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Impf-Talk bei Anne Will: Lukas Podolski unterstützt Kicker-Kollegen Joshua Kimmich

„Anne Will: Steigende Neuinfektionen, Sorge wegen Impfskepsis – Hilft oder schadet mehr Druck auf Ungeimpfte?“ ARD, Sonntag, 31.Oktober 2021, 21.45 Uhr.

Noch nimmt die Kanzlerin ihren Nachfolger an die Hand, da ist schon die nächste Krise da. Anne Will stellt ihren Gästen eine Gretchenfrage.

Prof.Karl Lauterbach (58, SPD). Der unermüdliche Mahnwächter der deutschen Talkszene twittert konsterniert: „Seit Tagen wird im Netz erneut dazu aufgerufen, mich zu erschlagen!“

Marco Buschmann (44, FDP). Der Fraktionsgeschäftsführer möchte eine regional unterschiedliche Corona-Strategie, statt das ganze Land „über einen Kamm zu scheren“.

Sahra Wagenknecht (52, Linke). Die Ex-Fraktionschefin will sich nicht impfen lassen und schimpft über „absurde mediale Debatten & politische Anmaßung, die in 3G- oder 2G-Modellen steckt“.

Christina Berndt (52). Die Journalistin (SZ) wettert: „Politiker faseln von Lockerungen. Erschreckend, wie wenig in dieser Pandemie gelernt wurde!“

Dreimal Politik, einmal Medien, nullmal Wissenschaft. Das Publikum ist auf hohe Windstärken gefasst!

Schlauester Start

Will wirft erst mal mit der Wurst nach der Speckseite: „Seit bekannt geworden ist, dass der Nationalspieler Joshua Kimmich nicht geimpft ist, wird heftig darüber diskutiert“, stellt sie fest und damit den polarisierenden Promi mittig in ihr Schaufenster.

Dem geschickten Anfüttern folgt beispielhaft der staatstragende Akzent: „So heftig aber, dass man schon die Frage stellen darf, ob man überhaupt ungestraft ungeimpft sein darf in einem Land, das ja immer hin keine Impfpflicht hat.“ Damit hat die Talkmasterin starke Trümpfe auf den Tisch gelegt.

Schon geht der Zoff los

Wagenknecht tut, wozu sie eingeladen ist: Sie wettert ohne Aufwärmphase los. „Wer sich impfen lässt, schützt sich in erster Linie selbst“, behauptet sie. „Man sollte das nicht moralisch als einen Akt der Solidarität mit anderen aufblasen!“

„Ich habe auch Angst vor Corona“, gibt sie dann zu. „Aber es sind neuartige Impfstoffe, auf einem ganz anderen Verfahren. Ich finde es anmaßend, zu sagen, wir wissen, was das in zehn Jahren auslösen kann!“

Überzeugendstes Argument

Lauterbach kann die befürchteten Spätfolgen aber „natürlich“ ausschließen und nimmt dafür „die Wissenschaftler dieser Welt, also alle Spezialisten in der Impfforschung“ zu Zeugen, z.B. den „Impfpapst“ der USA und die „Kollegen“ von den Eliteuniversitäten zu Zeugen.

Als entscheidende Aussage zitiert der Gesundheitsexperte: „Die sagen alle, wir können ausschließen, dass es eine langfristige Nebenwirkung gibt, die wir jetzt nicht kennen.“

Dünnhäutigste Antwort

„Die Hersteller offenbar nicht!“ funkt Wagenknecht dazwischen, „sonst gäbe es nicht solche Klauseln“ wie die, mit denen die Pharmafirmen ihre Haftung einschränken!

„Ich habe Ihnen sehr geduldig zugehört, lassen Sie mich einfach!“ ärgert sich Lauterbach. „Das sind Räuberpistolen! Wir verschweigen hier nichts!“

Fachlichster Exkurs

Die Vektor-Impfstoffe, etwa in einigen chinesischen Impfstoffen, aber auch bei AstraZeneca oder Johnson & Johnson, gehen mit dem genetischen Material in den Zellkern“, erklärt der Experte. „Das ist trotzdem sehr harmlos.“

Die Messenger-Impfstoffe von BioNtech oder Moderna wiederum, so Lauterbach weiter, „gelten als besonders sicher. Es läuft in der Zelle über die Ribosomen, dann werden quasi die Proteine gebildet – es kommt nie dazu, dass das genetische Material im Zellkern angefasst wird.“ Uff!

Sein Gesamturteil: „Die Impfstoffe sind sicher!  Man muss vorsichtig sein, dass keine Räuberpistolen auf den Tisch gelegt werden!“

Schärfster Vorwurf

Über Impfverweigerer sagt Lauterbach klipp und klar: „Impfen ist eine individuelle Entscheidung, aber auch ein gesellschaftliche. Wer sich infiziert und von seiner Infektion noch nichts weiß, bringt andere ins Risiko, die möglicherweise sterben!“

Oha! Das will Wagenknecht natürlich nicht auf sich sitzen lassen. „Das würde nur gelten, wenn die Impfung davor schützt, dass man andere anstecken kann“, kontert sie. „Aber das ist ja inzwischen in sämtlichen jüngeren Studien belegt worden, dass Geimpfte, wenn sie infiziert sind, die gleiche Viruslast haben!“

Überzeugendstes Beispiel

„Es geht um die Logik der große Zahlen“, erklärt der FDP-Politiker dazu. „Die Impfung schützt das Gesundheitssystem vor der Überlastung.“

Zum Umgang mit Menschen, die sich „unbegründete Sorgen“ machen, rät Buschmann: „Nicht beschimpfen! Das kennt man ja auch aus anderen Fragen: Wenn ich zu jemandem sage: Du bist ein Idiot, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich seine Meinung ändere, nicht sehr hoch...“ Heiterkeit in der Runde!

Schlimmste Reaktionen

Will schärft ihren Talk wieder an: „Lukas Podolski hat jetzt bezogen auf den Fall Joshua Kimmich gesagt, er habe fast den Eindruck, jemand, der öffentlich sagt, dass er nicht geimpft ist, wird wie ein Schwerverbrecher hingestellt“, liest sie etwas umständlich vom Spickzettel vor.

„Das ist genauso eine Übertreibung“, kritisiert Buschmann. „Herr Kimmich steht natürlich als öffentliche Person jetzt unter hohem Druck. Auch Herr Lauterbach bekommt nicht nur freundliche Post.“

Er bekommt Morddrohungen in großer Zahl“, verdeutlicht die Talkmasterin.

Wichtigste Warnung

„Es ist eine heißgelaufene Debatte“, stellt der FDP-Politiker fest. „Herr Kimmich kann seine Meinung sagen, er wird nicht eingesperrt, es ist sein gutes Recht diese Entscheidung zu treffen!“ Heftiges Nicken bei Lauterbach.

Aber: „Was ein bisschen Drive in die Debatte bringt, ist, dass ein so erfolgreicher Sportler für viele Menschen ein Vorbild ist“, fügt Buschmann hinzu. „Dass viele, die bereit wären, sich impfen zu lassen, jetzt noch mal Sorgen bekommen. Und das führt dazu, dass da so eine Aggression reinkommt.“

Gequirltester Vorwurf

„Das ist doch eine schräge Debatte!“ wettert Wagenknecht noch mal gegen den moralischen Impfdruck. „Wir bauen Intensivbetten ab, haben einen eklatanten Pflegenotstand, nichts wird dagegen getan, und dann sagen wir, jetzt müssen die Leute sich immer gesundheitsbewusster verhalten!“

Dann rasselt sie ihre bekannten Positionen herunter: Krankenhäuser kaputtgespart! Krankenhäuser kommerzialisiert! Mit Kranken Geschäfte machen!

Und noch etwas anderes stört sie sehr: „Ich weiß nicht, warum ich meinen Gesundheitsstatus, meine Vorerkrankungen jetzt im öffentlichen Fernsehen erläutern muss!“ beklagt sie sich mit verkrampftem Lachen. Tja, warum. Vielleicht, weil sie die Einladung zu dieser Talkshow angenommen hat?

Interessanteste Analyse

„Bei Kimmich war es ja auch so“, vermutet die Politikerin. „Der hat ja nicht der BILD-Zeitung gesagt: Ich will jetzt unbedingt ein Interview geben, wo ich begründe, dass ich mich nicht geimpft habe! Sondern der ist gelöchert worden!“

Denn, so Wagenknecht weiter: „Wenn man Leute löchert, die nicht geimpft sind, dann begründen sie irgendwann, warum sie es nicht sind. Und dann gibt es ein Riesengeschrei, wie böse sie sind, weil sie gegen die Impfung werben.“ Rumms!

Drastischster Alarmruf

Wegen der Intensivstationen hat Lauterbach „heute noch mal rumtelefoniert mit Kollegen, die ich kenne“. Resultat, so der Experte: „Wir sind in den großen Städten absolut am Limit. 95 Prozent sind voll, fünf Prozent noch Reserve. In ganz kurzer Zeit können wir planbare Operationen, die eigentlich notwendig wären, nicht mehr machen!“

Seine dramatische Warnung: „Wir müssen die Impfzentren wieder öffnen. Viele Patronen haben wir nicht mehr!“

Politischste Diskussion

Nach einem Einspieler über den ersehnten „Freedom Day“ und das von ihm verkündete Ende der „epidemischen Lage“ spätestens zum Frühlingsbeginn am 20.März 2022 stellt Buschmann klar: „Niemand ruft das Ende der Pandemie aus!“

Denn, so der FDP-Mann, die „epidemische Lage von nationaler Tragweite“ sei nur „ein juristischstes Konstrukt“.

Verblüffendste Info

Buschmanns Erklärung: Die Feststellung der epidemischen Lage bedeute „eine empfindliche Verschiebung der Gewaltenteilung vom Parlament zur Regierung“, also der Machtbalance zwischen Legislative und Exekutive.

„Warum hat man das gemacht? Weil man die Sorge hatte, dass das Parlament nicht schnell genug entscheiden kann“, erläutert der FDP-Mann, der bei den Beratungen dabei war. „Oder sogar gar nicht mehr entscheiden kann.“

Buschmanns hochdramatische Begründung: „Da gab es die Sorge, dass irgendwann ein Großteil der Abgeordneten auf der Intensivstation liegt!

Rasantester Endspurt

„Politik ist keine Märchenstunde“, ruft der FDP-Politiker zum Schluss. „Man muss auf die Sachverhalte schauen. Wir haben eine geschäftsführende Bundesregierung, die über Vollmachten verfügt, obwohl sie keine eigene Mehrheit mehr im Parlament hat. Das ist doch absurd!“

Sonst noch was? Immerhin haben SPD und CDU/CSU zusammen 403 von 736 Sitzen, könnten also theoretisch jederzeit auch als neue GroKo weitermachen. Doch in dieser Runde dazu kein Widerspruch. Puh…

Fazit

Gruppentherapeutischer Brummkreisel zwischen kafkaesker Konfusion und situationselastischer Rechthaberei. Mal atemberaubend oberflächlich, dann wieder mit dickfelliger Detailtiefe: Das war ein Talk der Kategorie „Hören-Kopfschütteln-Resignieren“.

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