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Lauterbach im Corona-Talk bei Maybrit Illner: Es wird eine vierte Welle geben!

„Maybrit Illner: Fußball, Sommer, Mutationen – wie groß bleibt das Corona-Risiko?“ ZDF, Donnerstag, 24.Juni 2021, 22.15 Uhr.

Der SPD-Gesundheitspolitiker Prof. Karl Lauterbach hat die Fußball-EM in der ZDF-Talkshow „Maybrit Illner“ am Donnerstag als „Brandbeschleuniger für die Delta-Variante“ bezeichnet.

Deutschland schleppt sich durch das Turnier, die englische Virusmutante bringt die Angst zurück, und Maybrit Illner sorgt sich: „Fußball, Sommer, Mutationen – wie groß bleibt das Corona-Risiko?“ Die Gäste:

Lauterbach beanstandete vor allem das deutsch-englischen Achtelfinale: „Fußballspiele in London gefährden die Bürger Europas!“

Der Aerosolforscher Gerhard Scheuch widersprach: „Ein Spiel mit 60.000 Zuschauern ist kein Infektionstreiber!

Die Journalistin Claudia Kade (WELT) findet die Corona-Regeln bei dieser EM „absolut unverständlich“.

Diana Zimmermann, ZDF-Korrespondentin in London, kritisierte: „Die britische Regierung hat auf die Delta-Variante zu spät reagiert!“

ZDF-Moderator Jochen Breyer („Sportstudio“) ahnte Böses: „Volle Stadien? Da hat die UEFA England wohl erpresst!“

Zwei Mal Wissenschaft, drei Mal Medien. Sportlichster Start: „Nicht Infektionen und Impfungen bestimmen mehr über das Länder-Ranking in Europa, sondern Tore“, freute sich die Talomasterin, schränkte dann jedoch ein: „Das ist schön, aber vielleicht in Zeiten von Corona zu früh.“

Denn, so Illner spielerisch: „Das Finale gegen das Virus läuft noch, und es geht mit der sogenannten Delta-Variante vielleicht in die Verlängerung!“

Sachlichste Kritik

Breyer hätte vor dem „besonderen Spiel Deutschland-England“ lieber über sportliche Themen gesprochen, etwa „über das Wembley-Tor 1966, von dem wir alle wissen, dass es kein Tor war!“

Der EM-Reisezirkus durch elf Spielorte sei „wirklich eine charmante Idee gewesen“, fügte der ZDF-Moderator hinzu, kritisierte aber: „Ich glaube, es wäre besser gewesen, sich einen anderen Modus auszudenken und zu sagen: Diese Idee verschieben wir auf die Zeit nach der Pandemie.“

Schlimmster Vorwurf

Illner wollte es wissen: „Die UEFA hat offenbar mehr Angst vor Regenbogenfahnen als vor Corona?“ fragte sie genau auf den Elfmeterpunkt.

„Man hat tatsächlich den Eindruck, dass da die Gesundheit nicht im Vordergrund steht“, bestätigte der ZDF-Kollege, „sondern die Interessen der Geldgeber. Die UEFA will jetzt auch ihre Sponsoren durchdrücken. 500 VIPs sollen zum Finale einreisen und sich nicht an die Quarantäneregeln halten müssen!

Schärfste Kritik

„Wir haben in Großbritannien jetzt wieder die höchste Inzidenz von ganz Europa“, stellte Korrespondentin Zimmermann fest. „Deswegen hat sich Boris Johnson etwas Schlaues einfallen lassen: Er hat erklärt, dass seien jetzt alles Testspiele für den Freedom-Day“, mit dem am 19.Juli das Ende der Pandemie gefeiert werden soll.

„Er hat sich natürlich von der UEFA unter Druck setzen lassen“, schimpfte sie über den populären Premierminister, „zumal er selbst gerne nach dem Lust-Prinzip agiert und wissenschaftlichen Experten nur insoweit folgt, als das mit seiner Politik zusammenpasst.“ Uff!

Spitzeste Frage

„Volle Ränge in Ländern, die eine viel höhere Inzidenz haben als wir hier“, staunte die Talkmasterin. „Werden die Deutschen schon mal Europameister der Angst?“

Die WELT-Journalistin wunderte sich eher darüber, „dass wir es gerade bei diesem Konzept der EM, wo es ja durch verschiedene Staaten geht, bis jetzt noch nicht geschafft haben, einheitliche Regeln in den EU-Staaten für Reisende zu finden.“

Wichtigste Info

Scheuch, der nach einem Sturz vom Kirschbaum seiner Mutter seit drei Jahren im Rollstuhl sitzt, sah die vollen Stadien wesentlich gelassener: „In der Aerosolforschung sind wir uns relativ einig, dass draußen so gut wie keine Ansteckungen stattfinden“, hielt er dagegen. „Das gilt auch in einem Stadion.“

Plastischster Vergleich

Aber: „Die Ansteckungen finden statt bei der Anreise, oder in den Logen“, fügte der Forscher hinzu. „In Finnland sind Fans zurückgereist aus St.Petersburg, die waren infiziert, und das waren genau die, die mit den Bussen gefahren sind.“

„In einem Milliliter Luft sind 100 Millionen Viren“, dozierte Lauterbach. „Mehr als Deutschland Einwohner hat. Wenn man im Stadion eng beieinander steht, singt oder schreit, kann ich mir vorstellen, dass man sich  auch dort ansteckt.“

Interessanteste Idee

In München, das Bayerns Ministerpräsident Markus Söder jetzt als Ausweichort ins Spiel brachte, wäre die Situation ganz anders als in London, meinte Lauterbach.  Denn: In England habe die gefährliche Delta-Variante einen Anteil an der gesamten Corona-Verbreitung von über 90 Prozent in Deutschland dagegen seien es nur 25 Prozent.

Und, so der Experte: „In München würden wir das Stadion nicht mit 60.000 Leuten füllen. Wenn man hier 15.000 Leute ins Stadion ließe – es ist ein sehr luftiges Stadion -, dann ist das ist eine ganze andere Gefahrensituation!

Eindringlichste Warnung

„Wir müssen uns auf den Herbst vorbereiten“, mahnte Scheuch. „Und wir müssen diese Aerosol-Übertragung auch mit aerosoltechnischen Mitteln bekämpfen.“

Und das bedeute, so der Wissenschaftler: „Wir sollten uns nicht nur auf die Impfung verlassen. Wir sollten einen Plan B in der Tasche haben. Wir können doch nicht ständig die Schulen schließen! Wir müssen endlich Raumluftfilter installieren. Wir kämpfen seit einem Jahr um diese Maßnahmen!“

Lüftung, Digitalisierung, wieder Wechselunterricht im Herbst? „Man kann von einem wirklich drastischen, ich finde: grenzenlosen Versagen der deutschen Politik beim Umgang mit den Schülern sprechen“, empörte sich die WELT-Journalistin.

Alarmierendste Erkenntnis

„Es wird eine vierte Welle geben“, kündigte Lauterbach an. Denn im Herbst spiele sich wieder mehr in Innenräumen ab, und bis dahin habe sich die Delta-Variante auch in Deutschland flächendeckend ausgebreitet.

Seine Prognose: „Die Frage ist nur: Wie hart wird sie uns treffen? Es ist nicht möglich, die Schüler zu schützen, indem die Eltern geimpft sind. Wenn ein Kind infiziert ist, geht es durch die ganze Klasse. Wir machen wieder den Fehler, dass wir hoffen, es wird schon irgendwie gehen mit der Schule.“

Dann gab‘s doch noch Zoff

„Ich würde wirklich noch einmal darüber nachdenken, ob wir den Kindern ein Impfangebot machen“, schlug Lauterbach energisch vor, denn: „Wir müssen eine deutlich höhere Impfquote hinkriegen!“ Hoffnung mache ihm etwa eine „sehr gute Studie aus Norwegen“. Allerdings gab der Gesundheitsexperte zu: „Ich weiß, dass ich mit dieser Position relativ allein bin.“

Stimmt! Aerosol-Scheuch gab sofort Kontra: „Die Studie in Norwegen ist sehr, sehr klein. Das sind sehr kleine Zahlen. Zwei Kinder von dreizehn. Da wurde die Prozentzahl ausgerechnet. Also da muss man vorsichtig sein.“

Doch Lauterbach ließ sich nicht so leicht umhauen: „Bei den Erwachsenen sieht die Studie anders aus“, wehrte er sich. Uff!

Scheuch blieb dran: „Wir wissen nicht mal, ob Kinder infektiös sind!“

Da ging Lauterbach fast der Debattengaul durch: „Da muss ich widersprechen!“ motzte er von seinem Monitor herab, schüttelt immer wieder den Kopf und wurde dabei immer röter.

„Wir wissen nicht, wieviel Partikel Kinder emittieren!“ beharrte der Aerosolforscher, ebenfalls deutlich angefasst.

Zünftigster Expertenstreit

Lauterbach nahm noch mal Anlauf, diesmal mit Hinweis auf den Virologen der Berliner Charité: „Ich verweise auf die Studie von Herrn Drosten, die sehr methodisch…“

„Das ist keine Infektionsstudie“, unterbrach ihn Scheuch.

„Die Frage ist geklärt, dass auch Kinder Superspreader sein können!“ behauptete der Gesundheitspolitiker unbeirrt.

„Die Viruslast ist im Nasen-.Rachenbereich da“, gab der Aerosolforscher zu, „aber wir haben festgestellt, dass Kinder sehr wenig Partikel ausatmen.“ Klares Unentschieden!

Hoffnungsvollstes Statement

„Wir haben unsere Reporter, die vor Ort sind, nicht nach London geschickt“, berichtete der ZDF-Moderator zum Schluss, „weil wir uns gesagt haben: Das ist gesundheitlich nicht zu verantworten.“

Zum Spiel der Deutschen gegen England sagt Breyer: „Wir müssen uns überlegen: Schicken wir jetzt einen Interviewer hin oder nicht? Die Gespräche und die Überlegungen laufen im Moment noch.“

„Das schlechteste Signal wäre, das Endspiel nach Budapest zu verlegen“, warnt Breyer noch. „Das würde zur UEFA passen, wäre aber wirklich fatal. Vielleicht kann man es ja nach München geben und das Stadion regenbogenfarbig einleuchten.“ Amen!

Fazit

Schwungvoller Meinungsaustausch ohne Funktionärssprech, Schlaumeierismen, Unfehlbarkeitsgesten und hochdrehenden Politologenschund. Trotz großer Debattenhitze kaum Fouls, auch das Mimimi-Beschwerdeformular blieb unausgefüllt: Das war ein Talk der Kategorie „Befreiungsschlag“.

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