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Kanzler-Talk bei Maischberger: Gabriel warnt die Union vor Annalena Baerbock

„maischberger, die woche“. ARD, Mittwoch, 28.April 2021, 23.05 Uhr.

Bundesaußenminister a.D. Sigmar Gabriel hat in der ARD-Talkshow „maischberger.die woche“ am Mittwoch die Unionspartei vor einem Überraschungserfolg der Grüne-Kandidatin Annalena Baerbock gewarnt.

Wörtlich sagte der Politiker, der acht Jahre lang SPD-Chef war: „Wenn es der CDU/CSU nicht gelingt, erstens diesen Zirkus einzustellen, den es da zwischen Laschet und Söder gibt, und zweitens die Differenz zu den Grünen zu erzeugen, die im bürgerlichen Lager Wähler zurückbringt, dann hat Annalena Baerbock eine richtige Chance!

Aus Indien bedroht eine neue Corona-Doppelmutante die Welt, in den USA hält Joe Biden seine 100-Tage-Rede, in Deutschland zieht eine grüne Kanzlerkandidatin die Quoten hoch. Viel Holz für Sandra Maischbergers Lagerfeuer! Die Gäste

Gabriel lobte Biden: „Er legt in der internationalen Politik ein genauso gutes Tempo vor wie in der Innenpolitik!“

Die Virologin Prof. Helga Rübsamen-Schaeff warnte vor neuen Corona-Mutanten: „Das ist ein Hase-und-Igel-Spiel!“

Entertainer Thomas Gottschalk sagte zur Viren-Krise: „Ich bin ratlos, aber hoffnungsfroh!“

Dazu kamen die taz-Redakteurin Ulrike Herrmann, die BILD- Journalistin Nena Schink und der ARD-Korrespondent Peter Hornung, der aus Neu-Delhi zugeschaltet wurde.

Viel Erfahrung, viel Sachverstand, viel Meinung –  auch viel Streitlust? Zum Start gab’s eine Runde Memory: „Ich war dabei, mich an Obama ranzuwanzen, habe es aber nur bis Biden geschafft“, erinnerte sich Amerika-Kenner Gottschalk an einen Besuch im Jahr 2011 mit der Kanzlerin im Weißen Haus.

Die überraschende Einschätzung des Entertainers: „Ich glaube, dass man mit Biden zufrieden ist, weil er einiges so macht wie Trump, also was die Leute an Trump gemocht haben, und da gab es ja einiges.

Unterschiedlichste Bewertungen

Auch die taz-Journalistin ist dem neuen Präsidenten wohlgesonnen: „Obama hatte ja immer den Eindruck, Joe Biden ist eher doof“, meinte sie, aber: „Man muss sagen, dass Biden die perfekte Politik gemacht hat!“

Die BILD-Journalistin goss Wasser in den Wein: „Ich finde es immer schwierig wenn als erstes die Reichen besteuert werden“, tadelte sie die neue US-Wirtschaftspolitik. Denn: „Man braucht ja auch Anreize, dass junge Leute Unternehmer werden wollen!“

Schwergewichtigste Argumente

Gabriel schilderte Bidens Dilemma: „Er hat ein gespaltenes Land, und je mehr er offensiv in der Öffentlichkeit die Leute provoziert, desto schwieriger wird es, das Land zu einen.“

„Der größte Unterschied ist“, so der Ex-Minister, „dass Obama ein Einzelspieler war und Biden ein Teamspieler ist.“

Klügste Prognose

Dann zog Gabriel schwungvoll die großen Linien: „Mit Biden werden die Vereinigten Staaten deutlich weniger europäisch und deutlich stärker pazifisch werden“, kündigt er an.

Und: „Die USA werden nicht mehr für uns die heißen Kartoffeln aus dem Feuer holen. Sie erwarten, dass wir uns an ihre Seite stellen in der Auseinandersetzung mit China!

Aktuellste Analyse

Über die Forderungen einer europäischen Armee kann der SPD-Politiker nur spotten: „Das kommt mir vor, als wenn jemand Golf spielen will, aber nicht mal Minigolf kann!“

Putins Rote Linien nimmt Gabriel sehr ernst, denn: „Russland ist in der schwächsten Verfassung seit Beginn der 1990er Jahre. Helmut Schmidt hat mal über Russland gesagt, dass sei Obervolta, nur mit Atomwaffen. Ein kleines, wirtschaftlich schwaches Land, aber ein militärischer Koloss!“

Verblüffendste Erkenntnis

„Ich habe immer gedacht: Warum sind wir so sauer auf den Trump?“ erzählte Gabriel weiter. Seine Erklärung: „Ich glaube, er hat uns jeden Tag den Unterschied gezeigt zwischen unseren Ansprüchen und der Wirklichkeit!“

Denn, so der Politiker mit einem überzeugenden Vergleich: „Europa gilt in der Welt als reich, aber schwach. Wenn wir diese Schwäche nicht beseitigen, ist es weiter so, dass in der Welt die Fleischfresser mehr als die Vegetarier gelten!“

Interessanteste Einschätzung

Den Berliner Koalitionsparteien sagte Gabriel schwierige Zeiten voraus: „Frau Merkel wurde der SPD so ähnlich, dass keiner mehr Angst vor der CDU hatte. Und die Grünen werden der bürgerlichen CDU so ähnlich, dass keiner mehr Angst vor den Grünen hat.“

Für die Grünen spreche, so Gabriel: „Die Leute sagen, die sogenannten Profis kriegen es nicht hin, da lassen wir mal die anderen ran. Das ist so ein bisschen die Stimmung. Das kann dazu führen, dass am Ende alle ganz überrascht schauen, wer die nächste Kanzlerin ist!“

Vernichtendstes Urteil

„Die SPD hat das Problem, dass bei so einer Polarisierung CDU gegen Grüne die Leute sagen: Die Sozis sind ja auch noch da, aber das Interesse ist dann weg“, fürchtet der Ex-Parteichef. „Dann wird die SPD zu einer Funktionspartei, die man mal braucht und mal nicht.“

Härteste Abrechnung

Über die Personalentscheidungen seiner Partei sagt Gabriel: „Die Wahrheit ist, dass 100 Prozent der SPD-Mitglieder gefragt wurden: Wer soll Vorsitzender werden? Und 50 Prozent waren so irritiert über das Verfahren, dass sie gar nicht teilgenommen haben!“

„Der Glaube, Parteien rufen jeden Tag nach der Basisdemokratie, ist ja Quatsch“, erläuterte der Politiker. „Natürlich wollen sie Führung! Und wenn Sie denen so eine Art Heiratsmarkt anbieten, wo viele die Leute gar nicht kennen, dann gibt’s die Reaktion: Ehe ich was falsch mache, wähle ich nicht!“

Aufschlussreichste Darstellung

„Dann haben 50 Prozent noch gewählt, und davon wollte die Hälfte Olaf Scholz nicht“, schilderte Gabriel weiter. „Deswegen sind die beiden (Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans) drangekommen.“

Die fatale Folge: „Jetzt müssen sie dem geneigten Publikum erklären, warum jemand, den die SPD vor nicht allzu langer Zeit nicht zum Vorsitzenden machen wollte, jetzt die Republik regieren will.“ Uff!

Überraschendstes Urteil

Gottschalk hatte Robert Habeck zu seinem „Gewinner der Woche“ gekürt: „Er ist einer, der sich nicht hinter Floskeln versteckt“, lobte er die wehleidige Reaktion des Grüne-Chefs nach der verlorenen Kanzlerkandidatur.

„Ich verstehe gar nicht, warum jetzt diese Häme über ihn ausgekippt wird, nach dem Motto ‚Jetzt heult er auch noch‘“, mosert die taz-Journalistin. „Habecks Problem ist, einzugestehen, dass Annalena Baerbock auch ihre Qualitäten hat!“

Umstrittenste Personalie

Dann folgt eine mutige Lobeshymne: „Sie hat Qualitäten, die Habeck nicht hat“, pries die taz-Journalistin die Grüne. „Sie hat eine steile Lernkurve und kann in Talkshows den Gegner durch ihr Faktenwissen in die Enge treiben.“ Öha!

Herrmanns verwegene Entlastungsoffensive für die grüne Herzensfavoritin: „Obama hatte ja auch keine Regierungserfahrung.“ Das war mal ein Vergleich! Uiuiui!

Kritischster Punkt

„Die gute Schülerin, die steile Lernkurve!“ ätzte die BILD-Journalistin prompt. „Ich will als Kanzlerkandidatin niemand haben, der noch Lehrling ist!“

Und: Solange Baerbock sich nicht zu Grün-Rot-Rot festlege, stellte Schink unmissverständlich fest, „ist eine Stimme für die Grünen immer eine Stimme für die Linke!“

Gottschalk lieferte noch einen Hinweis auf seine Gemütslage: „Ich bin 70 und zwei Mal geimpft. Ich wäre lieber 35 und ein Mal geimpft!“

Erschütterndste Bilder

Dann war Schluss mit Lustig: Ein ARD-Einspieler schockierte mit schrecklichen Szenen von indischen Friedhöfen und aus Krankenhäusern in Neu-Delhi:  Brennende Leichen, schreiende Trauernde, verzweifelte Ärzte.

„In Neu-Delhi gibt es noch 18 freie Intensivbetten, für 20 Millionen Einwohner“, meldete der ARD-Korrespondent aus der indischen Hauptstadt. „Wenn die keinen Sauerstoff haben, nehmen sie auch keine Patienten auf!“

Modellrechnungen würden zeigen, so der sichtlich geschaffte Reporter, dass die Zahl von täglich 360.000 Neuinfizierte noch bis Mitte Mai weiter steigen könne.

Eindringlichste Warnung

Die Gefahr besteht, dass die indische Variante auch nach Deutschland kommt“, machte Virologin Rübsamen-Schaeff klar. In Australien und den USA sei die Doppelmutante bereits angekommen.

Die neuen Impfstoffe könnten zwar gut vor den Folgen einer Erkrankung mit dem veränderten Virus schützen, fügte die Wissenschaftlerin hinzu, aber der Schutz gegen die Infektion selbst werde schwächer.

Tröstlichster Hoffnungsschimmer

Ich sehe auch, dass Impfstoffhersteller sich schon darauf vorbereiten“, berichtete die Professorin. „Aber wir müssen mehr tun, um Medikamente zu entwickeln!“

Und, so Rübsamen-Schäff in aller Deutlichkeit: „Wir sind zu früh, um über irgendwelche Lockerungen nachzudenken!

Wann es bei uns endlich wieder mehr Freiheiten geben könne? Antwort der Expertin: „Ich würde mal denken, dass man in sechs Wochen was sieht. Spätestens Ende Juni.“ Aber: „Es wird immer wieder Schlupflöcher für das Virus geben!“

Fazit: Ein bisschen Kokelei, ein bisschen Empörungskult, vor allem aber knackige Kernkommentare vom politischen Urgestein und weise Schmähflocken vom hohen Fernseholymp: Das war ein Talk der Kategorie „Two-Men-Show“.

 

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