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Kriegs-Talk bei Plasberg: Grüne-Chef Nouripour kämpft mit den Tränen

„Hart aber fair: Die ukrainische Tragödie – Wohin führt dieser Krieg noch?“ ARD, Montag,. 7.März 2022, 21 Uhr.

Das Reich des Bösen klettert aus dem Mülleimer der Geschichte. Bomben auf Frauen und Kinder sind Teil der Putinschen Zermürbungsstrategie. Jetzt kommt die Schlüsselschlacht um Kiew. Frank Plasbergs Gäste:

Omid Nouripour (46, Grüne). Der Parteichef warnt: „Putins System beruht darauf, dass Menschen überall Angst haben. Aber Angst hilft uns jetzt nicht weiter – die hilft nur Putin!“

Marina Weisband (34, Grüne). Die deutsch-ukrainische Digital-Publizistin („D64“) ist sicher: „Selbst wenn der Präsident fallen sollte, wird die Ukraine weiter kämpfen.“ Sie ist aus Münster zugeschaltet.

Prof.Christian Hacke (78). Der Politologe setzt auf Härte: „Jetzt müssen wir Putin klarmachen, dass er mit uns nicht spielen kann!“

Erich Vad (65). Der Brigadegeneral a.D. analysiert: „Die atomare Drohung zeigt die Not, in der sich Putin befindet, denn ein langer Krieg würde ihn das Genick brechen.“

Gesine Dornblüth (53). Die Journalistin, einst Korrespondentin in Moskau, ärgert sich: „Die Idee, Putin Gebiete abzutreten, macht mich fassungslos. Es geht ihm doch nicht nur um die Ukraine, sondern um Europa insgesamt!

Isabel Schayani (55). Die ARD-Moderatorin („Weltspiegel“) twittert von der polnisch-ukrainischen Grenze: „Alte Menschen, Mütter, Schulkinder. Viele nur mit einem kleinen Rucksack. Sonst nix.“

Entscheider und Experten. Einige lagen bei Putin total daneben. Das Zoff-o-Meter hofft für sie auf rasche Besserung.

räziseste Prognose

Der General zieht bereits Vergleiche mit Vietnam und Afghanistan: „Wenn die Ukrainer diesen Krieg aus dem Osten in den Westen hineinziehen und das am Ende eine neverending story wird“, sagt er voraus, „wird Putin am Ende der Verlierer sein.“

Seine strategische Analyse: „Putin muss in Kiew die Regierung absetzen, den Generalstab und die Nachrichtenzentrale neutralisieren. Das ist das, was jetzt in den nächsten Tagen kommen wird. Darauf bereiten sich die Russen vor. Die Ukrainer auch.“

Aktuellstes Lagebild

„Die Ukrainer werden diesen Kampf in und um Kiew durchziehen“, glaubt Vad. „Sie haben drei Brigaden am Stadtrand. Eine, die Verbindung nach Südosten hält, zu den anderen ukrainischen Kräften, und eine nach Westen, wo die Versorgungslinien laufen.“

Die Russen sind jetzt in den Vororten“, meldet er. „Das wird jetzt da im Raum Kiew ausgetragen. Die Ukrainer ziehen Kräfte aus dem Südosten ab, schwächen damit aber ihre anderen Frontabschnitte. Man wird sehen, wie das Ganze ausgeht.“

Bewegendster Bericht

Publizistin Weisband stammt aus Kiew und ist optimistisch: „Ich glaube mittlerweile: Ja“, antwortet sie auf Plasbergs Frage, ob die Ukraine wirklich gewinnen könne.

Denn: „Dass Putin es nicht geschafft hat, in den ersten 72 Stunden die Ukraine zu überrumpeln und eine eigene Regierung einzusetzen, gibt Hoffnung.“

Sie würde auch „widersprechen, dass die Ukrainer aufhören zu kämpfen, wenn der Präsident fällt oder Kiew fällt“, sagt sie. Und über ihre Verwandten in Kiew: „Wir lachen erstaunlich häufig, wenn wir telefonieren: ‚Onkel Kolja ist j so schwerhörig, der stellt den Fernseher so laut, dass wir die Schüsse nicht hören…‘“

Erschreckendste Erkenntnisse

„Meine Tante hat von Anfang an gesagt: Ich bin in meinem Land, ich gehe hier nicht weg“, schildert die Publizistin weiter. „Es ist aber auch einfach physisch gefährlich, die Stadt zu verlassen. Es gibt viele Erzählungen von Frauen, die aus ihren Autos geschmissen werden. Es ist im Moment alles Mögliche auf den Straßen.“

Wenn Putin nicht gestoppt wird, geht es weiter: Moldau, Georgien, Kasachstan, NATO-Gebiet“, warnt Nouripour. „Ich kann jetzt nichts ausschließen, aber es ist offensichtlich, dass eine direkte Konfrontation NATO – Russland die eine Rutschbahn ist in den Dritten Weltkrieg.“

Dann geht schon das Zoff-O-Meter los

„Wir müssen bei einer Verschärfung der Konfrontation auch Putin eine gesichtswahrende Möglichkeit geben“, doziert Prof.Hacke mit Belehrungsgesten wie im Hörsaal. Seine Kritik am Westen: „Es gibt keinen einzigen diplomatischen Vorschlag, der einmal auch nur den Gedanken der Neutralität aufgebracht hätte.“

Journalistin Dornblüth gibt sofort Kontra: „Sie wissen doch, oder vielleicht wissen Sie’s nicht: 2014 war die Ukraine neutral, und trotzdem ist sie angegriffen worden. Putin will keine neutrale Ukraine, Putin will die Ukraine einverleiben. Und es geht nicht nur um die Ukraine, es geht um die EU!“

Undiplomatischstes Donnerwetter

„Es ist offensichtlich, dass diese Drohung uns einschüchtern soll“, schimpft Nouripour über Putins Wink mit dem atomaren Zaumpfahl. „Das Angstsystem, das er international und im Lande selbst aufbaut, ist genau das, was wir bekämpfen. Das ist das Gegenteil von Demokratie!“

Schlussfolgerung des Grüne-Chefs: „Ja, es ist dringend notwendig, zu sprechen. Nur: Wenn Selenskyj im Kreml anruft, geht da niemand ran. Wenn Scholz nach Moskau fliegt und Putin sagt, wir ziehen ab: Das ist einfach gelogen! Er lügt, und er will diesen Krieg!“

Verblüffendster Kommentar

Putin wird bei uns dämonisiert!“, beschwert sich der Professor, schwächt aber im nächsten Satz gleich wieder ab: „Gut, man muss ihn nicht noch mehr dämonisieren, er ist schlimm genug!“

„Putin handelt aus seiner Sicht rational“, fährt Hacke mit Nachdruck fort. „Es geht jetzt nicht um Gut und Böse. Es geht um die Frage, wie kommen wir hier raus aus dieser Situation?“ Doch seine Antwort auf die Brandrede frustriert wie ein leerer Feuerwehrschlauch: „Ich weiß es auch nicht.“ Wasser marsch, Herr Professor!

Klarste Kante

„Die Ukraine ist frei, wenn sie frei entscheiden kann, wohin sie gehört“, stellt Nouripour umstandslos fest. „Das entscheidet nicht Moskau, nicht Brüssel, nicht Washington, sondern Kiew und die Menschen in der Ukraine!“

„Putins Begründung für den Krieg ist nur die Geschichte, die er dem Westen erzählt“, sekundiert Weisband. „Seit längerer Zeit fabuliert er von einem eurasischen Imperium und davon, dass der russische Mensch größer ist als alle anderen.“ Wahnsinn!

Desillusionierendste Perspektive

„Bei Putin ist eine gewisse Not zu spüren, dass er mit der Atomwaffe drohen muss, um vorwärts zu kommen“, urteilt der Ex-General. „Wir kriegen keine militärische Lösung hin. Wir müssen einen politischen Weg finden!“

„Sind wir nicht eigentlich doch schon Kriegspartei?“, hält Dornblüth dagegen. „Dass Putin gegen das Baltikum vorgeht, ist ja nicht mehr unrealistisch. Ist es nicht möglicherweise geboten, dass die NATO aktiver wird? Ich glaube, dass es schlimmer wird und dass der Preis später höher sein wird.“ Rumms!

Erschreckendste Vorhersage

„‘Urban Warfare‘ ist das Schlimmste, was man sich vorstellen kann“, kündigt der Ex-General für die kommenden Tage an. „Das ist Straßenkampf, Häuserkampf, Mann gegen Mann. Die Zivilisten gehen raus, über diese humanitären Korridore. Die Kämpfer bleiben.“

Seine Erwartung: „Die Angreifer, die Russen, müssen dann mit zigfacher Überlegenheit rein. Das werden sie auch machen. Das werden ganz erbitterte Kämpfe werden.“

Ergreifendste Schilderung

ARD-Moderatorin Schavani steht nicht nur räumlich weit entfernt vom Talk-Getümmel am Bahnhof vom Przemyśl mitten in der Flut der Flüchtlinge und ringt um Fassung. „Hier sind so viele Kinder“, berichtet sie, „und die sind so leise. Die sind im Schock. Wie erstarrt. Lethargisch. Denn sie merken, dass ihre Eltern ihnen keine Sicherheit mehr geben können.“

„Heute bin ich in ein älteres Ehepaar aus Charkiw gestolpert, die hatten zwei schäbige kleine Rucksäcke“, erzählt sie weiter. „Ich habe unseren Übersetzer gefragt: Warum haben die hier alle kleine Rucksäcke dabei? Er hat mich angeguckt, warum ich so eine blöde Frage stelle: Damit man rennen kann!“

Bewundernswerteste Einstellung

Plasberg hat ebenfalls eine Frage, die ihm selbst etwas befremdlich vorkommt: „Sehen Sie so etwas wie Erleichterung? Ein bisschen Freude, das man zunächst mal sein Leben gerettet hat?“

„So eine Frage stellen Sie und ich, weil wir aus dem Frieden kommen“, antwortet Schavani. „Bei den Leuten hier ist es nicht so. Die sind verloren.“

Das Erstaunlichste, so die Moderatorin: „Die meisten sagen: Wir sind keine Flüchtlinge. Wir sind Reisende. Wir sind unterwegs. Das ist total wichtig. Wir haben unsere Würde. Wir werden uns Arbeit suchen.“

Emotionalste Reaktionen

Weisband ist rief berührt: „Ich bekomme so viele Hilfsangebote, das ich es nicht schaffe, sie alle zu beantworten. Ich sage immer: O.k., Spenden an die Organisationen, Wohnungsangebote an die Kommunen. Die Solidarität ist überwältigend. Einige in dieser Runde können sich vielleicht vorstellen, was es bedeutet, seine Heimat zu verlieren.“

Nouripour senkt den Kopf und kämpft mit den Tränen. „Ich werde mich jetzt gleich fassen“, sagt er nach einer Weile. „Das sind wirklich nicht nur für mich, sondern für viele Menschen Retraumatisierungen, das zu sehen. Ich bin Kriegskind, in den 1980er Jahren im Iran-Irak-Krieg aufgewachsen, und war sehr oft im Keller.“

Ungeduldigste Forderung

„Bomben sind in der Nachbarschaft eingeschlagen“, erinnert sich der Grüne-Chef. Als er mit 13 Jahren den Iran im letzten Moment verließ, war ein Onkel hingerichtet, ein anderer im Krieg durch Giftgas verletzt und seine Schwester bereits einmal verhaftet worden.

Jetzt setzt sich Nouripour energisch für einen Flüchtlings-Gipfel ein: „Es ist offensichtlich, dass es eine große Bereitschaft zur Solidarität und Hilfe gibt. Es braucht Koordination und Geld. In Polen und Ungarn redet man nicht von Flüchtlingen, man redet von Nachbarschaftshilfe. Diese Solidarität muss erhalten bleiben.“ Amen!

Zitat des Abends

Fazit

Herzzerreißende Szenen, aufwühlende Erzählungen, bestürzende Kommentare: Das war eine Talkshow der Kategorie „Frontbericht“.

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