Teletäglich

Impfstoff-Zoff in „hart aber fair“: Knallharte Kritik an Ursula von der Leyen

„hart aber fair. Die Frage nach den Impf-Deals: Taugt Europa als Krisen-Manager?“ ARD, Montag, 8.Februar 2021, 21 Uhr.

Die Präsidentin der EU-Kommission, Ursula von der Leyen (CDU), ist in der ARD-Talkshow „hart aber fair“ wegen der Probleme bei der Impfstoffbeschaffung zur Zielscheibe teils heftiger Kritik geworden.

Wörtlich sagte der frühere ARD-Korrespondent in Brüssel Rolf-Dieter Krauses in einem temperamentvollen Donnerwetter: „Jede Menge Fehler! Falsche Erwartungen! Der Führungsstil von Frau von der Leyen! Küchenkabinett!“

Deutschland friert ein, das Virus leider nicht. Die Gäste in „hart aber fair“:

Daniel Caspary (CDU), Chef der Unionsfraktion im Europaparlament, ärgert sich, „weil Brüssel immer an allem schuld sein soll!“

Die Brexit-Befürworterin Gisela Stuart war Parlamentsabgeordnete und zog dann eins höher ins House of Lords. Ihr Urteil: „In der Pandemie ist die EU zu langsam!“

Stephan Pusch (CDU), Landrat des ersten Pandemie-Hotspots Heinsberg, meint: „Die wahren Krisenmanager sitzen nicht in Brüssel, sondern in den Kommunen!“

Linn Selle, Präsidentin der „Europäischen Bewegung Deutschland“, will „mehr Europa statt weniger“.

Rolf-Dieter Krause, Ex-Chef des ARD-Studios Brüssel, schimpfte: „Nein, die EU kann keine Krise. Chance vertan!“

Der Journalist Jan Fleischhauer („Focus“) wetterte: „Erst versagt die EU beim Einkauf, dann werden Kritiker als Impfnationalisten beschimpft!“

Zum Start ein enttäuschter Liebhaber

ARD-Krause focht hinter seinen Halstuch jahrzehntelang nibelungentreu für Brüssel. Jetzt seufzte er resigniert: „Die EU hat in den letzten Jahren ohnehin um ihr Ansehen zu kämpfen. Hier hat man ihr eine Aufgabe übertragen, der sie einfach nicht gewachsen ist.“

Wie bitte, übertragen? Hat sich die Kommissionspräsidentin nicht geradezu um die Impfstoffbeschaffung gerissen? Faktencheck!

Billigste Beamtenschelte

Dann ging Krause unter Umgehung der Chefetage auf die Fußtruppen los: „Wenn Sie die Denkweisen der Kommissionsbeamten kennen, wenn Sie wissen, wie in den Arbeitsgruppen des Rates…“ Mehr musste er gar nicht sagen.

Mutigster Wechsel auf die Zukunft

Ein ARD-Einspieler zeigte erschütternde Zahlen. Geimpfte in Großbritannien: 12 Mio. = 18 Prozent. EU: ebenfalls 12 Mio. = 2,7 Prozent. Deutschland: 2,3 Mio. = 2,8 Prozent.

CDU-Caspary setzte auf das Prinzip Hoffnung: „Ich möchte erst mal sehen, wenn wir ein paar Monate weiter sind, ob’s in Großbritannien dann wirklich besser aussieht unterm Strich!“ unkte er.

Verdientester Nasenstüber

Der Talkmaster schätzte diese Art Impfnationalismus allerdings gar nicht: „Das hoffen wir!“ funkte er dazwischen. „Das ist doch eine gemeinschaftliche Hoffnung“, von wegen offene Grenzen und so.

Doch der EU-Parlamentarier ließ sich nicht bremsen: „Wir erleben in England eine Panik“, behauptete er. Außerdem gebe es dort „in aller Regel keine zweite Impfung“, weil dort „das Corona-Management vollkommen aus dem Ruder gelaufen ist!“

Listigstes Beispiel

Plasberg provozierte ihn mit einem Klischee: „Stellen Sie sich vor, es gibt einen sicheren Korridor nach Mallorca, die Briten reisen und wir nicht!“

Caspary konterte mit einer optimistischen Prognose: „Bis zum Sommer bin ich zuversichtlich, dass wir 50 Millionen Deutschen das Impfangebot machen können, und bis zum Ende des Sommers allen, die das wollen, und damit sind wir nicht schlechter als die Briten.“ Wow!

Kniffligste Frage

„Warum hat sich dann, wenn das alles so o.k. ist, die Chefin der EU-Kommission, Frau von der Leyen, entschuldigt?“ wunderte sich Plasberg.

„Mit dem Wissen von heute hätte man manches auch anders machen können“, gab der CDU-Mann notgedrungen zu. „Deswegen wünsche ich mir, dass wir, wenn der Impfstoff wirklich beschafft ist, eine Analyse machen: Was ist alles schiefgelaufen?“

Spottdrossel des Abends

Über die laschen EU-Verträge mit den Impfstoffherstellern höhnte Journalist Fleischhauer: „Die EU hat an der dümmsten Stelle gespart! Wenn man Zyniker ist, kann man sagen, na gut, die brauchen in Brüssel so viel Geld für andere Dinge…“

Sein überzeugender Vergleich: „Das ist ein bisschen so wie beim WDR: Herr Plasberg, wir stellen Sie ein und bemühen uns, Ihnen am Ende des Monats ein Gehalt zu zahlen.“

Interessanteste Feststellung

Fleischhauers nächster Kritikpunkt: „Alle sind wahnsinnig überrascht, dass der amerikanische Präsident gesagt hat, das war übrigens noch Donald Trump: Wir lassen keinen einzigen Impfstoff, der in Amerika produziert wird, aus Amerika raus.“

Plasbergs Kommentar zum US-Protektionismus: „Übrigens macht Herr Biden wenig Anstalten, das zu ändern.“

Treffsicherster Vergleich

Der nächste Einspieler zeigte Landrat Pusch mit seiner vielzitierten EU-Kritik: „Das hätte jeder Landwirt im Kreis Heinsberg besser verhandelt!“ Danach setzte der Kommunalpolitiker noch einen drauf: „Ich habe mal versucht, rauszufinden, wer eigentlich was wie wo wann verordnet hat“, berichtete er über die Impfstoffbeschaffung.

Ergebnis, so Pusch: „Das kam mir irgendwie vor wie so ein Hütchenspiel. Hier ist das Hütchen, guck mal, der war schuld, dann tun wir das drunter und schieben das so lange hin und her, bis keiner mehr genau weiß: Wo ist eigentlich die Kugel jetzt?“

Erfreulichste Auskunft

Zum Schluss haute der Landrat noch einen weiteren typischen Pusch raus: „Dinge, die gut gemeint sind, sind noch nicht gut gemacht. Der Landwirt weiß: Nur das, was ich im Frühjahr säe, kann ich im Herbst ernten!“

„Was haben die Landwirte eigentlich gesagt?“ wollte Plasberg wissen.

„Die haben mir ein Präsentpaket vorbeigebracht“, freute sich der Landrat, „und gesagt: Danke für die klaren Worte, Sie haben uns aus der Seele gesprochen!“

Misslungenstes Ablenkungsmanöver

Der eingeschworene Brexit-Gegner Krause wollte lieber über die negativen Folgen des Ausstiegs reden: „In was für eine Katastrophe die britische Wirtschaft läuft!“ orgelte er. „Es ist eine richtige Katastrophe! Es gibt überhaupt keinen Grund, die Briten zu beneiden!“

Blutigste Abrechnung

Als niemand anbiss, wollte der altgediente ARD-Mann plötzlich ebenfalls mit EU-Schelte punkten: Die Kommissionspräsidentin habe eine Generaldirektorin auf die Pharmaindustrie losgelassen, die „keine Ahnung“ habe.

Dann ging der Zoff erst richtig los

Caspary suchte die Ursache der Unzufriedenheit in der „Riesenerwartungshaltung“, die vor Weihnachten in Deutschland aufgebaut worden sei: „Wenn der Impfstoff zugelassen ist, ist in vier Wochen jeder durchgeimpft!“ zitierte der Europaabgeordnete. „Das war doch irreal!““

Wie bitte? Plasberg hakte sofort nach: „Wer genau hat gesagt, dass man in vier Wochen Deutschland durchgeimpft hat? So blöd ist keiner, der in der Schule in Mathematik ein bisschen aufgepasst hat, dass man in vier Wochen 80 Millionen Deutsche impfen kann!“

Schlappste Ausrede

Doch der Europapolitiker drückte sich um die Antwort: „Vor einigen Jahren noch wären die Leute froh gewesen, wenn wir innerhalb von fünf Jahren so eine Pandemie bekämpfen“, schwurbelte er stattdessen. „Jetzt haben wir nach einem Jahr…“

„Ist das Argument nicht ein bisschen…?0“ stoppte Plasberg den Redefluss. Da war der Schlauch geplatzt, uns es kam nichts mehr.

Schlüssigste Generalabrechnung

Der Landrat nahm den Abgeordneten stellvertretend für alle Parlamentarier auf die Hörner: „Diese Apparate sind auf Krisenbewältigung gar nicht ausgerichtet“, lederte er los. „Die machen Gesetze. Abstrakte Regeln. Handlungsanweisungen.“

Puschs Vorwurf: „Manchmal sind die Gesetze gut, manchmal sind sie schlecht. Aber operativ habt ihr gar keine Ahnung, was tagtäglich vor Ort zu tun ist!“

Und noch mal Zoff

„Ob der Vertrag zwei Wochen oder zwei Monate früher oder später abgeschlossen wird, hat doch nicht zwangsweise mit der Frage was zu tun: Wann bekomme ich was geliefert?“ behauptete Caspary dann. „Das steht in den Verträgen drin!“

„Steht das überhaupt drin?“ fragt Pusch mit spitzem Zeigefinger. „Die einen sagen: Wir schulden  nur das Bemühen um Lieferung, und die anderen sagen: Wir haben konkret bestellt.“

Erstaunlichste Interpretation

Casparys Antwort: „Egal ob da drinsteht, man muss sich bemühen, oder man hat einen festen Liefertag: In beiden Fällen hat man einen festen Liefertag, und wenn man‘s nicht hinkriegt, kann man nicht liefern.“ Heidewitzka! Darüber den Mantel der christlichen Nächstenliebe.

Fazit: Viel Hätte, Würde, Müsste, Könnte, Sollte. Alle hatten eine Meinung, keiner blickte wirklich durch. Das war eine Show der Kategorie „Blindflug“.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.