Geschichte

Hamburg, die Bunkerstadt

75 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg prägen Luftschutzbauten aus Beton noch immer das Bild vieler Straßen und Plätze der Stadt. Ihre dicken Mauern umschließen Wohnungen und Büros, Restaurants und Ateliers, Geschäfte, Lager oder Garagen.

„Leichen von Menschen, die versucht hatten, noch aus dem Flammenmeer zu entkommen, bedeckten zu Hunderten die Straßen. Sie hockten auf Resten von Treppenstufen, sie saßen an verkohlte Bäume gelehnt, sie lagen mit hilfeheischend ausgestreckten Armen auf dem Pflaster. Viele von ihnen hatte die Glut in phantastische, irrsinnige Stellungen gezwungen. Aufgerissene Münder, hervorgequollene Augen … Dort – eine Mutter, an jeder Hand ein Kind. Und dort – der Soldat mit den verkohlten Stümpfen der Beine. Dort die Frau mit dem zerrissenen Leib, auf dem in blauen Trauben die Fliegen saßen…“

So schildert der Lagebericht der Polizei das furchtbare Szenario des fünfstündigen Feuersturms am Mittwoch, 28. Juli 1943 – dem schrecklichsten Tag in Hamburgs Geschichte: Mit dem „Unternehmen Gomorrha“ sollen jene biblischen Schreckenstage wiederkehren, an denen Gott Schwefel und Feuer auf Sodom und seine ebenso sündige Schwester regnen ließ.

„Ich hatte schon immer den Wunsch gehabt, Hamburg einmal wirklich direkt aufs Korn nehmen zu können“, sagt der britische Luftmarschall Sir Arthur Harris, genannt „Bomber-Harris“. „Es war die zweitgrößte Stadt Deutschlands, und ich wollte dort einmal etwas wirklich Ungeheures veranstalten.“

Wie die Hamburger sich gegen dieses „Ungeheure“, gegen die verheerenden Luftangriffe zu schützen suchten, ist noch heute überall zu sehen: Siebzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, prägen Bunker noch immer das Bild vieler Straßen und Plätze der Stadt. Ihre dicken Mauern umschließen Wohnungen und Büros, Restaurants und Ateliers, Geschäfte, Lager oder Garagen: Ummantelt, umbaut, bemalt, mit Werbung dekoriert und doch unübersehbar, sind und bleiben diese stummen Denkmäler des Todes und der Zerstörung Zeugen der dunkelsten Stunden unserer Geschichte.

Wer in einen Bunker steigt, reist in eine andere Zeit: eine Zeit von Terror, Größenwahn und verlogener Propaganda. Gleich nach der Machtübernahme lässt Hitler den Krieg vorbereiten. Eine umfangreiche Luftschutzorganisation soll die Ängste der Bevölkerung zerstreuen. Das englische Wort „Bunker“ wird vermieden, die Nazis reden lieber von „Luftschutzhäusern“ oder „Luftwehrtürmen“.

Schon 1934 wird Hamburg mit 93 anderen Städten als „Luftschutzort I. Ordnung“ eingestuft, besonders gefährdet durch Hafen, Industrie und die Nähe zur Nordsee. Bis Kriegsende bauen die Nazis hier 1051 öffentliche Luftschutzbunker, darunter elf Luftschutztürme, 76 Hoch-, 415 Röhren- und 356 Rundbunker mit 166.000 Plätzen. Als die Bomben fallen, drängen 400.000 Menschen hinein.

Die eindrucksvollsten Schutzbauten sind die Hochbunker, eckige Burgen aus Beton mit kalten, grauen Fassen, Silos der Sicherheit. Sie entstehen nach einem Erlass Hitlers vom Oktober 1940 an den Verkehrsknotenpunkten – nach Plänen des Architekten Konstanty Gutschow (1902-1978): Der Schüler des großen Stadtplaners Fritz Schumacher übernimmt ab 1939 alle Kompetenzen des öffentlichen Bauwesens in Hamburg, zeichnet z.B. für Altona ein gigantisches Gau-Hochhaus der NSDAP sowie eine gewaltige Autobahn-Hochbrücke und wird deshalb als „Architekt des Elbufers“ gerühmt.

1939 bis 1941 bauen die Nazis zahlreiche Rundtürme. Sie sollen, so Kunstprofessor Hermann Hipp von der Uni Hamburg, „mit ihren altdeutschen Backsteinmauern und Kegeldächern Sicherheit suggerieren“, den Eindruck „sichere Heimat“ erwecken, etwa auf der Moorweide, an der Sternschanze, am Baumwall oder im Hafen. Konstrukteur ist der Dortmunder Ingenieur Paul Zombeck, Vorbild sind die trutzigen Türme der westpreußischen Marienburg.

Hamburgs größte Luftschutzbauten sind die Tiefbunker wie der unter den Spielbudenplatz in St. Pauli: Gebaut für 5000 Menschen, nimmt er bei den schwersten Angriffen sogar 20.000 Menschen auf. Nach dem Krieg soll er Großgarage für 430 Autos werden – und wird es auch.

Die Bunker erfüllen ihren Zweck, sie retten Hunderttausende Hamburger – auch nach dem Krieg, als Ausgebombte dort Schutz vor Regen und Kälte finden. Und sie sichern später manche berufliche Existenz: Im Hochbunker am Weidenstieg in Eimsbüttel erst eine Spedition, dann einen Getränkemarkt, später Möbel- und Aktenlagerung. Zwischendurch und später wurden dort auch Campingzubehör, Wasserpumpen oder Schleifmittel für Schuster verkauft.

Morgen: Hamburgs Tor zur Hölle

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