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Lindners Schwur in „Hart aber fair“: „Wir werden einen Linksruck verhindern!“

„Hart aber fair:  Endspurt im Wahlkampf – Wer macht die letzten Punkte?“ ARD, Montag, 20.Septe,ber 2021, 21.30 Uhr.

Auf der Zielgeraden liegen Dreier-Teams Kopf an Kopf: „Ampel“ und „Links“ mit Olaf Scholz, „Jamaika“ mit Armin Laschet. In „Hart aber fair“ fragte Frank Plasberg nach den Chancen. Die Gäste:

Ralph Brinkhaus (CDU). Der Unionsfraktionschef muss das Kanzleramt verteidigen.

Rolf Mützenich (SPD). Der Fraktionsvorsitzende ist und will links.

Katrin Göring-Eckardt (Grüne). Die Fraktionschefin blinkt seit Jahren in beide Richtungen.

Christian Lindner (FDP). Der Partei- und Fraktionschef bleibt stur auf der Mittelspur.

Alice Weidel (AfD). Die Fraktionschefin schrammt rechts außen an der Streckensicherung entlang.

Amira Mohamed Ali (Linke). Die Fraktionschefin keucht am roten Rand hinterher.

Letzte Woche erklärte SPD-Arbeitsminister Hubertus Heil bei Plasberg eine rot-grün-rote Bundesregierung für „eher unwahrscheinlich“. Was sagte jtzt sein Fraktionschef?

Gehässigster Kommentar

„Schauen Sie sich mal diese Runde an!“ freute sich Plasberg. „Bei uns sind die Fraktionschefs aller Bundestagsparteien!“ Vor lauter Jubel vergaß er sogar das ARD-typische Gendern, dabei war diesmal die Hälfte seiner Gäste weiblich.

Bei den Männern fehlte einer: „Christian Lindners Navi sagte eben: 21.29 Uhr, aber er braucht vielleicht ein neues Navi“, lästerte der Talkmaster kurz nach halb zehn.

Schnellste Reaktion

Plasbergs Einstiegsfrage lautete: „Die ersten hundert Tage. Was kann der Wähler erwarten, wenn Sie in einer neuen Regierung loslegen? Wer will anfangen?“

Wedel brauchte handgestoppte 0,5 Sekunden: „Wiederherstellung der Grundrechte“, schoss sie aus der Hüfte. „Die Zurücknahme der Corona-Maßnahmen, die völlig überzogen und verfassungswidrig sind!“

Schlagfertigste Antwort

Göring-Eckardt, diesmal in einem herzhaft orangegelben Kostüm als Curry-Eckardt unterwegs, wollte lieber über die Klimakrise reden. Als Testimonial zitierte sie Schlagerstar Herbert Grönemeyer, „der sich gerade als 65-jähriger geäußert hat.“

Doch in der nächsten Sekunde stürmte Lindner ins Studio und vermasselte der Grünen die Tour.

„Sie kaufen sich in den ersten 100 Tagen eine neue Uhr!“ patzte Plasberg den Späti an. Doch der Liberale blieb cool: „Nein. Ich kümmere mich um die Verkehrsinfrastruktur“, lächelt er, noch ganz aus der Puste.

„Wer zu spät kommt, den bestraft der Wähler!“ ätzte der Talkmaster weiter.

„Es war eine Vollsperrung auf der Autobahn, vielleicht ein Unfall“, klärte ihn der FDP-Chef auf. „Jetzt hoffen wir, dass nichts passiert ist.“

Freundlichster Empfang

Der SPD-Fraktionschef wurde wohlwollend begrüßt: „Rolf Mützenich, das erste Mal bei ‚Hart aber fair‘, gar nicht so oft in Talkshows“, freute sich Plasberg. Über die Gründe, warum die SPD-Wahlkampfleitung ihre Spitzenpolitiker wochenlang hinter Scholz versteckte, schwieg sich der Talkmaster aus.

Mützenich rasselte sein Wahlprogramm runter: „12 Euro Mindestlohn, wir würden auf jeden Fall einen klaren Ausbaupfad für die erneuerbaren Energien auflegen, und 400.000 Wohnungen, davon 100.000 Sozialwohnungen.“

Feiner Unterschied: Anders als Martin Schulz vor vier Jahren sagte der Fraktionschef nicht „ich werde“, sondern „wir würden“, das klang deutlich basisdemokratischer.

Cleverste Antwort

„Angela Merkel und die Union regieren dieses Land seit 5782 Tagen“, rechnete Plasberg Brinkhaus vor. „Können Sie mir erklären, warum die CDU jetzt mit Armin Laschet und einem 100-Tage-Programm kommt?“

Hm – weil Wahlkampf ist? Aber der Fraktionschef hatte was Besseres in petto: „In den letzten 25 Jahren hat die SPD ein Jahr länger regiert als wir“, stellte er fest. „Insofern hätten Sie die Frage auch Herrn Mützenich stellen können!“

Griffigste Formel

Zur Sache sagte Brinkhaus: „Keine neue Belastungen! Keine neue Bürokratie! Planungsverfahren beschleunigen! Sehr schnell einen Nationalen Sicherheitsrat einrichten! Vieles muss sich ändern, damit das Gute bleibt!“

Wirtschaftlichste Pläne

Lindner, in den Medien bereits als Königsmacher gefeiert, zurrte rote Leinen fest: „Mittelschicht entlasten! Erst mal wieder wirtschaftliche Dynamik erreichen!

Steuerberater Brinkhaus wurde fachlich: „Wir wollen ein wettbewerbsfähiges Unternehmenssteuerrecht“, dozierte er los. „Einkommensungleichheit schalte ich aus, nicht indem ich Steuern umverteile, sondern indem ich den Menschen die Chance gebe, durch Bildung, aber auch durch ein gutes Wirtschaftswachstum gut bezahlte Arbeitsplätze zu haben.“

„Milchmädchenrechnung!“ giftete Mützenich. „Sie betrügen die Leute, weil, Sie schaffen keine Initiative für die nächsten vier Jahr, die wir brauchen, um dieses Deutschland wieder voranzubringen!“

„Aber Herr Mützenich!“ antwortete Brinkhaus entgeistert. „Wir haben jetzt jahrelang gut zusammengearbeitet. Deswegen: ‚Betrügen‘ – das sollten wir aus unserem Wortschatz streichen.“

Plasberg hatte dafür nur Spott: „Darf ich die Trennungsgespräche nicht in eine Paartherapie ausarten lassen?“

Bissigster Dialog

Lindner attackierte Mohamed Ali mitten in einem Vortrag über linke Steuerpläne. „Sie haben 75 Prozent Spitzensteuersatz“, hielt er der Cheflinken vor.

„Lassen Sie mich ausreden!“ wehrte sich die Fraktionschefin.

„Sagen Sie doch mal!“ setzte der Chefliberale nach.

„Wenn Sie mich ausreden lassen, tu ich das gerne!“ keilte die Cheflinke zurück. „Ich weiß nicht, warum Sie mir dann ins Wort fallen. Mein Gott!“

Verräterischste Antwort

„75 Prozent!“ wetterte Lindner weiter und schlug mit der Hand den Takt in die Luft. „Sie glauben tatsächlich, dass dann noch Leistungsträger oder Mittelständler in Deutschland bleiben?“

Göring-Eckardt setzte ihr Fremdschäm-Gesicht auf: Unerhört von dem Kerl, eine Kollegin so zu bedrängen!

„Das sind Familienbetriebe!“ erinnerte Lindner.

Ja, das sind die kleinen Familienbetriebe, die sonst nicht wissen, wie sie klarkommen, ich weiß“, spottete die Linke.

„Na das ist auch interessant“, bemerkte Brinkhaus vielsagend.

Gretchenfrage des Abends

Plasberg kam zum Kern: Was ist mit Rot-Rot-Grün?

„Wenn Frau Muhamad Ali zustimmen würde, dass wir uns anschauen, was mit den vorhandenen Vermögen und hohen Einkommen passiert, insbesondere dann, wenn damit Investitionen getätigt werden“, erläuterte Mützenich, „und wenn wir damit auch sagen würden, ein Kapital hat auch eine gesellschaftspolitische Verantwortung, dann können wir darüber reden.“ Uff!

Für ihn als SPD-Fraktionschef sei die entscheidende Frage: „Schafft Kapital auch gesellschaftspolitischen Fortschritt und auch Arbeit?“ Deshalb sei auch er dafür, „dass der Spitzensteuersatz steigt“.

Unwillkommenster Einwand

Weidel forderte, strenger auf die Staatsausgaben zu achten: „Migration! EU-Umverteilung! EZB-Staatsanleihenkäufe! Schuldenunion!“

Doch Plasberg („Ich kriege Geld dafür, das hier zu machen“) wünschte darüber keine Diskussion: „Sie werden die Nerven haben, das stehenzulassen“, stoppte er die anderen.

Optimistischste Prognose

„Wir sind spät ins Spiel gekommen“, entschuldigte Brinkhaus die miesen Umfragewerte, aber „wir sind jetzt im Spiel, wir haben unseren Rhythmus gefunden, wir holen auf und ich gehe davon aus, dass wir es bis zum 26. September schaffen werden.

Seine Strategie: „Immer wieder sagen, wofür wir stehen. Olaf Scholz steht für eine Linksregierung. Armin Laschet steht für das, was er als Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen gemacht hat. Ich habe nie eine bessere Landesregierung gehabt!“

Kategorischste Absage

Lindner feierte sich für seine Entscheidung von 2017, Jamaika platzen zu lassen: „Ich könnte hier sitzen als Vizekanzler und Finanzminister, wenn nicht die Union den Grünen vor vier Jahren alle Wünsche von den Lippen hätte ablesen wollen!

Göring-Eckardt wollte ihn durch übertriebenes Lachen unglaubwürdig machen. Auch Brinkhaus lachte mit, doch der FDP-Chef zog voll durch: „Seien Sie froh!“ rief er dem Unionsfraktionschef zu. „Vor vier Jahren haben wir einen Linksruck verhindert. Das werden wir diesmal genauso machen.“ Rumms!

Widrigste Erinnerung

Und Lindner hatte noch einen: „Olaf Scholz hatte vor einigen Jahren in Hamburg Gelegenheit, mit der FDP über Sozialliberal zu sprechen“, berichtete er. „Noch vor der Bürgerschaftswahl hat er Gespräche ausgeschlossen, weil er sich exklusiv auf die Grünen festlegen wollte!“

Wütendstes Damendoppel

Die Grüne wollte gern Distanz zu Dunkelrot darstellen: Bei der Bundestagsabstimmung über Rettungsflüge aus Afghanistan habe sich die Linkspartei enthalten. Göring-Eckardts zorniger Vorwurf: „Da haben Sie den Menschenrechten keinen Gefallen getan!“

Mohamed Ali war sofort auf Zinne: „Unverschämtheit!“ pfeffert sie los. Die Linke habe sich immer für Evakuierungen eingesetzt, aber „der Antrag beinhaltete eben nicht die vollständige Rettung der Ortskräfte, und dazu konnten wir nicht Ja sagen. Wir kämpfen bis heute für die Ortskräfte!“

Letztes Gefecht

Für Brinkhaus stellt sich zum Ende „eine einzige Frage“: Werden SPD und Grüne mit der Linken koalieren oder nicht?

Der Achterbahn-Endschreck im Wahlkampf!“ blödelte Plasberg.

Doch der Fraktionschef konterte: „Achterbahn geht gut aus.“ Amen!

Fazit

Am Anfang klare Lagerbildung, zum Schluss aber jeder gegen jeden, nur Rot und Grün hielten einander eisern die Treue. Das war eine Talk-Show der Kategorie Jürgen Marcus (1975): „Auf dem Karussell fahren alle gleich schnell“.

 

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