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Klima-Zoff bei „Hart aber Fair“: Junge Aktivistin attackiert Politiker und Wissenschaftler

„Hart aber Fair: Klimaschutz im Bürger-Check: Welcher Partei kann man vertrauen?“ ARD, Montag, 23. August 2021, 21.15 Uhr.

Nach acht Wochen Pause kehrte Frank Plasberg an seinen Arbeitsplatz zurück. Sein Thema war nicht Afghanistan, auch nicht Corona, sondern die Erderwärmung. In der Diskussion sahen sich drei Politiker und ein Wissenschaftler heftigen Attacken einer jungen Klimaaktivistin ausgesetzt.

Die Gäste:

Svenja Schulze (SPD). Die Bundesumweltministerin war im Flutkatastrophengebiet: „Alle wissen, dass wir das überhaupt gar nicht mehr wiederherstellen können.“

Markus Blume (CSU). Der Generalsekretär schimpfte: „Die Grünen sind die Partei der Verbote!

Cem Özdemir wetterte auf Twitter: „Scholz & SPD wollen den Kohleausstieg erst 2038 & werden damit Klimaziele verpassen!“

Pauline Brünger, Studentin der Politologie, Philosophie und Volkswirtschaftslehre, spricht für  „Fridays for Future“.

Prof. Michael Hüther. Der Wirtschaftswissenschaftler ist Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW Köln).

Experten von 20 bis 59, dabei ist jeder dritte Wähler über 60 und der durchschnittliche ARD-Zuschauer sogar schon 62. Das Zoff-o-Meter hofft trotzdem auf eine Diskussion für alle!

Zum Start eine satte Portion Populismus

Die Bundesumweltministerin versuchte es auf die sanfte Tour: „Es reicht nicht, zu verzichten, sondern wir müssen Dinge anders machen“, beruhigte sie. „Das wird eine schwierige Veränderung, aber eine, die wir meistern können.

Klimaaktivistin Brünger dagegen setzte gleich voll auf Attacke: Was die Umweltministerin jetzt in vier Jahren gemacht habe, sei „ganz schön wenig“, polterte die Studentin und haut gleich mal den Vorwurf raus, „dass es da auch eine ganz, ganz große Unehrlichkeit von Seiten der Politik gab.“

Zufriedenste Randbemerkung

Plasberg wollte den Generalsekretär mit einer Bosheit pieksen: „Die CSU hat ja große Umweltambitionen“, spottete der Talkmaster. „Die blinkt ja links – oder rechts, wie Sie wollen -, um die Grünen zu überholen…“

Doch Blume ließ sich nicht aus der bayerischen Ruhe bringen: „Das macht auch einige nervös“, feixte er, und die Umweltministerin neben ihm kicherte.

Optimistischstes Statement

Ich halte es für falsch, wenn man jetzt versucht, den Menschen zusätzlich noch Angst zu machen“, sagte Blume dann. „Mit Innnovationen, mit Fortschritt, mit neuen Technologien, mit Anreizen geht sehr viel!“

Seine Kritik: „Der Glaube, dass es zwingend mit Askese, mit Enthaltsamkeit, mit Verzicht einhergeht – ich sehe das nicht. Klimaschutz darf doch auch Spaß machen!“ Oha! Das gibt Ärger!

Wütendster Konter

Die Aktivistin kam sofort aus der Ecke: „Klimaschutz ist nichts, was wir nur für den Spaß machen!“ pfefferte sie los. „Es geht nicht darum, einen Innovationswettbewerb zu machen, damit dann am Ende doch alles so bleibt, wie es ist!“

Ihre Prognose: „Die Veränderung, die kommen wird, wird radikal sein! Das wird bedeuten, dass wir weggehen vom Individualverkehr. Da braucht es eine Ehrlichkeit von Ihnen!“ Dafür gab‘s prompt den ersten Unterstützerbeifall.

Pathetischste Gegenrede

Blume hielt den Ball flach: „Wir brauchen nicht immer zu radikalisieren, um die Eindrücklichkeit…“ begann er.

Weiter kam er nicht, denn Radikalität ist das Lebenselixier der Friday-for-Future-Bewegung, und die Aktivistin rollte prompt die dickste Kanone aus ihrem Arsenal.

Wenn Sie es radikal nennen, dass ich mich darum sorge, wie ich noch lange auf dieser Welt leben kann“, donnert sie mit Emphase los, doch dann fällt ihr nichts Zündendes ein und sie vollendet den Satz etwas schlapp: „Dann können Sie das gerne so nennen.“

Grünste Argumente

Özedmir wollte wieder mal mit Persönlichem punkten: „Ich habe mich mit 17 entschieden, Vegetarier zu werden“, berichtete er. Zwar könne er anderen „nicht vorschreiben, wie sie sich zu ernähren haben“, aber „ich kann eine Politik machen, dass die im Ladenregal Fleisch von artgerecht gehaltenen Tieren vorfinden.“ Uj!

Ein bisschen Gendern musste auch noch sein: Özdemir möchte, „dass der Bauer und die Bäuerin angemessen bezahlt werden“. Aber auch, „dass wir keinen Futtermittel brauchen aus Südamerika, wo die Regenwälder abgeholzt werden.“ Seine Zusammenfassung: „Uns Grünen ist es nie genug!“

Spöttischster Verriss

„Ich wünsche mir eine Regierung, wo jedes Ministerium ‚Klimaschutz‘ als Überschrift hat“, forderte Özedmir als nächstes, „und der Erfolg wird dann in eingesparten Tonnen CO2 gemessen!“

Blume punktete lieber mit Kritik an der grünen Idee, der Staat solle für Lastenfahrräder 1000 Euro Zuschuss zahlen: „Ein  nettes Programm für die grüne Boheme“, höhnte der CSU-Mann, „aber es hilft der Krankenschwester, die um fünf Uhr früh aus dem ländlichen Raum in die Großstadt pendelt, garnix!“

Unwillkommenster Hinweis

„80 Prozent der Energieproduktion in der Welt beruht auf fossilen Energien“, stellte Prof.Hüther fest. Und: „Wir haben in China in den letzten zehn Jahren so viel fossile Energieproduktion hinzugebaut, wie ganz Europa als Volumen hat!“

Hüthers Folgerung: „Wir müssen es so machen, dass es für uns wirksam ist und bei den anderen einen Anreiz setzt. Wenn wir das nicht hinkriegen, haben wir unsere Moral beruhigt, aber das Klima nicht geschützt.“

Dann gab es Zoff

Für Aktivistin Brünger war die Diskussion inzwischen bereits „eine wahnsinnige Enttäuschung für jemanden wie mich, der jetzt zweieinhalb Jahre auf der Straße steht, weil die Bürger-innen sagen: Klimaschutz ist ein Anliegen für mich.“

„Die Menschen sagen auch, sie wollen es auf vernünftige Weise gemacht haben und nicht kopfüber“, konterte Hüther.

„Das ist wie im Kindergarten!“ ätzte Brünger erbost.

Doch der Wirtschaftswissenschaftler blieb trotzdem auf Kurs: „Die Leute wollen nicht ihr Einkommen und ihre Arbeit verlieren“, dozierte er.

Trickreichster Vorschlag

Nun nahm die Aktivistin Schulze und Blume für die Regierungsparteien aufs Korn: „Ich weiß nicht, warum gerade Sie ein Interesse haben, sich dem zu verwehren und zu sagen: Wir wollen das aber lieber so machen, wie uns das gerade passt“, machte sie die beiden an. Puh!

Zivilgesellschaftliches Engagement ist Teil der demokratischen Ordnung!“ bescheinigte Hüther der Aktivistin. „Aber Sie müssen doch die Mehrheiten dafür gewinnen! Sie können doch eine Partei gründen, und so, wie Sie reden, müssten Sie dafür 80 Prozent Zustimmung bekommen.“ Hosianna!

Hüthers Credo:

Kürzeste Absage

Die Aktivistin fand die Idee nicht so doll. „Wir setzen darauf, dass durch Demonstrationen großer Wandel auf der Straßen passiert“, kündigte sie stattdessen an.

„Nicht auf der Straße, sondern im Parlament!“ beharrt der Professor, und auch dafür gab es Beifall.

Plumpste Ranschmeiße

„Friday for Future kritisiert ja uns Grüne“, behauptete Özdemir kühn, obwohl hier davon bisher gar keine Rede sein kann. „Und das ist auch völlig o.k.! Wobei ich finde, wir haben das beste Programm, mit Abstand, was Klimaschutz angeht.“

„Das finden wir, glaube ich, alle“, spotteted die Ministerin.

„Das sagt jeder über sich“, assistierte der CSU-General.

Doch Özdemir brauchte jetzt dringend einen Treffer.

Wir sollten stolz darauf sein, das wir Jugendliche haben, die sich für ihre Zukunft interessieren“, zuckerte er.

Heftigster Wortwechsel

Brünger ärgerte sich immer noch über Hüthers Vorwurf, dass ihre Aktivitäten nicht parlamentarisch und deshalb auch nicht recht demokratisch seien: „Ich frage mich, was Sie damit bezwecken wollen, dass Sie mir sowas vorwerfen“, grollte sie.

„Ich frage mich nur, warum Sie nicht mehr Mut hatten“, setzte der Professor nach.

Ich frage mich, warum alle diese Menschen in dieser Runde nicht mehr Mut haben!“ konterte die Studentin mit erhobenem Zeigefinger. Heidewitzka!

Peinlichste Frage

Auch Plasberg fand Özdemirs Lob der Jugend etwas dick aufgetragen: „Ist das nicht ein bisschen altväterlich, Frau Brünger zu umarmen und zu sagen, wir sollten stolz auf sie sein?“ fragte er.

„Nein“, wehrte sich der Grüne. „Meine Tochter ist das selber dabei und greift auch uns an!“

Plasberg hatte dazu einen Spruch: „Ihre Tochter ist bei Friday für Future? Dann haben Sie alles richtig gemacht!

„Ich bin ja schon dankbar, dass wir heute Abend eine Sendung haben, wo es um Klimaschutz geht!“ gestand Özdemir ehrlich. Afghanistan und Corona sind nun mal keine grünen Wahlkampfknaller…

Gretchenfrage des Abends

Plasberg hatte eine spannende Alternative: Schuldenbremse oder Klimaschutz? fragte er die Aktivistin. Beides zusammen sei nicht finanzierbar.

Brüngers entwaffnende Erwiderung: „Ich bin 19 Jahre alt und würde die Frage gern an die Politik zurückgeben. Ich glaube nicht, dass ich und Millionen junger Menschen auf der Straße die konkreten Konzepte für alles vorlegen müssen!

Naivste Antwort

„Haben Sie Ihre Wahlentscheidung eigentlich schon getroffen?“ wollte der Talkmaster wissen.

„Nein“, erklärte die Aktivistin. „Ich warte immer noch darauf, dass eine Partei kommt und sagt: Wir haben uns verkalkuliert, wir haben Fehler gemacht, wir übernehmen die Verantwortung dafür und passen unser Wahlprogramm der Realität an.“

Überraschendste Kopfwäsche

Özdemir wollte noch mal punkten: „Da steht 1,5 Grad als maximale Klimaziele drin!“ lobt er sein Parteiprogramm.

„Das finde ich total schön“, erwiderte die Aktivistin, „Sie sind die Partei, die ein CO2-Ziel festgelegt haben, aber ein viel zu hohes! Da haben Sie sich wieder das falsche Ziel gesetzt!

Ihre stolze Selbsteinschätzung: „Ohne uns auf den Straßen wird nix passieren.“

Peinlichste Panne

Plasberg wollte den nächsten Film einspielen, aber sein Tablet bremst ihn aus: „Hier ist das neueste Windows-Funktionsupdate“, las der Talkmaster entgeistert vom Bildschirm ab. „Der will jetzt ein Update machen, deswegen kann ich das nicht abdrücken.“

Heiterkeit im Publikum! „Ich werde jetzt mal neu starten“, kündigte Plasberg mit spitzem Zeigefinger an. Inzwischen sollte die Regie den Beitrag einspielen, weil „hier dreht sich jetzt wieder so ein Rädchen“.

Zitat des Abends

Fazit: Viel wichtigtuerischer Alarmismus, dazu ständiges Wetteifern in der Talk-Kunst, anderen kitzlige Fragen zu stellen, ohne ihnen Zeit für die Antwort zu lassen. Dazu immer wieder Blindfahrten des jugendbewegten Steuermanns. Das war eine Talk-Show der Kategorie Grönemeyer: Kinder an die Macht!

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