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Juso-Chefin bei Maybrit Illner über die Koalitionspläne der Sozialdemokraten: „Natürlich auch mit der Linkspartei!“

„Maybrit Illner: Erste Wahl nach Merkel – letzte Ausfahrt Richtung Zukunft?“  ZDF, Donnerstag,16.September 2021, 22.30 Uhr.

Generationengerechtigkeit auch in der Talkszene: Bei „Maybrit Illner“ waren diesmal die Jungen unter sich. Die Gäste:

Christoph Ploß (36, CDU). Der Bundestagsabgeordnete und Parteichef in Hamburg will die Bürger „entlasten statt belasten“.

Jessica Rosenthal (28, SPD). Die Juso-Bundesvorsitzende blieb im Parteisprech: „Nichts wäre schädlicher als eine unionsgeführte Regierung!“

Sarah-Lee Heinrich (20, Grüne), Mitglied im Bundesvorstand der „Grünen Jugend“, findet „Hartz4 echt scheiße“.

Ria Schröder (28, FDP), Mitglied im Bundesvorstand und Ex-Chefin der „Jungen Liberalen“, verlangt einen „Mutausbruch“.

Mirko Drotschmann (35). Der ZDF-Moderator und Youtuber („MrWissen2go“) klagte: „Die Ära Merkel hat junge Wähler desillusioniert!“ Er wurde aus Düsseldorf zugeschaltet.

Hajo Schumacher (57), Journalist („Berliner Morgenpost“), schimpfte auf den „klassischen Journalismus, der die siebte Plagiats-Banalität hochzieht“. Auch er guckte von einem Monitor herab.

Mischt eine neue Dynamik auch die Parteien auf oder werden die klassischen Konflikte nur an die politischen Erben weitergereicht?

Zum Start die Zahlen des Abends

Die Genderpolizei hatte schon mal versagt: Ein Politiker gegen vier Politikerinnen! Illner begrüßte die „Generation Postmerkel“ und nannte eine weitere Kennziffer: „Drei Millionen Erstwähler!“

Dann ging die Talkmasterin erst mal ihre Gästeliste durch. „Deutschland retten? Gleich noch den Planeten retten? Unter dem machen wir‘s nicht?“ morste sie die Grüne an.

Geschickteste Antwort

„Wir wollen die Klimakrise aufhalten, so gut es geht“, erklärte Heinrich. „Aber wir wollen auch, dass es den Menschen dabei nicht elendig geht!“

Denn, so die Studentin weiter: „Die Herausforderung, die soziale Krise anzupacken, ist mindestens genauso groß, nicht nur in Deutschland, sondern auch global. Das wird nur mit einer Regierung funktionieren, die auch Lust hat, etwas grundsätzlich zu verändern.“

Wichtigste Klarstellungen

Der CDU-Politiker, anfangs als Söder-Sympathisant in den Medien, drückte den Rücken durch: Seit der Entscheidung des Bundesvorstands „unterstütze ich Armin Laschet mit voller Energie!“

„Man sieht, es geht jetzt in den Umfragen wieder nach oben“, fügte Ploß hoffnungsfroh hinzu, und Laschet „ist der Mann der letzten Tage, das hat er schon bei einigen Wahlen gezeigt. Ich bin überzeugt, dass wir am Ende knapp vor der SPD landen werden.“

Erwischt: Schumacher hatte schläfrig das Kinn in die Hand gestützt. Als er merkte, dass er zu sehen war, schreckte er auf und riss er sich schnell zusammen.

Studentischste Kritik

Die Juso-Chefin klagte über Wohnungsnot und garnierte ihre Vorwürfe mit einem gegenderten Beispiel aus ihrer Welt: „Wenn wir heute in die Städte schauen, dann kann sich ein Akademikerinpaar nicht mal ein Eigenheim oder eine Wohnung – davon nur träumen!“

Und, so Rosenthal weiter: „Da reden wir noch gar nicht davon, dass Azubis, Studierende, sich ein WG-Zimmer suchen wollen.“ Aber: „Mit mir kandidieren 80 weitere Jusos, die daran was ändern wollen.“

Ausgewogenste Ansicht

„Generationengerechtigkeit bedeutet ja auch, dass man Generationenkonflikte gemeinsam angeht“, stellte die Liberale fest, „und natürlich mache ich das zusammen auch mit Älteren aus der FDP.“

Allerdings, so Schröder weiter, gebe es häufig unter jungen Politikern „ein sehr großes Verlangen nach Veränderung. Da gehen die Ideen in verschiedene Richtungen, aber dass etwas passieren muss, da ist man sich unter den Jungen einig.“

Verspätetste Beichte

Journalist Schumacher wollte zeigen, was für ek toller Hecht er mal war: „Ich bin in dem Alter der Studiogäste mit dem Rucksack kreuz und quer durch Südostasien, möglichst auch in jeden Semesterferien!“ erzählte er stolz.

„Also mein CO2-Fußabdruck, der ist so riesengroß, da könnten wir alle zusammen drin baden“, gab er dabei zu. „Ich wusste es damals nicht besser. Aber wir hätten vieles eigentlich schon wissen können“, denn im Bericht des „Club of Rome“ von 1971 über die Grenzen des Wachstums „stand alles schon drin.“

Aktuellste Kanzlerinschelte

„2005 nach der Bundestagswahl habe ich eine Umfrage unter jungen Leuten gemacht, was sie sich denn erwarten“, erinnerte sich Drotschmann. „Der Klimaschutz war damals noch nicht so groß auf der Agenda, aber der Netzausbau. Das war eine Erwartung, die bitter enttäuscht wurde!“

Denn, so der ZDF-Moderator: „Angela Merkel war und ist eine Kanzlerin der Stabilität, aber sie hat für das Heute regiert und dabei zu wenig an die Zukunft, an das Morgen gedacht.“

Grundsätzlichster Widerspruch

Illner gab dem Talk mit einem Baerbock-Zitat Zunder: „Jedes Verbot ist auch ein Innovationstreiber“, hat die Kanzlerkandidatin gesagt.

Heinrich fand einen listigen Ausweg: „Man redet von Verboten, andere sagen ‚Ordnungspolitik‘“, wiegelte sie ab.

Ploß gab Kontra: „Die Grünen denken, mit Verboten erreichen sie die Ziele“, tadelte er, aber: „Ein Unternehmen wie Tesla ist doch nicht in einer Verbotskultur entstanden, sondern in einer Kultur, in der es marktwirtschaftliche Regeln gab, in der Unternehmergeist belohnt wurde und es Anreize gab!“

Parteiischste Schmähkritik

Schumacher machte aus seinen persönlichen Präferenzen keinen Hehl: „Wenn ich Herrn Ploß höre, das ist so Friedrich Merz, die alten Evergreens, die wir schon seit zehn, zwanzig Jahren kennen“, bollerte er los.

„Der Klimawandel ist ein Stresstest für unser politisches System“, warnte der Journalist erregt. Im Wettbewerb mit den autoritären Staaten „kommen wir mit unserer liberalen Demokratie, mit unserer Lahmarschigkeit an unsere Grenzen. Wir müssen Tempo machen – demokratisches Tempo!“

Dann ging der Zoff los

Die Grüne wünschte sich mehr Positives in der Klima-Diskussion: „Wenn ich sage, du bist schon im Niedriglohn-Sektor, aber jetzt verzichte mal auf alles, sonst ist das ganz schlimm für die ganze Welt – das ist eine Scheiß-Erzählung!“ wetterte sie.

„Die Forderung ist eigentlich: Reiche Eltern für alle!“ sagte Illner zu Klagen über mangelnde Bildungschancen.

„So wie es die Grünen wollen, wird es für alle nur teurer“, ätzte Ploß. „Wir müssen Klimaschutz immer auch sozial ausgewogen gestalten!“

„Ich finde es wirklich gut, dass du das sagst“, strahlte ihn die Grüne darauf an. „Wir könnten zum Beispiel gemeinsam dafür sorgen, dass in den ersten 100 Tagen der neuen Regierung der Mindestlohn angehoben wird.“ Uff!

Deutlichste Absage

Schumacher schimpfte auf „die ewige Platte ‚Steuern sind böse‘“ und will mit Anklagen gegen Digitalkonzerne und Auslandskontenhamster punkten. „Hören Sie auf, immer Friedrich Merz zu zitieren!“ fuhr er den CDU-Politiker an.

„Wir haben die höchsten Steuern und Abgaben von allen OECD-Staaten“ konterte Ploß. Neue Steuern nach der Corona-Krise seien „sehr gefährlich, denn sie kosten Arbeitsplätze!“

Entlarvendstes Zitat

Die Talkmasterin zog ein Ass aus dem Ärmel: „Er hat eine lustige Historie als Juso-Chef“, spottete sie über den SPD-Kandidaten und spielte als Beispiel eine Scholz-Forderung von 1987 ein: „Die Überwindung der kapitalistischen Ökonomie muss zu den Zielsetzungen der Sozialdemokratie zählen.“

Rosenthal versuchte entsprechende Sorgen durch Übertreibung ins Lächerliche zu ziehen: „Wenn man dem Bild glaubt, das gerade recht panisch von der CDU aufgebaut wird“, höhnte die Juso-Chefin kichernd, „wird er der nächste Anführer eines antikapitalistischen Bündnisses!“

Schlappstes Dementi

Als Wahlziel gab Rosenthal an: „Wenn es Rot-Grün- wird, freue ich mich sehr, aber natürlich auch mit der Linkspartei!“

Die Talkmasterin zählte gleich mal auf: „Saskia Esken, Kevin Kühnert, da sagen viele, das sind dann die, die das Regiment übernehmen werden.“

Da holte die Juso-Chefin tief Luft: „Ich bitte alle Wähler, sich von dieser Polemik nicht ablenken zu lassen“, forderte sie. „Wer Olaf Scholz kennt, der weiß auch, wofür er steht.“ Stillgestanden!

Ungewöhnlichste Töne

Zum Schluss war allen klar: Die Jungen verstehen sich. „Ich meine das jetzt nicht persönlich gegen dich“, sagte sie Grüne zu dem CDU-Mann. Die FDP-Frau wiederum lobte die linksgrünen Kolleginnen: „Ich schätze auch Jessica und Sarah sehr!“

Die Talkmasterin war von so viel Harmonie total durcheinander: „Frau Baerbock und Herr Habeck haben sich sehr distanziert von den Grünen“, haspelte sie los. Heiterkeit in der Runde!

Schönstes Schlusswort

„So sehr ich dich persönlich schätze“, sagte Grün-Heinrich mit Vorsicht zu FDP-Schröder, „ich weiß, dass wir Grünen immer wieder in der Kritik stehen: Boah, das ist voll die unsoziale Partei!“

„Regieren mit uns wird für SPD und Grüne ein harter Drops!“ warnte die Liberale und bezog am Ende alle mit ein: „Wenn wir an einem Kabinettstisch sitzen, wird sich auf jeden Fall was verändern.“ Amen!

Fazit

Frische Ansagen statt witzloser Wortklauberei, offenes Visier statt versteckter Fouls, Streit nicht um Fakten, sondern um Ziele, Zukunft in Dur statt in Moll: Das war ein Talk der Kategorie „Jugendstil“.

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