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Lockdown-Talk bei Maybrit Illner. Lauterbach: Wir könnten 14.000 Leben retten!

„Maybrit Illner: Lockern, aber sicher – geht das?“ ZDF, Donnerstag, 25.Februar 2021, 22.15 Uhr.

Der SPD-Gesundheitspolitiker Prof. Karl Lauterbach hat in der ZDF-Talkshow „Maybrit Illner“ vorgeschlagen, die erste und die zweite Impfung des Impfstoffs AstraZeneca mit größerem Abstand als bisher auszuführen.

Seine schockierende Rechnung: Durch die so gesteigerte Wirksamkeit „würden wir im günstigsten Fall 14.000 Menschen, im nicht ganz so günstigen Fall 8000 Menschen das Leben retten. Einfach nur durch ein anderes Impfschema!“

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Lauterbach twittert: „Kommentare vor und nach der Sendung sehr willkommen.“ Mutig!

Boris Palmer (Grüne), Oberbürgermeister von Tübingen, schimpft: „Die Mutanten werden als Argument benutzt, nicht öffnen zu müssen!“

Die Amtsärztin Isabelle Oberbeck leitet das Gesundheitsamt Weimar.

Die Biophysikerin Prof. Susanne Schreiber ist Vize-Vorsitzende im Deutschen Ethikrat.

Die Journalistin Shakuntala Banerjee leitet das ZDF-Hauptstadtstudio.

Der Astrophysiker Prof. Harald Lesch moderiert die ZDF-Sendung „Leschs Kosmos“.

Talkshow als Freisprech-Anlage für selbstdenkendes Fachpersonal! Der Oberbürgermeister startet mit einer beklemmenden Prophezeiung: „Wir können nicht mehr!“ stellt er ohne Wenn und Aber fest. „Viele Betriebe werden nicht überleben! Die Innenstädte werden, wenn wir sie erst im Sommer aufmachen, halb tot sein!“

Seine dringende Forderung: „Wir müssen raus aus der Schwarz-Weiß-Logik. Wir müssen mit guten Sicherheitskonzepten öffnen, ohne zu viel zu riskieren. Ich glaube, dass Schnelltests, dass das Konzept des Freitestens dabei eine wichtige Rolle spielen werden.“

Drastischster Vergleich

„Da rasen zwei Züge aufeinander zu“, beschrieb Lauterbach seinen Blick auf steigende Infektionszahlen und sinkende Lockdown-Bereitschaft. „Wir sind ganz klar in der dritten Welle angekommen!

Zur Diskussion um die angestrebte Inzidenzzahl von wöchentlich nur 35 Infektionen je 100.000 Einwohner sagte der Gesundheitspolitiker: „Wir machen einen zentralen Fehler: Wir kommunizieren schizophren!“

Denn, so Lauterbach: „Wir sagen, die dritte Welle mit der gefährlichen Mutation ist da. Also mehr Vorsicht. Und auf der anderen Seite wird von Lockerungen gesprochen. Das versteht niemand!“

Wichtigste Forderung

„Die EU hat spät und schlecht eingekauft!“ kritisierte der Gesundheitspolitiker. „Es ist nicht mal die Hälfte der über 80-jährigen geimpft. Die Gruppe darunter hat ein sehr, sehr hohes Risiko. Das sind die zwischen 70 und 80 Jahren, die sehr hohe Risikofaktoren haben. Die sind noch gar nicht geschützt!“

Schlussfolgerung, so Lauterbach: „Somit brauchen wir noch sechs bis acht Wochen, um diese wichtige Gruppe auf das rettende Ufer zu bringen!

Nüchternste Analysen

„Die Inzidenz allein ist nicht das einzige Kriterien“, erklärte Amtsärztin Oberbeck. Außerdem müsse man ihr unbedingt die Anzahl der Testungen gegenüberstellen, weil man „die Inzidenz natürlich ganz niedrig halten kann, indem man einfach nicht testet.“ Oha!

„Es ist heute sehr, sehr schwer, hundertprozentige Sicherheit zu haben“, meinte Prof. Schreiber vom Ethikrat. Aber auch bei Unsicherheit müsse man  versuchen, die bestmögliche Lösung zu finden.

Politischster Kommentar

Über den Zoff im Kabinett urteilte ZDF-Journalistin Banerjee, die Bundeskanzlerin fahre dem Bundesgesundheitsminister deswegen in die Parade, „weil es das geringere Übel ist“.

„Sie beschädigt Jens Spahn, wenn sie mehrfach reinregiert“, kommentierte die Studiochefin. „In normalen Zeiten würden sofort Rufe laut nach einem Abtreten des Ministers!“

Interessanteste Einschätzung

Jetzt habe Angela Merkel die Wahl, entweder ihren Minister zu düpieren oder einen Krach mit den Bundesländern und dem eigenen Koalitionspartner zu riskieren, meinte Banerjee.

Denn: Die Kritik an Spahn wegen der Impfstoffbeschaffung und jetzt auch wegen der Tests habe die Kanzlerin zu der Frage geführt, „ob man eine zerstrittene Regierung und zerstrittene Bundesländer zulässt, wenn eigentlich das Gegenteil gefordert ist, nämlich Vertrauen schaffen durch einen abgestimmten Weg.“

Energischste Maßnahme

Palmer punktete mit seinem speziellen Tübinger Lock’n’Roll: „Wir haben jetzt schon die dritte Woche, in der wir in allen Kitas und allen Schulen, soweit Präsenzunterricht stattfinden, testen“, freut er sich. „Mit sehr guten Resultaten!“

Woher er die neuen Schnelltests habe? wollte die Talkmasterin wissen. Antwort: Direkt vom Hersteller. Denn, so der Oberbürgermeister: „Als die Zulassung klar war, habe ich gesagt: Auf die Genehmigung zum Nasebohren warten wir jetzt nicht!“

Vielversprechendster Vorschlag

„Ich würde das gleiche Konzept, wenn wir es dürften, sofort auch für unsere Innenstadt anwenden“, fügte Palmer hinzu. „Wir könnten Teststationen aufbauen, die Leute dort testen lassen.“

Sein Vorschlag: Die Getesteten bekommen in den Personalausweis einen Bepper und dürfen dann sechs Stunden „ins Museum, zum Shoppen oder Schlemmen“, weil sie in dieser Zeit niemanden anstecken können. Palmer: „Ich hoffe, dass das nach der nächsten Ministerpräsidentenkonferenz möglich wird.“

Negativste Reaktion

Lauterbach schüttete gleich kräftig Wasser in den Wein: Damit würde man das Virus aus anderen Städten anlocken, meinte er. Auch dürfe man die Tests nicht überschützen, denn die Ansteckungsgefahr werde nur in sechs von zehn Fällen erkannt.

Und das gelte, so der Gesundheitspolitiker, nur für die drei bereits zugelassenen Tests. Bei den 30 anderen Teste, die jetzt auf ihren Einsatz warten, lägen nur ungeprüfte Herstellerangaben vor, und unter diesen Produkten sei, so Lauterbach, auch „Schrott“.

Prompt gab es Zoff

Außerdem sei sicherzustellen, dass die positiv Getesteten dem Gesundheitsamt gemeldet würden, fügte Lauterbach noch hinzu.

Palmer hatte geduldig zugehört, jetzt aber platzte ihm der Kragen: „Das sind alles lösbare Probleme!“ murrte er von seinem Monitor herunter. „Nicht immer nur Bedenken vortragen!“

„Ich habe erst mal ein Problem vorgetragen“, wehrte sich Lauterbach. „Probleme sind nicht automatisch Bedenken!“

„Aber man kann auch Lösungen vortragen!“ konterte Palmer. Uiuiui!

Vernichtendster Vorwurf

Danach regte sich der Oberbürgermeister zu Recht über die vielen nicht verimpften Dosen von AstraSeneca auf: „Der Fehler war, diesen Impfstoff nicht für die über 65-jährigen zuzulassen“, wetterte er gegen das Paul-Ehrlich-Institut. „Wir sind mal wieder übervorsichtig gewesen!“

Palmers hartes Urteil: „Das ist ein schwerer strategischer Fehler, der Leben kostet!“

Verblüffendste Erkenntnis

„Ein Riesenfehler!“ bestätigte Lauterbach, der sich auf keinen Fall das Etikett „Lockwart“ aufkleben lassen will. „Daten aus England zeigen, dass dieser Impfstoff bei den über 80-jährigen sogar vorzüglich wirkt. Das ist ein unfassbar guter Impfstoff!“

„Wenn wir ihn freigeben, wird er auch genommen!“ hoffte Lesch. Uff!

„Unser Problem ist das Sicherheitsdenken“, ärgerte sich Palmer weiter. „In der Pandemie ist Schnelligkeit vor Gründlichkeit!

Und: „Warum sind in Deutschland massive Einschränkungen von Grundrechten und Wohlstand und Bildung möglich, aber nicht die Preisgabe von Daten, die Google und Apple sowieso haben, an das Gesundheitsamt?“

Lauterbachs neuer Vorschlag, die Termine zwischen erster und zweiter Impfung nun möglichst weit auseinanderzuziehen, bedeutet allerdings auch: Bleibt es beim bisherigen Modus, müssen Tausende sterben, die sonst leben könnten!

Und was meinten die anderen dazu? „Das würde uns helfen“, kommentierte Illner knapp. Die anderen sagten gar nichts. Echt jetzt? Hatte die Runde die Tragweite überhaupt kapiert?

Übelste Attacke

Dafür ging es noch mal gegen Spahn. Ein ZDF-Einspieler zeigte den SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich mit seinem bösen Wort vom „Ankündigungsminister“.

Lesch steuerte immerhin eine Durchhalteparole bei: „Im Frühling wird es besser werden.“

Pragmatischste Unternehmung

Palmer schaffte es mit seinen Schnelltests ins Finale: „Ich habe einen Unternehmer angerufen“, erzählte er fröhlich, „und gesagt, ich brauche die Logistikhalle, da kommen jetzt 200.000 Tests!“

„Und“, so Palmer weiter, „er soll bitteschön auch noch für den Einkaufspreis bürgen, für die Million, weil die Stadt das nicht so schnell im Gemeinderat bereitstellen kann!“

Ergebnis: „Wir könnten nächste Woche anfangen, die Innenstadt zu testen“, kündigte der Oberbürgermeister an. „Wir stellen den Friseuren die Tests zur Verfügung, damit jeder einen Schnelltest machen kann, bevor die Haare geschnitten werden. Das geht alles, wenn man nur will!

Fazit: All-in-Debatte mit viele Würze, Talk-Kommandeuse Illner kitzelte allerhand Substantielles heraus, und die Stimmung blieb bis zum Schluss im grünen Bereich. Das war ein Talk der Kategorie „Good Lock!“

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