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Krisen-Talk bei Anne Will: Grüne-Chefin bereitet Atom-Wende vor

„Anne Will: „Angst vorm Gasmangel, horrende Preise – wie hart trifft die Krise Deutschland?“ ARD, Sonntag, 17.Juli 2022, 21.45 Uhr.

Der nächste Winter kommt bestimmt, doch schon in der Hitze-Welle lauert die soziale Kälte: Inflation, Teuer-Welle, Notfallstufe mit Zwangszuteilung! Anne Will gruselt sich. Ihre Gäste:

Ricarda Lang (28, Grüne). Die Parteichefin lehnte Kernkraft-Streckung bisher eisern ab: Glaubensfrage!

Jens Spahn (42, CDU). Der Fraktionsvize will alle Optionen ideologiefrei prüfen.

Rainer Dulger (62). Der Arbeitgeber-Präsident schlägt Alarm: „Wir stehen vor der größten Krise, die das Land je hatte!“

Prof. Marcel Fratzscher (51). Der Wirtschaftsforscher

fordert per Twitter einen „Notfallplan mit sofortiger Erhöhung der Sozialleistungen um 100 Euro pro Person und Monat“.

Meinungsprofis im Fakten-Fight. Das Zoff-o-Meter sieht auch die versteckten Fouls!

Alarmierendste Eröffnungsbilanz

Zum Auftakt serviert die Talkmasterin einen Notruf des Wirtschaftsweisen: „Die Politik tut noch nicht genug, um Menschen zu entlasten, die keinen Schutzmechanismus haben!“, hat Prof. Fratzscher letzte Woche im ZDF gemahnt.

Jetzt legt er nach: „Ungefähr 35 bis 40 Prozent der Deutschen haben praktisch keine Erspartes“ und „können sich nicht mit ihren Rücklagen absichern.“ Fratzschers Gegengift: „Permanent höhere Einkommen und Sozialleistungen!“

Dramatischste Forderung

„Wir werden weitere Entlastungen auf den Weg bringen müssen“, assistiert die Grüne-Chefin, aber „zielgenauer“. Das zielt genau auf ihre Koalitionskumpel von der FDP, und Lang tritt gleich mal mit Wonne zu: „Parteipolitische Profilierung!“

„Also Tankrabatt war eine Mist-Idee“, sekundiert die Talkmasterin.

Unwort des Abends

„In der Industrie hätte man von einem Kick-off-Meeting gesprochen“, urteilt der Arbeitgeber-Präsident über die „konzertierte Aktion“ des Bundeskanzlers, denn: „Es ist wichtig, erst einmal ein gemeinsame Verständnis dafür bekommen: Was ist eigentlich unser Problem, und welche Instrumente können wir entwickeln?“

Die nötigen Pläne müssten erst noch entstehen, fügt Dulger hinzu, z.B. „gibt es so etwas wie eine Gas-Polizei?“ Vor Lohnerhöhungen warnt er: „Viele Betriebe sind an der Grenze ihrer Möglichkeiten!“

Sozialdemokratischste Perspektive

„Höhere Löhne sind das beste Instrument!“, widerspricht Prof. Fratzscher, dem „Wikipedia“ eine besondere „Nähe zur SPD“ attestiert. Die Sorge vor der Lohn-Preis-Spirale folgt nach seine Meinung einem „falschen Mythos“.

„Alles wird teurer, und das lässt sich allein durch Lohnpolitik nicht lösen“, hält der Arbeitgeber-Präsident gegen und will vor allem „staatliche Abgaben reduzieren.“

Ungeduldigstes Statement

„Was langsam nicht mehr geht, ist, dass wir jeden Tag immer nur hören, was warum nicht geht!“, schimpft der CDU-Mann sichtlich sauer. „Jeden Tag kommt aus der Koalition ein Vorschlag, und in aller Regel kommt wenige Stunden später von irgendeinem: Können wir nicht machen, aus dem und dem Grund.“

Spahns Ärger: „Wenn ich höre, der Bundestag ist im Urlaub, sage ich; Das passt gerade nicht in die Zeit! Notfalls machen wir eine Sondersitzung! Ich möchte gerne, dass wir endlich zu Entscheidungen kommen, und nicht nur zu Kick-off-Veranstaltungen! Etwas mehr muss da schon kommen.“ Rumms!

Tröstlichste Prophezeiung

„Putin will Europa in eine Energie-Krise führen“, warnt Spahn. „Es ist mit hoher Sicherheit erwartbar, dass es uns im Herbst und Winter schwer erwischen!“

Arbeitgeber-Dulger möchte „keine populistischen Schnellschüsse“, sondern „mehr Optimismus“, denn „Deutschland war in der Krise immer gut“. In der Gas-Konkurrenz zwischen Industrie und Privathaushalt erwarte er einen „vernünftigen Kompromiss“.

Konfliktträchtigste Ansage

Zum Schluss stellt Will die Gretchenfrage: Nun sag‘, wie hast du’s mit der (grünen) Religion? Überraschung: Im betreffenden ARD-Einspieler nur Ja-Stimmen zu einer AKW-Laufzeitverlängerung!

Besonders energisch setzt sich FDP-Fraktionschef Christian Dürr gegen die geplante Abschaltung der letzten drei Atommeiler ein: „Kein Kubikmeter Gas sollte mehr verstromt werden. Deswegen wäre es jetzt richtig, die Laufzeiten der Kernkraftwerke über den Winter hinaus zu verlängern!“

Bissigste Ausrede

„Ich glaube, wir sind da sehr klar innerhalb der Koalition, und ich würde mir teilweise auch mehr Ernsthaftigkeit in dieser Debatte wünschen!“, kommentiert die Parteichefin gereizt.

Wie bitte, sehr klar? „Sie haben ja gelesen, was Herr Dürr sagt!“, wundert sich Will. „Das klingt ganz anders!“

„Die Grundlinie in der Koalition ist klar“, beharrt die Grüne und will sich mit einer Attacke befreien: „Ich werde mich jetzt da auch nicht verunsichern lassen, weil vielleicht die FDP sich gerade etwas Sorgen um ihre Umfragewerte macht.“ Ui!

Prompt springt das Zoff-o-Meter an

Marcel Fratzscher „Sie haben selber gesagt; Jede Kilowattstunde hilft“, erinnert die Talkmasterin. „Wenn Sie das ernst meinen, müssten Sie für die Verlängerung der Laufzeiten sein.“

„Am Ende müssen wir eine Kosten-Nutzen-Abrechnung machen“, wehrt sich Lang, „und die muss immer die Risiken mit einbeziehen.“ Dann rasselt sie altgrüne Hilfsargumente runter: Haftungsrisiko, Verzicht auf Sicherheitsstandards, Hochrisikotechnologie, Anfälligkeit für Klagen…“ Ächz!

Misslungenste Entlastungsoffensive

„Robert Habeck hat heute noch mal angekündigt, dass er einen erneuten Stresstest machen wird“, erklärt die Parteichefin dazu und zerschneidet mit energischen Handkantenschlägen die Studioluft: „Übrigens müssen wir den vor allem wegen Bayern machen, weil die nicht die Netze und die erneuerbaren Energien ausgebaut haben!“

Doch die Talkmasterin zieht ihr den Stecker: „Wo der TÜV Süd heute gesagt hat, dass Isar 2 sich weiterbetreiben ließe“, meldet sie über den Münchner Meiler.

Löchrigstes Dementi

Nanu? Jetzt wandeln sich die aggressiven Hiebe plötzlich in ein beschwörendes Händeringen. „Sollte man da sehen, dass anders, als es bisher alle Zahlen zeigen, eine Strommangellage erwartbar ist, werden wir natürlich alle Maßnahmen noch einmal auf den Tisch setzen“, verspricht Lang nun auf einmal. „Aber Stand jetzt macht das keinen Sinn.“

Alles auf den Tisch? Durch die Talk-Runde geht ein Ruck, und Will zeigt journalistisches Jagdfieber: „Sie sagen jetzt zum ersten Mal für die Grünen, es gibt die Möglichkeit, dass die Laufzeiten verlängert werden“, übersetzt sie forsch das Gedruckse.

Schwungvollste Kehrtwende

„Nein!“, widerspricht Lang, gibt dann aber zu: „Erst mal sage ich, dass wir im Moment das nicht tun werden. Dann sage ich, dass wir wie in jedem Moment dieser Krise natürlich immer auf die aktuelle Situation reagieren müssen und dabei alle Maßnahmen prüfen werden. Das macht Robert Habeck jetzt mit seinem Stresstest.“ Heidewitzka! Alle Maßnahmen prüfen!

Eine Nebelkerze soll das grüne Einknicken tarnen: „Was wir auf keinen Fall machen werden“, schnauzt die Parteichefin händefuchtelnd in Richtung Spahn, „ist, uns von einer Blame-Game-Debatte, wo jetzt versucht wird, für Herbst und Winter vorzugreifen…“

Berechtigste Befürchtung

Im gleichen Satz wird deutlich, warum es in Wirklichkeit geht: Lang sorgt sich, dass der politische Gegner sagen könnte, „wenn wir da Probleme bekommen, die wir so oder so bekommen, unabhängig von der Atomkraft, sind die Grünen Schuld daran!“

Und um nach dem Rückwärtssalto einigermaßen stabil zu landen, weist sie im nächsten Satz feurig zurück, was niemand verlangt: „Was wir auch nicht machen werden“, sprudelt sie aufgeregt hervor, „ist eine Laufzeitverlängerung mit neuen Brennstäben, mit neuen Langlaufzeiten und Genehmigungsverfahren…“

Schärfste Kritik

Spahn hat längst Witterung aufgenommen: „Kohlekraftwerke sind der Klimakiller“, kritisiert er den Rückgriff der Ampel auf fossile Energie. „Das zeigt, Sie sind mehr Anti-Atomkraft-Partei als Klimapartei!

„Kernkraftwerke können flexibel hoch und runtergefahren werden“, erläutert der Fraktionsvize dann. „Preußen Elektra, der Betreiber von Isar 2, hat die Tage gesagt, sie sind bereit, das Risiko zu übernehmen. Sie müssen es nur jetzt wissen!“

„Sie werden uns im November/Dezember ganz erstaunt sagen: Oh, jetzt ist es zu spät“, patzt der CDU-Fraktionsvize die Grüne-Chefin vorsorglich an und macht noch einmal klar: „Die Entscheidung muss jetzt getroffen werden. Es gibt schwedische Anbieter, die können Brennstäbe in sechs Monaten liefern!“

Punktgenaueste Frage

„Wie Frau Will habe auch ich aufgehorcht, als Sie sagten, wenn der Stresstest ergibt, dass wir möglicherweise alle Optionen in den Blick nehmen müssen, dann nehmen wir auch alle Optionen in den Blick“, zitiert Spahn die Grüne zum Schluss.

Auch Will möchte den Pudding final an die Wand nageln: „Machen Sie es also gegebenenfalls doch?“, fragt sie Lang und schaut sie scharf an. „Weil, sonst macht ja ein Stresstest keinen Sinn!“

Letztes Rückzugsgefecht

„Wir machen jetzt einen Stresstest, um zu schauen, ob wir einen Strommangel haben“, widerholt Grüne deutlich unter Druck. „Sollten wir einen haben, werden wir alle Maßnahmen einmal prüfen: Welche helfen können, durch den Winter, durch den Herbst zu kommen.“ Also doch! Damit ist der erste Schritt zu einer Atomwende geschafft. Glückwunsch!

„Aber“, so die Parteichefin weiter, „ich glaube, dass es an vielen Stellen der Debatte eigentlich darum geht, dass wir über Jahre hinweg wieder einsteigen in die Atomkraft. Und das wird es mit uns nicht geben!“ Ja klar…

Lahmstes Schlusswort

Am Ende bäumt sich die Grüne noch einmal auf: „Das ist eine Scheindebatte, wo wir den Bürgern Sand in die Augen streuen, alles wird gut“, wettert sie. „Dadurch wird erst mal nichts gut! Man müsste auf Sicherheitsprüfungen verzichten! All das tun wir, weil wir 16 Jahre Unionsregierung aufholen müssen!“

Das ist dann aber auch der Talkmasterin zu viel, und sie kürzt knallhart ab: „Ich will nur sagen: Ich muss zu den Tagesthemen…“ Amen!

Zitat des Abends

Wer keine Rücklagen hat, der steht jetzt schon richtig auf der – wo steht man drauf? Auf der Schnur.“ Anne Will

Fazit

Anstrengendes Argumenterennen mit kräftezehrenden Tritten in ideologische Pedale, ein plötzlicher Positionswechsel führte zu einem verbissenen Endspurt bis knapp vor dem Kettenriss: Das war ein Talk der Kategorie „Bergetappe“.

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