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Impf-Zoff bei Maybrit Illner: Schwere SPD-Vorwürfe gegen Jens Spahn

„Maybrit Illner: Geimpft, getestet, genesen – wann ist die Pandemie vorbei?“ ZDF, Donnerstag, 28.Mai 2021, 22.15 Uhr.

Der SPD-Politiker Michael Müller, Vorsitzender der Ministerpräsidentenkonferenz und noch Regierender Bürgermeister von Berlin, hat in der ZDF-Talkshow „Maybrit Illner“ am Donnerstag schwere Vorwürfe gegen Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) erhoben.

Wörtlich sagte Müller zu Spahns Ansicht, es sei angezeigt, jetzt rasch mit der Impfung der jüngeren Generation zu beginnen: „Heute in der Beratung ist das deutlich geworden, dass das Bundesgesundheitsministerium da zu viel versprochen hat. Es gibt nicht mehr Impfstoff. Es ist so, dass wir immer noch einen Mangel verwalten!“

Die Zahlen sinken, die Hoffnungen steigen, schon winkt das Happy-end – doch es hakt am Impfstoff. Illners Gäste

Auch Müller versprach: „Wir wollen Jugendlichen auf jeden Fall ein Impfangebot machen!“

Die Virologin Prof. Helga Rübsamen-Schaeff (72). tritt auf die Euphoriebremse: „Die Lage in Deutschland ist immer noch instabil!“

Die Hausärztin Sibylle Katzenstein weiß: „Die Impfquote bei Erwachsenen ist noch zu niedrig.“

Der ARD-Journalist Ranga Yogeshwar klagt: „Wir müssen weltweit impfen. Die reichen Länder tun viel zu wenig!“

Der ZDF-Moderator Mirko Drotschmann („Terra X“) ärgert sich: „Bald sind alle geimpft, nur wir Jungen wissen nicht, wann wir dran sind!“

Mit Corona ist noch lange nicht Schluss: Nur zwei Gäste im Studio, die drei anderen zugeschaltet.

Startschuss ins Eingemachte

Die Talkmasterin verglich die vielzitierte Infektionsquote kühn mit einem populären Nahrungsmittel: „Berlin hat eine Inzidenz von 34“, rechnet sie dem Bürgermeister vor. „Die 50 sind von allen Bundesländern unterboten. Jetzt spricht Herr Spahn von der 20. Wird irgendwie die Wurst immer ein Stückchen höher gehängt?“

„Es ist eine tolle Entwicklung, die getragen wurde von der Solidarität vieler Menschen“, lobte Müller nach bester Politikerart, aber: „Es ist auch fragil. Wir haben im letzten Jahr erlebt, wie schnell es auch wieder in eine andere Richtung gehen kann.“

Dann gab es schon den ersten Zoff

Illner flankte in die gefährliche Zone: „Wir wollen 6,9 Millionen mehr Menschen impfen“, kritisierte sie die Pläne für Kinder und Jugendliche, „mit nicht mehr Impfstoff, den wir haben. Es gibt eine irrsinnige Erwartungshaltung, die wir noch viel weniger befriedigen können!“

Der Bürgermeister nahm den Ball gern auf: „Das hat heute eine große Rolle gespielt“, berichtete er von der Ministerpräsidentenkonferenz, „und es gab da auch große Verärgerung, weil in den letzten Wochen der Eindruck erweckt wurde, als ob wir mit zusätzlichem Impfstoff eine Extrakampagne für die Kinder und Jugendlichen machen können.“

Wütendste Attacke

Und: „Es wird nicht mehr Impfstoff geben, und insofern keine eigene Kampagne“, wiederholte der Bürgermeister mit ganz dünnen Lippen. „Diese Klarstellung musste heute erfolgen, weil, sonst werden Hoffnungen geweckt, die zum Schluss nicht gehalten werden können. Auch nicht von der Bundesebene.“ Rumms!

Dramatischste Warnung

„Es nervt irgendwann“, wusste Yogeshwar über die Stimmungslage nach 14 Monaten Corona. Seine Sorge: „Es ist irgendwann so ein Prozess, wo Menschen anfangen, zu verdrängen, wo sie nicht mehr bereit sind, diesen Ausnahmezustand noch fortzusetzen.“

Aber, so der Yogeshwar: „Es wird auch heute immer noch gestorben. Jeder zweite im Alter von 60 plus ist noch nicht geimpft worden!“

Schlimmster Verdacht

Dann stieß der ARD-Mann ins gleiche Horn wie zuvor der SPD-Politiker: Der größte Fehler sei, „eine Erwartungshaltung auszusprechen, die dann nicht erfüllt wird.“

Denn, so Yogeshwar: „Junge Menschen, junge Familien zu mobilisieren vor dem Hintergrund, dass wir tatsächlich noch nicht genug Impfstoff haben, ist nicht sehr klug. Aber wir haben ein Wahljahr…“ Uff!

Kernproblem des Abends

Die Virologin stellte zwei Fragen zur Diskussion: „Wollen wir Menschen, die gefährdeter sind als Kinder und Jugendliche, so schnell wie möglich impfen? Oder wollen wir in Deutschland die Pandemie so schnell wie möglich in den Griff bekommen?“

Sie selbst sei dafür, jetzt die Impfung für die Jugend vorzuziehen: „Nachdem Kinder und Jugendliche eine sehr mobile Gruppe sind, die mit vielen Menschen zusammenkommt, glaube ich, dass das eine durchaus interessante Strategie wäre.“

Wichtigste Klarstellung

„Wir hatten jetzt mehrere Tage hintereinander, wo wir eine Million Impfungen pro Tag vornehmen konnten“, stellte Müller zufrieden fest.

Deutlichste Ansage: „Zweifach Geimpfte haben selbstverständliche Rechte im öffentlichen Leben“, betonte der Bürgermeister. „In einem Restaurant dürfen fünf Menschen sitzen plus zweifach Geimpfte. Weil die eben diese Rechte in Anspruch nehmen oder sogar einklagen können.“

Verheerendste Bilanz

„Augenwischerei!“ schimpfte Drotschmann. „Es ist unrealistisch, dass man als junger Mensch einen Impftermin bekommt!“

Sein Zorn: „Ich finde, dass man damit von politischer Seite auch einen Generationenkonflikt schürt. Dass die 80-jährige sich mit dem 18-jährigen um einen Impftermin bekriegen muss. Ein weiterer Nackenschlag für junge Menschen!“

Klügster Kompromiss

Müller konnte sich immer noch nicht beruhigen: „Der Bundesgesundheitsminister hat von sich aus eine weitere Debatte angefangen und den Eindruck erweckt, als ob es mit zusätzlichem Impfstoff eine eigene Impfkampagne für Kinder und Jugendliche geben kann“, wetterte er von neuem los.

Aber, so der Bürgermeister plötzlich etwas ruhiger: „Gleichwohl haben wir gesagt: Wenn wir (nach Ende der Priorisierung am 7.Juni) für alle anderen öffnen, warum dann nicht auch für Kinder und Jugendliche die Möglichkeit schaffen, sich um einen Impftermin zu bemühen? Insbesondere dann, wenn wir mehr Impfstoffe bekommen.“ Heureka!

Klarstes Sowohl-als-auch

„Wir hatten in unserer Ministerpräsidentenkonferenz den Chef der STIKO (Ständige Impfkommission) dabei“, berichtete Müller dann. „Er hat noch mal ganz deutlich gemacht: Das Impfen für Kinder und Jugendliche kann ein zusätzlicher Schutz sein.“

Aber: „Man kann selbstverständlich auch sicheren Unterricht anbieten unabhängig von den Impfungen. Mit all den Regeln natürlich, die auch umgesetzt werden müssen.“

Heftigste Polizeischelte

Ärztin Katzenstein war über etwas ganz anderes empört: „Ich lebe in Kreuzberg, und auf den Skaterplätzen ist viel Polizei unterwegs“, beschwert sie sich. „Warum werden diese Jugendlichen, die sich draußen aufhalten und das Richtige tun, von der Polizei belästigt und mit Bußgeldern belegt?“

Ihre Frage: „Warum sollen Jugendliche nicht abends im Park zusammensitzen? Aerosole im Innenbereich sind gefährlich. Draußen ist die Gefährlichkeit wirklich vernachlässigbar!“

Der Bürgermeister lächelte freundlich, sagen tat er dazu nichts.

Erstes Biden-Bashing

Nach einem ZDF-Einspieler über die vielen ungeimpften Millionen in armen Ländern knöpfte sich die Talkmasterin den nicht mehr ganz lackfrischen US-Präsidenten vor: „Freigabe von Patenten – Joe Biden hat das vorgeschlagen“, berichtete sie.

Aber, so Illner: „Dazu muss man wissen, dass die Patente größtenteils in Deutschland liegen, und dass er sich offensichtlich zu diesem unkapitalistischen Schachzug überredet hat, weil es ihn nicht so sehr schmerzen würde!“

Gretchenfrage des Abends

„Die ganze Menschheit impfen ist sicher eine perfekte Geschäftsidee“ spottete die Talkmasterin und nahm Prof. Rübsamen-Schaeff aufs Korn, die einst selbst eine Biotech-Firma gründete. Illners Frage: „Wann, glauben Sie, haben Pharma-Firmen genug verdient?“

„Natürlich ist die Impfkampagne eine enorme Einnahmequelle“, gab die Virologin umstandslos zu. „Andererseits müssen wir die Impfstoffe weiter verbessern. Die Entwicklung weiterer Impfstoffe muss weitergehen.“

Interessantestes Beispiel

„Bei AIDS hat die reiche Welt hohe Preise für die Medikamente gezahlt, damit die Firmen den ärmeren Ländern die Medikamente zu ihrem Selbstkostenpreis geben konnten“, erklärte die Expertin, „oder sogar für kostenfreie Lizenzen.“

Außerdem, so Prof. Rübsamen-Schaeff: „Das Geld, das in den entwickelten Ländern verdient wurde, wurde natürlich in die Optimierung der Medikamente gesteckt.“

Wichtigster Appell

Trotzdem: „Wir müssen globale Empathie üben und nicht nur auf den Kommerz gucken!“ forderte Yogeshwar zum Schluss. Illner sagte: „„Man kann auch aus Egoismus helfen. Es muss nicht immer Humanität sein.“ Und Ärztin Katzenstein assistierte: „Erst 100 Prozent der Deutschen, bevor zwei Prozent der Somalis geimpft sind? Das ist wahrscheinlich nicht der richtige Weg.“

Fazit: Viel Talk, wenig Show. Das war ein schulmäßiger Info-Exkurs der Kategorie „Sachbearbeitung“.

 

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