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Kühnerts Knallhart-Ansage bei Illner. In Polen würde die Bundeswehr kämpfen!

„Maybrit Illner: Frieden schaffen mit noch mehr Waffen – Fehler oder Pflicht?“ ZDF, Donnerstag, 5.Mai 2022, 22.15 Uhr.

Der Bundespräsident hat endlich nach Kiew telefoniert und nun doch eine Einladung erhalten, listiger Weise für „die ganze Staatsspitze“. Doch die Zweifel an der deutschen Unterstützung bleiben. Maybrit Illners Gäste:

Norbert Röttgen (56, CDU). Der Außenpolitiker hat „kein Verständnis, wenn ein Ölembargo erst in Monaten kommt.“

Kevin Kühnert (32, SPD). Der Generalsekretär warnt: „Wir müssen unkalkulierbare Kettenreaktionen verhindern.“ Sie wird wieder aus Münster zugeschaltet.

Marina Weisband (34, Grüne). Die Publizistin klagt die Kompromisssucht an: „Wie viele Dörfer, wie viele Städte wollt ihr denn der russischen Besatzung überlassen?“

Prof. Nicole Deitelhoff (47). Die Friedens- und Konfliktforscherin will „Kanäle offenhalten, durch die wir auf die russische Gesellschaft einwirken können.“

Ranga Yogeshwar (62). Der ARD-Moderator verteidigt den offenen Brief Alice Schwarzers an den Kanzler: Durch schwere Waffen „könnte etwas passieren, was wir alle nicht wollen.“ Er kommt aus Hennef auf den Schirm.

Politik, Wissenschaft, Medien: Wie harmonisch klingt ihr Chor?

Sittsamste Zoff-Ouvertüre

Dass die Kuh durch das Telefonat des Bundespräsidenten mit seinem Amtskollegen in Kiew jetzt endlich vom ukrainischen Eis ist, bringt die Talkmasterin um ein vielversprechendes Streit-Thema, denn Röttgen und Kühnert Politiker wollen in diesen Punkt jetzt nicht mehr investieren.

„So wie es aussieht, hat er dazu einen Beitrag geleistet“, lobt Röttgen seinen Parteichef. Als ein Ergebnis der Merz-Reise sei die Verständigung zwischen den beiden Präsidenten „eine großartige Sache“. Mehr Triumph soll gar nicht sein.

Kühnert sitzt dem CDU-Mann im grauen Zwirn wie ein Kaplan gegenüber und murrt nur leise, dass das Telefonat durch Merz zustande gekommen sein soll, sei eine „kühne Behauptung. Eher habe das wohl mit dem Interview von Scholz am Montag im ZDF zu tun. Sein Gesichtsausdruck signalisiert höchste Gelassenheit.

Aufschlussreichste Erinnerung

Ein ZDF-Einspieler bringt Schwung in die Sache: Nach den Massen-Demos von 1982 wegen der Nato-Nachrüstung gegen russischen Atomraketen knurrte SPD-Bundeskanzler Helmut Schmidt: „Keinerlei Verständnis! ‚Lieber rot als tot‘ war eines der Schlagworte, sich der sowjetischen Bedrohung zu unterwerfen!“

Jetzt aber haut Briefunterzeichner Yogeshwar doch wieder in die alte Kerbe: „Wir sind immer mehr in eine militärische Rhetorik hineingekommen, dass wir immer mehr über Waffen und zu wenig über Verhandlungen reden“, klagt er. Hm, Verhandlungen! Mit Putin, der gar nicht verhandeln will?

Dramatischste Warnung

Gegenbriefunterschreiberin Wiesband hat sich den in Osteuropa beliebten Bauernzopf ums Haupt geflochten und macht eindringlich klar: „Wenn die Ukraine Gebiete abtritt, sind das die Gebiete, in denen vergewaltigt und gefoltert wird, in denen Zivilisten ermordet werden. Diktatur ist kein Frieden!“

Ihre Befürchtung: „Alle Atommächte beobachten uns und denken: Oh, ich muss nur mit einer atomaren Eskalation drohen, dann kriege ich alles, was ich will. Wenn ich einen Aggressionskrieg führe, kriege ich als Kompromiss 50 Prozent der Gebiete, auf die ich Anspruch erhebe. Das ist ein fatales Signal!“

Weisband weiter: „Es kann kein Kompromiss sein, dass die Ukraine jetzt weitere Zugeständnisse macht, weil das nur eine Einladung zu mehr Krieg in Europa wäre.“

Verwunderlichstes Argument

Friedensforscherin Deitelhoff hätte den Gegenbrief unterschrieben, der schwere Waffen fordert, und glaubt in feintheoretischer Unterscheidung: „Das militärische Ziel ist nicht ein ukrainischer Sieg, sondern dass die Ukraine nicht verliert.“ Uff!

Ihre gleichmacherische Begründung: Waffenlieferungen sollen „in Kombination mit massiven Wirtschaftssanktionen“ eine Situation erzeugen, „in der die beiden Konfliktparteien bereit sind, wieder an den Verhandlungstisch zu gehen.“ Aha. Auf wessen Kosten dann der Frieden wohl gelingen soll?

Deutlichste Korrektur

„Wenn man einen asymmetrischen Konflikt hat mit einem Aggressor und einem, der sich nur verteidigt“, widerspricht Weisband, „dann ist den Aggressor zu stärken eher für den Krieg und den Verteidiger zu stärken ein Weg für den Frieden.“ Punkt!

Ihre verwunderte Frage: „Wenn es das Ziel Russlands ist, die Ukraine zu vernichten, und das Ziel der Ukraine, nicht vernichtet zu werden, was genau ist hier der Kompromiss? Der Adressat von Herr Yogeshwar sollte nicht der Bundeskanzler, sondern Herr Putin sein!“

Überraschendste Offenheit

Kühnert hört sich die Diskussion in aller Ruhe an und hat dann unvermittelt einen raus: „Dass die Ukraine nicht in der Nato ist, macht einen Unterschied“, stellt er erst mal fest.

Und dann kommt‘s: „Es ist immer schmerzhaft, das auszusprechen, für die Menschen, die jetzt dort leiden“, sagt der SPD-General, „aber wäre der Angriff auf Polen und nicht auf die Ukraine gewesen, würden wir heute nicht über schwere Waffen reden, sondern dann würde die Bundeswehr in Polen stehen und dort kämpfen.“ Rumms!

Wichtigstes Wort

„Es ist klar, dass die Ausbildung von ukrainischen Soldaten keine Kriegsbeteiligung ist“, fügt Kühnert hinzu. „Auch die Lieferung schwerer Waffen ist nach dem Völkerrecht kein Einstieg in den Krieg.“

Putin habe seit Jahren gezeigt, dass er sich „nicht für Spielregeln interessiert“, erläutert der SPD-General und formuliert eine zentrale Doktrin seiner Partei: „Wir müssen uns überlegen, wie wir es verhindern können, fahrlässig zu handeln!“

Die Menschen treibe um, so Kühnert mit beschwörenden Gesten, „ob wir alles dafür tun, keine fahrlässigen Schritte zu unternehmen!“

Klarste Kante

Föttgen hält es für eine „grundlegende Fehleinschätzung“ der Briefeschreiber um Alice Schwarzer, „zu glauben, dass Putin Vorwände braucht, um seine Politik zu machen.“ Heftiges Nicken bei Weisband, deren Familie in Kiew lebt.

„Putin will die Ukraine zerstören und ein Imperium begründet“, urteilt der CDU-Politiker ohne Umschweife. „Das richtet sich nicht danach, ob wir Gepard, Leopard 1 oder Leopard 2 liefern.“ Für ihn ist der Schwarzer-Brief ein „Plädoyer für das Recht des Stärkeren.“ Ui!

Verständlichster Wunsch

Mitunterzeichner Yogeshwar guckt mit gequältem Lächeln von seinem Monitor herab. „Es wäre gut, Herr Röttgen, wenn Sie den Brief wirklich genau lesen würden“, beschwert er sich. Es gehe nicht darum, „die Ukraine im Stich zu lassen.“

Wichtigster Punkt des ARD-Wissenschaftsjournalisten ist die Sorge vor dem eigenen Irrtum: „Ich möchte nicht dastehen und sagen: O.k., wir haben gedacht, es würde so kommen, und es kam anders“, bangt er. Seine persönliche Befindlichkeit wäre in diesem Fall allerdings wohl eher zweitrangig.

Dann fährt das Zoff-O-Meter ins Rote

Die Friedensforscherin versucht es noch mal mit einer Gleichsetzung: „Es gibt auf beiden Seiten Arroganz“, behauptet sie erst lachend, dann aber fuchtelt sie wütend mit beiden Händen: „Der Punkt ist, dass beide Seiten mit Unterstellungen arbeiten!“

Als Röttgen widerspricht, funkelt ihn die Professorin zornig an: „Beide Seiten arbeiten mit Spekulationen über Endziele!“

Dann folgt eine erschütternde Banalität: „Ganz ehrlich gesprochen, darf ich mal?“, fragt Deitelhoff sichtlich genervt. „In der Wissenschaft kann ich Ihnen sagen, dass es uns sehr schwer fällt, den Ausgang von Konflikten vorherzusagen, weil sie eine eigene Dynamik haben.“ Ernsthaft jetzt? Puh!

Flauestes Dementi

Nach 20 Minuten demonstrativen Zuhörens mit den Fingern an den Lippen kommt Kühnert mal wieder zu Wort und will erst mal die Luft aus einem ausgebüxten Empörungsballon lassen: „Die Interviewpassage von Olaf Scholz im ‚Spiegel‘ war ausdrücklich nicht, dass mit der Lieferung von schweren Waffen der Atomkrieg droht!“, behauptet er.

„Ich hab’s mit extra noch mal angeguckt“, entgegnet die Talkmasterin pikiert und liest den Text auf ihrem Zettel nach. „Dass Eskalationen unbedingt vermieden werden müssen, dass das ganz gut überlegt sein will“, zitiert sie den Kanzler. „Das war die Antwort auf die Frage, ob schwere Waffen eine Eskalation bedeuten!“

Doch Kühnert bleibt auf Vordermann: „Dass er nicht davon ausgeht, dass die Lieferung schwerer Waffen in den Atomkrieg führt, sehen Sie ja daran, dass er selbst kurz darauf die Lieferung der Flakgeparden angekündigt hat.“ Heidewitzka, Herr General!

Fieseste Unterstellungen

Die Professorin will noch mal punkten: „Je stärker wir die Ukraine militärisch unterstützen und sie damit auch stärken in der Konfrontation mit Russland“, doziert sie, „besteht natürlich immer auch dieses Risiko, dass dabei die Ukraine weniger Interesse an Verhandlungen hat.“ Ächz!

Yogeshwar ist immer noch angefressen: „Wenn ich mir Herrn Röttgen anhöre“, poltert er, „dann habe ich den Eindruck, wir wollen wieder zurück in den Kalten Krieg!“

Doch der CDU-Politiker lässt den ARD-Mann cool abtropfen: „Der Kalte Krieg ist unwiderruflich vorbei. Wir haben jetzt heißen Krieg.“ Amen!

Fazit

Hysterie-Rodeo mit Argumenten aus der Erregungsspirale von gestern, antiquierte Ideologie gegen erfahrungsbasierte Realpolitik, liebgewordene Illusionen zerplatzten mit den letzten verzweifelten Sympathien für Putins Lügen-Narrative: Das war eine Talkshow der Kategorie „Gott sei Dank“.

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