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In „Hart aber fair“: Knallhartes Laschet-Bashing und Krokodilstrost von Kühnert für die Union

„Hart aber fair Nach der Wahl, vor dem Machtpoker: Wird aus dem Sieger auch ein Kanzler?“ ARD, Montag, 27.Septe,ber 2021, 21 Uhr.

Der Angela-Merkel-Gedächtnis-Marathon geht in die zweite Halbzeit. Am Ziel wartet ein Weihnachtsbaum. Oer gar der Osterhase? Streckenposten Frank Plasberg sammelte eine kundige Runde.

Die Gäste

Kevin Kühnert (32, SPD). Der Parteivize holte in Tempelhof-Schöneberg das Direktmandat gegen Renate Künast (Grüne).

Tilman Kuban (34, CDU). Der Chef der Jungen Union wurde in seinem Wahlkreis Hannover-Land II Zweiter hinter dem SPD-Linken Matthias Miersch.

Alexander Graf Lambsdorff (54, FDP). Der Fraktionsvize wurde in Bonn guter Vierter.

Renate Künast (65, Grüne). Die Ex-Landwirtschaftsministerin schaffte es über die Landesliste in den Bundestag.

Mariam Lau (59). Die Journalistin („Zeit“) arbeitete früher für die „taz“ und die WELT.

Sascha Lobo (46). Der Journalist („Spiegel“) mit dem roten Irokesenschnitt spottete einst auf Twitter über die „Sozialdemokröten“. Was sagt er heute?

Drei Gewinner, ein Verlierer. Wird noch weiter gewahlkämpft oder schon vorkoaliert?

Zum Start ein ehrliches Eingeständnis

Der JU-Chef redet nicht um den heißen Brei herum: „Wenn man nur auf Platz 2 landet, dann liegt der Ball definitiv im Spielfeld von Olaf Scholz, Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans!

Denn, so Kuban weiter: „Wir haben die Wahl verloren. Punkt!

Schlüssigste Analyse

„Wir haben zu wenig auf eigene Themen gesetzt“, gibt der JU-Chef zu. „Beim Thema Kampagnenfähigkeit hat die Union zu wenig geliefert. Und der Kandidat hat nicht die Zustimmungswerte erhalten, wie es einige Kräfte, die ihn vorher auf den Schild gehoben haben, vielleicht vermutet haben.“ Ui!

Plasberg fragt gleich mal nach den Laschet-Unterstützern: „Wo waren denn Herr Schäuble und Herr Bouffier? Haben die gesprochen?“

Kubans knappe Antwort: „Im Parteivorstand nicht.“

Alarmierendste Prognose

Die Journalistin sieht bei den CDU-Abgeordneten, die jetzt ihre Mandate verloren haben, „wirklich eine große Wut“. Denn, so Lau: „Warum besteht jemand, der in allen Umfragen schlecht abschneidet, eigentlich darauf, der Kanzlerkandidat zu sein?“

„Es ist so eine Art Autosuggestion“, urteilt sie über Laschet. „Langsam kann man es auch Arroganz nennen. Irgendwie Chuzpe. Ich halte es für möglich, dass morgen schon ein Aufstand losbricht!“

Schlagfertigste Moderatorenschelte

Künast tischt Allgemeinplätzchen auf: „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel“, orakelt die Grüne, und: „Politik und Realität sollen ja zusammengehören.“

„Wir schauen auf die Inhalte“, kündigt Graf Lambsdorff an.

„Das sagen Politiker immer!“ frotzelt Plasberg.

„Das fordern die Journalisten ja immer von uns“, kontert der FDP-Politiker, „Und wenn wir es dann tun, ist es auch nicht richtig.“ Treffer!

Realistischste Bilanz

Über den knappen Sieger spottet der FDP-Graf: „Es ist ja nicht so, als ob das Wahlergebnis mit 26 Prozent Scholz geradezu in lichte Höhen katapultiert hätte! Es ist so, dass Dreiviertel der Menschen in Deutschland ihn nicht gewählt haben!“

„Korrekt!“ gibt Kühnert zu. „Die 26 Prozent sind für uns ein tolles Ergebnis, aber es ist keine absolute Mehrheit.“

Schmerzhafteste Niedermache

„Laschet wird minütlich angeschossen“, legt Lobo los. „Selbst wenn er sich wieder durchmogeln würde, würde er bis an die Erpressbarkeit heran eine sehr instabile Regierung führen!“

Kuban zählt tapfer „ein paar Leitplanken“ der Union auf: „Schwarze Null, Abschiebung von Straftätern, Tempo-Limit, NATO zwei Prozent. Das sind die roten Linien!“

Doch Plasberg bleibt lieber beim Bashing und spielt noch mal Laschets schweren Schnitzer bei der Flutkatastrophe ein. O-Ton: „Er lacht herzlich im Angesicht der Katastrophe!“

Lobo erfindet für das Wahlergebnis des Unionskandidaten sogar einen neuen Superlativ: „Das ist die krachendmöglichste Scheitersituation!“

Dann geht der Zoff los

Kuban reklamiert einen Trostpreis: Seine Junge Union habe sich dafür eingesetzt, „dass wir ein rot-rot-grünes Bündnis verhindern, und das hat funktioniert!“

Künast ist sauer: „Entschuldigung!“ funkt die Grüne dazwischen. „Ihr Ziel…“

„Sie haben das nie ausgeschlossen!“ wirft Kuban ihr vor.

„Warum auch?“ erwidert Künast erbost. „Ich bin doch nicht Ihr Nickaugust! In Wahrheit wollten Sie doch mit dieser uralten Rote-Socken-Kampagne – gähn! -, dass die SPD kleiner wird als Sie!“

Plasberg hat sichtlich Spaß an der Holzerei: „In der Bundesliga lässt der Schiedsrichter das manchmal laufen!“

Schlimmstes Scherbengericht

Der nächste ARD-Einspieler zitiert die Laschet-Kritikerin Ellen Demuth: „Sie haben die Wahl verloren“, hatte die CDU-Landtagsabgeordnete ihrem Parteichef getwittert, „treten Sie zurück!“

In einem Telefonat mit Plasberg über Laschets Rede nach der verlorenen Wahl habe Demuth dann sogar noch einmal nachgelegt: „Sie hat gesagt: Ich fand Laschets Auftritt ignorant und empathielos gegenüber den vielen, die toll gekämpft haben und jetzt ihre Mandate verloren haben  wegen Ihnen!“, liest der Talkmaster vor.

Verheerendster Vorwurf

„Ich hatte beim Zuschauen körperliche Schmerzen“, habe die Abgeordnete laut Plasberg dann am Telefon geklagt. „Das ist ihm offenbar egal. Er ist abgewählt worden. Sich dann so hinzustellen, so pampig und motzig, das ist ein Schlag ins Gesicht!“

Trickreichste Trittbrettfahrt

Kühnert will die Gelegenheit nutzen, schnell einen Nagel einzuschlagen: „Er hat es auch hinbekommen, nicht ein Mal dem Sieger des Abends zu gratulieren“, schimpft der Juso, „und anzuerkennen, wer die stärkste Zustimmung bekommen hat.“

Uff! Dafür kassiert er einen Nasenstüber: „Das ist sein Konstrukt, dass es keinen deutlichen Wahlsieger mit einem eindeutigen Auftrag gibt“, erklärt ihm Plasberg.. „Er sagt, es gibt keine Gewinner.“

„Die Einschätzung hat er relativ exklusiv“, mault der Ex-Juso enttäuscht.

Wackerster Wahlspruch

„Man muss neue Wege gehen, die Union muss sich erneuern, und dann bin ich auch sicher, dass wir wieder zu alter Stärke zurückfinden“, trompetet Kuban.

Und, so der JU-Chef weiter: „Die Union ist die Partei, die dieses Land zusammenhält. Das ist der Kernpunkt!“ Stadt und Land, Ältere und Jüngere, Ost und West – die Union sei immer dabei und deshalb auch immer noch da. Heureka!

Kühnert teilt eine Runde Krokodilstrost aus: „Das war gestern für die Union eine Niederlage, aber ich bin mir sehr sicher, dass sie sich früher oder später davon erholen wird“, meint er im Mitfühlsound. „Es wird auch wieder eine Bewegung in die andere Richtung geben. Das ist der normale demokratische Gang der Dinge.“ Amen!

Sarkastischster Zwischenruf

Künast hält einen Vortrag über willkommene Veränderungen im politischen Gefüge: „Da, wo früher CDU/CSU und SPD Funktionen eingenommen haben, bei Richterwahlen, oder im Vorstand der Deutschen Bahn, es war immer klar, der Lobbyismus sortiert sich dahin…“

Öffentlich-rechtliche Sendeanstalten!“ fügt der FDP-Graf kichernd hinzu.

Faszinierendster Wachtraum

„Frau Lau, machen Sie doch mal die Augen zu“, bittet Plasberg, „und stellen Sie sich mal vor, wir würden hier sitzen mit Söder und Habeck.“

Die Journalistin muss nicht lange überlegen: „Habeck und Söder wären das zusammen angegangen“, antwortet sie, „und da wären wir sehr schnell ein großes Stück weiter!“

Dialog des Abends

Künast ist nicht überzeugt: „Zu glauben, man hätte nicht auch gegen einen Spitzenkandidaten Habeck eine Kampagne fahren können…“ beginnt sie.

„Der hat seine Bücher garantiert selbst geschrieben“, funkt der Talkmaster boshaft dazwischen.

Die Grüne bleibt dabei: „Man hätte vielleicht andere Punkte gefunden“, schwadroniert sie.

„Was?“ staunt Plasberg. „Echt?“ Neugier in der Runde, doch weitere Erläuterungen bleiben aus.

Kompetenteste Manöverkritik

Lobo wünscht sich „mehr Ehrlichkeit von den Grünen, dass sie einfach sagen: Ja, wir haben den Wahlkampf spektakulär verbockt! Richtig versemmelt!“

„Und es ist auch nicht der schmutzigste Wahlkampf aller Zeiten gewesen“, lässt sich Kühnert vernehmen.

„Wie mit Laschet umgegangen wurde! Diese Kinderinterviews!“ erbost sich Künast. „Ich fand manche Dinge schon erniedrigend. Hate Speech, gefakte Nacktfotos…“

Interessanteste Ausrede

Zum Schluss konfrontiert Plasberg Kühnert mit dessen Zitat, FDP-Chef Lindner sei ein „Luftikus, der kein seriöses Finanzkonzept hat“.

Der Parteivize drückt den Rücken durch: „Ich würde diese Aussage jederzeit wieder treffen“, trotzt er.

Dann aber lenkt er doch ein: „Jetzt ist der Wahlkampf vorbei. Das ändert nichts an den Konzepten, es sollte aber etwas daran ändern, wie wir den Diskurs miteinander führen.“ Halleluja!

Fazit

Wohlgeübte Wendungen, professionelle Pirouetten, kurzweilige Kapriolen, statt der Paukenschläge erklangen Flötentöne, die Widersprüche wurden weichgespült und die Debatte endete kurz vor den ersten Wangenküssen: Das war eine Talk-Show der Kategorie „Fried-o-mat“.

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