Geschichte

Hamburg 1945: Mit dem Riesen gegen den fliegenden Tod

Die Gefechtstürme auf dem Heiligengeistfeld in St.Pauli und an der Neuhöfer Straße in Wilhelmsburg sind die größten und bedeutsamsten Mahnmale aus den dunkelsten Stunden unserer Geschichte: Ihre ungeheuren Dimensionen lassen noch 75 Jahre nach Kriegsende den Geist und Ungeist spüren, der sie schuf.

Deutschland 1942: Der Luftkrieg hat begonnen, die Menschen in leben in Angst. Die Nazis wollen sie beruhigen, vor allem in Berlin, Wien und Hamburg: Die drei Millionenstädte sollen je drei trutzige Flakturmpaare aus einem Gefechts- und einem Leitturm erhalten. Zwei werden in Hamburg auch wirklich gebaut. Architekt ist Friedrich Tamms (1904-1980) aus dem engeren Kreis um Rüstungsminister Albert Speer. Nach dem Krieg wird er das Stadtplanungsamt Düsseldorf leiten.

Wie die alte Kastelle des Mittelalters sollen Hitlers Beton-Burgen Sicherheit suggerieren. „Es waren in gewisser Weise Propagandabauten im Stil der ‚Wunderwaffe’“, schreiben Helga Schmal und Tobias Selke in ihrem Standardwerk „Bunker – Luftschutz und Luftschutzbau in Hamburg“. Auf der Baustelle schuften Tausende Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter der „Organisation Todt“.

Der Gefechtsturm an der Feldstraße wird 70 Meter breit und 47 Meter hoch. Auf ihm kämpfen im Juli des Katastrophenjahres 1943 Soldaten der Luftabwehr verzweifelt um das Überleben der schwer verwundeten Stadt. In einem Inferno aus beißendem Rauch, grellen Lichtblitzen und ohrenbetäubendem Explosionsdonner feuert die Flak aus allen Rohren auf den fliegenden Tod…

Es sind die Tage der „Operation Gomorrha“. Sie entfacht in Hamburg eine Feuerhölle bislang ungekannter Dimensionen: Tausende alliierter Flugzeuge werfen Zehntausende Tonnen Bomben ab, zwanzig Quadratkilometer dichtbesiedeltes Stadtgebiet brennen, im Zentrum wüten Heißluftwirbel von 800 Grad. Hunderttausende rennen um ihr Leben. Faustgroße Funken treiben Verzweifelte in die Fleete. Der glühende Orkan schleudert meterdicke Baumstämme wie Pfeile durch das Chaos. Aus eingestürzten Kirchtürmen fließt das Metall geschmolzener Kirchenglocken in den siedenden Asphalt.

In den Einbettungen der Dachplatte hoch über der Feldstraße stehen vier schwere Zwillingsflaks, Kaliber 12,8 Zentimeter. Sie schießen 60 Kilo schwere Granaten ab, pro Stunde bis zu 2900 Stück. Die Geschosse fliegen 21 Kilometer weit und bis zu 15 Kilometer hoch. Der Leitturm wird, um die empfindlichen Messgeräte vor dem Rauch und den Vibrationen der Flak zu schützen, 300 Meter entfernt an die Budapester Straße gebaut.

Der Gefechtsturm zählt zu den weltgrößten Bunkern aller Zeiten: 100.000 Kubikmeter Beton auf einem 90 mal 90 Meter großen, bis 2,50 Meter dicken Fundament, das als „Zerschellplatte“ gegen das Unterschießen schützen soll. Die Wände 3,5 Meter, die Decke sogar fünf Meter dick. Eigene Strom- und Wasserversorgung, Klima- und Kühlanlagen, eigenes Krankenhaus, Munitions-Paternoster und Luftschutzräume für 18.000 Menschen.

Der etwas kleiner Leitturm trägt auf seiner Messplattform ein fahrbares Radargerät vom Typ “Würzburg Riese” mit 7,5 Meter breiter Parabolantenne.

Nach dem Endsieg wollen die Nazis die kruden Klötze mit pompösen Fassaden verschönern, doch dazu kommt es nicht mehr. 1946 brechen Handwerker Fensteröffnungen in den Gefechtsturm, 48 Mieter ziehen ein, dazu das Theater „Scala“ und das Restaurant „Elephant“. 1992 wird der Klotz für 1,7 Mio.DM verkauft und zum „Medienbunker“ umgebaut.

Vom Dach des Leitturms sendet der NWDR 1950 sein erstes Fernsehtestbild. 1963 richtet die Bundespost dort eine Richtfunkstrecke ein, doch 1974 reißt sie den Hochbunker ab und errichtet auf den Fundamenten ein neues Fernmeldeamt.

Den Wilhelmsburger Leitturm sprengen und beseitigen britische Pioniere schon 1947. Im 42 Metern hohen Wilhelmsburger Gefechtsturm werden Decken, Wände und Treppen gesprengt, die Hülle aber steht bis heute an der Neuhöfer Straße, ein Berg aus Beton, von Büschen bewachsen, inmitten von Grünanlagen – und prägt noch immer die Silhouette seines Stadtquartiers wie ein Riese aus heidnischer Zeit. Er wird später als Sendemast für Mobilfunkantennen genutzt und dann 2010 bis 2013 zu einem „Energiebunker“ mit einem Biomasse-Blockheizkraftwerk, Wärmewasserspeicher, Solarthermie. und Photovoltaikanlage.

Der Schutt aus dem Innenraum wird entfernt, und auf dem Dach bietet seit März 2013 ein Café mit Aussichtsterrasse in 30 Metern Höhe einen Blick über Wilhelmsburg und den Hamburger Hafen.

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