Geschichte

Hamburgs Untergang 1945: „Unrecht brachte uns den Tod“

Vor 75 Jahren endete der Zweite Weltkrieg. Die Hansestadt litt besonders schwer.

„Häuserkomplexe werden durch Phosphorbomben, die alles Löschen so gut wie unmöglich machen, in Brand gesetzt. Sprengbomben werden in die Feuersbrunst geschleudert. Die Luftschutzkeller werden unrettbar verschüttet. Kommt man aber noch lebendig aus dem gemauerten Massengrab heraus, dann findet man draußen die Luft gefüllt mit Asche und Qualm; ein Funkenregen sucht die Kleider in Brand zu setzen. Ein orkanartiger Wirbelwind, durch Bomben und Flammen hervorgerufen, ergreift die Menschen, die über den brennenden Asphalt zu fliehen suchen…“

So schildert ein Mann die Zerstörung einer Stadt, die er einst selbst zu einer der schönsten Europas ausbauen half: Fritz Schumacher (1869-1947), Schöpfer ganzer neuer Viertel mit modernster Architektur. In der Bombenhölle des „Unternehmens Gomorrha“ geht sein Lebenswerk unter – mit Tausenden anderer Gebäude: auf 25 Quadratkilometern sinken ganze Straßenzüge in Schutt und Asche.

Zielpunkt der alliierten Piloten ist das goldene Kreuz auf der Nicolaikirche. Ihre Erbauer wetteiferten einst mit dem Kölner Dom, der Turm ist mit 147 Metern der dritthöchste Deutschlands – jetzt winkt er den Tod herein. Das Kirchenschiff geht am 28.Juli 1943 in Flammen auf. Am nächsten Morgen hängt eine sieben Kilometer hohe Rauchwolke über der waidwunden Stadt, aber der Turm steht noch immer…

Er steht bis heute – als Mahnmal. Im Durchgang betrachten Besucher bewegt Oskar Kokoschkas Mosaik „Ecce homines“. Für das stündliche Spiel aus 51 Glocken spendete mit vielen Hamburgern auch Max Schmeling. Darunter, in der Krypta, studieren britische Touristen in einer Dauerausstellung betroffen die Fotos von Bombensturm, Kapitulation und Nachkriegsnöten. Und schon bald sollte ein gläserner Aufzug den Hamburgern auch einen Blick aus Gottes Augen schenken: über das neue Hamburg, das auf den Ruinen des alten entstand.

Nach Norden reicht der Blick bis nach Ohlsdorf. Dorthin werden seit 1943 die Opfer des Bombenkrieges gebracht. Jeden Tag rollen Lastwagen zum Massengrab. Die Leichen sind mit weißem Chlorkalk bedeckt. Ostarbeiter und KZ-Häftlinge haben sie aus den Ruinen geborgen. Die Männer werden die grausige Arbeit noch viele Monate tun. Der besonders schwer getroffene Stadtteil Hammerbrook ist Sperrgebiet: Eine hohe Mauer trennt die Todeszone vom Rest der Stadt. Es besteht Seuchengefahr, und viele Hamburger hätten den Anblick Tausender verkohlter Opfer kaum ertragen.

Auf dem riesigen, kreuzförmigen Friedhofshügel zwischen Kirschen- und Eichenallee melden heute Inschriften auf mächtigen Holzbalken, dass hier ganze Stadtteile begraben liegen: Hammerbrook, Billstedt, Rothenburgsort. In der Mitte errichtete Gerhard Marcks, Lehrer der Hamburger Landeskunstschule, 1952 einen kargen Kalksteintempel. Auf einem Relief im Inneren bringt der altgriechische Fährmann Charon die Opfer des Krieges über den Fluss des Vergessens in die Unterwelt.

„Ich habe auf das vorchristliche Zeitalter zurückgegriffen, weil hier eine christliche Todesauffassung nicht am Platze war“, erklärte der Künstler. „Weder ist in dieser Art Tod etwas Versöhnliches zu sehen, noch starben die Bombenopfer als Märtyrer für eine Idee, sondern alle, Männer, Frauen und Kinder, wurden in den Wahnsinn der Vernichtung hineingerissen ohne Antwort auf die Frage: warum?, die auf so vielen Grabkreuzen sich wiederholt. Aus diesem Grunde habe ich auch dem Charon grausame Züge gegeben; er ist eine Personifikation der Gleichgültigkeit und des organisierten Massenmords.“

Am Rand des grausigen Hügels erinnern kleine Täfelchen an einige der 36.918 dort bestatteten Toten – letzte leise Funksprüche verzweifelter Herzen aus der Hölle der großen Katastrophe: „Je höher die Flamme des Glückes brennt, desto schneller verzehrt sie.“ – „Unvergesslich lebt ihr in meinem Herzen weiter. Euer Pappi.“ – „Dem Auge fern, dem Herzen ewig nah.“ Zuweilen steht dort nur ein Name: „Mutter. Christine Unverzagt.“ Und manchmal nur ein einziges, letztes Abschiedswort: „Guschi“.

Auch anderer Opfer des Zweiten Weltkriegs wird in Ohlsdorf gedacht. An der Krieger-Ehrenallee liegen deutsche, an der

Lärchenallee britische Soldaten, am Eingang Bramfeld Kriegsgefangene und Fremdarbeiter aus 18 Nationen, neben ihnen  ehemalige Verfolgte des Nationalsozialismus auf einem Ehrenfriedhof. 52 Opfer der Gewaltherrschaft erhielten am Haupteingang Ehrengräber in einem Ehrenhain. Auf dem Jüdischen Friedhof ruhen auch die Gebeine der Toten aus den von den Nazis zerstörten Friedhöfen in Ottensen und am Grindel. Das große Mahnmal für die Opfer des Faschismus aber steht vor dem einst von Fritz Schumacher erbautem Krematorium: eine Betonstele mit Urnen voller Erde aus 25 Konzentrationslagern und einer Inschrift: „Unrecht brachte uns den Tod. Lebende erkennt eure Pflicht.“

Morgen: Die Kapitulation.

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