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Lock-off-Zoff bei Anne Will: Waterkant-Zank zwischen Kubicki und Tschentscher

„Anne Will: Inzidenz wieder unter 100 – beginnt jetzt die große Leichtigkeit oder der große Leichtsinn?“ ARD, Sonntag, 16.Mai 2021, 21.45 Uhr.

Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) und FDP-Vize Wolfgang Kubicki haben sich in der ARD-Talkshow „Anne Will“ am Sonntag einen heftigen Schlagabtausch geliefert über Pandemiebekämpfung und bürgerliche Grundrechte geliefert.

Wörtlich sagte Kubicki zu dem Bürgermeister: „Was Sie in Hamburg machen, halte ich für rechtswidrig!“ Tschentscher wehrte sich mit einer Formulierung, die unter Hanseaten bereits als stärkster Tobak gilt. „Das finde ich einen ziemlich schweren Vorwurf!“

Deutschland auf der Corona-Zielgeraden. Jetzt bloß nicht stolpern! Anne Wills Gäste:

Tschentscher wurde von Will als „Vorsitzender des Teams Vorsicht“ vorgestellt.

Kubicki ist „überrascht davon, dass weite Teile der Bevölkerung glauben, man muss den Anordnungen der Regierung ohne Murren folgen!“

Der Linke-Fraktionschef Dietmar Bartsch schimpfte: „Die Bundesregierung hat ein Riesenkommunikationsproblem!“

Die Gastro-Funktionärin Ingrid Hartges kämpft für 2,4 Millionen Beschäftigte in Restaurants und Hotels.

Die Intensivmedizinerin Carola Holzner („Doc Caro“) zoffte sich zuletzt mit den Stars der Aktion #allesdichtmachen.

Promis und Profis. Die Positionslichter waren rasch gesetzt: „Die Patienten sind immer jünger, die Verläufe immer schwerer!“ meldete „Doc Caro“ aus der Intensivstation. „Die Menschen sind fertig!“ klagte Gastro-Hartges nicht nur für Köche und Kellner.

Wichtigste Ankündigung

Gibt es zu Pfingsten wieder Außengastronomie in Hamburg? wollte Will wissen. „Ja!“ versprach „Mister Vorsicht“ Tschentscher. „Ich werde das am Dienstag dem Senat vorschlagen, weil wir wirklich einen großen Erfolg hatten mit den Maßnahmen der letzten Wochen.“

„Das ist ja der Vorteil dieser starken Abbremsung, dass wir jetzt auch früher aus diesem Maßnahmen wieder rauskönnen“, lobte der Bürgermeister die Ausgangsperren. „Deswegen können wir jetzt Grundrechte wieder zurückgeben!“

Prompt ging der Zoff los

Man gibt keine Grundrechte zurück, wir sind alle Grundrechtsträger!“ korrigierte Kubicki. „Ich teile auch nicht die Auffassung, dass die Ausgangssperre zu einer wesentlichen Verbesserung beigetragen hat!“

„Wir haben dankenswerterweise jetzt eine Situation, in der wir wieder auf das Gesetz gucken müssen“, fügt der Liberale hinzu. „Wir müssen jetzt endlich die Frage erörtern: Was darf der Staat eigentlich seinen Bürgern noch zumuten?“ Das gelte für Hotels und Restaurants, aber auch für den Einzelhandel.

Schwungvollster Kommentar

In Schleswig-Holstein auf, in Mecklenburg-Vorpommern zu? „Das leuchtet mir nicht ein“, wetterte Bartsch, der im Landkreis Vorpommern-Rügen wohnt und im Wahlkreis  Rostock kandidiert.

„Niemand ist für Leichtsinn“, fügte der Linke hinzu. „Selbst Herr Kubicki nicht, und der ist schon sehr mutig. Aber für Leichtsinn ist er auch nicht. Ich hoffe jedenfalls, dass er es nicht ist.“ Heiterkeit im Saal!

Überzeugendste Priorität

„Ich kenne in meiner Heimat ganz viele in der Gastronomie“, berichtete Bartsch dann. „Da werde ich jedes Mal nur beschimpft: Du bist doch in Berlin, warum hast du nicht organisiert, dass wir schon auf haben?“

Doch, so der Fraktionschef: „Mein Plädoyer ist, mehr an die Kinder, an die Schulen zu denken. Denn die Kleinsten werden nicht geimpft, und ich glaube, dass wir da jetzt mit dem Auf-Sicht-Fahren aufhören müssen.“

Schlagfertigste Antwort

„Hätten Sie das tatsächlich besser gemacht?“ zweifelte die Talkmasterin und erinnert Bartsch daran, „dass das von Ihrem Parteifreund Bodo Ramelow regierte Thüringen bis jetzt am schlechtesten dasteht und immer noch den weitaus höchsten Inzidenzwert hat!“

„Ich würde mal die These wagen, dass das nicht zuallererst eine parteipolitische Frage ist!“ konterte der Linke. „Wenn ein linker Ministerpräsident dafür sorgen würde, dass die Inzidenz nach unten geht, dann würden wir bald überall regieren!“

Schadenfrohster Seitenhieb

Kubicki lachte sich schlapp. Bartsch weiter: „Außerdem hat Bodo Ramelow die große Besonderheit, dass er eine rot-rot-grüne Regierung führt und de facto von der Union toleriert wird…“

„Das ist eine ganz schwierige Sache“, kommentiert der Linke die Zwickmühle der CDU, „auf der einen Seite der Kanzlerin folgen, auf der anderen Seite Opposition machen. Ganz schwierig!

Irrstes Beispiel

Kubicki wurde die Krawatte eng: „Wir haben Orte in Schleswig-Holstein, wenn Sie dort ausgehen, sind Sie auf meckleburgischem Gebiet“, berichtete er und polterte: „Da sind Schleswig-Holsteiner mit Bußgeldern belegt worden von der mecklenburgischen Polizei, weil sie drei Meter in Mecklenburg waren!“

„Gleichzeitig fahren die Leute von der anderen Seite nach Lübeck zum Einkaufen!“ ärgert sich der Liberale. „Wenn wir zu dieser Kleinstaaterei zurückkehren, dann gnade uns Gott!“

Und wieder Zoff

Kubicki setzte noch einen drauf: „Sie werden es erleben, dass auch Ihr Oberverwaltungsgericht Ihnen sagt, wo die Grenzen liegen für Ihre Entscheidungen!“ kündigte er dem Bürgermeister an.

„Die Verwaltungsgerichte bestätigen ganz viele der Entscheidungen, die wir getroffen haben“, verteidigte sich Tschentscher. „Sie haben vor kurzem noch gesagt, dass die Ausgangssperre verfassungswidrig sei. Das Verfassungsgericht hat diese Entscheidung nicht aufgehoben…“

„Es hat nicht erklärt, dass sie verfassungsgemäß ist“, beharrte der FDP-Vize. Puh! Leute!

Ich bleibe mit meinem Hintern zu Hause!“ sagte Ärztin Holzner über ihre Urlaubspläne

Verständlichster Vorwurf

„Irgendwann ist die Balance verloren gegangen!“ klagte Gastro-Kämpferin Hartges. „Das ist doch irre! Die Gäste können ins Ausland fliegen, nach Mallorca, sie können nach Südtirol, Österreich, in die Schweiz, und im Allgäu können die Deutschen keinen Urlaub machen!“

„Wir müssen in mehreren Stufen vorgehen“, erläuterte Tschentscher geduldig. „Das können auch schnelle Stufen sein, aber wichtig ist, dass wir insgesamt nicht zurückfallen, denn dann haben Sie und wir alle vom Sommer nichts!“

Überflüssigste Spitze

„Das Ziel ist nicht ‚keine Infektionen‘, sondern das Ziel ist ‚keine Überlastung des Gesundheitssysteme“, machte Kubicki klar. „‘Keine Infektion‘ werden wir nie hinbekommen, weil wir das Virus nie mehr aus der Welt schaffen werden.“

Über den jüngsten Einsatz von PCR-Tests statt der bisher üblichen Schnelltests an Schulen in Nordrhein-Westfalen frozzelte der Liberale: „Vielleicht sollte sich Herr Söder daran ein Beispiel nehmen, der ja immer schon zu den Schlechtesten in der Republik gehörte, obwohl er immer die größten Worte gefunden hat…“

„Oh!“ salzte Will nach. „Das hört er nicht gerne!“

Knalligster Dialog

Bartsch fand es „albern“, noch immer an der Impfpriorisierung festzuhalten, zumal inzwischen schon „flächendeckend Impfstoff vernichtet“ werde.

„Ich weiß nicht, woher Sie diesem Information haben!“ ärgerte sich Tschentscher.

„In Hamburg zum Beispiel 40.000 Impfdosen!“ behauptete Bartsch.

„Definitiv nicht!“ widersprach der Bürgermeister. „Es wird keine einzige Impfdose vernichtet!“

 

„Das ist eine Mitteilung aus Hamburg gewesen!“ beharrt der Linke.

„Das ist eine Recherche des ‚Spiegel‘“, assistierte die Talkmasterin, „die gesagt haben, das liegt eigentlich an der sehr komplizierten Weise, wie man sich in Hamburg um einen Termin bewerben muss.“

Interessanteste Erklärung

Tschentscher wusste es besser: „Das sind Rechnungen, die irgendjemand angestellt hat, man könnte theoretisch eine siebte und elfte Dosis gegen die Zulassung und gegen die Studienlage verimpfen.“

„Daraus hat irgendjemand errechnet: Das wären dann ja 40.000 Impfdosen“, sagt der Bürgermeister zu Bartsch.   „Das ist möglicherweisen etwas, das Sie hier durcheinanderbringen.“ Rumms!““

Temperamentvollste Schlussoffensive

„Ich würde mich freuen, wenn die 2,4 Millionen Beschäftigten in meiner Branche in die Priorisierung reinkommen und gleichbehandelt würden mit den Beschäftigten im Einzelhandel!“ sagte Hartges. „Wir sind systemrelevant!“

Will guckte schon auf die Uhr: „Frau Hartges…“

Doch die Gastro-Funktionärin wollte weitermachen: „Liebe Frau Illner, ich bin heute das erste Mal da, und ich vertrete…“

Aua! „‘Will‘ ist mein Name“, griente die Talkmasterin.

„Ach! Das war jetzt aber ein Fauxpas!“ ächzte Hartges. „Entschuldigung!“

„Nicht schlimm“, tröstete Will. Für sie und Maybrit Illner gilt: Ähnlichkeiten sind nicht beabsichtigt, aber auch inhaltlich kaum zu bestreiten…

Fazit: Lebhafter Lockdownendspurt ohne kleingeistige Gesinnungsathletik, die drei Politperformer bewiesen  hochprofessionelle Wahrheitskunst, bei Zank und Hoff galten keine Verkehrsregeln: Das war eine Show der Kategorie „Sonntagsfahrt“.

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