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Kriegsende 1945: Hamburgs Tor zur Hölle

75 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg halten Gedenkstätten die Erinnerung daran wach, wie bestialisch die Nazis ihre Opfer quälten. Doch viele Folterknechte kamen ungestraft davon.

Das Selbstporträt ist auf Toilettenpapier gezeichnet und zeigt einen abgemagerten Mann mit kurzgeschorenem blondem Haar. Er heißt Albert Friedrichs, ist Funktionär der KPD und wegen „hochverräterischer Handlungen“ im April 1933 vom Reichsgericht in Leipzig zu einer Zuchthausstrafe von zwei Jahren und neun Monaten verurteilt worden.

Er verbüßt sie in Hamburg-Fuhlsbüttel. Das Bild, heute mit anderen Zeichnungen des Gefangenen in der Gedenkstätte Ernst Thälmann aufbewahrt, zählt zu den erschütterndsten Dokumenten der Nazizeit in Hamburg. Es zeigt: Schon lange vor dem Krieg machten Hitlers Schergen Jagd auf Andersdenkende, sperrten sie ein, folterten sie, brachten sie um.

Mit der Übernahme der Bewachung durch SA, SS und Marine-SA unter dem Kommando des 24jährigen Willi Dusenschön wurde Fuhlsbüttel 1933 das erste Hamburger Konzentrationslager, genannt „Kola-Fu“, und für zwölf Jahre ein „Ort des Grauens“. Besonders nach Ausbruch des Krieges wuchs der Repressionsapparat zu einer gewaltigen Verfolgungs- und Vernichtungsmaschinerie an – mit der Justizvollzugsanstalt am Hasenberge als Zentrum von Folter und Mord.

„Der sozialdemokratische Polizeisenator Adolph Schönfelder hatte einen Tag vor seiner Amtsenthebung am 2.März 1933 in vorauseilendem Gehorsam bereits 75 führende Hamburger Kommunisten verhaften lassen, zu denen allein bis Ende April über 1300 weitere politische Nazi-Gegner als sogenannte Schutzhäftlinge kamen“, schreibt Heinz Matthaei in einer Dokumentation der Hamburger Geschichtswerkstätten. „Schönfelder wurde im Sommer 1933 von den Nazis selbst verhaftet und nach grausamen Verhören im Stadthaus ins Kola-Fu verschleppt.“

Wie bestialisch die Nazis dort ihre Opfer quälten, ist durch den KPD-Kämpfers Tönnies Hellmann überliefert: „Es war ein Flügel im Zuchthaus nur für politische Häftlinge. Tag und Nacht wurde in diesem Flügel gefoltert, wir hielten uns die Ohren zu, wir konnten es nicht mehr ertragen. In diesem Haus sind ca. 500 Menschen ermordet worden. Sie brechen dir Arme und Beine, sie reißen die Fingernägel raus, sie schlagen mit gefüllten Sandsäcken deine Nieren kaputt. Du wirst ausgepeitscht, sie wolle dir deine Würde als Mensch nehmen. Jede Woche hängten sich Häftlinge an den Zellenfenstern auf. Alle deutschen Widerstandsgruppen, die aus der kommunistischen Bewegung kamen, wurden durch Folterungen zerbrochen, nur ganz wenige Menschen haben alles ertragen.“

So wie Hellmann selbst: „Durch meine politische Erziehung wurde ich zur Härte erzogen. Ich war ein Hamburger Werftarbeiter mit großem Klassenbewusstsein. Ich wurde mit der Peitsche bearbeitet, immer und immer wieder. Das Blut lief in Strömen an meinem Körper herunter, ich wurde bewusstlos, man schüttete Wasser über meinen Körper. Der Wachtmeister hat mir das Essen auf den Fußboden geschüttet, ich musste es auflecken. Es wurde mir ein Strick in die Zelle gelegt zum Aufhängen.“ Aber: „Ich hatte eine wunderbare christliche Mutter, meine Gedanken und meine Liebe waren bei ihr, sie gab mir die Kraft, weiterleben zu können.“

Die ersten Opfer waren Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschafter. Später kamen Zeugen Jehovas, nach den Pogromen vom 9./10. November 1938 auch 700 Juden und nach Kriegsbeginn viele Ausländer, vor allem Russen und Polen, dazu. Auch die Hamburger Kripo wies Häftlinge ein: Sinti, Prostituierte, Homosexuelle und in einer sogenannten „Aso-Aktion“ allein im Juni 1938 über 800 Nichtsesshafte, im Volksmund „Berber“ genannt.

Das Torhaus am Suhrenkamp 98 wird für viele Hamburger zum „Tor der Hölle“. Als es Anfang der 80er Jahre abgerissen und durch neue Sicherheitsschleusen ersetzt werden soll, protestieren Verfolgte des Nazi-Regimes. 1987 wird das Tor zur Gedenkstätte umgewandelt. Eine Tafel nennt die Namen der über 400 Kola-Fu-Toten. Im Obergeschoß, einst Aufenthalt der Wachmannschaften, dokumentieren Bildtafeln und Schaukästen die Lebensgeschichten vieler Häftlinge und die Prozesse gegen die Folterknechte nach 1945. Wie so oft kamen die schlimmsten ungeschoren davon: Der Kola-Fu-Herrscher und SS-Führer Willi Dusenschön wurde erst 1961 wegen Mordes angeklagt, aber freigesprochen.

Morgen: Die Flak feuert aus allen Rohren auf den fliegenden Tod.

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