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Impf-Zoff bei Maybrit Illner: Gabriel attackiert die peinlichen Krisengewinnler aus der Unionsfraktion

„Maybrit Illner: Priorisieren statt improvisieren – warum scheitern die Deutschen?“ ZDF, Donnerstag, 11. März 2021, 22.15 Uhr.

Der frühere SPD-Vorsitzende und Außenminister Sigmar Gabriel hat in der ZDF-Talkshow „Maybrit Illner“ am Donnerstag Abgeordnete der Unionsfraktion kritisiert, die bei der Vermittlung von Maskenkäufen durch die öffentliche Hand hohe Provisionen kassiert hatten.

Kniffligste Gretchenfrage

„Herr Gabriel, würden Sie die Hand für alle Abgeordneten der SPD ins Feuer legen?“ wollte die Talkmasterin wissen. Salomonische Antwort des altgedienten Sozialdemokraten: „Sie können noch so viele Regeln machen: Wenn Sie kein Störgefühl haben bei der Frage, ob Sie in der größten Krise an der Not der Menschen Geld verdienen können, werden Sie immer genug kriminelle Energie aufbringen – ich sag*s jetzt mal ganz böse -,  um irgendein Schlupfloch zu suchen.“ Amen!

Die Regierung ist blamiert, die Medizin konsterniert,

das Volk genervt! Die schockierende Gleichung: Lockdown + Impfstart = Impfdown! Bei Maybrit Illner gehen die roten Lampen an. Ihre Gäste:

Gabriel murrte über den Lockdown: „Bei dem Krisenmanagement kann man die Geduld der Deutschen nur bewundern!“

Der Unionsfraktionsvize Thorsten Frei (CDU) forderte: „Wir müssen den Maskenskandal voll aufklären. Er schadet der Demokratie!“

Anna Kebschull, Grüne-Landrätin von Osnabrück, klagte: „Die aktuellen Geschehnisse werfen uns weit, sehr weit zurück!“

Hollywoodstar Ralf Moeller („Gladiator“) schimpfte auf das deutsche Corona-Management: „Beschämend für unser reiches Land!“

Die Journalistin Anne McElvoy („The Economist“) legte den Finger in  die Wunde: „Deutschland hätte eine führende Rolle spielen können und hat diese Chance verpasst.“

Der Journalist Georg Mascolo (ARD/SZ) urteilte: „Deutschland spielt unter seinen Möglichkeiten!“

Politik, Kultur, Medien genau ein Jahr nach dem offiziellen Beginn der Pandemie. Gibt’s Lob, gibt‘s Tadel?

Deprimierendster Start

Die Talkmasterin zeigte gleich mal mit erschütternden Impfquoten, wohin die Reise gehen sollte: USA 18,3 %, Großbritannien 33,3 %, Deutschland 6,7 %.

O-Ton aus einem ZDF-Einspieler: „Der Pieks ist nicht Vision, er ist absehbar. Auch weil genügend Impfstoff da ist. Für die Briten hat ihn Kate Bingham besorgt. Boris Johnson beauftragte die Risikokapitalanalystin bereits im Mai.“ Congratulations!

Peinlichste Beruhigungspille

Die Landrätin, aus Osnabrück zugeschaltet, startete mit einem etwas sonderbaren Statement ins Meinungsrennen: „Wir sollten nicht zu sehr schimpfen. Weder auf unsere Politik noch auf die Bürger.“

Denn: „Natürlich haben wir immer wieder mit Mangelsituationen zu kämpfen. Dafür immer einen Schuldigen zu suchen, muss nicht unbedingt das richtige Mittel sein.“ Ach was!

Gelungenste Entlastungsoffensive

Der Fraktionschef war wegen seiner demaskierten Parteifreunde auf Defensive eingestellt. Jetzt aber witterte er die Chance zu einer Entlastungsoffensive: „Wir haben durchaus Erfolge in Deutschland“, beteuerte er.

Denn, so Frei: „Wir haben zwei Drittel der Bewohner der Alten- und Pflegeheime geimpft. Wir haben gesehen, dass die Zahl der Toten deutlich zurückgegangen ist. Die Intensivstationen sind etwa halb so stark ausgelastet, wie das noch Mitte Januar der Fall war.“ Immerhin!

Vergeblichste Correctness-Mühe

Mascolo hat die Gender-Selbstverpflichtung der ARD voll verinnerlicht und gehorcht den neuen Sprachzwang mit Wonne. Trotzdem gingern ihm immer wieder Nachlässigkeiten durch, etwa beim „Vertrauensverhältnis zwischen Patienten und Patientinnen und den Hausärzten.“

Hallo? Wo sind denn die Hausärztinnen geblieben? Wenn das jetzt nicht wenigstens ein Shitstormchen gibt!

Empörteste Drohung

Danach beschwerte sich der Journalist bitter, dass Großbritannien und die USA ihre Impfstoffe nicht exportieren. Dagegen sei Europa „der Kontinent, der im Moment weite Teile der Welt versorgt“.

Selbst Kanada und Mexiko bekämen Impfstoffe nicht aus den USA, sondern aus der EU, ärgerte sich Mascolo. Sein Vorwurf: „Ich finde es besonders enttäuschend, dass ausgerechnet die USA nur an ihre eigene Bevölkerung denken und wenig den Rest der Welt.“

Seine Prognose: „Wenn diese Krise vorbei sein wird, werden manche Länder, die zu allererst nur an sich gedacht haben, sich unangenehme Fragen stellen lassen müssen“, wettert der Journalist. Hm – noch unangenehmere Fragen, als sie der Bundesregierung schon jetzt von der eigenen Bevölkerung gestellt werden?

Kritischste Vorbemerkung

„Ich finde es fast normal, dass Fehler gemacht wurden“, gab Gabriel mit der Gelassenheit des Elder Statesman zu Protokoll.

Seine Analyse: „Politik ist zu 80 Prozent Handwerk, 10 Prozent Glück und 10 Prozent Intuition.“ Und am Handwerk mangele es.

Fundierteste Kritik

Gabriels überzeugendstes Beispiel: „Der Krisenstab tagt einmal in der Woche. Beim Terrorismus in den 1970er Jahren gab es einen Krisenstab, der tagte drei bis fünf Mal am Tag!“

„Vielleicht ist der größte Fehler, dass wir uns nach der Flüchtlingskrise nicht gefragt haben: Was machen wir eigentlich, wenn Dinge passieren, auf die wir nicht vorbereitet sind?“ fügte der SPD-Politiker noch hinzu.

Emotionalste Erzählung

Hollywoodstar Moeller wurde aus Recklinghausen zugeschaltet, wo er sich während der Pandemie um seine Eltern kümmert. Sein Vater ist 92, seine Mutter 87 Jahre alt.

Über seine Versuche, ihnen zu helfen, sagte der Schauspieler sichtlich verärgert: „Es wurde viel Tamtam gemacht, aber richtige Informationen gab’s nicht. Wie sollen alte Menschen selbständig im Internet ihren Impftermin organisieren?“

Dann ging der Zoff los

„Noch besser sind wir im Schlechtmachen!“ giftete ihn die Grüne an. „Ich finde es sensationell, dass wir nach einem Jahr so viele Impfstoffe haben, die funktionieren!“

Ihre verblüffende Meinung: „Es hilft nichts, auf die Politik zu schimpfen, weil wir einfach hier mit einer Mangelsituation zu tun haben!“

„Das ist aber die Politik!“ rief Moeller zwischen.

Doch die Landrätin blieb dabei: „Wenn der Impfstoff nicht da ist, kann auch die Politik tatsächlich nichts machen.“ Puh!

„Wenn ihr nicht seht, dass hier was absolut schiefläuft“ knurrte der Action-Star, „dann weiß ich nicht mehr, was ich hier mache!“

Fundierteste Kritik

„In anderen Ländern wird gesagt: Das ist typisch deutsch“, warnte Gabriel, „und damit ist diesmal nicht die Qualität gemeint!“

„Sondern“, so der Ex-Außenminister, „die Überbürokratisierung und die mangelnde Flexibilität. Ich glaube, dass das ganz viel mit fehlenden handwerklichen Fähigkeiten zu tun hat!“

Einleuchtendstes Exempel

Über die Pannen bei der Auszahlung der Corona-Hilfen sagte Gabriel: „Ich war mal Wirtschaftsminister. Ich habe wirklich was übrig für das Ministerium. Aber dass die das nicht können, muss jeder wissen, der mal dort war. Denen fehlt nämlich der Unterbau dafür.“

Das Sozialministerium könne sich auf die Sozialämter, das Finanzministerium auf die Finanzämter stützen, assistiert Frei. Das Wirtschaftsministerium habe sowas nicht.

Unerwartetste Attacke

Zum Streit um Impfstoff-Exporte erklärte Gabriel: „Nicht mal den eigenen Nachbarn was liefern, das geht eigentlich nicht.“ Mascolo guckte zufrieden.

Aber, so der SPD-Politiker weiter: „Richtig viel besser sind wir in Europa auch nicht. Wir haben gerade 250.000 Impfdosen auf dem Weg nach Australien gestoppt!“ Der Journalist guckte betreten und schwieg. Dumm gelaufen!

Unwillkommenste Botschaft

Dann goss Gabriel lustvoll Essig in den antiamerikanischen Wein: „Was die Amerikaner wirklich besser machen, ist, mit einer solchen Krise relativ pragmatisch umzugehen“, lobte er die US-Administration.

Prägnantestes Beispiel: „Bei uns haben wir eine Riesen-Debatte, ob man die Bundeswehr einsetzt“, erinnerte der Politiker. „In Amerika ist das völlig selbstverständlich!“

Gelungenste Wortschöpfung

„In der ersten Phase hat Großbritannien nicht gut abgeschnitten“, pushte sich die Journalistin aus London in die Debatte. „Aber dann kam ein Impuls. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass Deutschland Pandemie-Weltmeister war. Deshalb hat man sich hier aufgerafft!“

„Das ist der Unterschied: Dass man hier dann wirklich sehr schnell gehandelt hat“, berichtete McElvoy weiter.  „Vor allem der Impfspurt ist der große Vorsprung!“

Pragmatischste Bewertung

„Ich sage das nicht in dem Sinne ‚Erst kommt der Impfstoff, dann die Moral‘, meinte die Engländerin dazu, „aber wenn man diese humanitäre Leistung aufnehmen will, muss man auch in der Lage sein, zu liefern!“

„Die Bürger werden das eher mittragen, wenn sie wissen, dass sie selber in Sicherheit sind“, vrfsicherte McElvoy. „Die EU ist nicht in der Lage, ihre Arbeit zu machen. Es ist ein leeres Versprechen, wenn man da die Welt beliefern will. „Man kann den Kuchen nur verteilen, wenn man ihn gebacken hat!“

Wichtigste Ankündigung

Zum schlimmen Greif-ab-Skandal der Union versprach der Fraktionschef: „Wir haben mit der SPD bereits im September das Lobby-Registergesetz gelesen. Wir haben uns zu Beginn dieses Monats geeinigt. Wir werden jetzt noch mal Nachsteuern und in der nächsten Woche die zweite und die dritte Lesung machen.“ Geht doch!

Fazit: Viel Vergangenheitsbewältigung mit Schuldzuweisungen professioneller Meinungsproduzenten, dazu immer wieder mal Irrtümer, Wissenslücken und Versprecher. Das war ein Talk der Kategorie „Corona-Blues“.

 

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