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Heikle Frage bei Plasberg: Haben wir lieber Ukrainer als Muslime bei uns?

„Hart aber fair: Geflohen vor Russlands Bomben: Wie gut kann Deutschland helfen?“ ARD, Montag, 29.März 2022, 21 Uhr.

Schon vier Millionen Flüchtlinge aus der Ukraine, davon 272.000 in Deutschland, und die Menschenwoge türmt sich immer höher. Frank Plasbergs Gäste:

Joachim Herrmann (65, CSU). Bayerns Innenminister warnt: „So viele Menschen aufzunehmen schaffen wir nur, wenn sie gerecht verteilt werden. Dafür braucht es dringend eine Registrierung!“

Luise Amtsberg (37, Grüne). Die Flüchtlingsbeauftragte der Bundesregierung weiß: „Putins Angriffskrieg erfordert, dass wir alle an einem Strang ziehen, von der EU bis in die Kommune.“

Heike Jüngling (45). Die Sozialdezernentin von Königswinter klagt: „Die Kommunen sind schon am Anschlag und werden vom Staat ziemlich alleingelassen!“

Oksana Ilchenko (32). Die Deutschlehrerin hat es mit Tochter und kranker Mutter nach Hannover geschafft, würde aber am liebsten schon morgen wieder zurück nach Kiew: Dort kämpft ihr Mann als Armeeoffizier gegen die Russen.

Julia Kroß. Die Unternehmensberaterin aus Hamburg und ihr Ehemann haben in ihrem Haus fünf Flüchtlinge ausgenommen.

Isabel Schayani (55). Die ARD-Reporterin („Weltspiegel“) merkte an der ukrainischen Grenze: „Die meisten Flüchtlinge sehen sich als vorübergehende Gäste.

Viele Perspektiven: Politik, Verwaltung, Betroffene, Medien.

Krachendster Knallstart

ARD-Moderatorin Schayani muss schlimme Flüchtlingsschicksale verarbeiten und ist sofort auf Betriebstemperatur: „Ich wundere mich über die Entspanntheit des Bundes, auch der Innenministerkonferenz“, wettert sie los. Neben ihr sitzt der Innenminister aus München und macht trotzdem gute Miene.

„Gemessen an der große Not habe ich keine Erklärung dafür, dass Bund und Länder da fast gechillt rangehen!“, wütet die Journalistin weiter. „Ich möchte fast sagen: im Yoga-Sitz!“ 

Überzeugendste Ehrenrettung

„Der Chef-Chiller sitzt neben Ihnen“, ulkt Plasbeeg. „Der Chef der Innenministerkonferenz! Herr Herrmann, sind Sie so gelassen oder haben Sie im Moment noch keinen Plan?“

Der Minister sitzt allein zwischen Frauen und wehrt sich nach Kräften: „Von ‚Chillen’ kann keine Rede sein, und ich kenne auch keinen Kollegen, der Yoga macht“, erwidert er. „Sondern es ist ein unglaubliches Engagement der Mitarbeiter in den Kommunen, den Ländern und beim Bund. Das sind die gleichen Leute, die in den letzten zwei Jahren die Corona-Pandemie stemmen mussten!“

Drängendste Probleme

Sozialdezernentin Jüngling wartet vor allem auf Strukturen und Regeln: Unterbringung, Kostenerstattung, ärztliche Versorgung, Schulplätze, Kitas, baurechtliche Genehmigungen für Betten in Turnhallen.

„Das ist eine nationale Kraftanstrengung“, bestätigt die grüne Flüchtlingsbeauftragte und lobt die SPD-Innenministerin für ihren Einsatz zur Verteilung in Europa, denn nach dem Dublin-System müssten eigentlich alle Ukrainer in Polen bleiben. Ernsthaft jetzt?

Härtester Vorwurf

Ein ARD-Einspieler zeigt Friedrich Merz mit den Forderungen der Opposition: „Wir wollen wissen, wer zu uns kommt, wo die Menschen hingehen und wer sie aufnimmt. Das ist alles kein Hexenwerk!“

 

Sein Ärger: „Die Bundesregierung könnte das leisten. Sie könnte sogar die Daten der polnischen Regierung aufnehmen. Sie stellt sich hier künstlich dumm!“

Schlimmste Sorge

„Wir müssen jeden registrieren“, assistiert Herrmann. „Auch zu deren eigenem Schutz. Wir haben über die Gefahr gesprochen, dass da Menschenhändler unterwegs sind, dass es Zwangsprostitution geben könnte. Wenn wir nicht mal wissen, wer und wo, wie sollen wir dann solchen Verdachtsmomenten nachgehen?“

Gelungenstes Nachkarten

„Wenn Flüchtlinge eine staatliche Unterkunft brauchen, hat der Staat sehr wohl das Recht, sie zu verteilen“, stellt der Minister dazu fest. „Das hat die Frau Bundesinnenministerin am Anfang etwas verworren dargestellt und bestritten.“ Uff!

„Inzwischen sind wir uns einig“, triumphiert der CSU-Minister und nutzt mit Fleiß Zeugen von der politischen Konkurrenz: „Das haben Frau Giffey, Berlin, das hat die Stadt Hamburg, das hat der Münchner Oberbürgermeister, SPD, dringend eingefordert!“

Bewegendste Bilder

Der nächste Einspieler zeigt, wie Schayani im Flüchtlingschaos die schluchzende Deutschlehrerin fand. Jetzt führt Plasberg mit der Geretteten ein Einzelinterview: „Ich hoffe jeden Tag darauf, dass wir am nächsten Tag nach Hause fahren“, sagt sie unter Tränen.

Zum Glück ist sie in Hannover bei einem Ehepaar untergekommen, das sich rührend vor allem um die achtjährige Tochter kümmert. Die Mutter hat Corona. Sie selbst versucht online wieder zu unterrichten, aber von ihren 16 Studenten in der Ukraine ist nur noch eine übrig.

Erschütterndste Schilderung

Sie sitzt in der okkupierten Zone in Bunker, hat kein Essen, nichts zu trinken, und flüstert am Telefon, weil sie Angst hat, dass jemand hört, dass die Ukrainisch spricht“, berichtet die Lehrerin stockend. „Es wurde empfohlen, bei den Okkupanten Russisch zu sprechen, weil, dann werden sie nicht so aggressiv.“

„Meiner Mutter sage ich immer: Schon morgen wird alles besser sein“, erzählt sie dann unter Tränen. „Bei meiner Tochter versuche ich das Thema zu ändern, damit ich nicht lüge. Mein Ziel war, sie vor dem Krieg zu schützen. Sie muss weiter ihre Kindheit haben. Hier in Deutschland hat sie ihre Kindheit gefunden. Danke!“

Alarmierendste Warnung

„In Polen habe ich gefühlt, dass das ukrainische Thema im Fernsehen das Hauptthema war“, erklärt Ilchenko dann. Hier habe ich das Gefühl, dass nicht bis zum Ende geklärt wird, was in der Ukraine passiert.“

Zum Beispiel, so die Lehrerin weiter, „wie schrecklich es ist, dass Russen Atomkraftwerke bombardieren. Das kann nicht nur das Ende unserer Nation sein. Das kann das Ende von Europa sein. Da kann die ganze Welt kaputtgehen!

Imponierendstes Beispiel

Der nächste Einspieler zeigt ein Hamburger Ehepaar, das in seinem 150-Quadratmeter-Haus gleich fünf Flüchtlinge aus vier Familien aufnahm: Eine Mutter mit elfjähriger Tochter, zwei Freundinnen und einen Großvater, der es „sehr dramatisch“ rausschaffte. „Der Alltag ist chaotisch“, erzählt Fondsmanager Max Kroß. „Welcher Alltag?“ spottet Ehefrau Julia.

Die Eheleute müssen nicht nur Gastgeber sein: Es geht um „SIM-Karten, Behördengänge, Organisatorisches“. Dreimal mehr Müll, täglich läuft die Waschmaschine. „In der Küche haben wir nichts mehr zu melden“, lacht die Unternehmensberaterin, „aber wir kriegen jeden Tag eine warme Mahlzeit.“

Wichtigste Tipps

Über die seelischen Nöte ihrer Gäste sagt die Unternehmensberaterin: „Ich maße mir nicht an, Hobbypsychologin zu sein. Max und ich gehen mit gesundem Menschenverstand, einem großen Herzen und Lachen ran.“

Größte Probleme: „Wir haben noch keine Schule, keine Wohnung, Deutschkurse werden gerne vergessen“, zählt Julia Kroß auf. Ihr Rat für Hilfswillige: „Den Menschen erwartungslos begegnen. Spontan sein. Sehr viel Flexibilität mitbringen. Und Erfindungsreichtum. Wer sein Haus für Flüchtlinge aufmacht, muss sich darauf einlassen, dass er das auf unbestimmte Zeit tut.“

Dann gibt es Zoff

Was jetzt vonnöten ist, ist, dass der Bund die Kommunen unterstützt“, erklärt Bundesbeauftragte Jüngling.

„Definieren Sie doch mal ‚jetzt‘!“, fordert Plasberg sie auf.

„Das ist ein bisschen unfair“, protestiert die Bundesbeauftragte und hält sich erst mal an ihrem Wasserglas fest. „Die Erwartungshaltung, die dahinter liegt“, sagt sie dann, „ist, dass wir innerhalb von Tagen Wohnungen für alle beschaffen, innerhalb von drei Wochen den Arbeitsmarkt komplett geöffnet haben…“ Ächz!

Verdrießlichste Antwort

 „‘Zeitenwende‘ hat Kanzler Scholz gesagt und damit Militärausgaben gemeint“, lästert der Talkmaster. „Wäre eine Zeitenwende nicht auch wichtig, was Föderalismus angeht? Verwaltungsvorgänge? Öffnungszeiten?“

„Darüber können wir uns gern unterhalten, aber das wird die Frage nach dem Jetzt nicht beantworten“, kontert Jüngling. „Das wird die Antwort nicht sein, dass wir das nächste Woche geregelt haben.“ Rumms!

Froheste Botschaft

„Es wird höchste Zeit, klar auf den Tisch zu legen: Was kriegen denn jetzt die Kommunen?“, mischt sich Herrmann ein.

Seine Antwort: „Die bayerischen Kommunen stehen deshalb anders da, weil es die Pauschalzusage des Freistaats Bayern gibt, dass wir ihnen alles, was sie im Moment für Unterbringung, Verpflegung usw. der Flüchtlinge leisen, hundertprozentig erstatten.“ Luja!

Und noch mal Zoff

Dann geht Herrmann zum Angriff über: „So schnell wie der Bundeskanzler erklärt hat, wieviel notwendigerweise die Bundeswehr braucht“, ruft er gestikulierend in die Runde, „wäre es höchste Zeit, endlich auch mal zu sagen, wieviel Geld die Kommunen für diese großartige Kraftanstrengung bekommen!“

Die Bundesbeauftragte faltet beschwörend die Hände und feuert ein Fragen-Stakkato ab: „Mich würde interessieren: Wer übernimmt welche Aufgabe? Wo setzen wir als erstes an? Was ist Notversorgung?“ Ui!

Genaueste Arbeitsplatzbeschreibung

„Nun bin ich auch nicht die Sprecherin von Olaf Scholz oder der Bundesregierung“, fügt sie noch hinzu.

„Nee“, bestätigt der Talkmaster trocken. „Aber Sie wollen hier was diskutieren und Fragen stellen. Das ist eigentlich mein Job, und den hole ich mir jetzt zurück. Wir können ja nachher noch mal drüber diskutieren.“

„Sie sind der Chef der Sendung“, grient die Bundesbeauftragte. „Deshalb machen wir das so.“

Auf den Satz warte ich seit zwanzig Jahren“, ulkt Plasberg.

Heikelste Frage

Zum Schluss macht der Talkmaster noch ein besonders gefährliches Fass auf: Es geht um unterschiedliche Sympathien für Flüchtlinge der Jahre 2015/2016 und 2022, Thema „anderer Kulturkreis“.

„Ja, es sind weniger junge Männer, es sind Frauen mit Kindern“, meint er. „Ist es nicht eine sehr menschliche Reaktion, dass das in dieser Gesellschaft tatsächlich etwas leichter geht? Muss man da gleich von Rassismus reden?“

„Wir kriegen diese Anfragen ständig von Syrern und Afghanen“, antwortet Schayani. „Heute hat mich einer gefragt: Haben wir unterschiedliches Blut? Ich glaube, die Antwort ist: Das eine sind Europäer, und das andere sind keine Europäer. Das ist jedenfalls im Moment meine einzige Erklärung dafür, dass wir diese Menschen unterschiedlich behandeln.“

Fazit

Kniffliges Thema, kitzlige Fragen, kritische Antworten und dabei sogar noch ein echt heißes Eisen angefasst: Das war ein Talk der Kategorie „Räumkommando“.

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