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Impf-Talk bei Maybrit Illner: Mega-Zoff um Söders Bayernweg

„Maybrit Illner: Lockern in der Pandemie – verrückt oder überfällig?“ ZDF, Donnerstag, 10. Februar 2022, 22.30 Uhr.

Die Bayern nerven! Als Kicker, aber auch als Söder sehen sie sich immer ganz weit vorn. Doch auch ohne die selbstbewussten Freistaatler aus dem Süden gilt: Immer neue Corona-Höchstwerte, immer mehr Streit! Maybrit Illner ist ratlos. Ihre Gäste:

Marco Buschmann (44, FDP). Der Bundesjustizminister ledert gegen den bayerischen Ministerpräsidenten: „Wenn sich Regierende aussuchen, an welche Gesetze sie sich halten, ist Tyrannei nicht mehr fern.“ Ernsthaft?

Stephan Weil (63, SPD). Niedersachsens Ministerpräsident poltert: „Bayern ist zum unberechenbaren Faktor geworden!“

Klaus Holetschek (57, CSU). Bayerns Gesundheitsminister kritisiert die einrichtungsbezogene Impfpflicht: „Die Umsetzung ist nicht praxistauglich!“ Er kommt aus München auf den Monitor.

Prof. Helga Rübsamen-Schaeff (73). Die Virologin warnt: „Für Lockerungen ist es noch zu früh!“

Johannes Wimmer (38). Der TV-Arzt („Visite“) glaubt: „Schon jetzt kann man auf viele Maßnahmen verzichten.“

Lykke Friis (52). Die Politologin empfiehlt: „Deutschland könnte viel von uns lernen.“

Regierung & Opposition, Bund & Länder, Inland & Ausland: Viel Programm für das Zoff-o-Meter!

Wütendste Attacke

Schon der erste Einspieler kickt den Ball mit Schmackes aus dem Anstoßkreis: „Aus ‚Team Vorsicht‘ wird ‚Team Schreck lass nach‘, unkt der O-Ton und ätzt: „Was vor Landtagswahlen zählt: Söders feines Gespür für Stimmungen…“

Das schlägt dem Fass den Boden aus!“ wettert SPD-Ministerpräsidentin Malu Dreyer aus Mainz prompt drauflos. Söders Ankündigung zur Pflegeimpfpflicht sei „Verantwortungslose und rücksichtslose parteipolitische Taktik.“ Puh…

Härtester Konter

Buschmann nutzt den ZDF-Film zu einem mutigen Kick-off: „Wenn man dreieinhalbtausend Jahre abendländische Staatsphilosophie sich anschaut“, doziert er, „dann ist der Schritt zur Tyrannei immer dann, wenn sich die Inhaber der Macht selber aussuchen, ob sie sich an Gesetze halten oder nicht.“

„Herr Buschmann vergreift sich völlig in der Wortwahl“, keilt Holetschek zurück. „Hier vom Tyrannei zu sprechen ist völlig fehl am Platz. Dieses Gesetz hat den Praxischeck nicht überstanden. Alle Länder haben schon am 22.Januar den Bundesgesundheitsminister gebeten, Vollzughinweise zu geben, klare Leitplanken zu setzen!“

Prompt fliegen die Fetzen

Der SPD-Ministerpräsident hat dem FDP-Justizminister zugeschaut wie ein stolzer Vater dem hoffnungsvollen Sprössling beim ersten Referat. Jetzt assistiert er ihm mit Wonne: „Ich wünsche mir sehr, dass man in Bayern allmählich zur Selbstkritik fähig ist“, spottet er.

Weils vorgebliche Sorge: „Meine Befürchtung ist, dass der ansonsten von mir sehr geschätzte Kollege Markus Söder demnächst einer der populärsten Politiker auf Querdenker-Demos sein wird.“ Rumms!

Schlimmste Anschuldigung

Was Söder gemacht habe, „spielt denen wirklich in die Karten“, poltert der Niedersachse weiter. „Und das ist das, was mich am meisten aufregt bei dieser Posse, muss man ja sagen, der letzten Tage!“

Hier sind zwei Politiker richtig wütend, Herr Holetschek“, meldet die Talkmasterin.

Doch der Bayer kickt den Ball im Vollspann zurück: „Es spielt den Querdenkern mehr in die Hände, wenn ein Gesetz nicht vernünftig vollzogen werden kann!“

Herzhaftester Wortwechsel

Weil versucht es mit einem rhetorischen Trick: „Bayern war doch immer so stolz auf seine Verwaltungskompetenz“, lobt er, um dann zu tadeln: „Warum sind Sie nicht in der Lage, etwas durchzusetzen, was in Schleswig-Holstein und Niedersachsen möglich zu sein scheint?“ Uff!

„Das sind wir doch“, erwidert Holetschek unschuldig und macht ausgerechnet Weils eigene Gesundheitsministerin zu seiner Zeugin: „Es sind noch viele Fragen offen. Auch meine Kollegin, die ich sehr schätze, aus Niedersachsen hat das am 22.Januar noch mal in Richtung Bundesgesundheitsminister adressiert.“ Luja!

Massivster Vorwurf

„Die Diskussion über die Impfpflicht, und jetzt erst im Monaten darüber abzustimmen, das ist ja so viel zu spät!“, klagt TV-Arzt Wimmer. „Die Impfpflicht hätte Tausende Leben gerettet, wenn wir sie in der Sekunde, wo der Impfstoff verfügbar war, durchgesetzt hätten!“

„Es gibt große Studien darüber, dass Vertrauen der Hauptfaktor ist“, erinnert der Mediziner. „Leider sprechen wir jetzt über eine Impfpflicht, wo der Zug eigentlich abgefahren ist.“

Unerwartetster Seitenhieb

„Wir haben uns wahrscheinlich zu lange etwas vorgemacht“, gibt Weil zu, „und gedacht, es muss uns doch gelingen, die ganze Gesellschaft zu überzeugen, sich impfen zu lassen. Das war leider eine falsche Kalkulation.“

Dann dreht der Ministerpräsident plötzlich mit Risiko an der Ampel: „Der Herr Buschmann war damals noch in der Opposition“, erinnert er, und „eine Impfpflicht einzuführen, bevor nicht wirklich alles ausgereizt worden ist, das wäre nicht ganz leicht geworden“. Schon gar nicht gegen die damals noch sehr starken Widerstände bei den Liberalen

Unklarste Prognose

„Der Scheitelpunkt der Omikron–Welle sollte vielleicht noch diese Woche erreicht sein“, hofft Weil. „Dann sollte es wieder runtergehen, wenn’s wieder wärmer wird. Aber im Herbst und Winter geht’s wieder los, und wir wissen noch nicht, was dann der Gegner sein wird.“

Denn, so der Ministerpräsident: „Ich hab’ gelernt, dass man in Fachkreisen von Schmusekatzen und Tigern redet. Ob es eine gefährliche Variante ist oder eine, die uns eher noch hilft, bei milden Verläufen. Ich mag mir nicht vorstellen, dass wir einen dritten Winter erleben, so wie wir ihn jetzt haben.“

Schwierigste Frage

„Es wird keine Zwangsimpfung geben“, verspricht der Justizminister, „aber wollen wir den Menschen eine allgemeine Impfpflicht auferlegen? Reicht nicht auch eine altersbezogene Impfpflicht?“

„Außerdem“, so Buschmann, „müssen wir darüber sprechen, ob wir uns nicht auch mit dem Einsatz antiviraler Medikamente gut schützen können.“

Eine Minute später ergeht sich der Minister in seinen Ausführungen so weitschweifig, dass die Talkmasterin fast die Geduld verliert: „Jetzt haben Sie eine ganz lange Antwort gegeben. Ich erinnere Sie noch mal an meine Frage!

Misslungenster Hilferuf

Über die Bayern ist der Justizminister immer noch sauer: „Herr Holetschek und Herr Söder sagen, es ist ein so schlechtes Gesetz gemacht worden, dass man damit nichts anfangen kann!“ beschwert er sich bei der Talkmasterin.

Sein Vorwurf: „Das ist ein Stück weit unehrlich! Man soll nicht versuchen, anderen schwarze Peter zuzuschieben, weil man sich selber geirrt hat!“

Doch Illners Trost bleibt eher flau: „Nicht nur Herr Söder und Herr Holetschek kritisieren das Gesetz“, merkt sie an, „sondern auch ostdeutsche Kollegen, und übrigens auch Gewerkschaften und Sozialverbände.“ Ächz!

Eindringlichster Alarmruf

Aus Düsseldorf ist Prof. Rübsamen-Schaeff zugeschaltet. „Ich sehe das überhaupt nicht so, dass das Virus angezählt ist“, warnt sie. „Man darf nicht vergessen, dass wir in Deutschland jetzt da sind, wo Dänemark Mitte Dezember war.“

Und, so die Virologin sichtlich besorgt: „Man darf auch nicht vergessen, dass wir täglich 100 bis 200 Tote haben. Ich kann Maßnahmen zurücknehmen, aber ich kann Tote nicht wieder zum Leben erwecken. Das ist alles sehr, sehr leichtsinnig gedacht im Moment!“

Kritischster Vergleich

Größte Furcht der Professorin: „Weltweit pro Tag vier Millionen Neuinfektionen! Da ist zu erwarten, dass sich weitere Varianten bilden. Und wir haben keine Ahnung, wie die aussehen werden!“

Omikron ist nicht harmlos!“ schärft sie der Runde noch einmal ein. Deshalb halte sich auch nichts von der Diskussion „Ach, das ist schon so wie die Grippe“. Denn: „Wir haben 120.000 Corona-Tote. Grippe-Tote pro Jahr 6000 bis 10.000!“

Zielführendste Route

Holetschek bringt seine Formel „Anpassen, wo es geht – Aufpassen, wo es notwendig ist“ in Erinnerung: „Wir müssen lageangepasst entscheiden“, fordert er. „Der Maßstab ist die Belastung unseres Gesundheitssystems.“

Seine klare Ansage: „Wir werden weiter aufpassen und in einem sehr engen Monitoring auf die Krankenhäuser schauen. Wir müssen notfalls auch bremsbereit sein.“

Vorsichtigstes Statement

„Der Chef der deutschen Krankenhausgesellschaft gibt Entwarnung“, berichtet Illner und stellt den Bundesgesundheitsminister ins Zwielicht: „Das heißt, Herr Lauterbach übertreibt, Herr Buschmann?“

„Den Eindruck haben ja manche“, antwortet der Justizminister, hält sich aber von der allgemeinen Hatz auf den Kabinettskollegen fern: „Ich will jetzt hier keine Haltungsnoten abgeben!

Fröhlichste Erfolgsmeldung

Aus Kopenhagen kommt Politologin Friis auf den Schirm. „Man denkt ja, die Dänen haben nicht mehr alle Tassen im Schrank“, lächelt sie. „Wir haben zwar höhere Fallzahlen, aber in den Krankenhäusern gehen die Zahlen runter.“

Vor allem aber sei „ein ganz großer Teil der dänischen Bevölkerung geimpft, auch die Älteren“, erläutert sie. „Und in Dänemark hört man den Begriff ‚Blindflug’ nicht. Wir haben die Daten. Die Digitalisierung ist sehr wichtig! Wenn man Landwirt ist, schaut man ja auch erst nach dem Wetter, bevor man ernten geht…“

Ungewöhnlichste Alternative

„Eine Gesellschaft absoluter Sicherheit kann es nicht geben“, sagt der Justizminister zum Schluss. „Es sei denn, wir würden alle Bürgerinnen und Bürger in die Einzelhaft begeben.“ Doch „irgendwann“ werde Corona nur noch „ein Stück Alltagsrisiko“ sein. Amen!

Fazit

Viele Erklärungen, wenig Einigkeit! Gemeinsam war den drei Politikern eigentlich nur die Klage, dass Streit das Vertrauen der Bürger zerstöre. Gezofft wurde trotzdem ohne Ende. Das war ein Kopfschmerz-Talk der Kategorie „Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“.

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