Geschichte

Hamburg 1945: Der Bunker unter dem Bismarckdenkmal

Der schwarzrote Reichsadler hält einen Kranz aus Eichenlaub in den Krallen. „Die germanische Rasse ist jung, kräftig, voller Tugenden und Unternehmungsgeist. Den nordischen Völkern gehört die Zukunft!“ beteuern altdeutsche Lettern an der Wand. Unter einem Schwert steht: „Nicht durch Reden und Majoritätsbeschluß werden die großen Fragen entschieden, sondern durch Eisen und Blut.“

Die martialischen Sprüche stammen aus fataler Vergangenheit. Auch wenn das Hakenkreuz in dem Eichenkranz übertüncht wurde: Nirgends sonst in Hamburg scheint der Ungeist der Nazi-Zeit noch so lebendig wie in dem geheimnisvollen Bunker unter dem Bismarckdenkmal auf dem Hügel über der Elbe.

Der Eiserne Kanzler wacht seit 1906 im Alten Elbpark über die Stadt: Gestützt auf ein zehn Meter langes Schwert, blickt die Sandsteinstatue nach Osten, zum Meer, dem Feinde entgegen. Doch im Zweiten Weltkrieg schicken die Engländer keine Schiffe, sondern Bomber, und Hamburg muss in den Untergrund.

Göring prahlt, wenn auch nur ein einziges feindliches Flugzeug über Deutschland erscheine, wolle er Meier heißen. Doch bereits im August 1939 verfügt der Reichsmarschall „behelfsmäßige Luftschutzmaßnahmen in bestehenden Gebäuden.“ Er will damit der Bevölkerung suggerieren, so Helga Schmal und Tobias Selke in ihrem Buch „Bunker“, dass „Hamburg gegen jeden feindlichen Luftangriff gesichert sei und durch die Sicherheitsvorkehrungen des aktiven und passiven Luftschutzes ein normales, gewohntes Leben in Deutschlands größter Hafenstadt erhalten bliebe.“

Bis 1940 wird der 95 mal 37 Meter große Denkmalssockel zum Luftschutzraum ausgebaut. Er bietet 650 Menschen Schutz vor dem Höllengewitter der Brand- und Sprengbomben, die Stadt und Hafen zertrümmern. Spätestens als die Detonationen in Altona und St. Pauli den Bismarck-Bunker beben lassen und die Abschüsse der Flak auf dem Hochbunker am Heiligengeistfeld zu hören sind, wirken die Wandsprüche wie Hohn.

Heute verschließt eine schwere Eisentür auf der Rückseite den einzigen Zugang. „Bitte nichts anfassen!“ mahnen städtische Bedienstete bei Führungen, bevor sie den Schlüssel drehen, „alles, was nach Geländer aussieht, ist keins.“ Auf einer Holztreppe geht es in die Tiefe. In dem schwachen Licht, das durch einen Belüftungsschacht dringt, leuchten weiße Stalaktiten.

Die Reise führt nicht in die Urzeit, aber in eine Unterwelt, die beklommen macht. Die Luft riecht modrig, die Stimme hallt gespenstisch von den Mauern. Eine Steintreppe führt hinauf in die Trommel: so heißt der das Herz des Denkmals, ein runder Schacht direkt unter den Füßen der Riesenfigur.

Rund um die Zentralachse liegen wie Tortenstücke acht Luftschutzräume, jeder mit zwei Ebenen, die stark ramponierte Treppen verbinden. Die Menschen, die hier in Panik hineindrängen, finden eine karge Ausstattung: Holzbänke an den Wänden, Trinkwasser, Decken, Gasmasken, Toiletten. Kerzen verbreiten schummriges Licht. Sie verlöschen, wenn nicht mehr genügend Frischluft in den Bunker strömt. Luftschutzwarte passen auf, dass niemand erstickt. Rauchen ist natürlich streng verboten – auch das steht bis heute an den grauen Wänden.

Die Wandsprüche sollen nicht nur verängstigte Menschen ermutigen, sie dienen wohl auch zur Erbauung der Machthaber: „Möglicherweise haben sich hier unten die Nazi-Größen getroffen“, meint Rogge. Parteifeste in mystischer Abgeschiedenheit vom Lärm der Welt? Die Nazis liebten ihre Aufmärsche, aber sie zeigten auch etwas Geheimbündlerisches und dachten vielfach in den Kategorien der deutschen Romantik – vielleicht kamen sie sich im dem Rundraum unter dem Reichsgründer wie in einer Ordensburg vor.

Bismarck, der das Wort von „Eisen und Blut“ 1862 in seine erste Rede als Ministerpräsident vor den preußischen Abgeordneten packt, schmiedet das Deutsche Reich. Hitler, dessen Anhänger das Zitat als Durchhalteparole missbrauchen, zerstört dieses Reich, sein „Großdeutschland“ geht unter.

An der nächsten Wand noch einmal Bismarck: „Der Mensch kann den Strom der Zeit nicht schaffen und nicht lenken, er kann nur auf ihm fahren und steuern.“ Hier unten scheint der Zeitstrom stehengeblieben. Der Öffentlichkeit bleibt diese Gruft nationalsozialistischen Größenwahns wohl für immer verschlossen: für die Herrichtung des Bunkers als Denkmal unter dem Denkmal fehlt es lange an Interesse und Geld. Eigentümerin des Denkmals ist die Kulturbehörde. Durch die Betonlast der Luftschutz-Einbauten wurde die Statik gestört, die Mauern bekamen Risse und die Figur neigte sich, zurzeit um neun Zentimeter. Seit Anfang 2020 wird das Denkmal für 8,9 Millionen Euro restauriert, den Großteil der Kosten trägt der Bund. Im Gewölbe ist ein Museum zur Geschichte des Monuments geplant.

Morgen: „Ihr lieben Kinder bleibt unvergessen“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.