschen.

Zum Start der Schlachtruf des Sommers

Talkmaster Frank Plasberg weiß, was Ferienreisende hierzulande denken: „Malle, wir kommen!“ Seine Frohbotschaft: „Heute morgen ist in Düsseldorf der erste Flieger nach Mallorca gestartet. Komplet ausgebucht!“

Schärfste Kritik

„Da wäre ich niemals mitgeflogen!“ schimpfte Lauterbach. „Ich kenne alle Studien. Es sagt keine, dass das sicher wäre!“

„Ich würde einsteigen“, widersprach Kubicki. „In Schleswig-Holstein haben wir überhaupt keine Neuinfektionen mehr. Und im Flugzeug wird innerhalb von drei Minuten die Luft ausgetauscht!“ Aber: „Wer jeden Abend ein Corona-Extra sieht, bekommt natürlich Angst!“

Schon ging der Zoff los

„Die Leute, die jetzt fliegen, sind die, die risikobereiter sind – Leute wie Sie!“, patzte der SPD-Politiker den FDP-Kollegen an.

„Auch die Bundesregierung, der Sie angehören, als GroKo, hat sich dafür entschieden, dass es eine zweite Welle nicht geben wird“, konterte Kubicki. „Sonst würde das Konjunkturprogramm ja keinen Sinn machen!“

Härtestes Tackling

„Völlig falsch!“ grätschte ihn Lauterbach ab. „Das fängt schon schlecht an! Die Bundesregierung kann nicht entscheiden, dass es keine zweite Welle gibt! Das macht die Pandemie selbst!“

„Wir entscheiden!“ widersprach Kubicki energisch mit Blick auf die Maßnahmen der Bundesregierung.

„Wenn genug Fälle da sind, wird es eine zweite Welle geben, egal was wir entscheiden“, erwiderte der Gesundheitspolitiker. Allerdings: „Leute wie ich, wir sitzen dazu da, um eine zweite Welle zu vermeiden. Das ist unsere Arbeit!“

Hm – also entscheidet das doch nicht das Virus allein? Hörten wir hier einen Streit um des Kaisers Bart? Durch Deutschland tönen schon Corona-Abschiedslieder: Vamos a la playa! Geht nich gibs nich! Scheißegal, heut’ is’ Party! Talkmaster Frank Plasberg lud dazu kundige Gäste:

Kubicki warnt vor Angst als Mittel der Politik und „Einzelhaft“ für Ältere: „Nicht das Gehirn ausschalten!“

Lauterbach schlug Alarm: „Wer in den vollbesetzten Mallorca-Flieger steigt, weiß nicht, ob er gesund ankommt!“

Norbert Fiebig, Präsident Deutscher Reiseverband (DRV), jubelte über die Grenzöffnungen von heute: „Jetzt können sich die Menschen wieder auf den Sommerurlaub freuen!“

Der Psychologe Stephan Grünewald analysierte: „Wir befinden uns in einer Art Zwischenwelt, die seltsam abgedämpft und unsinnlich ist!“

Die SZ-Wissenschaftsredakteurin Christina Berndt staunte über „Mitmenschen, die jetzt schon so tun, als ob sie coronafrei hätten.“

Die Verbraucherschützerin Annabel Oelmann warnt: „Stornieren geht meist noch leicht, nur die Rückzahlung lässt dann auf sich warten!“

Triftigster Grund

Auch Psychologe Grünwald will nach Mallorca, im Juli, weil dort sein Vater 85 wird. „Man sucht ein paar Tage der Unbeschwertheit“, erklärte der Seelenforscher.

„Das ist ein Testlauf“, erläuterte Reise-Präsident Fiebig. „Die Disziplin der Leute ist entscheidend. Das gilt aber auch in der U-Bahn!“

Flauschigstes Eigenlob

Die beiden Polit-Streithähne machten ungerührt weiter, Lauterbach jetzt allerdings leicht abgeregelt: „Dass die zweite Welle nicht so groß wird wie die erste, ist ganz klar“, gab er schon mal zu.

Kubicki witterte Oberwasser: „Eine abstrakte Gefahr ist niemals ein Grund für eine konkrete Grundrechtseinschränkung“, dozierte er und pries seine Kieler Landesregierung: „Bei uns dürfen schon wieder bis zu zehn Leute kuscheln!“

Klarstes Jein

„Ich bin nicht für die Grundrechtseinschränkung, dass nicht gereist werden kann“, formulierte Lauterbach noch vorsichtiger. „Aber ich warne davor!“ Damit war er allerdings schon ziemlich nahe an Kubickis Standpunkt geraten: Dessen Mantra lautet, über sein Risiko müsse jeder selbst entscheiden.

Zutreffendste Analyse

Psychologe Grünwald beobachtet zurzeit eine „ungeheure Polarisierung“: „Es gibt die Freiheitsapologeten, die sagen, wir müssen wieder so leben wie früher, und es gibt die, die immer die zweite Welle antizipieren und die Todesdrohung hochhalten“, sagte er. Seine Formel: „Gesundheitsapostel gegen Todesengel!“

Besser ließ sich auch das Duett Kubicki & Lauterbach kaum beschreiben. Doch, so der Experte: Die Bevölkerung sei gar nicht so polarisiert, sondern „die Menschen erleben seit den Lockerungen, dass das Leben nicht mehr so ist wie früher. Sie erleben sich in einer seltsamen Zwischenwelt!“

Erfreulichste Expertise

„Die Menschen fahren jetzt nicht in Urlaub, um Trallafitti zu machen, um steil zu gehen“, diagnostizierte der Psychologe im schönsten Ruhrgebietsslang, „sondern sie verhalten sich wie jemand, der eben vom Krankenlager aufgestanden ist.“

Und: „Sie machen das mit einer gewissen Vorsicht“, erläutert Grünewald weiter. „Da gibt es nicht diese Ballermann-Fantasien. Ich glaube nicht, dass wir in dieser Exaltiertheit, in dieser Exotik und Erotik Urlaub machen!“

Verdutzteste Zwischenfrage

Huch! Der Talkmaster stutzte. „Haben Sie gerade ‚Erotik‘ gesagt?“

„Erotik und Exotik“, wiederholte der Professor.

„Ah! O.k.“ sagte Plasberg und guckte rasch auf seinen Zettel. Offenbar hatte er bei dem schlimmen E-Wort den Faden verloren. Sind die Kinder schon im Bett? Es war erst 21.38 Uhr!

Beruhigendste Prognose

„Wir würden alles wieder runterfahren“, sagte Lauterbach für den Fall einer zweiten Welle voraus. „Aber alles dichtmachen – das kommt nicht mehr.“

Er selbst aber würde z.B. nicht in medizinisch weniger gut ausgestattete Länder wie etwa die Türkei fahren, sagte der Gesundheitsexperte weiter. Denn in Sachen Corona gelte dort: „Da musst du um dein Leben kämpfen!“ Wenn das jetzt mal nicht Ärger mit Erdogan gibt…

Interessanteste Erkenntnis

„Die Krise hat zu einer ungeheuren Spaltung in der Gesellschaft geführt“, analysierte der Psychologe. Auf der einen Seite stünden die, für die es jetzt eigentlich „die schönste Zeit im Leben“ sei: „Ruhig, beschaulich.“ Das gelte etwa für Beamte, Rentner oder Studenten, die mal wieder zu Hause seien: „So eine Art Corona-Biedermeier. Da wird gegärtnert, spazieren gegangen…“

Für die anderen aber, meinte Grünewald, sei die Pandemie eine Zeit der Enge, der Überforderung: „Und die suchen jetzt buchstäblich das Weite.“

Deprimierendste Antwort

Für Zuschauerfragen nach den Möglichkeiten für Storno war Verbraucherschützerin Oelmann zuständig. Damit hatte sie die A-Karte gezogen. Denn weil das Auswärtige Amt keine Reisewarnungen mehr, sondern nur noch Reisehinweise gibt, bleiben alle Stornokosten voll beim Kunden backen.

Besonders misslich sei, dass viele Veranstalter, auch die Lufthansa, jetzt mauerten, klagte die Expertin. „Da gibt es extrem viele Beschwerden: Ich erreiche niemanden mehr, und mein Geld habe ich auch noch nicht zurück!“

Wichtigste Forderung

Unsere Branche braucht Hilfe! sagte Fiebig dazu. Er wollte zwar keine Zuschüsse, aber doch wenigstens Kredite. Sein Vorwurf: „Die Politik bewegt sich hier nicht, die lässt uns vor die Wand laufen!“

Damit biss er bei Lauterbach aber auf Granit: Die Lufthansa habe Milliarden Steuergelder bekommen, motzt ihn der SPD-Mann an. Er vermisse „ein Wort des Dankes“. Rumms!

Dialog des Abends

Kunden, die auf Rückzahlungen warteten, könnten sich ja einen Anwalt nehmen, meinte Plasberg und pflaumt den FDP-Mann an: „Das muss ja nicht der Herr Kubicki sein, mit seinen Stundensätzen!“

„Diese freche Bemerkung habe ich zur Kenntnis genommen“, schoss Kubicki zurück, aber: „Ich ignoriere sie einfach.“

Fröhlichste Botschaft

Das miese Mauern gegenüber besorgten Kunden in den Warteschleifen hielt der FDP-Politiker für eine „Unverschämtheit“, tröstete aber: „Die Lufthansa hat jetzt eine Staatsbeteiligung. Insofern kann man sie jetzt auch verklagen!“

Kniffligste Frage

Zu den Antirassismus-Demos in Corona-Zeiten wollte Plasberg von Lauterbach wissen: „Hat man da als Politiker einen Beißhemmung?“

Lauterbach tat, als würde er dieses Wort gar nicht kennen: Die fehlenden Masken und Abstande seien für ihn „ein Sargnagel für die Disziplin“, wetterte er.

Seine Befürchtung: Die dabei möglichen Superspreading-Effekte könnten sich als „GAU für die Pandemiebekämpfung“ entpuppen.

Griffigste Formulierung

„Corona ist mit einer riesigen Ohnmachtserfahrung verbunden“, erklärte der Psychologe zum Schluss. „Ein Teil der Menschen versucht jetzt aus dieser Handlungsunfähigkeit herauszukommen: Nicht das Virus, sondern der Staat wird als Aggressor gesehen.“

Die vielen Verschwörungstheorien, so der Experte weiter, suchten die Schuld bei einer „finsteren Macht“, und „die Erregung verbreitet sich schneller als der Erreger.“ Als Nährboden eignen sich womöglich auch schlechte Talkshows…

Fazit: Lockerungspolitiker gegen Warner in der Wüste. Viel echtes Sendungsbewusstsein, aber auch stramme Durchhalterhetorik aus der Echokammer. Auch diesmal wieder mehr Meinungshärte als Faktenfairness, und der Talkmaster holperte ohne Radar immer knapp über das Bodenprofil. Das war eine Talkshow der Kategorie „Konturenflug“.

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