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Maischberger: Irrer Taxi-Terror gegen Cem Özdemir wegen Erdogan

„maischberger.die woche“. ARD, Mittwoch, 16.Oktober 2019, 22.45 Uhr.

Der Grüne-Politiker Cem Özdemir hat sich in der ARD-Talkshow „maischberger. die woche“ am Mittwoch heftig über politisch motiviertes Mobbing durch fanatisierte Berliner Droschkenkutscher beschwert.

Schlimmste Erinnerung

Ein Taxifahrer hat mal kein Trinkgeld angenommen, weil er gesagt, an diesem Geld klebt das Blut türkischer Soldaten!“ schilderte Özdemir eine dieser persönlichen Anfeindungen. „Ein anderer hat während der Fahrt plötzlich Gas gegeben, dann voll auf die Bremse gedrückt, wieder Gas gegeben, auf die Bremse gedrückt – und ich hatte meine Kinder dabei!“

Özdemirs Reaktion: „Ich habe bei der Taxifirma angerufen und gesagt: Sorgt dafür, dass es Sanktionen gibt. Und ich hoffe, die machen das!“

Persönlichster Eindruck

Über seine Perspektiven nach der Niederlage im Kampf um den Parteivorsitz sagt der Grüne lächelnd: „Langweilig wird’s mir nicht!“ Und dann mit einem Blick auf die Deko mit einem großen Erdogan-Porträt: „Ich glaube, der hat sich gefreut!“

Maischberger wirkt überrascht: „Er hat das mitbekommen, glauben Sie?“

Davon ist Özdemir felsenfest überzeugt: „Der verfolgt mit Sicherheit – da bin ich mir sicher -, was der Özdemir so macht!“

Maischberger hatte den Politiker mit einem kurzen Film eingeführt: Bei einem Empfang des Bundespräsidenten hatte der Grüne dem Großsultan ins Gesicht gesagt: „Von dem früheren Erdogan ist nichts übrig!“

„Heute sieht er sich als oberster Vertreter eines Welttürkentums“, erklärte Özdemir den auch in Deutschland ausgebrochenen Erdogasmus.

Lustigste Anekdote

Erdogan hatte einst über Özdemir geschimpft, der sei wohl gar kein richtiger Türke und solle mal einen Bluttest machen. „Als er das sagte, war ich zufällig bei meinem Hausarzt und hatte eine Blutabnahme“, erinnert sich der Grüne jetzt. „Ich habe die ganze Zeit gelacht, und die Schwester hat sich gewundert…“

Doch dann wurde Özdemir schnell wieder ernst: „Erdogans wichtigstes Ziel ist es, an der Macht zu bleiben“, stellte er fest. Denn: „Er weiß, wenn er die Macht verliert, wird es nicht ein Ende sein wie in einem demokratischen Land, sondern er wird wahrscheinlich dann in der Türkei vor Gericht gestellt, wegen der Verfehlungen, wegen der Korruption, aber auch wegen der vielen Toten!

Bedenklichste Information

In der jetzt umkämpften Region in Nordsyrien leben noch Christen: „Die Assyrer“, sagte Özdemir. „Die sprechen Aramäisch, das ist die Sprache Jesus Christi. Und die sind jetzt extrem bedroht“ – vor allem von Erdogans islamistischen Hilfstruppen.

Maischberger brachte auch die türkischen Fußballer ins Spiel, die bei der EM-Quali im Stadion militärisch salutiert hatten: „Warum sollten diese jungen Männer nicht ein patriotisches Gefühl haben?“ fragte sie provokativ.

„Weil das ein völkerrechtswidriger Krieg ist!“ brach es aus Özdemir heraus. „Weil dort brutalste Menschenrechtverletzungen verübt werden!“

Denn, so der Grüne: „Erdogans Bündnispartner sind Islamisten, das sind Verbrecher, Mörder, Leute, die für Ermordungen, Vergewaltigungen, Raub, Brandschatzungen unterwegs sind. Leute, die ins Gefängnis gehören!“

Hatte sich Özdemir über Aggressionen von Erdogan-Fans beklagt, so lieferte der ARD-Kabarettist Jürgen Becker seinerseits ein besonders beschämendes Beispiel für eine Wut-Attacke.

Ausraster des Abends

Beim Thema Syrien flippte der Kölner komplett aus: „Der Trump ist ein so großes Arschloch, da können Sie mit dem Lkw durchfahren!“ bollerte er. Lachen und Johlen im Publikum!

Der Talkmasterin kamen Bedenken: „Können wir da einen Bleep  drüberlegen, über A…?“ fragt sie die Regie. Von wegen! Das Schimpfwort wurde glatt gesendet, nach dem alten Talk-Motto „Spaß muss sein, sprach Frankenstein“.

„Die Kurden haben uns geholfen, den IS zu bekämpfen!“ donnerte Becker weiter. „Ich finde das menschlich und moralisch und politisch einen Riesenfehler von Trump. Wie soll der denn jetzt noch mal irgendwo Verbündete finden!“

Hm – meint Becker etwa solche wie die Deutschen? Das Publikum war jedenfalls amüsiert.

Klügste Analyse

Der Journalist Christoph von Marschall („Tagesspiegel“), Autor von Bestsellern über Barack Obama und Michelle Obama, bot das sachliche Kontrastprogramm zur Schimpfkanonade des Kabarettisten: „Dass Putin jetzt so stark in Syrien ist, hat damit angefangen, dass Obama eine rote Linie gezogen hat, bei Giftgas würde er intervenieren – und es dann nicht gemacht hat!“

„Und die Perfidie geht noch weiter“, fügt der Journalist hinzu. „Wir haben Probleme mit Amerika, wenn es reingeht, wir haben Probleme mit Amerika, wenn es zu früh rausgeht, und wir wollen jemand, der uns die Flüchtlinge vom Hals hält“ – Erdogan!

Interessantester Einspieler

Das sieht auch die Netzaktivistin Katharina Nocun („Kattaschas Blog“) so: „Wir sollten nicht nur auf die USA schauen!“ mahnte sie. „200.000 Menschen auf der Flucht, davon 70000 Kinder. Vor unserer Haustür! Es ist befremdlich zu sehen, dass wir als Europäer ein NATO-Mitglied einfach so agieren lassen!“

Dass Greta Thunberg den Nobelpreis nicht bekam, fande Bloggerin Nocun „nicht wichtig“, denn: „In 50 Jahren werden überall auf der Welt Denkmäler von Greta Thunberg stehen!“

Becker setzte noch einen drauf: „Man wird Greta Thunberg noch in 500 Jahren kennen – anders als Trump oder Honecker…“

Die Türken marschieren in Syrien ein, die Engländer vielleicht aus der EU heraus. Die frischgebackene EU—Parlamentarierin Barley riskierte im letzten Teil des Talks eine gewagte Prognose: „Die Leute haben alle die Schnauze voll!“ sagte sie. „Keiner hat mehr Lust auf dieses Brexit-Gehacke! Boris Johnson hat jetzt eine bessere Chance als Theresa May. Denn ihm nehmen die Leute ab, dass er wirklich bis zum letzten Schweißtropfen gekämpft hat.“

 

 

Unterste Schublade: Jürgen Becker, hier mit Talkmasterin und Co-Talkern, fiel mit Fäkalsprache aus der Rolle. Statt der erhofften Pointen lieferte er nur bösartige Beschimpfungen © WDR/Max Kohr

 

 

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