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Kriegs-Talk bei Anne Will: Schwere Vorwürfe gegen Sahra Wagenknecht und Gregor Gysi

„Anne Will: Putin führt Krieg in Europa – wie ist er zu stoppen?“ ARD, Sonntag, 27.Februar 2022, 22 Uhr.

Historische Wende am vierten Tag des Überfalls auf die Ukraine: Deutschland schickt Waffen und die EU verhängt  scharfe Sanktionen. Anne Will kommt in militärischer Klarheit auf den Punkt. Ihre Gäste:

Egils Levits (67). Lettlands Staatspräsident weiß: „Waffenhilfe und Wirtschaftssanktionen sind die Sprache, die Russland versteht.“

Christian Lindner (43, FDP). Der Finanzminister kündigt an: „Wir werden die größten und schnellsten Steigerungen der Verteidigungsausgaben unserer jüngeren Geschichte auf den Weg bringen.“

Norbert Röttgen (56, CDU). Der Außenpolitiker lehnte vor einer Woche im gleichen Talk Waffenhilfe für die Ukraine ab. Was sagt er heute?

Prof. Karl Schlögel (73). Der Historiker gab nach Putins Invasion der Krim 2014 einen russischen Buchpreis zurück. Sein Rat: „Auf alles gefasst sein!“

Ljudmyla Melnyk (36). Die Ukrainerin vom Institut für Europäische Politik fordert eine Flugverbotszone über der Ukraine.

Kristina Dunz (55). Die Journalistin (RND) twittert „im Angesicht von Putins Krieg: Nichts ist so wertvoll für ein Land wie die Freiheit.“

Demokraten aus Politik, Wissenschaft, Medien – hoffentlich in großer Einmütigkeit!

Erschütterndste Einsicht

„Putin ist nicht mehr berechenbar“, warnt Lindner gleich zu Beginn. Sein Trost: „Wir sind geschlossen, in der NATO, in der EU und auch in der Mitte unserer parlamentarischen Demokratie. Das ist ein eindeutiges Signal an den Kreml.“

„Putin hat uns gezeigt, dass er uns Dinge bereitet, auf die wir nicht gefasst sind“, urteilt Historiker Schlögel deutlich emotionaler. „Ich hätte es mir nicht ausmalen können, dass er Kiew und Charkiw behandelt, wie er es mit Aleppo gemacht hat!“

Emotionalste Anklage

„Endlich ist es passiert und man spricht Klartext“, erläutert der Professor. „Der Nebel ist weg. Die Zeit ist vorbei, wo man uns Märchen erzählen konnte. In vielen Talkshows sind Märchen erzählt worden!“

Dann wettert er los: „Ich möchte nur daran erinnern, was Sahra Wagenknecht uns alles erzählt hat, nach der Okkupation der Krim! Was Gysi, der keine Ahnung hat, was in der Ukraine passiert, erzählt hat! Es gibt einen unglaublichen Putin-Kitsch, und Russen-Kitsch!“

Tiefgreifendste Selbstkritik

Jetzt würden viele etwas tun, so der Professor weiter, „wozu unsereins, diese nachkriegsgewöhnte und friedensverwöhnte Generation, überhaupt nicht in der Lage ist, denn „für uns sind ja der Krieg und die Gewalt eine Fernsehangelegenheit.“

Wir haben es ja nicht einmal fertiggebracht, im Vorfeld dieses Angriffs ein Putin-Tribunal auf die beide zu stellen“, klagt er, „wo man die Verbrechen dieses Mannes, und seinen Umfeldes darstellt!“

Absurdestes Beispiel

Zum Vergleich zieht Prof.Schlöger ein denkbar ungeeignetes Beispiel heran: „Ich gehöre zu einer Generation, die in der Zeit des Vietnamkriegs ein Vietnam-Tribunal gemacht hat“, rühmt er sich. Hm – das war allerdings eine kommunistisch organisierte, völlig einseitige antiamerikanische Propagandashow.

Beeindruckt habe ihn, so der Historiker weiter, das „couragierte Auftreten“ Annalena Baerbocks, die sich „bei all diesen Treffen mit Lawrow, einem professionellen Lügner, nicht hat einschüchtern lassen und einen neuen Ton in die politische Szene gebracht hat, wo man merkt, dass die Selbstüberschätzung der Diplomatie vielleicht auch zum Ende kommt.“

Weitreichendste Forderung

„Das war ein sehr starkes Signal“, lobt die Ukrainerin die Anti-Putin-Beschlüsse der Bundesregierung, aber wenn Putin entscheide, Raketen regnen zu lassen, könne die Ukraine den Himmel nicht verteidigen“.

Für die NATO gebe es die Möglichkeit, über der Ukraine eine Flugverbotszone einzurichten, erklärt sie. Man dürfe nicht vergessen, dass „auf dem Territorium der Ukraine Atomkraftwerke sind“ und „Putin gezielt Objekte der zivilen Infrastruktur angreift“.

Ihre schlimme Sorge: „Stellen wir uns vor, er würde ein Atomkraftwerk bombardieren! Atomare Katastrophe kennen  keine Grenzen.“

Schlüssigste Erklärung

Röttgen muss seinen Rückwärtssalto beim Thema Waffenlieferungen begründen: Vor einer Woche saß er in der gleichen Sendung auf dem gleichen Stuhl und lehnte solche Hilfe kategorisch ab.

Damals habe Deutschland „besondere Gesprächsmöglichkeiten gegenüber dem Kreml gehabt“, erläutert der CDU-Politiker nun. Aber nun führe Putin Krieg, da gebe es keine Gespräche mehr, „und jetzt ist es richtig, dass Deutschland Waffen liefert.“ Punkt!

Realistischste Bestandsaufnahme

Wir haben heute einen dreifachen Paradigmenwechsel der deutsche Politik erlebt“, stellt Röttgen fest. „Waffenlieferungen. SWIFT als Sanktionsinstrument. Und die Entscheidung für eine einsatzfähige Bundeswehr.“

„Wir habe in Deutschland eine neue Bewusstseins- und Diskussionslage“, fügt der CDU-Politiker hinzu und schiebt mit beiden Händen imaginäre Vorhänge zur Seite. „Der Schleier des Falschredens, des Kitschigen, des Lobbyismus ist jetzt weg!“

Klügste Analyse

Im dritten Versuch klappt endlich die Schalte nach Riga zu Präsident Levits. „Wir haben mit einem aggressiven Russland zu tun, das sein Imperium wiederherstellen will“, stellt er fest und lobt: „Die Entschlossenheit, die NATO und EU gezeigt haben, ist wirklich bemerkenswert!“

Es sei ist das erste Mal seit dem 1.September 1939, dem Nazi-Überfall auf Polen, dass versucht werde, in Europa einen Staat zu eliminieren, erklärt der Staatsmann. „Der Russland denkt noch in den Kategorien des 19.Jahrhunderts. Nur entschlossenes Handeln kann Putin zurückhalten. Sofort militärische Ausrüstung an die Ukraine, und starke Wirtschaftssanktionen! Das ist die Sprache, die Russland versteht!“

Klarste Kante

„Putin braucht keine Vorwände. Er macht sein Spiel“, meldet sich Prof. Schlögel. Nicht die mittel- und langfristigen Maßnahmen der EU, „sondern die Ukrainer in den Straßenkämpfen von Charkiw entscheiden, was im Augenblick passiert!“

Es gehe, so der Historiker, um „die Frage, ob das Land besetzt wird, ob es geteilt wird, ob das linke Ufer des Dnepr jetzt russisch wird.“ Die Verwüstungen seien bereits so entsetzlich, dass man von „Urbizid“ („Städtemord“) sprechen müsse.

Unmissverständlichste Ankündigung

Russland wird isoliert“, macht Lindner klar. „Das betrifft den Staat, seine Banken, seine Wirtschaft und auch die Oligarchen. Die werden jetzt getroffen. Die werden zur Verantwortung gezogen für den Völkerrechtsbruch.“

„Wir müssen einen langen Atem haben“, prophezeit der Finanzminister und fügt mit energischen Handkantenschlägen auf die Sessellehne hinzu: „Wir müssen wirtschaftliche Nachteile, die sich ohne Zweifel aus den Sanktionen ergeben, aushalten. Das ist auch ein Beitrag, den wir leisten müssen zur Verteidigung unserer Werte!“

Unwillkommenster Einwand

„Das wird die Ukraine nicht retten“, stellt Melnyk ernüchtert fest. „Morgen wird sie mit modernsten Raketen beschossen. Was werden wir machen? Werden wir zuschauen?“

„Ich bewundere den Heldenmut der Ukrainer“, tröstet Röttgen. „Da ist ein Volk, das bereit ist, zu sterben – jeder einzelne -, um zu leben. Und sie sind damit überraschend, auch für Putin überraschend, erfolgreich.“

„Es kommen Abertausende von diesen Waffen“, sagt der CDU-Politiker über die versprochenen Luftabwehrraketen. Trotzdem „kann die Ukraine langfristig möglicherweise nicht überleben.“ Puh!

Dialog des Abends

„Da wir den Winter überstehen werden, ist es richtig, dass wir nicht nur selektiv Banken, sondern Russland komplett aus SWIFT rausschmeißen“, kündigt Röttgen an. „Das wird eine Schockwirkung in die russische Wirtschaft erzeugen.“

Der Talkmasterin dauert das viel zu lange: „Die Ukraine ist in blanker Not!“, funkt sie dazwischen.

Doch der Außenpolitiker macht in aller Ruhe weiter: „Wenn wir verstanden haben, dass es nicht nur in um die Ukraine geht, sondern um Europa…“

„Ach!“ stöhnt die Talkmasterin gequält.

Eindringlichste Warnung

„Wir müssen verstehen: Wir sind angegriffen!“, argumentiert Röttgen weiter und hebt beschwörend die Hände: „Aber wir haben immer erklärt: Wir werden nicht Krieg führen.“

„Dann möchte ich Sie nur an das erinnern, was Putin gesagt hat“, kontert die RND-Journalistin und zitiert die böse Drohung mit Atombomben: „Die Staaten, die sich uns in den Weg stellen, werden etwas erleben, was sie in ihrer Geschichte noch nicht erlebt haben!“

„Ob wir da 500 Stingerraketen liefern oder mehr, spielt gar keine Rolle mehr“, meint Dunz dazu. „Wir sind schon jetzt jemand, der sich ihm in den Weg stellt. Wahrscheinlich wäre der chinesische Präsident der einzige, der ihn stoppen könnte.“ Uff!

Entmutigendste Prognose

„In Verteidigungskreisen geht man von höchstens zwei Wochen aus, die die Ukraine noch gegenhalten kann“, mahnt die Journalistin. „Es wird ein Blutbad geben!“

„Das wird es auch!“ bestätigt der Historiker bedrückt.

„Ich glaube, dass es einen lang anhaltenden Krieg gibt“, sagt Röttgen voraus. „Aber Putin wird das Land nicht unter Kontrolle bekommen. Das wird ihn auszehren!“

Die Ukrainerin hat eine ganz andere Sicht: „Wir sollten uns jetzt nicht mit Hoffnungen beruhigen“, fordert sie. „Wir sollen der Ukraine jetzt zuhören und an sie glauben.“

Fazit

Viel wohlfeile Theorie aus dem warmen Sessel, aber auch scharfe Wahrheiten aus der Praxis der Blutkonserven für den notgedrungenen Aufbruch aus dem Paradies der feigen Ausreden. Das war die erste Kriegs-Talkshow der Kategorie „Historisch“.

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