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„Hart aber Fair“: Familienministerin Giffey fordert zügige Rückkehr zur Normalität ohne Abstandsregel

„Hart aber Fair: Kinder und Eltern zuletzt: Scheitern Schulen an Corona?“ ARD, Montag, 25.Mai 2020, 21.30 Uhr.

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) hat in der ARD-Talkshow „Hart aber Fair“ am Montag eine möglichst baldige Rückkehr zum Leben vor der Corona-Pandemie gefordert.

Wörtlich sagte die Politikerin: „Wir werden nur dann zu hundert Prozent Regelbetrieb zurückkehren können, wenn wir die Entscheidung treffen, dass die 1,5-Meter-Abstandsgrenze nicht mehr unsere Marschroute ist!“

Denn: „Wenn Sie 1,5 Meter Abstand aufrecht erhalten, können Sie nicht alle Kinder so betreuen, wie es der gewohnte Rahmen ist. Deswegen werden wir an einen Punkt kommen, wo genau diese Entscheidung getroffen werden muss!“

Ihr Anliegen: „Und da finde ich es gut, wenn regionale Lösungen gefunden werden, die es ermöglichen, so viel Normalität, wie verantwortbar ist, zurückkehren zu lassen. Ziel muss Normalität sein, und zwar möglichst zügig!“

Homeoffice geht ja noch, aber Homeschooling nervt und schulfrei ist Mist. So hätten wir früher nie gedacht! In „Hart aber Fair“ diskutierte Talkmaster Frank Plasberg mit kompetenten Gästen:

Die Familienministerin gibt sich fürs Heimschulen mit ihren Sohn die Note „Gut“. Respekt!

Die baden-württembergische Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) wirbt um Geduld und kritisiert den „unverschämtem Ton“ mancher Kritiker.

Udo Beckmann, Chef des Verbands Erziehung und Bildung (VBE), brachte eine Verkürzung der Sommerferien ins Gespräch, das gab Stress!

Die Schauspielerin und Moderatorin Collien Ulmen-Fernandes kümmert sich im ZDF und in der „SZ“ um Erziehungsthemen.

Stephan Wassmuth, Vorsitzende des Bundeselternrats, arbeitet als Diplom-Verwaltungswirt für eine Verwaltungsfachhochschule in Kassel.

Verena Pausder, Expertin für digitale Bildung, hat persönliche Erfahrungen aus der Erziehung ihrer drei Kinder.

Politik, Schule, Digitalkultur: Diesmal stand Sacharbeit auf dem Talkstundenplan. Doch Plasberg hielt gleich das Streichholz an die Zündschnur: „Herr Beckmann, Sie haben gesagt, die Lehrer arbeiten am Limit“, ätzte er. „Gilt das eigentlich auch für die, die am Freitag ganz cool einen Brückentag genommen haben?“

„Ja selbstverständlich!“ trotzte der Bildungsfunktionär. „Wir wissen, dass Lehrkräfte zum Teil über die Osterfeiertage hinweg bis ans Limit gearbeitet haben! Versucht haben, Materialien zu erstellen, um den Schülerinnen und Schülern gerecht zu werden!“

Und das oft unter erschwerten Umständen: „Wir haben Schulen, die sind praktisch noch auf Brieftauben angewiesen!“

Ehrlichster Lagebericht

„Oft ist es die Mutter, die alles am Backen hat“, stellte Elternvertreter Wassmuth besorgt fest. „Da müssen wir dringend Abhilfe schaffen!“

Die Schauspielerin hat eine Tochter (8) und einen Stiefsohn (15). „Das Homeschooling hat gar nicht gut geklappt!“ gab sie zu, weil: „Man kann nicht mal eben nebenbei Lehrkraft spielen! Ich wurde noch nie so viel von meiner Tochter angeschrien wie in diesen Zeiten!“

Vorsichtigste Empfehlung

„Ich finde, dass wir hier wirklich von Woche zu Woche anhand der aktuellen Lage vor Ort die Entscheidung treffen müssen“, riet die Bundesministerin. Ihr Sohn geht in die fünfte Klasse, im Rhythmus eine Woche Schule/eine Woche zu Hause.

„Jetzt sind wir in einer Situation, wo Kinderschutz gegen Gesundheitsschutz abgewogen werden muss“, erklärte sie. Es sei aber die Aufgabe der Länder, das nach dem Infektionsgeschehen zu bewerten.

Schlimmstes Beispiel

Ein ARD-Eispieler ließ eine Mutter von zwei Kindern aus Baden-Württemberg mächtig über die Lehrer wettern. „Einmal am Tag 20 bis 30 Minuten Online-Unterricht“, klagte sie. „Leider werden diese Termine sehr fahrlässig und kurzfristig abgesagt!“

So habe eine Englischlehrerin sich einfach „nicht wohl gefühlt“ für diese 20 Minuten, und „eine andere hat den Kontrolltermin für ihre Kinder beim Zahnarzt genau auf diese Zeit gelegt!“

Flauestes Statement

Auf telefonische Nachfrage der Mutter habe die Pädagogin dann frech angekündigt, dass sie sich „beim nächsten Mal ohne Kommentar einfach krankmelden lässt“. Rumms!

„Ich finde das nicht in Ordnung!“, urteilte Eisenmann als die zuständige Kultusministerin merkwürdig milde. Zwar seien manche Einzelfälle „kritikwürdig“, aber: „Ich glaube, dass es insgesamt sehr viele engagierte Lehrerinnen und Lehrer gibt.“ Uff!

Engagierteste Interessenvertretung

Und das sagt die Ministerin dann auch noch: „Wenn Sie im Beamtentum jemanden haben, der sich schwer tut mit dem Beruf, ist es sicher auch nicht so ganz einfach, eine andere Verwendung zu finden…“

Beckmann wiederum will lieber darüber reden, dass manche Lehrer „kaum eine Möglichkeit des Aufstiegs“ hätten. Für die müssten deshalb neue Anreize her. Herzlichen Glückwunsch!

Geschicktestes Ablenkungsmanöver

Plasberg bohrte geduldig weiter, doch die Familienministerin ließ ihn gegen die Wand laufen: „Ich finde, wie kommen hier nicht weiter, wenn wir über den Brückentag diskutieren“, blockte sie ab. „Das ist auch für viele Familien eine Gelegenheit gewesen, mal ins Grüne zu fahren!“

Vor allem gebe es „wichtigere und bedeutungsvollere Fragen“, meinte Giffey, z.B „die Familien in Einkommensfragen zu unterstützen!“

Und wie bestellt rasselt sie die finanziellen Wohltaten der Bundesregierung runter: „Notfallkinderzuschlag, Elterngeld, Kurzarbeitzahlung, Lohnfortzahlung, Konjunkturprogramm…“ Puh!

Ausgiebigstes Eigenlob

„Das ist richtig harte Arbeit!“ sagte Giffey dazu. „Was meinen Sie, was in den Ministerien gelaufen ist, um das alles hinzukriegen!“

Und noch’n Gedicht: „Da gab’s kein Wochenende, da gab es Nachtschichten“, rühmte die Ministerin. „Dass diese ganzen Hilfsmaßnahmen in dieser Größenordnung in dieser kurzen Zeit mit x Gesetzen beschlossen worden sind, das ist doch nicht vom Himmel gefallen!“

Misslungenster Stoppversuch

„Da sind Menschen, die arbeiten in den Familienkassen, in den Elterngeldstellen…“ zählte Giffey weiter auf.

„Und die haben ganz toll gearbeitet!“, versuchte Plasberg den Redeschwall abzukürzen, doch die Ministerin war jetzt nicht mehr zu bremsen: „Ich sag da einfach mal Danke an diejenigen, die das alles möglich gemacht haben, dass unser Land auch in der Krise weiter funktioniert!“

Plasberg wollte sich trotzdem „weiter unbeliebt machen“ und provozierte mit einen besonders tückischen ARD-Einspieler: Viele Lehrer seien Risikogruppe und dürften selbst entscheiden, ob sie zum Unterricht in die Schule kommen oder nicht, hieß es darin. Ärzte dagegen arbeiten weiter, auch wenn sie über 60 sind.

Da war aber der Bock fett! „Unverständlich, dass man so einen Vergleich herzieht!“ schimpfte Beckmann gallig. „Lehrer sind nicht für Infektionen ausgebildet! Unverschämt!“

Härteste Kritik

„Ohne Druck machen wir nix in diesem Land!“ wetterte  Expertin Pausder über die lahme Digitalisierung. „Das macht mich wütend!“

„Das merke ich!“ freute sich Plasberg.

„Wir müssen das jetzt als Chance begreifen, den Turbo zu zünden!“, forderte Pausder.

„Die meisten Lehrer, die ich kenne, haben nicht mal eine Emailadresse!“ spottete die Schauspielerin.

„Ich kann das kaum glauben!“ ächzte Plasberg.

Letzter Streich

Zum Schluss wollte der Talkmaster die Stimmung noch mal hochziehen und blendete ein Zitat des brandenburgischen Wirtschaftsministers Jörg Steinbach (SPD) ein, der über Homeschooling sagt: „Ich würde mich freuen, wenn zum Teil die Eltern auch mal wieder ihre Kinder richtig kennengelernt haben!“

Oha! „Ich kann mir vorstellen, dass solche allgemeinen Aussagen Eltern auf die Zinne bringen!“ tadelte Giffey den kontraproduktiven Genossen. Das ging nun wirklich zu weit…

Fazit: Die Kanzlerin will bei 1,5 Metern bleiben, Thüringens Ministerpräsident prescht vor und rudert zurück, jetzt spielte Giffey mit dem Maßband. Spannend! Tüchtiger Meinungstausch mit deutlicher Freude am Konflikt und unverhohlenem Einsatz für die Eigeninteressen. Das war eine Lehrtalkshow der Kategorie „Zwei plus“.

 

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