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Lauterbach bei Maybrit Illner: Zoff um die Kinderimpfung

„Maybrit Illner: Der Sommer wird gut – wird die Corona-Politik besser?“ ZDF, Donnerstag, 10.Juni 2021, 22.15 Uhr.

Der CDU-Kanzleramtsminister Helge Braun, Der SPD-Gesundheitsexperte Prof. Karl Lauterbach und der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit haben sich in der ZDF-Talkshow „Mybrit Illner“ am Donnerstag heftig über Kinderimpfungen gegen Corona gestritten.

Wörtlich sagte Lauterbach: „Bei normalem Regelbetrieb werden wir ohne Impfung in den Schulen sehr viele infiziert Kinder sehen. Ich finde es nicht richtig, dass wir sagen, Erwachsene schützen wir durch Impfung, aber Kinder schützen wir, indem sie sich infizieren!“

Deutschland jubelt über Sonne, Spaß und den Sinkflug der Fallzahlen, doch die Wissenschaft bleibt skeptisch. Maybrit Illners Gäste: „

Kanzleramtsminister Braun (CDU) freut sich: „Deutschland ist im Vergleich mit anderen europäischen Ländern gut durch die Pandemie gekommen!“

Lauterbach ist sicher: „Der Lockdown hat Tausende Leben gerettet!“

Schmidt-Chanasit stellte fest: „Der Lockdown war nie die einzige Lösung.“

Die Hausärztin Birgid Puhl beschwerte sich: „Wegsperren und Panikmachen war nicht der richtige Weg!“

Der Journalist Robin Alexander (WELT) kritisierte: „Das Land wurde in dieser Zeit schlecht regiert“!“.

Erprobte Diskutanten aus Politik, Wissenschaft und Medien. Das Publikum vermisste allerdings den kribbelnden Reizstrom aus der grünen Moralbatterie.

Zum Start eine Klage aus der Praxis

„Wir haben eine Liste, da stehen ca. 2000 Patienten drauf“, berichtete die Hausärztin über den Andrang der Impfwilligen. „Wenn wir die durchtelefonieren wollten, würden wir einen Arzt für vier Wochen binden.“

Über die digitalen Impfausweise klagte sie: „Wenn hier irgendjemand weiß, wie das geht, soll er es mir bitte sagen. Ich finde das eine tolle Sache, aber ich wüsste gerne, wo ich meinen QR-Code bekomme, damit ich das generieten kann. Das kann keiner meiner Kollegen.“ Uff!

Ermutigendste Zwischenbilanz

Der Kanzleramtsminister streute Balsam auf die Sorgen: „Die Hausarztpraxen haben endlich Impfstoffmengen, die relevant sind“, beruhigte er.

Zu den Impfungen für Kinder und Jugendliche erklärte Braun, „dass es noch relativ wenig Daten, aber einen zugelassenen Impfstoff gibt und es deshalb nach dem individuellen Risikoempfinden zwischen Arzt und Jugendlichen entschieden werden kann, ob man sich impfen lässt.“ Geht doch!

Kollegialster Vorwurf

Schmidt-Chanasit schimpfte über den Expertenstreit zu den Kinderimpfungen. „Ich hätte mir gewünscht, dass die Kakophonie der Meinungen nicht so stark durchschlägt, weil das zu Verunsicherungen führt!“ wetterte er.

In der Empfehlung der STIKO (Ständige Impfkommission) stehe zudem „ganz klar“, so der Virologe, „dass die Impfung auf keinen Fall eine Bedingung sein kann für Schulbesuch.“

„Das hatte ich Ihnen ja auch schon kritisch gesagt!“ patzte er Lauterbach an. „Sie hatten ja gesagt, dass es für einen Regelbetrieb notwendig sein könnte, diese Impfung durchzuführen.“ Ui!

Prompt sprang der Zoff-o-Meter an

„Ich muss sofort widersprechen!“ konterte der Gesundheitspolitiker und erklärte der Talkmasterin: „Meine Position weicht da etwas ab.“

„Das haben Sie schon mal sehr freundlich anmoderiert“, lobte Illner und lacht sich über die Formulierung scheckig, aber niemand lacht mit.

Gretchenfrage des Abends

„Halten Sie es für gefährlich, wenn man die Kinder in die Schule lässt, ohne dass sie geimpft sind?“ fragte Illner, als sie sich wieder eingekriegt hat.

„Das halte ich nicht für zu gefährlich“, antwortete Lauterbach, aber: „Die STIKO stellt in den Vordergrund, dass man die langfristigen Schäden kennen muss. Erst dann könne man die Impfung empfehlen. Aber diese Schäden sehe ich erst in anderthalb Jahren!“

Herzhaftestes Geblödel

W enn man das zu Ende denkt, wird es auf absehbare Zeit keine Impfungen (für Kinder) geben!“ fügte Lauterbach hinzu. „Das halte ich aus drei Gründen für falsch…“

„Es reichen zwei!“ prustete die Talkmasterin wieder los. Leute! Ernst jetzt?

„Und wenn ich schneller spreche?“ fragte der Gesundheitspolitiker launig. „Darf ich dann drei bringen? O.k.! Ich beschleunige den Redefluss!“ Oh weh…

Eindringlichste Warnung

Stolzeste Bilanz

Wir sind im europäischen Vergleich relativ gut durchgekommen“, stellte der Kanzleramtsminister fest. „Wir haben einen ganz speziellen deutschen Weg. Viele andere Länder hatten Inzidenzen (Infektionsquoten) von über 1000 und dementsprechend auch eine deutlich höhere Sterblichkeit als wir.“ Halleluja!

Brauns Credo: „Wenn man alle anderen Mittel ausgeschöpft hat, ist es immer das letzte Mittel, Kontakte zu beschränken. Das hat die Bevölkerung auch immer gut mitgetragen.“

Wichtigste Vorschläge

Schmidt-Chanasit mahnte, „dass wir uns im Herbst Gedanken machen müssen: Wer muss eine Auffrischungsimpfung erhalten?

Und: „Wir sehen in den letzten Monaten, wo problematische Bereiche sind: Bei Menschen, bei denen es sozial nicht so gut ist. Das habe ich vor einem Jahr angesprochen, da wurde ich als Rassist beschimpft!“

Dann zählte der Virologe Vorschläge auf: „Zielgruppenspezifische Prävention, die wir seit Jahrzehnten auch aus dem HIV-Bereich kennen! Nicht stigmatisieren, Angebote machen!

Heftigster Vorwurf

„Man hätte die Zahl der Todesopfer noch weiter senken können“, meinte Lauterbach. „Ich war einer derjenigen, die gesagt haben: Wir müssen in den Betrieben testen. Wir hätten eine noch bessere Bilanz gehabt, was die Sterblichkeit angeht.“

Aber, so der Experte weiter: „Es gab bei den Gesundheitsämtern und im Robert-Koch-Institut die Angst, dass dann positive Teste nicht gemeldet würden. Da war ein Misstrauen: Die Menschen testen sich selbst, gehen nicht in Quarantäne, und es wird nichts gemeldet. Aber so verhalten sich die Menschen nicht.“

Unwillkommenster Hinweis

Alexander erinnerte an die laute Kritik etwa an den USA, Großbritannien oder Brasilien: „Wir hatten die Wahrnehmung, dass wir ein ganz tolles Land sind, weil die Euro- und Finanzkrise so an uns vorbeigegangen sind“, erläuterte er, „und weil wir keine Populisten hatten.“

„Da gab es das Bild, unsere Kanzlerin ist so rational, und Herr Trump, Herr Johnson und Herr Bolsonaro sind alle so verrückt“, fügte der Journalist hinzu. „Dieses Bild hat deutliche Schrammen bekommen!“

Verdientester Nasenstüber

Die Talkmasterin hatte noch eine Fuhre CDU-Bashing auf Lager und wollte sie kurz vor Toresschluss schnell noch unterbringen: „Können wir sagen, dass wir wenigstens bei den Schnelltests nicht die Vermittlung von Unionsabgeordneten hatten?“ ätzte sie.

In der Runde kam das aber gar nicht gut an: „Das ist jetzt ja fast ein zynischer Scherz, Frau Illner“, tadelte Alexander.

Braun setzte zu einem gewaltigen Lob der Bundescorona-App an: „Sie hat jetzt den Impfpass. Die Möglichkeit, Schnelltests abzubilden. Datenschutzkonforme Warnungen bei Events. Vernetzt mit den Apps vieler europäischer Länder“, zählte der Minister auf. „Das sucht seinesgleichen auf der Welt!“

Wichtigste Forderungen

Lauterbach wollte für die Zukunft eine „eigene staatliche Förderung der Impfstofferforscung“.

Schmidt-Chanasit will „bessere Daten erheben“ und in den Entwicklungsländern „eigene Impfstoffkapazitäten schaffen“.

Ärztin Puhl wünschte sich „mehr Pragmatismus“ und „dass man nicht gehandicapt wird von vielen bürokratischen Hürden“.

„Wenn Krieg ausbricht, gibt es den Fall, dass die Bundesregierung entscheiden kann über viele Grenzen hinweg“, erklärte Alexander. „Man sollte so eine Pandemielage ähnlich bearbeiten.“

Und von Jonas Schmidt-Chanasit bleibt ein Stoßseufzer in bester Erinnerung: „Manchmal kommt es mir vor, als ob wir das Rad neu erfinden.“

Fazit

Viel Vergangenheit, wenig Zukunft, von den Experten Zoff, von der Talkmasterin flache Witze: Das war ein Zähfluss-Talk der Kategorie „Mühen der Ebene“.

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