Teletäglich

Kanzler-Talk bei Maybrit Illner: Scholz fordert Schröder zum Rückzug auf

„Maybrit Illner: Krieg in der Ukraine.“ ZDF, Donnerstag, 3.März 2022, 22.15 Uhr.

Kesselschlacht um Kiew, Panzerkeile spalten die Ukraine, Flüchtlingsströme fluten durch Osteuropa,  Atombomben-Angst in deutschen Städten, Putin will den totalen Krieg! Der Kanzler kämpft mit aller Kraft für Frieden und Sicherheit. Maybrit Illner stellt ihm ihre Sendung für ein Solo zur Verfügung. Der Gast:

Olaf Scholz (63, SPD). Der Kanzler führt eine Koalition mit Abgeordneten, von denen manche sich erst ziemlich spät von Putin distanzierten. Sein Ansatz: Waffen für die Ukraine ja, Soldaten in die Ukraine nein. Darüber zu streiten ist auch für das Zoff-o-Meter keine Option!

Düsterste Perspektive

„Je länger der Krieg dauert, umso mehr Zerstörungen wird er anrichten“, fürchtet der Kanzler nach einem ZDF-Einspieler über die verheerenden Raketenangriffe. „Er wird mehr Menschenleben kosten, es werden Zivilisten sterben, aber, das sollten wir nicht vergessen, auch viele Soldatinnen und Soldaten.“

Sichtlich betroffen erinnert sich Scholz an militärische Empfänge vor einiger Zeit in der Ukraine und auch in Russland: „Ich habe Kränze niedergelegt zur Erinnerung an die Opfer des deutschen Krieges“, schildert er. „Das waren alles ganz junge Männer, die da vor mir standen, meistens keine zwanzig Jahre alt.“

Bewegendster Gedanke

„Und die ziehen jetzt auch alle in den Krieg“, fügt Scholz hinzu, „und sterben vielleicht in großer Zahl. Es geht nicht nur darum, dass dort Infrastrukturen zerstört werden, sondern Menschenleben, Hoffnungen, Träume…“

Bilder wie etwa auch aus dem syrischen Krieg, aus Homs oder Aleppo, so der Kanzler, „lassen sich kaum oder gar nicht ertragen. Wir dürfen uns auch nicht damit abfinden, sondern müssen alles für unternehmen, dass es nicht dazu kommt!“

Bedrückendste Erwartung

„Eines der Ziele Putins soll ja der Tod von Wolodymyr Selenskyj sein?“, fragt die Talkmasterin als nächstes.

„Das wird berichtet“, antwortet Scholz, „und das ist natürlich eine der Sachen, die sehr furchtbar ist, wenn man sich vorstellt, dass darüber gesprochen wird, dass Vertreter der Demokratie in der Ukraine mit Verfolgung rechnen müssen, nach dem militärischen Krieg.“ Uff!

Die grausame Vorstellung nimmt den Kanzler so mit, dass er kurz mal aus dem Gleichgewicht kommt: „Aber jetzt geht es erst mal darum, den Krieg zu verhindern“, erklärt er, am immerhin schon achten Kriegstag.

Wichtigste Ankündigung

„Wir müssen zurückkehren zu dem Grundsatz, den wir in Europa seit nun fast fünfzig Jahren festgelegt haben: Dass die territoriale Integrität und die Souveränität von Staaten nicht in Frage gestellt werden“, fordert Scholz und hebt beschwörend die Hände.

Konsequenz, so der Kanzler: „Wir haben sehr viele NATO-Truppen auch im Baltikum, Deutschland hat seine Präsenz auch in Litauen verstärkt. Wir sind bereit, weitere Truppenverbände zu stationieren, zum Beispiel in der Slowakei und an anderen Orten.“

Härtester Vorwurf

Illner blendet ein Zitat des ukrainischen Außenministers ein: „Hätte Deutschland diese Entscheidung früher getroffen“, sagt Dimitro Kuleba über die Waffenhilfe aus Berlin, „dann hätte es diesen Krieg nicht gegeben. Es hätte all die toten Männer, Frauen und Kinder nicht gegeben.“ Puh!

Die Talkmasterin hofft damit auf ein bisschen Zoff: „Hätten Sie, hätte Deutschland, Herr Scholz, mit einer früheren Entscheidung diesen Krieg verhindern können?“, fragt sie spitz.

„Nein!“, antwortet der Kanzler energisch. „Im Übrigen spricht ja schon dagegen, was wir nachlesen können in den historisierenden Texten des russischen Präsidenten, in der Ankündigung, die er gemacht hat.“ Ja ne, is klar!

Politischste Begründung

„Warum haben Sie so lange gezögert?“, fragt die Talkmasterin trotzdem noch mal.

Scholz knetet die Hände. Die Politik, nicht Waffen in Krisengebiete zu liefern, solle Eskalationen verhindern, doziert er, jetzt aber gebe es nun mal diesen Krieg, und „da darf man diejenigen, die unschuldig angegriffen worden sind, nicht alleine lassen.“

Persönlichste Erinnerung

„Sie haben als junger Mann im Bonner Hofgarten gestanden und gegen die Pershing demonstriert“, erinnert Illner an die Widerstände in der SPD im Jahr 1979 gegen NATO-Marschflugkörper als Antwort auf zuvor aufgestellte sowjetische Raketen.

„Sie spielen auf meine Jugend an, als ich die Friedenskundgebung sogar mitorganisiert habe“, kontert der Kanzler ungerührt, „aber ich will Ihnen ausdrücklich sagen: Gerade vor diesem Hintergrund halte ich diese Entscheidung für richtig.“ Rumms!

Parteisoldatischste Erklärung

Ist all das, was wir in der Ukraine erleben, nicht auch ein Offenbarungseid von sozialdemokratischer oder deutscher Russlandpolitik?“, patzt ihn Illner an. „Ihr Parteivorsitzender Lars Klingbeil sagt: ‚Wandel durch Annäherung‘ war offensichtlich falsch.“

Doch so leicht lässt sich Scholz die Ikonen seine Jugend nicht vom Altar reißen: „Nein!“ behauptet er und reckt angriffslustig das Kinn. „Das Konzept war richtig. Es hat die deutsche Einheit und die Überwindung der Teilung Europas ermöglicht.“ Uff! Waren das nicht eher Gorbatschow, Johannes Paul II., Reagan & Kohl?

Dringendste Empfehlung

Dann kommt ihm die Talkmasterin auch noch mit dem „Vorwurf, dass es einen ehemaligen Kanzler in Ihren Reihen gibt, der korrumpierbar ist“. Ui! Dem diente Scholz doch einst als Generalsekretär! Für den ließ er sich sogar als „Scholzomat“ durch den Kakao ziehen!

„Ich finde nicht richtig, dass Gerhard Schröder diese Ämter wahrnimmt“, gesteht der Kanzler jetzt. „Und ich glaube auch, dass es richtig wäre, er würde sie niederlegen. Mein Rat an Gerhard Schröder ist, sich aus diesen Ämtern zurückzuziehen.“ Heidewitzka!

Unliebsamste Nachfrage

Die Talkmasterin hat aber noch einen: „Muss man Gerhard Schröder auch seinen Apparat streichen?“ will sie wissen.

Da presst Scholz die Handflächen ganz fest zusammen. „Natürlich wird sich der Deutsche Bundestag auch mit dieser Frage auseinandersetzen“, verspricht er beherrscht. „Jedenfalls sind Bundestagsmitarbeiter nicht dafür einzusetzen, solche Aufgaben wahrzunehmen, die sich aus privatwirtschaftlichen Tätigkeiten ergeben.“ Das sitzt!

Letztes Gefecht

„Die Stadt Hannover will ihm die Ehrenbürgerschaft aberkennen“, bohrt die Talkmasterin weiter in der Schröderwunde. „‘Die Uhr tickt‘, sagt Lars Klingbeil. Was sagen Sie? Sie kennen ihn gut. Wie lange wird er noch brauchen?“

Scholz drückt den Rücken durch, gibt aber nur eine Schwurbel-Antwort: „Ich hoffe, dass all die vielen Freunde, die er unverändert hat, und die ihn ansprechen, ihn überzeugen können, dass er seine Entscheidungen aus der Vergangenheit überdenkt“, verkündet er. Uff! Schwere Geburt!

Schnell schiebt Scholz noch Persönliches nach: „Das sage ich auch, weil ich ja mit ihm gemeinsam gut zusammengearbeitet habe in der Zeit seiner aktiven Politik, und deshalb wäre es mir auch sehr wichtig, dass er diese Entscheidung trifft.“ Mehr geht da wohl nicht.

Kompliziertestes Dementi

Auch beim Thema „Putins Lügen“ scholzt sich der Kanzler gekonnt durch. „Hat er Ihnen geantwortet auf die Frage, ob jetzt eine Offensive in Kiew oder Charkiw ansteht?“, forscht Illner nach.

Doch Scholz fährt weiter extrem untertourig: „Ich verrate kein Geheimnis, wenn ich das wiederhole, was ich gleich im Anschluss an das lange Gespräch mit Präsident Putin in der gemeinsamen Pressekonferenz klargemacht habe: Es hat eine solche Aussage, dass das nicht passieren wird, nicht gegeben.“ Alles klar?

Naivste Frage

Illner klopft auf den nächsten Busch: „Noch bis zum Dezember 21 haben Sie bei Nord Stream von einer privatwirtschaftlichen Initiative gesprochen. Tut Ihnen das heute Leid, wenn Sie sehen, was das der Ukraine für ein strategische Pfund genommen hat?“

Leidend sieht Scholz aber gar nicht aus. „Das ist ein lange verfolgtes Projekt gewesen, das mehrere Bundesregierungen mit vorangetrieben haben“, verteidigt er sich kühl. Und: „Es ging um die vierte Pipeline, wo es drei schon gibt.“

Realistischste Prognose

„Jeden Tag, den der Krieg weitergeht, wird er auch dramatischer, und wird es mehr Opfer und Verletzte geben“, warnt der Kanzler dann. „Deswegen ist es so wichtig, dass wir diesen Weg nicht verlassen.“

Dann legt er die Hand auf die Brust. „Wichtig ist, dass wir das, was wir machen können, auch wirklich tun und nicht nur darüber reden.“ Das ist nahe dran an einem anderen typischen Scholz aus diesem Talk: „Erst mal wiederhole ich, was ich eben gesagt habe.“

Genervtester Nasenstüber

„Ist die Bundeswehr überhaupt kriegsfähig?“ erkundigt sich Illner und gestattet sich ein Kichern: „Manche stellen das in Frage, weil sie einfach systematisch kaputtgespart wurde.“

Das gibt noch mal Zoff, denn der Kanzler lässt die Talkmasterin prompt vor die Pumpe laufen: „Erstens gefällt mir nicht, wenn wir das Wort ‚Krieg’ so leichtfertig in den Mund nehmen!“, blafft er sie an. „Es geht um Verteidigungsbereitschaft. Wir sind kein Kriegsbündnis! Die Verteidigung ist notwendig, damit es niemals zu einem Krieg kommt.“ Jawoll!

Zufriedenste Bilanz

„Was ich sehr gut finde: Ich habe sehr gute Signale bekommen von der größte Oppositionspartei, von CDU und CSU“, dass sie sehr aufgeschlossen sind im Hinblick auf das Sondervermögen (für die Bundeswehr)“, lobt der Kanzler und hebt dankbar die Hände, weil „die gemeinsame Anstrengung jetzt nicht nur auf den Schultern der Regierungspartei lastet.“

Trotz der wachsenden finanziellen Belastzungen wolle er, so Scholz zum Schluss, seine „großen Reformvorhaben, die Politik für mehr Gerechtigkeit, für die ökologische Transformation nicht aufgeben, sondern forcieren.“ Amen!

Fazit

Aufschlussreiche Lehrvorführung eines kaltgepressten Leiseredners, der die auf Attacke erpichte Talkmasterin humorlos ins Leere laufen ließ. Dafür gab’s wichtige Infos und klare Ansagen. Das war ein Talk der Kategorie „Ernstfall“.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.